Jahrgang 2021 Nummer 29

Aus der Dunkelkammer der Vergangenheit

Brandkatastrophe in Traunstein – Spendenaufruf des Bürgermeisters

Gemälde Felix Rieperdinger, 1865.
Spendenaufruf des Überseer Ortsvorstehers Felix Rieperdinger.

Vor 170 Jahren brannte die Stadt Traunstein buchstäblich in einer Nacht ab. 700 obdachlose Einwohner standen Ende April 1851 auf der Straße.

Von diesem Elend zeigte sich auch der damalige Überseer Ortsvorsteher Felix Rieperdinger, Martinfleidlbauer, stark berührt. Er schreibt bereits vier Tage nach der Brandkatastrophe einen Spendenaufruf an sein Dorf:

»Es wird keinem der hiesigen Gemeindeglieder unbekannt seyn, das große Unglück, welches die Stadt Traunstein getroffen hat, weswegen die unterzeichnete Gemeindeverwaltung sich unaufgefordert veranlaßt findet, die hiesigen Gemeindeglieder, denen die Verarmung dieser unglücklichen Menschen am Herzen liegt, im Namen derselbe um wohltätige Beyträge zu bitten. Denn wo die Noth am Größten, da ist gewiß die Hilfe am Besten, übrigens wird noch bemerkt, seyen es Kleidungsstücke. Leinwand, Geld oder was immer, was die Gemeinde Übersee giebt, wird gewissenhaft eingeliefert werden. Um dieß bittet wiederhollt namens der Hilfsbedürftigen zu Traunstein.

Übersee, den 28ten April 1851

Die Gemeindeverwaltung Uebersee

Felix Rieperdinger

Vorsteher«

Was war in Traunstein geschehen? Bei diesem bisher letzten Stadtbrand in der Traunsteiner Stadtgeschichte kam es zu einem Großfeuer, das die gesamte Altstadt und auch die Unterstadt in Richtung Osten vernichtet hat. An die 100 Gebäude brannten ab, die Bewohner standen mittellos auf der Straße. Wie durch ein Wunder gab es keine Toten. Die heranrückenden Feuerwehren aus der Umgebung konnten nichts mehr ausrichten. Traunstein fiel in Schutt und Asche, obwohl es graupelte und regnete. Wie so oft gab es auch damals Gerüchte zur Brandursache. Ob es die Unachtsamkeit eines Bediensteten im Umgang mit Feuer im Stadl gewesen war, der hinter dem jetzigen Pfarrhaus am Maxplatz stand oder ob es ein Racheakt verärgerter Haslacher war, weil der Pfarrsitz von Haslach in die Stadt verlegt worden war. Der brennende Stadel war jedenfalls der Ausgangspunkt des riesigen Brandes. Eine Aufklärung gab es nicht, dafür aber Hilfe von Vielen und auch vom Bayerischen König Max II, der sogar die eingeäscherte Stadt besuchte.

Der damalige Überseer Ortsvorsteher Felix Rieperdinger war ein sehr belesener und schreibkundiger Mann, er hinterließ einige Schriftstücke aus seiner Amtszeit, darunter auch diesen Spendenaufruf, mit dem er das kleine Dorf Übersee am Schicksal Traunsteins Anteil nehmen ließ. Zehn Jahre lang, von 1841 bis 1851, hatte Rieperdinger das Amt des Ortsvorstehers inne.

 

Annemarie Kneissl-Metz, Ortsheimatpflegerin der Gemeinde Übersee

 

29/2021