Jahrgang 2006 Nummer 27

Ältestes Frauenkloster im deutschen Sprachraum

Das Stift Nonnberg hatte auch in Bayern großen Grundbesitz

Das Stift Nonnberg liegt auf einer Terrasse unterhalb der Festung Hohensalzburg.

Das Stift Nonnberg liegt auf einer Terrasse unterhalb der Festung Hohensalzburg.
Blick in die Stiftskirche. Gemälde von Georg Pezolt.

Blick in die Stiftskirche. Gemälde von Georg Pezolt.
Die Schwestern beim Gebet im Nonnenchor.

Die Schwestern beim Gebet im Nonnenchor.
Zwei Rekorde kann das Salzburger Kloster Nonnberg für sich verbuchen: Es ist das älteste Frauenkloster im deutschsprachigen Raum und es ist seit seiner Gründung im Jahre 712 bis heute ohne Unterbrechung besiedelt. Die Nonnen hatten bis zur Säkularisation auch in Südostbayern reichen Besitz aus Vermächtnissen und Schenkungen in Form von Wäldern, Feldern und zinspflichtigen Untertanen, insbesondere im Raum von Tittmoning, von Kammer, Asten und Ainring. Dazu kamen Salzpfannen sowie Jagd- und Fischrechte im Traungau, Chiemgau, Attergau und im Lungau. Alte Flurnamen wie Nonnreit bei Tittmoning halten die Erinnerung an diese Zeit bis heute wach. Der große Klosterkomplex von Nonnberg thront beherrschend auf einer Terrasse unterhalb der Festung Hohensalzburg. Die Klosterkirche ist eine spätgotische Basilika, die auf einem romanischen Vorgängerbau mit Querhaus, Krypta, drei Apsiden und dem Westturm errichtet ist. Nach Osten erstreckt sich die Laienkirche, nach Westen der abgeschlossene Nonnenchor, in dem sich Reste der malerischen Ausgestaltung aus der Zeit um 1150 erhalten haben. Dargestellt sind in halbrunden Nischen monumentale Heiligengestalten in streng frontaler Ansicht. Die Säume ihrer Gewänder sind mit Edelsteinen und Perlen besetzt. Dass die obere Mauerfläche früher auch bemalt war, zeigen Fragmente von Füßen und Gewandsäumen. Diese nach strengen byzantinischen Vorbildern gemalten Wandbilder zählen nach dem Urteil der Kunsthistoriker zu den wertvollsten romanischen Wandmalereien Europas und den bedeutendsten Kunstdenkmälern Salzburgs. In ihnen offenbart sich »der romanische Geist des Glaubens, die Strenge des Gerichtes, das Drohen der Buße, die Härte der Strafen, es sind zutiefst mahnende, strenge Gesichter, die Bürde, nicht die Freude des Glaubens verkündend.« (K.H. Ritschel). Hinter der spätgotischen Trennwand zwischen Nonnen- und Laienkirche erhebt sich die Nonnen-empore mit gotischen Fenstern und dem schönen Chorfenster des berühmten Straßburger Glasmalers Peter Hemmel (um 1480). Es zeigt den Stifter des Fensters, den Salzburger Ratsherrn Augustin Klaner mit den Aposteln Petrus und Jakobus sowie die »sechs Freuden Mariens«. Unter der Empore findet man im südlichen Seitenschiff das Grab der seligen Einsiedlerin Willa aus dem 10. Jahrhundert. Willa war als Witwe in das Kloster eingetreten und hatte sich in einer engen, zuvor vom Bischof geweihten kleinen Zelle nahe dem Kirchenportal einmauern lassen. Durch ein vergittertes Fenster war es ihr möglich, die heilige Messe zu verfolgen und die Kommunion zu empfangen, aber auch Menschen zu empfangen, die bei ihr Hilfe und Zuspruch suchten.

Der Überlieferung nach wurde das Kloster Nonnberg vom heiligen Rupert, dem ersten Salzburger Bischof und Landespatron, gegründet. Wirtschaftlich unterstützt wurde er dabei vom bayerischen Herzog Theudebert aus dem Geschlecht der Agilolfinger und seiner Gattin Regintrud. Als Familienstiftung der Agilolfinger diente das »adelige Stift Nonnberg« in erster Linie der Versorgung von Mitgliedern des Herzoghauses. Erste Äbtissin war Ruperts Nichte Erentrudis, eine »gottgeweihte Jungfrau«, wie es in einer alten Urkunde heißt. Sie wird heute als Heilige verehrt und ist nach Rupert und Virgil die dritte Salzburger Landespatronin. Nach dem Tod von Herzog Theudebert trat die verwitwete Herzogin Regintrud um das Jahr 720 in das Kloster Nonnberg ein und wurde dessen vierte Äbtissin.

Das Grab der heiligen Erentrudis befand sich ursprünglich in der Krypta unter dem Hochchor. Die Krypta wurde im 15. Jahrhundert nach einem verheerenden Großbrand, der Kirche und Kloster zerstörte, völlig neu gestaltet. Freistehende Säulen mit sechseckigen Kapitellen tragen ein durch schlanke Rippen gebildetes Netzgewölbe. Das Erentrudisgrab wurde in die Mittelapsis in den Felsen eingetieft. Die in Latein abgefasste Grabinschrift lautet übersetzt: »Grabmal der hl. Erentrudis, Jungfrau, erste Äbtissin dieses Klosters, aus dem königlichen Geschlecht der Franken, Verwandte des hl. Rupertus, des ersten Bischofs von Salzburg.« Das Grab ist heute leer, nachdem die Reliquien im 17. Jahrhundert gehoben und in einen in der Klausur stehenden Silberschrein übertragen wurden.

Nonnberg war ein bischöfliches Eigenkloster, das heißt, seine Ausstatungsgüter gehörten zum allgemeinen Besitz der Salzburger Kirche und dem Erzbischof stand das alleinige Verfügungsrecht darüber zu. Erst als im Jahre 987 die Vermögensrechte von Erzstift und dem Kloster St. Peter getrennt wurden, dürften auch die Nonnen eine größere Selbstständigkeit in der Güterverwaltung erhalten haben.

Voraussetzung für die Aufnahme in das Kloster war die adelige Abstammung und damit verbunden ein entsprechender Besitz, der mit dem Eintritt in das Eigentum des Klosters überging. Diese Klausel des Adelszwangs galt über eintausend Jahre lang und wurde erst im Jahre 1848 aufgehoben. Die Alltagsarbeit in der Küche, im Garten und auf dem Feld verrichteten Laienschwestern, die zwar auch dem Konvent angehörten, aber mit den adeligen Nonnen nicht gleichberechtigt waren. Seit dem Konzil sind diese Unterschiede gefallen und alle Schwestern sind gleichberechtigt.

Die Nonnen sahen ihre Hauptaufgabe in der Pflege des Gottesdienstes und der Frömmigkeit sowie in der Bildungsarbeit. Ihre Schreibstube, eine Werkstatt für Buchmalerei und die Klosterapotheke machten Nonnberg über die engere Region hinaus bekannt. Heute unterhalten die Nonnen ein Mädcheninternat, ein biologisch geführtes Gut und eine Keramikwerkstatt. Das 11. Jahrhundert war für das Kloster eine große Zeit der Expansion, in der sieben Tochterklöster gegründet wurden: Göß in der Steiermark, St. Georgen am Längssee und Gurk (beide in Kärnten) Traunkirchen in Oberösterreich, Erla in Niederösterreich, Sonnenburg in Südtirol und St. Walburg bei Eichstätt. Diese Aktivitäten waren mit einem starken personellen Aderlass des Konvents verbunden und scheinen die geistliche Kraft Nonnbergs erschöpft zu haben, denn bald berichtet die Chronik von einem erschreckenden Niedergang des monastischen Lebens, dem erst Erzbischof Konrad durch ein Machtwort Einhalt gebot. Der Bischof drang bei den Nonnen auf die konsequente Befolgung der Benediktinerregel, und dank der gestrafften Klosterdisziplin erlebte Nonnberg eine neue Blüte.

Schon im Jahre 1242 erhielt die Äbtissin das seltene Recht der Pontifikalien und durfte bei feierlichen Anlässen den Bischofsstab, das Brustkreuz und, anstelle der bischöflichen Mitra, eine Krone tragen. Außerdem wurde ihr gestattet, bei liturgischen Feiern – wie damals nur ein Bischof- das Faldistorium (einen faltbaren Thron) zu benutzen. Ein solcher Stuhl mit figürlichen Reliefs aus Walross-bein ist aus dem Mittelalter erhalten geblieben und zählt heute zu den Kostbarkeiten des Stiftsmuseums. Die Stäbe laufen in Adlerkrallen aus, darunter erblickt man einen Drachen und zwei gedruckte Löwen. Die oberen Ende der Stäbe bilden Tierköpfe, in deren aufgerissenen Rachen zwischen spitzen Zähnen Halbfiguren zu sehen sind. Der Bischofsstab ist aus Elfenbein gearbeitet und umschließt mit seiner Krümme das Lamm Gottes, die Krücke entspringt dem Maul eines Tierkopfes und endet wieder in einem Tierkopf, aus dessen geöffnetem Maul die Zunge hervorschnellt. Was diese symbolischen Tierdarstellungen im einzelnen bedeuten, ist heute nicht mehr zu rekonstruieren. Das nur mit einer Sondererlaubnis zugängliche Museum birgt wertvolle Reliquare, Skulpturen, Zinngeschirr und eine Sammlung Lebzelt- und Buttermodeln, von denen an der Klosterpforte Abgüsse zu erwerben sind.

Julius Bittmann



27/2006