Jahrgang 2005 Nummer 16

Als bei uns Bomben vom Himmel fielen

Zur Erinnerungsausstellung in der Alten Wache im Rathaus ab 29. April 2005 – Teil I

So sah man die Bombenformationen manchmal täglich

So sah man die Bombenformationen manchmal täglich
Schwerer Bomber B-17 »Fliegende Festung«. Diese Art kam am 11.11.44, 20.1.45 und 18.4.45 in Traunstein zum Einsatz

Schwerer Bomber B-17 »Fliegende Festung«. Diese Art kam am 11.11.44, 20.1.45 und 18.4.45 in Traunstein zum Einsatz
Angriff am 20.1.45. Das Obermaier-Haus in der Siegsdorfer Straße.

Angriff am 20.1.45. Das Obermaier-Haus in der Siegsdorfer Straße.
Es war Samstag, der 11. November 1944, Martinstag. Der Winter hatte schon Einzug gehalten und es lag eine Schneedecke über dem Land. Der Himmel war bedeckt und von Zeit zu Zeit schneite es. Um 9.55 Uhr ertönten die Luftschutzsirenen und informierten die Bevölkerung darüber, dass Gefahr durch feindliche Flugzeuge bestand. Für das Gebiet Traunstein und die nähere Umgebung hatte es seit Kriegsbeginn bereits 96 Fliegeralarme und zwar 56 Tag- und 40 Nachtalarme gegeben.(1) Zu diesen Alarmen über die Luftschutzsirenen kam noch der Kuckucksruf im Münchener Sender als Warnhinweis auf einen Voralarm. Der Erfinder dieses Warnrufes war wohl ein seltsamer Spaßvogel. An alle diese Alarme hatte sich die Bevölkerung schon gewöhnt, denn man wusste ja, die riesigen Bomberströme von manchmal 300 und noch mehr Maschinen waren auf dem Weg zu ihren Zielgebieten in München, Regensburg und dergleichen oder mit leeren Bombenschächten auf dem Rückflug zu ihren Stützpunkten. Seit die Alliierten im September 1943 bei Salerno in Süditalien gelandet waren und dort ihre riesigen Flugbasen errichtet hatten, kamen die Bombergeschwader wirklich häufig, manchmal täglich. Die Alliierten verfügten im Großraum Foggia über 16 Flugplätze für ihre 15. US-Luftflotte mit einer Mannschaftsstärke von 86 000. In Mittelengland, zum Beispiel in Deenethorpe in Northamtonshire waren die Bomber- und Jägergruppen der 8. US-Luftflotte stationiert. Der Bombenkrieg hatte einen erschreckenden Höhepunkt erreicht. Überall im Reichsgebiet tauchten tagsüber immer häufiger die Bomberpulks der US-Luftflotten auf. Im Einsatz waren schwere Bomber der Typen Boeing B 17 – Flying Fortress (fliegende Festung) und Consolidated B-24 Liberator (Befreier). Bei klarer Sicht waren hoch oben die Bomber mit ihren Kondensstreifen zu sehen und es waren meist, wie schon gesagt, Hunderte. Der Anblick dieser ungeheueren aber weit entfernten Kriegsmaschinerie war an sich faszinierend; das tiefe Dröhnen von oftmals mehr als tausend schweren Flugzeugmotoren wirkte jedoch, zumindest auf den Verfasser, höchst beunruhigend. Die englische Luftflotte flog meistens nur Nachteinsätze und verfügte über die schweren Bomber vom Typ Avro Lancaster.

An jenem Martinstag im Jahre 1944 war eine besonders große Unruhe im Luftraum des Reichsgebietes. Dauernd gab es neue Meldungen über große, kleinere und kleine Bomberverbände. Schon um 10 Uhr überflog ein Bomberverband mit Jagdschutz Berchtesgaden in Nordrichtung. Es handelte sich um 300 bis 400 Maschinen. In der nächsten Stunde überflogen mehrere Kampfverbände mit Jagdschutz, es waren etwa 250 Maschinen, von den Kitzbühler Alpen kommend den Chiemsee in Richtung Fürth im Wald. Anschließend kam über die Hohen Tauern ein aus 800 bis 1000 Maschinen bestehender Kampfverband und flog in Richtung Mühldorf – Salzburg. An diesem Tag wurde Salzburg wieder bombardiert. 120 B-17 Bomber warfen dort insgesamt 1247 Sprengbomben ab und einzelne Bomber ließen beim Zurückflug ihre restliche Bombenlast auf bayerisches Gebiet fallen.(2) Bei diesen feindlichen Flugzeugen handelte es sich um Kampfverbände der 15. US-Luftflotte, die ihre Stützpunkte in Süditalien hatte.

Gegen Mittag strahlte Radio München-Laibach Entwarnung aus, aber anschließend kam noch die Meldung, dass zwölf alliierte Bomber in der Nähe von Rosenheim kreisten.(3) Vermutlich sammelten sich bei Rosenheim versprengte Maschinen für den Rückflug über die Alpen. Üblicherweise war der Chiemsee Sammelgebiet. Jede »Fliegende Festung« hatte 13 Maschinengewehre mit großem Kaliber, die »Liberator« hatte drei Maschinengewehre weniger. Je mehr Flugzeuge sich am Sammelpunkt zusammenfanden, desto größer war die Abwehrkraft gegenüber den deutschen Jagdflugzeugen. Das war von Bedeutung, denn eigener Jagdschutz stand für die versprengten Bomber in der Regel nicht mehr zur Verfügung, da die Jagdflugzeuge die großen Verbände schützen mussten. Versprengte und vor allen Dingen auch beschädigte Bomber warfen in vielen Fällen vor den Alpen ungezielt noch ihre restlichen Bombenladungen ab, um dadurch mehr Maschinenkraft für den Flug über das Gebirge zu bekommen.

Nun zurück zu den zwölf Bombern, die sich in der Nähe von Rosenheim sammelten.

Unmittelbar nach der Rundfunkdurchsage gab es zahlreiche Detonationen im Bereich Wartberghöhe, Haslach, Axdorf und Vachendorf. Was war geschehen?

Einer oder mehrere Bomber vollzogen einen Notabwurf. Die Zahl ist nicht überliefert. Der Schrecken begann im Bereich Rosenheimer Straße, Chieminger Landstraße und Wartberghöhe. In diesem Bereich wurden durch Brandbomben 15 Häuser leicht beschädigt. Einen schweren Schaden an einer städtischen Freileitung verursachten Sprengbomben. Der Gesamtschaden bezifferte sich auf 8970 RM, davon entfielen auf die Freileitung 7630 RM. Personenschaden entstand nicht.(4)

Viel schlimmer war es dann im Bereich der Gemeinde Haslach und Vachendorf. Franz Liebl aus Vachendorf schilderte die Ereignisse so: »Am 11. November 1944 um die Mittagsstunde hörte man, wie schon so oft, das Surren der Flieger. Kein Mensch dachte an Schlimmes. Vachendorf, damals noch ein stilles, abgeschiedenes Dörflein, hatte doch keine strategische Bedeutung und konnte daher auch nicht das Ziel eines Bombenangriffes sein. Kaum gedacht, erzitterten schon die Häuser in ihren Grundfesten, heftige Detonationen ließen die Fenster splittern und deren Rahmen durch die Luft wirbeln. Eine Bombe war 20 Meter hinter dem Schrankl-Haus hineingesaust und eine zweite neben dem Leichenhaus, das zusammenstürzte. Drei weitere fielen zwischen Pfarrhof, Meyer und Zauner. Alle Fenster der umliegenden Häuser und der Kirche gingen in Trümmer. Der Brettermantel am Major-Haus wurde heruntergerissen. Alles ein Werk von Sekunden. Doch niemand wurde verletzt.

Schlimmer sah es in Haslach aus, wo zwischen Villa Lerchenhaus, Seiboldsdorfer Straße und Zwinger in Axdorf etwa 120 Bomben geworfen wurden, teils sehr schwere Kaliber. Verletzt wurden Pfarrer Stitzl, dessen Haushälterin, Frau Schreiner und der Gastwirt Bogner, der später an den Folgen gestorben ist. Beim Zenz stürzte der Stall zusammen, wobei drei Kühe getötet wurden. Besonders beschädigt wurden der Pfarrhof, das Bogner-Haus, das Sebastian-Gfaller-Haus und das Haus vom Kramer May.«(5) Im Gemeindebereich Haslach wurden insgesamt 18 Gebäude mittelschwer bis schwer beschädigt. Zum Dank für den göttlichen Schutz vor noch höheren Schäden beteten die Haslacher ein Jahr lang in der Kirche jeden Tag gemeinsam den Rosenkranz.(6) Ein besonders schreckliches Ereignis gab es aber etwa zur gleichen Zeit in Reichhausen an der Autobahn. Dort wurde das sogenannte Emmer-Haus von Bomben buchstäblich zerrissen. Von den 16 Bewohnern wurden 13 getötet. Der Schriftsteller Ernst von Salomon schilderte diesen entsetzlichen Vorfall so: »... Aber an einem Tage im November, wir hatten uns in Ruhe zum Essen in den Herrgottswinkel gesetzt und draußen wirbelte das erste Schneegestöber – kein Kuckuck hatte gerufen und >bei solchem Wetter da können sie nicht fliegen<, - da knallte es fünf-, sechsmal, mit kurzem, peitschendem Hall, und dann war auch das abgehackte Geräusch eines lädierten Motors zu hören. Ich rannte auf den Hügel, ... da war nichts, nichts schien sich zu regen in Reichhausen, friedlich lagen die Höfe da, ein Hof, zwei, drei, vier – der fünfte Hof, wo war der fünfte Hof? ... Der Hof war nicht mehr da, er war in den Boden gestampft, in die Luft geblasen, ein paar Steine lagen da, und dort lag noch ein Stück vom Gebälk des Daches. Sie hatten beim Essen gesessen, im Herrgottswinkel, drei Erwachsene, neun Kinder, Bauernkinder und Kinder von Evakuierten, die Väter standen alle im Feld. ...«.(7)

Das war der erste Bombenangriff auf unser Gebiet.

Samstag, der 20. Januar 1945 war eigentlich ein schöner Wintertag. Es war klar und kalt und die Schneedecke betrug etwa einen halben Meter. Um 11.44 Uhr gab es bei uns Luftalarm. 345 Bomber vom Typ B-17 und B-24 der 15. US-Luftflotte griffen Ziele in Linz, Regensburg und Rosenheim an. Auch Salzburg wurde wieder angegriffen; 32 schwere Bomber warfen insgesamt 1586 Sprengbomben ab. An diesem Tag konnte die deutsche Luftabwehr beachtliche Erfolge verbuchen und zwar die bestätigten Abschüsse von zwei B-17, 13 B-24, zwei P-38 Jagdbomber und einen P-51 Jagdbomber.(8)

An diesem Sebastianitag erfolgte der zweite Luftangriff auf unsere Stadt. Um die Mittagszeit überflog ein alliierter Bomber, vermutlich aus nordöstlicher Richtung kommend, Sparz und den Stadtteil Au. Ein Zeitzeuge sagte, der amerikanische Bomber sei in niedriger Höhe geflogen, die Klappen vom Bombenschacht wären offen gewesen und etwa beim damaligen BDM-Heim hätte der Pilot eine Bombe ausgeklinkt.(9) Tatsächlich wurden zwischen Sparz und Schwimmbad mindestens 33 Sprengbomben abgeworfen. 29 detonierten und vier blieben als Blindgänger liegen, einer davon im Bach unmittelbar vor dem jetzigen Kaltenbacherhaus.(10) Die Gastwirtschaft Schwangler und das Haus von Johann Obermaier wurden schwer beschädigt. Auch der Schaden an den städtischen Kraftanlagen war hoch. An 14 weiteren Häusern entstanden leichte Schäden. Viele Jahre später fanden Bauarbeiter zwischen dem ehemaligen Goldner-Kino und dem Aubach den Blindgänger einer Sprengbombe.(11) Aber auch Brandbomben kamen seinerzeit herunter. Dies beweist der Fund einer Stabbrandbombe vor vielen Jahren durch Peter Faust. Der gefährliche Blindgänger lag etwa bei der Haferlbrücke an der rechten Uferböschung.(12) Der Luftangriff vom 20. Januar 1945 verursachte einen Schaden von insgesamt 13190 RM. Personenschäden gab es glücklicherweise nicht, der Schrecken war aber doch groß und man kann sagen, dass von da ab wesentlich mehr Traunsteiner unverzüglich die Schutzräume aufsuchten, wenn die Luftschutzsirenen drohende Gefahr ankündigten. Nach der bekannten Sachlage muss man davon ausgehen, dass es sich auch bei diesem Luftangriff um einen Notabwurf der restlichen Bomben einer vielleicht beschädigten Maschine handelte mit dem Zweck, besser über die Alpen zu kommen.

Die Situation hinsichtlich der Schutzräume war aber zu jenem Zeitpunkt nicht günstig. Im Bereich der Stadt Traunstein gab es 21 Schutzräume und zwar Luftschutzkeller, Luftschutzstollen und Luftschutzgräben. Diese Schutzräume konnten nach dem Stand vom 28. Februar 1945 zusammen 3110 Personen aufnehmen.(13) Die Stadt hatte aber 12 000 Einwohner und dazu kamen noch die Soldaten.
Es war ein bürokratischer Irrwitz, wenn vorgeschrieben war, dass jedermann, der sich nicht strafbar machen wollte, bei Luftalarm einen Schutzraum aufzusuchen hatte, tatsächlich aber nur für ein Viertel der Bevölkerung Schutzräume zur Verfügung standen. Viele Bewohner der Stadt suchten deshalb Schutz in der freien Natur. Besonders gefragt waren der Sparzer Graben und die Traunauen in Richtung Empfing – Klobenstein.

Quellen:
1: Staller Walter, Fliegeralarme in Traunstein, Februar 1999, unveröffentlicht,
2: Bomben auf Salzburg, Schriftenreihe des Archivs der Stadt Salzburg,
3: Rosenegger Karl, Geschichte der politischen Gemeinde Haslach,
4: Stadtarchiv Traunstein (weiter StATS), 060/2-1,
5: Chiemgau-Blätter vom 19.April 1975,
6: Rosenegger Karl, Geschichte der politischen Gemeinde Haslach,
7: Ernst von Salomon, Der Fragebogen, Rowohlt Verlag, GmbH, Hamburg, 1951,
8: Müller-Romminger Fred, Der Luftkrieg über der Heimat,
9: Aussage: Schimmelpfeng Franz, Ruhpolding,
10: StATS 060/2-1,
11: Aussage: Bleckenwenger Hans, Hufschlag,
12: Aussage: Faust Peter, Traunstein,
13: StATS, 060/2-1.

AS


Teil 2 in den Chiemgau-Blättern Nr. 17/2005



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