Jahrgang 2004 Nummer 37

Alpensalamander, ein Höhenrekordler unserer Lurche

Er ist der einzige wahre Alpinist unter allen mitteleuropäischen Amphibien

Dieses Foto vom Alpensalamander gelang im Juli dieses Jahres am Watzmann, als bei nebelfeuchter Witterung auffallend viele Indiv

Dieses Foto vom Alpensalamander gelang im Juli dieses Jahres am Watzmann, als bei nebelfeuchter Witterung auffallend viele Individuen, wohl noch in Fortpflanzungsstimmung und damit auf Partnersuche unterwegs waren.
Bei Bergtouren kann man ihm begegnen, dem schwarzglänzenden Salamander, dessen Aussehen an eine Eidechse erinnert, der aber mit dieser weder verwandt noch verschwägert ist. Denn er zählt gleich den Molchen, Kröten und Fröschen zu unseren Lurchen oder Amphibien und nicht zu den Reptilien. Seine ungeschützte glatte Haut muss er immer leicht feucht halten. Im strahlenden Sonnenschein würde er alsbald vertrocknen.

Der Alpensalamander ist der einzige wahre Alpinist unter allen mitteleuropäischen Amphibien, man findet ihn zwischen 800 und 3000 Meter Meereshöhe, denn er lebt auch weit über die Waldgrenze hinaus bis in bemoosten Schluchten, Geröll- und Mattenregionen unserer Alpen, selbst an steilen Felswänden, sofern dazwischen etwas Pflanzenwuchs und Gebüsch ein feuchtes Mikroklima erzeugen. Und wenn die sommerliche Schneegrenze erst oberhalb von 3000 Metern beginnt, dann ist er auch dort noch zu beobachten.

Im Gegensatz zu unserem besser bekannten gelbrötlich gefleckten und größeren Feuersalamander, der sich streng an bodenfeuchte Mischwälder hält, ausnahmsweise auch mal 28, meist aber nur 20 Zentimeter lang wird, bringt es der Alpensalamander höchstens auf 17 Zentimeter.

Anpassung der Fortpflanzungsbiologie an die alpine Region

Während alle übrigen Lurche für ihre Vermehrung grundsätzlich Wasser wie Gräben, Tümpel und Teiche benötigen, worin sich ihr Laich und die Larven (Kaulquappen) entwickeln, musste der Alpensalamander wegen der in seinem Lebensraum meist fehlenden Gewässer mit einer anderen Fortpflanzungsweise experimentieren. Und dies ist ihm gelungen! Er hat sich erfolgreich an seine harten Umweltbedingungen angepasst, denn er besitzt die Fähigkeit, ohne die sonst im Wasser stattfindende Larvenentwicklung gleich fertige und selbstständige Junge zur Welt zu bringen. Seine Larven reifen im Mutterleib und können nach einer Trächtigkeitsdauer von ein bis drei Jahren – je nach Höhenunterschied – bei bereits vier Zentimeter Länge sofort den Daseinskampf aufnehmen. Nach drei bis fünf Jahren sind sie fortpflanzungsfähig.

Unser schwarzer Alpinist bummelt immer sehr gemächlich durch sein kleines Reich. Seine niedrige Körpertemperatur erlaubt keine schnellere Gangart. Er ist nicht nur nachts unterwegs, denn bei Regen oder Nebel sieht man ihn auch tagsüber. Besondere Fressfeinde hat er nicht, doch eine hungrige Kreuzotter, die ebenfalls Höhen bis zur Schneegrenze schafft, frisst ihn ausnahmsweise, und dies trotz der leicht giftigen Drüsenabsonderungen seiner Haut, die ähnlich wie Krötengift wirken. Kolkrabe und Alpendohle verzichten wohl ganz auf diese zwar leicht zugängliche, aber für sie ungesunde Beute. Auch Kreuzottern jagen in höheren und hohen Regionen doch lieber Bergeidechsen, Schneemäuse und Alpenspitzmäuse. Der weit unterhalb vorkommende Feuersalamander hat ein etwas stärkeres Gift in seinen Hautdrüsen, doch selbst dieses hindert zum Beispiel eine Ringelnatter nicht, sich bei sehr großem Appetit diese zwar mundgerechte, aber doch fragwürdige Notration unbeschadet reinzuwürgen.

Die Nahrung des Alpensalamanders besteht aus allerlei kleinem Getier wie Käfer, Nacktschnecken, Würmern, Tausendfüßlern und Spinnen. Es kann schon mal passieren, dass er sich in luftigen Höhen an der Weißen Fetthenne, einer Sedumart, die Raupe unseres prächtigen Bergschmetterlings, des Alpen-Apollo, oder im Allgäu am Steinbrech oder auf der Hauswurz die Raupe des äußerst seltenen Hochalpen-Apollo schnappt, was zur Bereicherung seines sonst sehr bescheidenen Speisezettels beiträgt.

Die sommerlichen Aktivitäten unseres schwarzen Salamanders richten sich wie beim Murmeltier nach dem speziellen alpinen Klima. In Gesellschaft von Edelweiß, Enzian, Schneehase und Schneehuhn verlebt er die wärmeren Monate und sucht sich ab Ende September eine kältegeschützte Winterherberge wie Erdhöhlen, frostsichere Felsspalten, Moospolster oder Murmeltierbauten, wo er im Tiefschlaf bei Kältestarre geduldig die Frühlingssonne abwartet.

Alle anderen Lurche finden viel zu wenig Laichplätze

Glücklicherweise ist wenigstens der Alpensalamander bei seiner Fortpflanzung nicht wie sonst alle mitteleuropäischen Amphibien an ökologisch intakte Laichgewässer gebunden. Dies ist für ihn von großem Vorteil. Denn die meisten Lurche finden bei uns immer weniger geeignete Laichplätze. Nach der generellen Installation von Wasserleitungen wurden auf vielen Bauernhöfen die bislang notwendigen Löschweiher als nunmehr nutzlos betrachtet und zugeschüttet, was für die darin lebende mannigfache Tierwelt wie einige aussterbende Lurcharten, Reptilien, Libellen, Wasserkäfer usw. das bittere Ende bedeutete. Durch radikale Flurbereinigungen sind zusätzlich zahlreiche Kleingewässer verschwunden. Schuld daran sind vor allem menschliche Ignoranz, Gewinnsucht und Gleichgültigkeit, dazu merkwürdige politische Beschlüsse und dementsprechend praxisferne Theorien bei Naturschutzbehörden, welche die besorgniserregende Rückläufigkeit und lokale bis großräumige Ausrottung der an spezielle Feuchtbiotope gebundenen Fauna begünstigen.

Diese Gefahr braucht der Alpensalamander nicht zu fürchten. Sein Lebensraum unterliegt gegenwärtig zwar auch einer zivilisationsbedingten Veränderung und teilweisen Zerstörung. Der zunehmende Tourismus in der Bergwelt dürfte für ihn gewisse negative Folgen haben. Aber im Großen und Ganzen hat er gegenwärtig als einziger mitteleuropäischer Lurch keine nachhaltigen Konsequenzen für seine künftige Existenz zu befürchten.

JS



37/2004