Jahrgang 2002 Nummer 50

An seiner Liebe könnt ihr euch wärmen

Christkind- und Wintermotive auf schönen alten Fleißbildchen

Es ist gar nicht wahr, dass alle Moden aussterben. Vieles, was vor Jahrzehnten noch Sitte und Brauch war, hat sich bis heute, wenn auch oft in abgewandelter Form, erhalten. So auch die Vergabe von Fleißbildchen oder Fleißkärtchen, »Loben« oder Fleißbillets an »brave« Schülerinnen und Schüler.

»Wer »fleißig« lernte – und das hieß auch: aufmerksam war, eifrig mitarbeitete, ausdauernd und zäh beim Lernen war – wurde von der Lehrerin, dem Klassen- und Religionslehrer, nicht selten auch der Fachlehrkraft (Handarbeit, Instrumentalspiel) mit einem kleinen Zeichen der Ästimierung des Lerneifers belohnt. Die Bildchen wurden oft erst dann ausgegeben, wenn die Kinder eine gewisse Anzahl von »Gut«-Zettelchen oder -Stempeln beisammen hatten, die sie dann gegen ein richtiges schönes Fleißbilchen eintauschen konnten.

Für die Kinder der Volksschule vor und nach der vorletzten Jahrhundertwende bedeutete so ein Fleißbildchen eine kleine Auszeichnung »zwischendurch«. Sie hatten den sicht- und (daheim) stolz vorzeigbaren Nachweis, einem Zeugnisbeleg gleich, in Händen, dass sie ein »gutes« Schulkind sind. Und dass sie damit dem elterlichen Willen, sich anzustrengen, um es einmal später besser zu haben als ihre Vorfahren, gebührend nachkommen.

Viel ist geschimpft worden über solche »Bonbons« an die Kinder, die doch allmählich lernen sollten, von derart läppischen »Motivationen« zum Lernen unabhängig zu sein. »Nicht für die Schule – für das Leben lernen!« Noch relativ junge Kinder, namentlich in den ersten drei, vier Jahrgängen der Volksschule, die ab 1919 in Deutschland »Grundschule« hieß, lernen aber noch »für Brot«, will heißen: Sie sind noch auf kleine »Entgegenkommen« angewiesen, vor allem auch auf äußere Lernanstöße, auf Personen – der Mama zuliebe, wegen der Lehrerin oder dem netten Pfarrer – und gelegentliche, wenn auch noch so bescheidene Geschenke.

Solche Gaben an die Kinder, die den Anforderungen der Schule voll und gern entsprachen, sammelte so manches Mädchen und bewahrte sie als Erinnerungsschätze an die Kinderzeit auf. So sind heute immer wieder – im Antiquitäten- und Trödelhandel, auf Flohmärkten und Verkaufsmessen von Altwaren – kleinere Sammlungen von Fleißbildchen aufzustöbern und für nicht allzu viel Geld zu erwerben. Man staunt über die Fülle der kindlichen Motive solcher Fleißkärtchen ebenso wie über die oft zusätzlich angebrachten Sprüche: Ermahnungen und Anleitungen, Ermunterungen und Lebensweisheiten stehen da, als ob es nicht genügte, dass das Kind brav, anständig, fleißig und strebsam in der Schule war, nein: Es muss noch zusätzlich zu Frömmigkeit und gottgefälligem Leben angehalten werden!

Vor allem in vorwiegend katholischen Gebieten finden sich Fleißbildchen mit religiösem Charakter, in Süddeutschland, Österreich, aber auch in Belgien und Frankreich. München und Wien, Paris und Brüssel waren ja Verlagszentren von Andachtsgrafik, und das Fleißbildchen rückte nicht selten in die dichte Nähe zum Heiligen- und Gebetbucheinlegebild. Das sie beide verbindende Moment war – und ist teilweise noch heute – die Erinnerung: an schulisches Engagement einerseits und an eine Wallfahrt, von der man einen »Bildl«-Nachweis (oft berührt am Gnadenbild) mitbrachte, andererseits.

So sind Fleißbildchen mit Motiven des Christkinds und von Kindern in eisiger, verschneiter Landschaft doppelt wirksam: als Fleißzeugnis und als Frömmigkeitszeichen. Die Grenzen verwischen sich.

Aus der eigenen Sammlung wurden ein paar Beispiele schöner alter Christkind- und Wintermotive herausgesucht: Hummelbildchen (vier fortlaufend nummerierte aus einer langen Serie) mit gereimten Sprüchen, fein säuberlich (vorbildlich!) in deutscher Schrift geschrieben; ein Serienbildchen des (heute noch unter dem Lael arsEdition auch Fleißbilder produzierenden) Ars sacra-Verlags München: »Ich habe das Christkind gerufen ...«; und »Das Christkind plagt sich gar so sehr...«; zwei briefmarkengroße Bildchen einer beliebten Serie mit dem spartanischen Aufdruck »Lohn des Fleißes« bzw. »Dem besonderen Fleiße«; Bildchen mit dem Christkind in der Kirppe, an der Kinder stehen und beten, wovon das mit dem englischen Spruch »Whoever findeth Jesus...« rückseitig mit Bleistift datiert ist: »Diessen-Weßling 1932, den 19. Nov.« und das andere (An der Krippe«) den Text eines noch heute gern gesungenen Weihnachtsliedes aufweist.

Keineswegs alle Motive sind so missionarisch-frömmelnd wie das mit dem Kommunion spendenden Jesuskind an die Eskimos oder dem »herzigen« Jesuskind im weißen Unschuldshemdchen, das segnend aus dem Kirchenportal tritt. Es sind auch durchaus originelle profane Motive vorhanden: der gnomenhafte Weihnachtsmann, der »Dem fleißigen Kinde« einen Sack voller Leckereien und einen Christbaum bringt; ein schöner Knabe aus reichem Haus im Pelzmantel mit einem Ilexzweig, die freie Hand wie ein Erwachsener der Kälte wegen im Mantelschlitz verborgen; im krassen Gegensatz dazu das Motiv vom Sturm in winterlicher Landschaft getriebener Schulmädchen aus ärmlich-bäuerlichem Milieu mit dem fast ironischen Ansinnen, ein gutes Kind müsse selbst beim miesesten Wetter und größter Kälte gern zur Schule gehen.

Erwärmen können sich die Kinder im Winter nur an einem: der Liebe und Güte des Christkinds aus dem Stall von Bethlehem. Die Fleißbilder zeigen zudem ein hilfreiches, tröstendes, selbstloses Jesuskind, das sich insbesondere der geplagten, kranken, unmündigen Kinder annimmt.

Dass von solchen religiösen Bezügen moderne Fleißbildchen – sofern es sie noch gibt – nahezu frei sind, liegt auf der Hand. Die Zeiten haben sich halt doch gewandelt...!

HG



50/2002