Jahrgang 2012 Nummer 48

Balthasar und der Schistiefel

Eine Nikolausgeschichte aus einem Waisenhaus

Nikolaus, der Gute – Illustration von Margaret Haffner für das 1923 erschienene Buch »Der Winter«, J. F. Schreiber, Esslingen.

Nicht immer muss Sankt Nikolaus persönlich im Haus erscheinen. Er kann sich auch, wie das verlässliche geschichtliche Quellen seit dem 16. Jahrhundert überliefern, des Nachts ins Haus schleichen und seine Gaben heimlich und geräuschlos den Kindern in bereitgestellte Körbe, Schuhe, Stiefel oder aufgehängte Strümpfe legen. Am nächsten Morgen ist die Überraschung groß: Was hat der heilige Nikolaus mir zugedacht? Hoffentlich nur Gutes und Brauchbares, nicht etwa Wertloses oder irgendeinen Schnickschnack.

Das Waisenhaus, in dem Balthasar gelandet war, nachdem seine Eltern bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen waren, lag außerhalb der Stadt am See. Ein prachtvolles, vollkommen renoviertes Gebäude mit weitläufigem Park, lichten Zimmern, die man zu viert bewohnte und weiten Sälen, die Marmorböden hatten und Stuckdecken. Einst gehörte das Haus einer begüterten Adelsfamilie. Sie hatte ihren Besitz in eine Stiftung übergeführt, kurz vor dem Ableben der Letzten des hochherzigen Geschlechts, Baroness Ritrabaur.

Das Heim stand unter der Leitung des netten Herrn Gropius. Hier lebte Balthasar mit zweiundzwanzig anderen Knaben, die meisten älter als er, der hier seinen zehnten Geburtstag feierte. Das war Ende November, ein Monat nach seinem Einzug. Es gab ein Fest zu Ehren des Neuankömmlings mit Musik und Tanz und Ratespielen und einem Riesengugelhupf, von dem alle ein schmales Stück abbekamen.

Balthasar war aufgefallen, dass einer der Jungen, ausgerechnet der, zu dem es ihn von Anfang an hingezogen hatte und dessen Nähe er deshalb oft suchte, der zarteste von allen, rothaarig und mit Sommersprossen um die spitze Nase, kaum teilnahm an den Belustigungen, die sich den halben Geburtstagsnachmittag hingezogen hatten. Joschi hieß er.

Joschi sprach, wenn er überhaupt den Mund aufmachte, um mit seinen Zimmergenossen Felix und Maximilian zu reden, mit leiser Stimme ein nicht ganz akzentfreies Deutsch. Bei der Geburtstagsfeier hatte er sich von Balthasar, eigentlich von allen, frühzeitig entfernt. Mit dem leeren Blick des Unbeteiligten war er am Ende des festlich gedeckten Tisches im Speisesaal gesessen. Er hatte lange an seinem Kuchenstück gekaut, bis er endlich ruckartig aufgestanden und weggegangen war. Felix und Maximilian waren ihm in einigem Abstand gefolgt.

»Ach der«, hatte Lutz, Balthasars Tischnachbar, die wenigen Jungen beruhigt, die sich um Joschi Sorgen machten. »Der igelt sich immer ein. Oder er steckt mit Felix und Maximilian zusammen.«

Keiner war Joschi nachgegangen, um ihn zurückzuholen. Keiner. Auch nicht Balthasar. In ihm war ein Gefühl des Bedauerns und der Verstörung, begleitet von leichter Eifersucht auf Joschis Freunde, aufgestiegen. Es hatte ihn aber bald wieder verlassen, als »Die Reise nach Jerusalem«, das wild ausartende Wettspiel, losging. Es hatte dabei ein großes Hallo gegeben. Herr Gropius war gerade hinzugetreten, als zwei Jungen sich den Kopf angeschlagen hatten und von ihm verarztet werden mussten.

Seltsam, dass Baroness Ritrabaur, die Stifterin, festgelegt hatte, wie gewisse Festtage in dem von ihr zum Waisenhaus umgewandelten Gebäude zu begehen wären. An Geburtstagen war außer dem Gugelhupf für alle »Die Reise nach Jerusalem« Pflicht. Am Rosenmontag sollte es Götterspeise mit Vanillesoße und Luftschlangen aus Eischnee geben. Das Osterfeuer musste jeder Junge selbst von der Osterkerze abnehmen und es so lange bei sich im Zimmer brennen lassen, bis es von allein verloschen war. An Sonnwend sprang man paarweise – jeder Junge mit einem Mädchen seiner Wahl aus der Schule am Ort – über das auf dem Hügel nahe dem Waisenhaus weithin sichtbare Johannisfeuer. Und am Nikolaustag? Joschi hatte Balthasar erklärt, wie im Heim Nikolaus zu feiern war.

»Du stellst am Vorabend einen deiner Schistiefel vor die Tür. In der Früh siehst du die Bescherung, die Nikolaus dir nachts bereitet hat.« Wer der »Nikolaus« ist, wisse niemand. In Verdacht stehe Herr Gropius. Aber gesehen habe ihn bisher keiner. Er käme ja mitten in der Nacht, wenn alles schläft. Letztes Mal – Joschi war das fünfte Jahr im Heim – habe er es gewagt, an der Tür seines mit Felix, Maximilian und Bernd geteilten Zimmers zu lauschen. Da habe es eisig durchs Schlüsselloch gepfiffen. Der Gropius habe das nicht gewesen sein können. Der besäße hierfür einen viel zu kurzen Atem. Außerdem einen unverkennbaren Mundgeruch – das wäre ihm, sagte Joschi, aufgefallen.

Joschi hätte gerne rausgekriegt, wer der »Nikolaus« war, weil er letztes Jahr nur Holzstückchen, Kieselsteine und verschrumpelte Kastanien in seinem Schischuh fand. Die anderen protzten sich mit Mandarinen, Walnüssen, Gummibärchen, Klebeband und Radierer, kleinen praktischen »Post-it«-Blöcken und Adressenaufklebern. Nur Joschi, Felix und Maximilian hatten wertloses Zeug in ihrem Nikolaus-Stiefel. Sie glaubten den Grund zu kennen.

»Sag schon: Warum?«, fragte Balthasar. Joschi überlegte nicht lange und sagte: »Weil wir die blöden Spiele im Schwimmbad nicht mitgemacht haben. Da bohrten Peter, Abram und Lutz Löcher in die Umkleidekabinen, um den Mädchen beim Umziehen zuschauen zu können. Lutz sagte, sie hätten auch noch was anderes versucht, aber das hat wohl nicht geklappt. Diesen Sommer haben sie wieder diesen Blödsinn gemacht, und wir haben auch dieses Mal nicht mitgemacht. Bernd schon, der auch in unserem Zimmer wohnt.«

»Also kriegt ihr diesmal wieder Holz und Steine und Kastanien in den Schuh …«, folgerte Balthasar. »Aber von wem? Von Gropius? Der weiß doch nichts von der Brettbohrerei.«

Auch Balthasar hatte davon zum ersten Mal gehört. Er war im Sommer ja noch nicht im Heim. Doch hatte er sich mit Joschi angefreundet, spielte oft mit ihm »Halma« und »Mau-Mau«, ging mit ihm zur Schule und nachmittags in die Stadt, und seit einer Woche schreiben sie gemeinsam an einem Theaterstück. Balthasar musste damit rechnen, vom »Nikolaus« ebenso dürftig beschenkt zu werden wie Joschi und zwei seiner Zimmergenossen. Was Balthasar nichts ausmachte. Dennoch wurmte es ihn, wie schäbig die drei Kameraden vom »Nikolaus« behandelt wurden. »Lass mich nur machen!«, sagte er zu Joschi. »Ich hab da eine Idee.«

Die Nacht vor dem Nikolaustag schlief Balthasar unruhig. Gegen 4 Uhr, es war noch stockdunkel, wurde er von einem Geräusch auf dem Gang wach: der »Nikolaus«! Er schlich sich aus dem Bett, hatte Glück, seine Mitbewohner nicht geweckt zu haben, lauschte an der Tür. Ein eisiger Lufthauch fuhr durchs Schlüsselloch. Dem folgte ein Kichern. Wie sich das anhörte, war da nicht nur ein »Nikolaus«, da waren mehrere als Nikolaus verkleidete Gestalten am Werk. Jetzt fiel ein Stein zu Boden, so etwas wie eine Kastanie rollte gegen die Holztür des Nachbarzimmers, wo Joschi mit Felix, Maximilian und Bernd wohnte. Vorsichtig drückte Balthasar, als für ihn die Luft rein war, die Klinke seiner Zimmertür runter und spähte in den nun von schwachem Mondlicht erhellten Gang. Niemand war zu sehen. Hatte der »Nikolaus« seine Arbeit schon getan?

In seinem Schistiefel fand Balthasar, wie erwartet, Holzstücke, Kastanien, Kieselsteine. Nichts anderes füllte die Stiefel von Joschi, Felix und Maximilian von nebenan. Nur aus Bernds Schistiefel lugten eine Banane und ein Päckchen Filzstifte. Solche Sachen hatte Balthasar sich aber tags zuvor im Supermarkt besorgt: neun kleine Äpfel, drei winzige Notizblöcke, drei Schokostangen, sechs Lebkuchenherzen, drei Farbstifte. Die Sachen waren rasch in die zuvor eilig in eine Plastiktüte entleerten Schistiefel von Joschi, Felix und Maximilian gestopft worden. Nur er selbst ließ seinen Schistiefel mit den Sachen bestückt, die ihm der »Nikolaus« hineingelegt hatte.

Zum Frühstück erschienen alle mit ihrem Nikolaus-Schistiefel im Speisesaal. Als letzte betraten ihn Joschi, Felix und Maximilian sowie, in einigem Abstand, Balthasar. Die anderen, einschließlich Bernd, verstummten auf der Stelle und fixierten zuerst das Trio, dann auch Balthasar.

Das Erwartete trat nicht ein. Joschi und seine beiden Zimmergenossen holten genüsslich ihre süßen und nützlichen Gaben aus dem Schistiefel. Sie waren sichtlich überrascht. Aber nicht weniger wunderten sich alle anderen. Nicht lange, und Lutz hatte herausgefunden, wer der Verräter war. Balthasar setzte sich zu Tisch, breitete seine Stoffserviette aus, stellte seinen Schistiefel drauf und fing an, unter den neugierigen Blicken aller anderen, auch denen von Joschi, Felix und Maximilian, letztlich auch von Herrn Gropius, der ebenfalls mit einem Schistiefel zum Frühstück erschienen war, seine Holzstückchen, Steine und Kastanien auszubreiten.

»Also«, sagte er und sah dabei einem nach dem anderen, auch Herrn Gropius, unbeirrt in die Augen, »der Nikolaus ist doch ein Schelm, findet ihr nicht?« Dabei hatte er Lutz und seinen Kameraden einen extra feurigen Blick geschenkt. Herrn Gropius fiel nichts anderes ein als einen Toast auf die Stifterin des Waisenhauses, Baroness Ritrabaur, auszubringen, auf die Dame, die bestimmt hatte, dass hier der Nikolaus als Nachtgespenst herumzugeistern habe, das sich jeglichen Blickes der Bewohner entzieht.


Dr. Hans Gärtner

 

48/2012