Jahrgang 2005 Nummer 26

Als die Bauern Shakespeare spielten

In den Jahren 1854 und 1855 erlebte Seebruck etwas ganz Besonderes

Das Titelbild der Seebrucker Hamlet-Fassung nach dem Stück von William Shakes-peare.

Das Titelbild der Seebrucker Hamlet-Fassung nach dem Stück von William Shakes-peare.
Das Theaterspielen, inden großen Städten wie in den kleinen Bauerndörfern, hat in Bayern eine lange Tradition. So gab es auch in Seebruck schon vor 150 Jahren eine Bauernbühne, die im damaligen Gasthaus an der Alz (heute Post) eine ganz besondere Aufführung auf die Beine stellte, nämlich eine ins Bayerische übertragene Aufführung von William Shakespeares »Hamlet – Der Prinz von Denemarkt« oder »Der bestrafte Brudermord«.

Eigentlich war Theaterspielen damals aus politischen Gründen nicht erlaubt, nur die Aufführung von Stücken mit »staatstragenden Texten« wurde gebilligt. Weil aber hinter der Seebrucker Aufführung ein königlicher Gendarm als treibende Kraft stand, wurden dem Vorhaben von der Obrigkeit keine Steine in den Weg gelegt. Die Bayerische Fassung des Shakespeare-Stückes wurde den Berichten nach aus dem benachbarten Höslwang geholt.

Just zur Vorbereitungs- und Probezeit weilte der berühmte Schriftsteller Ludwig Steub zur Sommerfrische am Chiemsee und wohnte im Gasthof an der Alz. In seinen Erinnerungen »Ein Sommer in Oberbayern« schreibt er:

Und so nahmen wir also Herberge in dem großen und guten Wirtshaus des kleinen Seebrucks, auf der Stelle der alten Römerstadt Bejadum, welche noch durch unterirdische Gewölbe und unverständliches Gemäuer, durch Kaisermünzen, die vor siebenzehnhundert Jahren verloren wurden und jetzt wieder gefunden werden, ihr längst verschollenes Dasein zu bezeugen sucht. (...)

Im Wirtshaus war es nicht ganz geheuer. Öfter vernahm man unerklärliche Hammerschläge, zuweilen sah man eine seidene Schärpe, einen goldpapierenen Helm, einmal sogar eine hölzerne Hirschkuh vorübertragen. Als man nach dem Grunde dieser Erscheinungen fragte, erhielt man die Erläuterung: die Bauern von Seebruck würden am nächsten Abend Theater spielen. Welche Überraschung!

Die Einleitung zu den Aufführungen ist wie folgt überliefert:

An diesem See, der wildaufbäumen kann wie kein anderer im Lande, dessen Wogen im Gewittersturm die Gebilde der Menschenhand in wilder Lust zerstören, über die Ufer rasen – dort wo sich der Donner in den Schluchten und steilen Bergeswänden vertausendfacht – wo die Blitze wie höllische Fanale zucken, die wilde Jagd durch dunkle Wälder rast – und der Mensch sich in seiner schützenden Hütte duckt!

In einer solchen Nacht mag es gewesen sein, als ein Mönch – ein Bauer – ein Niemand – Shakespeares Worte niederschrieb in seiner Sprache. Bauern griffen es auf! In Ehrfurcht spielten sie – Hamlet!!

Gunstgeneigter Theaterfreund und Comödienliebhaber!

Diess ganz neu Stukh in der Weis des Seebruck-Pauernspiels ist im Standh die Volksbüldung zu erheben und affektürlich zu amüsieren. Nachfolgende Personen Madamen, Könige, alle in färbiger Ritterkleidungh vor prächtigen Pildern agierend stellt eine ergebenste Direktion vor, in zwölfen Pildern:

Hamlet, Printz von Denemarkt
Der verruchte König Klaudius
Die ehebrecherische Königin Gertrude
Der Minister Polonius,
welcher umkommt,
Ritter Laertes, sein Sohn, der ihn rächt,
Ophelia, Tochter des Polonius,
verkommt in Wahnsinn,
Hamlets einziger Freund, Ritter Horatius,
Marcellus, ein treuer Wächter,
Der Geist des ermordeten Vater Hamlets,
Die Hexe Megäre,
Ritter Rosenkranz,
Ritter Güldenstern,
Der Seebrucker Bauer, wo das Stukh dem
Publico erzählet,
Schauspieler, Totengräber und Knappen
am Hof.
Und der Seebrucker Bauer, der dem Publikum das Stück erläutert, sagte damals:
Bauer: Und grad wias war – wolln mas berichtn
Es wunderts enk, warum mir des Stückl spuin?
Und aus da Weis war's, hör i enk sagn –
Waruma? Wiaso? wo stehts denn gschriebn
Daß boarisch net zum packa war, es Leut –
des Abenteur strahlender Verwegenheit!
Warum soll da Sänger, vo dem's ihr wollts
Dass er mitn Kini geht, net amal a Bauer sei –
akkarat aso, wia ra vor enk steht?

AR/AH



26/2005