Jahrgang 2021 Nummer 25

Altötting ordnet die Wallfahrt neu

Kapuziner ziehen sich zurück, Samariter kommen nach St. Magdalena

Das alte Franziskanerkloster. (Holzstich von Michael Wening)
Die Kapuziner mit den Samaritern (4., 5. und 8. von links).

Ohne Kapuziner geht in Altötting nichts – das erfährt jeder, der eine Wallfahrt nach Altötting macht. Die Kapuziner empfangen und begrüßen die Pilgergruppen, halten Messen, predigen, segnen Andachtsgegenstände, hören Beichte, veranstalten Kirchenführungen, schreiben Artikel für den Liebfrauenboten...

Die Kapuziner verteilen sich in Altötting auf die zwei Klöster St. Magdalena und St. Konrad. Bis in die fünfziger Jahre hatte jede der beiden Niederlassungen zwanzig und mehr Mitglieder unter der Leitung eines Guardians (Hausoberen). Aber seitdem schrumpfte ihre Zahl mehr und mehr zusammen. Die Älteren starben, ohne dass neue Mitglieder eintraten. Ein Alarmzeichen war die Auflösung des Noviziats in Laufen, aus dem bisher die Nachwuchskräfte des Ordens gekommen waren – das Noviziat war schlicht überflüssig geworden. Das Kloster in Laufen wurde an den Bayerischen Staat verkauft und beherbergt heute die Akademie für Naturschutz und Landschaftspflege.

In diesen Wochen steht in Altötting für die Kapuziner eine neue Umstellung bevor. Das Kloster St. Magdalena wird aufgelöst, an das Bistum Passau übergeben und der aus Österreich stammenden Gruppe der »Brüder Samariter« als Wohnung angewiesen. Alle Kapuziner ziehen nach St. Konrad um, das künftig ihre einzige Niederlassung in Altötting bilden wird. »Der Abschied von St. Magdalena ist für uns nicht leicht, aber der Umzug in das Kloster St. Konrad war unumgänglich«, sagt der Provinzialrat Marianus Parzinger. »Es ist ein Schritt, der für die Zukunft der Kapuziner wichtig und notwendig ist«, ergänzt der bisherige Hausobere Br. Norbert Schlenker, der stellvertretende Wallfahrtsrektor von Altötting. Umgezogen ist bereits die ehemalige Wallfahrtskustodie (heute Wallfahrtsbüro), die sich nunmehr als Teil des Verwaltungszentrums am Kapellplatz 4 befindet.

Im Kloster St. Konrad wollen sich die Kapuziner künftig auf die Verehrung des heiligen Bruder Konrad konzentrieren, der fast 50 Jahre als Pförtner hier gelebt hat und an den die sogenannten Bruder-KonradBegegnungsräume im Kloster erinnern, von der Alten Pforte bis zum Sterbezimmer des Heiligen. Seine Reliquien befinden sich in der völlig neu gestalteten Konradskirche unter dem Altar.

Das Kloster und die ursprünglich der heiligen Anna geweihte Kirche wurden um 1650 für die Franziskaner gebaut, denen damals zusammen mit den in St. Magdalena wohnenden Jesuiten die Betreuung der Wallfahrer oblag. Seit dem Wegzug der Franziskaner und der Jesuiten liegt die Wallfahrtsseelsorge allein bei den Kapuzinern. Sie waren seinerzeit allerdings nicht freiwillig nach Altötting gekommen. Im Zuge der Säkularisation hatte der bayerische Staat alle Kapuzinerklöster zwischen Regensburg und Traunstein aufgelöst und sämtliche Mönche in Altötting zusammengezogen, um sie aussterben zu lassen. Für sogenannte Bettelorden war im aufgeklärten Staat unter dem allmächtigen Staatsminister Graf Montgelas kein Platz. Die Aufnahme neuer Mitglieder wurde den Kapuzinern verboten. Über 150 Ordensleute mussten in Altötting im Franziskanerkloster, das für 20 bis 30 Personen gebaut war, unter menschenunwürdigen Bedingungen leben.

Es dauerte 25 Jahre, bis sich mit dem Regierungsantritt von Ludwig I. die Klosterpolitik in Bayern änderte. Zu den ersten Maßnahmen des jungen Königs zählte die Wiederzulassung der Kapuziner. Im Altöttinger Kloster waren nur noch acht Ordensleute am Leben, der jüngste ein 53-jähriger, kranker Mann. Die folgenden Jahre und Jahrzehnte waren für die Kapuziner eine einzigartige Erfolgsgeschichte. Sie gründeten Heime und Schulen für sozial bedürftige Kinder und Jugendliche, übernahmen in München die Pfarrei St. Joseph und in Chile ein Missionsbistum und engagierten sich als Seelsorger für Schwestern und in Altenheimen. Das ging so lange gut, bis die veränderte Personalsituation den Orden zwang, seine Aktivitäten einzuschränken, in den Heimen und Schulen vermehrt Laien einzustellen – und jetzt auch die Wallfahrtspflege durch Ergänzung mit den Brüdern Samariter neu zu organisieren.

Von den Brüdern Samariter, deren Orden 1982 von einem polnischen Pater gegründet wurde, kommen zunächst vier junge Männer nach Altötting in das Kloster St. Magdalena. Ihr eigentlicher Ordensname ist »Brüder der Flamme des Unbefleckten Herzens Mariens« (FLUHM). Der Wiener Kardinal Christoph Schönborn hat der Gemeinschaft im Jahre 2003 das leer stehende Kloster Klein-Mariazell im Wienerwald übertragen, später auch das Kloster Hafnerberg und feierlich ihre Statuten in Kraft gesetzt. In ihrer Spiritualität pflegt die Gruppe besonders das Rosenkranzgebet und verehrt die Muttergottes von Fatima. Ihre der Tradition verbundene Frömmigkeit kommt auch in den von ihr vertriebenen Broschüren und Schriften zum Ausdruck und entspricht der Einstellung des Passauer Diözesanbischofs Stefan Oster, von dem bekannt ist, dass er eine sehr konservative Haltung vertritt.

Im Klosterkomplex von St. Magdalena werden die Brüder Samariter nur den Altbau nutzen, der vor einigen Jahren vollständig renovierte Neubau steht künftig dem Pfarrverband Altötting und den kirchlichen Verbänden als Bildungs- und Tagungshaus zur Verfügung.

 

Julius Bittmann

 

25/2021