Jahrgang 2004 Nummer 13

»Aus mir spricht die Liebe zu Bayern«

Ein Porträt der Chieminger Schriftstellerin Isabella Nadolny

Das dunkle Holzhaus steht ein wenig außerhalb, eingefasst von einer Hecke und beschattet von einer hohen Linde, und wenn man darauf zugeht, erlebt man ein zartes »Déjà vu« – vorausgesetzt, man hat das Buch »Ein Baum wächst übers Dach« gelesen. Isabella Nadolny hat es vor rund 50 Jahren geschrieben, am selben Schreibtisch, von dem aus man noch immer den selben Blick auf den Chiemsee hat wie damals. An diesem Tisch arbeitete und schrieb auch ihr Mann Burkhard Nadolny; heute steht von ihm nur noch ein Foto in schwarz-weiß hinter der Schreibmaschine.

»Ein Baum wächst übers Dach« ist Isabella Nadolnys wohl berühmtestes und erfolgreichstes Buch. Sie selbst hat es »seit dreißig Jahren nicht mehr gelesen«, gesteht die Autorin, die im Mai dieses Jahres ihren 87. Geburtstag feiern wird. Warmherzig, charmant und mit einer groflen Portion Humor erzählt sie die Geschichte ihrer Familie, der Eltern, des Bruders Leo, dessen in jugendlichem Übermut angefertigten Skizzen die Grundlage des Hauses wurden, in dem Isabella Nadolny seit über 70 Jahren lebt und das ursprünglich nur »eine Hütte zum Aufbewahren der Badeanzüge« hätte werden sollen. Ihr Vater, der Maler Alexander Peltzer, war mit seiner »Malklasse« einmal im Chiemgau auf Exkursion gewesen, hatte sich unsterblich in die Landschaft verliebt und die Familie damit infiziert. Jahrelangen Sommeraufenthalten folgte 1932 das eigene Häuschen. Die spürbare Zuneigung zu ihrer Wahlheimat ist, davon ist die Schriftstellerin überzeugt, der Grund dafür, dass ihr neben dem Bundesverdienstkreuz vor zehn Jahren auch der Bayerische Verdienstorden verliehen wurde. »Ich weiß nicht, womit ich sonst diese Auszeichnung verdient hätte«, sagt die gebürtige Münchnerin. »Irgendwer da oben hat wohl erkannt, dass aus mir die Liebe zu Bayern spricht«. Dem Orden, der einen Löwen zeigt, hat sie einen Kosenamen gegeben: »Auf mein Löwerl«, sagt sie, »lass ich nichts kommen«.

Auf ihren bis heute erfolgreichen Erstling folgten das »Seehamer Tagebuch«, »Vergangen wie ein Rauch«, das zum Gaudium der Autorin sogar in die Finnische Sprache übersetzt wurde, »Allerlei Leute, auch zwei Königinnen«, »Der schönste Tag« und »Providence und zurück«. Irgendwann, erzählt die Chiemingerin, hat ihr Verleger sie gefragt, ob sie nicht einmal »ein melancholisches Buch« schreiben wolle. Das habe sie verneint. Einerseits, weil sie es vorzieht, ihre Leser aufzuheitern, andererseits, weil sie »zu viel Glück im Leben« hatte, um etwas Trauriges zu schreiben.

Sie verlagerte das Gewicht auf ihr zweites Standbein, die Übersetzung von englischer Literatur in die deutsche Sprache. 138 Romane, darunter die »Love Story« von Erich Segal, kamen in den vergangenen 50 Jahren zusammen, ein ganzes Bücherregal voll. Obwohl sie es in ihrer aktiven Zeit sehr genoss, zu wissen, »dass es nach dem Frühstück etwas zu tun gibt«, besiegelte sie ihre Berufstätigkeit endgültig mit dem letzten Roman 2003 – im Alter von 86 Jahren.

»In manchen Häfen am See wurde das Vieh abgeschafft, und die Stallungen, in denen früher die Schwalben über den Köpfen der friedlich mahlenden Kühe dahingeschossen waren, verwandelten sich in Garagen und Faltbootunterkünfte« – diese Entwicklung, den beginnenden Ausverkauf der Heimat, beobachete und bedauerte Isabella Nadolny in ihrem Roman schon kurz nach Krieg. Heute vermisst sie, da sie die meisten längst überlebt hat, die »urbayerischen Originale« von früher, und es versetzt ihr einen Stich, wenn sie Kindern beim Spiel zuhört. »Kimm, Schorschi, spui ma Räuber und Schande«, riefen sich die Buben früher zu. »Hände hoch, ich bin der Sheriff« sagen sie heute.

Die unaufhaltsame Verdrängung der würzigen Sprache und der geliebten Landschaft schmerzt, und manchmal schmerzt auch das Alleinsein, und dass es niemanden mehr gibt, den sie etwas fragen kann: Seit 36 Jahren ist Isabella Nadolny Witwe, auch den Bruder Leo verlor sie früh, der Sohn Sten, ebenfalls Schriftsteller und Verfasser des Kultbuches »Die Entdeckung der Langsamkeit«, lebt in Berlin. »Ich glaube, die haben mich vergessen da oben«, meint sie emporblickend, halb im Scherz, und fügt hinzu: »Die Zeit dehnt sich so komisch, wenn man alt ist«.

CK



13/2004