Jahrgang 2004 Nummer 37

»Bald weht ein anderer Wind ...!«

Wünsche, Mahnungen und gute Lehren den Erstklässlern zum Schulanfang

Schultüten gibt’s und gute Wünsche, gut gemeinte Ermahnungen und noch bessere Lehren zum Schulanfang. Die Spitzbehälter für allerhand wichtigen und süßen Kram, der den Eintritt ins Lernalter ein wenig entsäuern soll, werden den Schulneulingen in die Hand gedrückt. Die Glückwünsche und Sprüche mit dem berühmt-berüchtigten pädagogischen Zeigefinger werden ihnen, seit neuestem, in die Tageszeitung gedruckt: Am ersten Schultag im September standen vor drei Jahren – wohl erstmals – Kleinanzeigen vom Ausmaß 9 mal 3 Zentimeter. Als gemeinsames Merkmal wiesen sie das Foto des Schulkindes auf, meistens ein lächelnd-optimistisches, kaum ein skeptisch dreinschauendes Porträt der »lieben« Daniela, Jacqueline, Patricia oder Melanie. Buben sind unterrepräsentiert. Von den Mädchen erhofft man sich offensichtlich mehr – wie seit jeher Wohlverhalten, Fleiß, Anpassung, Bemeisterung des »neuen Lebensabschnitts«.

Das geht weit über den Wunsch für »einen guten Start« hinaus, auch der Wunsch der Markus-Eltern und -Schwester Sabine für »eine schöne Schulzeit«. Daniel möge bedenken: »Der erste Schritt zum Chef ist der erste Schultag«, und so erhoffen sich »Opa Walter und Oma Maria« für den Enkel »viel Erfolg«. Dass Dani mal »Chef« wird: klar. Jedenfalls für die Großeltern des Knäbleins, das mit seiner verkehrt herum aufgesetzten Mütze und dem quergestreiften Pulli, vor allem aber mit dem verschmitzten Lächeln im Gesicht noch recht kindlich-kindisch wirkt.

Das Kindlich-Kindische treiben Zahras (!) Eltern und ein gewisser Brahim ihrer Schutzbefohlenen per Schulanfangs-Anzeige aus, wenn es darin heißt: »Bald weht ein anderer Wind als im Kindergarten«. Nun ja, das Rufzeichen fehlt wenigstens. Es ist nicht offensiv gemeint, sondern – nehmen wir’s zu Zahras Gunsten an – lieb. Und wünschen wir Zahra liebe Lehrerinnen und Lehrer. Übers erste Schuljahr hinaus. Denn der Wind, der in der Schule weht, wird ja von den Pädagogen geblasen. Wenn Oma ihrer Enkelin Miriam wünscht, die Schule möge ihr die Freude sein, die sie ihr einst war, dann muss man nicht erst das »Liebgemeinte« vermuten. Freude und Zuversicht – das sind schon schöne Begleiter auf dem langen, langen Schulweg. Auf dem wird’s so manche Enttäuschung geben. Und Misserfolge, schlechte Noten, ungerechte Behandlung – all dies gehört (seien wir doch ehrlich) zum Schülerdasein dazu wie der Apfel zum Pausebrot.

Manche Eltern oder Großeltern können’s einfach nicht lassen, sie müssen die Gelegenheit einer Zeitungsannonce für das Anbringen einer guten Lehre nützen: »Zum Schulanfang merke dir: ‘Ich lerne für mich und nicht für andere’!« Oh, sähen doch Frau Hutzeka, Herr Schuster und G. A. Zandanel ein, dass man auch für andere lernen kann. Noch lange wird Ramona nicht für sich, sondern für ihre (angehimmelte, zumindest »verehrte«) Lehrerin lernen. Oder für ein paar Euro, die Opa versprach, wenn zwei, drei Einser im Zeugnis stehen. Jawohl, es ist klar: Meistens gibt es erst ab dem 3. Schuljahr Noten. Die Schulanfänger werden ja noch geschont. Auch haben sie in den ersten paar Wochen noch nicht so lange Unterricht wie die Größeren. Und mit den Hausaufgaben ist die Erstklasslehrerin auch noch gnädig. Schritt für Schritt führt sie ihre Schützlinge auf die Lernbahn. Und hält sie nur ein klein wenig schräg, damit nicht gleich beim ersten Rutschversuch eine Bauchlandung passiert

Die heutigen Zeitungs-Anzeigen verraten insgesamt wenig Vertrauen der Inserenten in die aufnehmende Schule. Eine Ausnahme, und die ist famos: »Danke KIGA Regenbogen! Hallo Schule Prutting! Viel, viel Freude in der Schule wünschen dir, lieber Joshua, Mama, Papa und Jeremiah«. Ein wunderschöner Text. Zum Einrahmen. Nicht nur für Joshua. Auch die Eltern von Ludwig haben sich etwas Nettes einfallen lassen. Sie haben gedichtet: »A...E...I...O ule..., der Ludwig geht zur Schule. B...D...F...G asse ..., Maxi, Mama, Papa finden das ganz klasse«. Geradezu großen Respekt kann man haben vor Patricias Eltern und ihrem Sascha. Die schrieben: »Liebe Patricia! Dein bisheriges Leben war nur von Schwierigkeiten und Problemen begleitet. Deine Eltern und dein Bruder sind sich sicher, dass du auch diesen neuen Lebensabschnitt meistern wirst. Viel Glück!«

HG



37/2004