Jahrgang 2001 Nummer 3

Abt Sturmi von Fulda

Er ist der erste Heilige des Bayernstammes

Abt Sturmi und seine Gefährten arbeiten an der Gründung des Klosters. (Bild: »Kalender für katholische Christen« auf das Jahr 18

Abt Sturmi und seine Gefährten arbeiten an der Gründung des Klosters. (Bild: »Kalender für katholische Christen« auf das Jahr 1883)

Wie das Christentum in das Herrschaftsgebiet des Bajuwarenstammes gekommen ist, das bleibt wohl ein Rätsel. Die alte religiöse Kontinuität aus der Römerzeit spielt sicher eine Rolle, dann auch die Tatsache, daß die Agilofinger wahrscheinlich von Anfang an katholisch waren. Die Prinzessin Theodolinde (gestorben 628) ist dafür die beste (Glaubens-) Zeugin. Eher gering sind im altbayerischen Raum die missionarischen Wirkungen der vorschottischen Wandermönche gewesen. Die »Glaubensboten« Emmeram, Rupert und Korbinian waren sicher nicht Missionare im herkömmlichen Sinne, sondern weitaus mehr religiös-politische Organisatoren. Die eigentliche kirchliche Formierung unseres Raumes geschieht durch Winfrid-Bonifatius, den Abt aus England und römischen Bischof. Er »griff reformierend und organisierend in die kirchlichen Verhältnisse Bayerns ein und schuf in Anlehnung an die vorgefundenen kirchlichen Zentren die Diözesaneinteilung, die in ihren Grundzügen noch heute Bestand hat« (Schulze, 122). Hier in Bayern fand Bonifatius auch einen seiner ersten heimischen Mitarbeiter, nämlich Sturmi. Bevor wir uns aber die Biographie von Sturmi skizzieren, wollen wir die Wirkung des »Apostel Deutschlands«, des heiligen Bonifatius, vor allem für Bayern schildern.

Bonifatius und sein Werk

England war seit 596 direkt von Rom aus zum Christentum bekehrt worden. »Weil die Angelsachsen das Christentum direkt aus Rom empfangen hatten, fühlten sie sich eng an die stadtrömische Tradition gebunden und holten auch dann Weisung aus Rom, als sie zur Mission nach dem europäischen Festland aufbrachen.« (Hausberger/Hubensteiner, 51) So brach auch der Mönch Winfrid aus dem südenglischen Kloster Nursling, das nach der Regel des Heiligen Benedikt ausgerichtet war, auf, zog nach Rom, empfing dort 719 die Bischofsweihe und die apostolische Sendung für Germanien. Da er vom Papst Gregor II am 15. Mai geweiht und beauftragt wurde, nahm Winfrid den Namen des Tagesheiligen Bonifatius als neuen Namen an. Im Reich der Franken sah er seine wichtigste Aufgabe in der Bekehrung der Friesen, dann der Hessen und Thüringer. Er ging dabei einerseits streng, fast fundamentalistisch vor, aber war doch geschickt genug, machtvolle und symbolhafte Zeichen zu setzen. Der Fall der Donarseiche zu Geismar 723 gehört dazu. Dabei sicherte er sich bei seinem Bekehrungswerk bei der fränkischen Macht ab, betrieb also »Missionierung von oben«. Die erreichte und vollzogene Christianisierung wurde durch Kloster- und Kirchengründungen institutionell verankert. Anfangs wurde Bonifatius durch eine Anzahl angelsächsischer Helfer unterstützt, später zog er immer mehr fränkische und bajuvarische Schüler als Mitarbeiter heran. Wir nennen Bischof Lul von Mainz, die Bischöfe Burghard (Burchard) von Würzburg, Willibald von Eichstätt und nicht zuletzt Sturmi von Fulda. In Bayern weilte Bonifatius 733 bis 735 und zuletzt noch 745. Hier sah er seine Aufgabe im Aufbau der kirchlichen Hierarchie. Dieses Vorhaben war nicht so mühsam zu verwirklichen wie bei den anderen Stämmen an der Peripherie des Frankenreiches. Nachdem der Plan des Bonifatius gescheitert war, das zentrale Erzbistum Köln zu übernehmen, mußte er sich mit dem Mainzer Bistum »begnügen«. »Immerhin gelang es ihm, die Mainzer Diöszese um Hessen und Thüringen zu vergrößern und damit die wesentlichsten Regionen seines eigenen Missionsfeldes unter eine einheitliche bischöfliche Gewalt zu stellen« (Schulze, 127). Von den Mühen und Strapazen seines langen Lebens gezeichnet, zog sich Bonifatius ins Kloster Fulda, seine Lieblingsgründung, zurück. Von dort aus brach er noch einmal zu einer Missionsfahrt nach Friesland auf. Dort wurden er und seine Gefährten am 5. Juni 754 bei Dokkum erschlagen. Seine Gebeine fanden, gemäß seinem Wunsch und auf das Betreiben von Abt Sturmi, in Fulda ihre Ruhestätte. Sie werden dort noch heute als wertvolle Reliquien verehrt.

Sturmi: Leben und Werk

Sturmi war der Sproß eines bajuvarischen Adelsgeschlechtes. Wir vermuten, daß seine Eltern im Raum zwischen Isen und Sempt ansäßig und reich begütert waren. Verwandtschaftliche Beziehungen zu einer der fünf Genealogiae, also zu einer der uralten bajuvarischen Adelsgeschlechter muß man dringend vermuten, vielleicht zu der Adelssippe der Hahilinga. Der junge Sturmi wurde von den Eltern (und seiner Sippe) Bonifatius anvertraut und damit letztendlich der Kirche und dem Mönchtum übergeben. Sein Weg als Kleriker begann im neugegründeten Kloster Frideslar (heute Fritzlar) in Hessen. »Sturmi erhielt die gleiche Ausbildung wie die Novizen der angelsächsischen Klöster in Südengland. Er mußte das gesamte Psalterium, 150 Psalmen, auswendig lernen, Abschnitte aus den Evangelien sich einprägen und durch die Lektüre von Kirchenvätern den Text zu kommentieren lernen. Auf das Stundengebet nach den Tageszeiten, auf scharfe Gedankenführung, Pflege der Gemütswerte und kluge Rede im Umgang wurde großes Gewicht gelegt« (Bauch, 35). Nach seinen Lernjahren wurde ihm im Kloster die Verwaltung der Küche anvertraut. 739 erhielt Sturmi die Priesterweihe. Dann ging er in die Seelsorge. »Es ging in Fritzlar wie auch anderwärts nicht mehr um die Heidenmission im Sinn der Heidenbekehrung, sondern um die religiöse Vertiefung einer nur oberflächlich für das Christentum gewonnenen Gesellschaft« (Bauch, ebd.). Um 741 verließ Sturmi das Kloster und ging – nach langen und vielleicht harten Debatten mit Bonifatius – als »Eremit« in die »Buchonia«, wie die riesige Waldeinöde in Hessen damals genannt wurde. Einsiedler: Waldeinsamkeit und völlige Weltabgeschiedenheit ist dabei heute mitgedacht, ebenso wie Gebet und Askese. Nun, Sturmi hatte zwei Mönchsgefährten dabei und die Buchonia war von Fernstraßen durchzogen und sicher nicht menschenleer. Und bald rief ihn Bonifatius wieder zurück und gab den Auftrag, in der Buchonia den geeigneten Platz für ein neuzugründendes Großkloster zu finden. Ein Gelände namens Eihloh (Eichwald) erwies sich als geeignet. Es war schon merowingerzeitlich besiedelt gewesen, aber im Gefolge der Sachseneinfälle wieder zur Wüstung geworden. Hier errichtete Bonifatius circa 744 das Kloster Fulda. Die Ordensregeln des Ordensgründers Benediktus sollten hier strikt, gar verschärft eingehalten werden. So war als Getränk nur Dünnbier erlaubt, während die Regula Sancti Benedicti – mittelmeerischen Gepflogenheit folgend – den Weingenuß gestattete. 747 reiste Sturmi nach Italien. Er suchte dort andere Klöster des Beneditinerordens auf, vor allem Monte Cassino, das alte Stammkloster. »Dort besaß man die Urschrift der Ordensregel ... Für Fulda sollte die treueste Beobachtung der Regel gesichert werden« (Bauch, 40). Daraufhin erwählte Bonifatius Sturmi zum Fuldaer Abt. Unter seiner straffen Regentschaft wurde das Waldgebiet gerodet und erschlossen und die Ansiedlung von Bauern begann. Zahlreiche Schenkungen erweiterten die wirtschaftliche Basis des Klosters. Eine Schule wurde errichtet und eine Schreibstube ins Leben gerufen, der man in den Folgejahren wichtige Codices verdankt. 751 wurde Fulda der Bischöflichen Oberaufsicht entzogen und dem Papst direkt unterstellt (Exemtion). Karl der Große gab schließlich 774 dem Kloster »die Immunität, das heißt das Gebiet und der Besitz des Klosters wurden der Botmäßigkeit der königlichen Beamten ebenso wie jener der mächtigen Grundherren entzogen. Außerdem erhielt die Abtei das Recht der freien Abtswahl. Diese garantierte dem Konvent in der Nachfolgerfrage die Unabhängigkeit der Entscheidung« (Bauch, 43). Unter Sturmis Leitung hatte das Kloster Fulda 400 Mönche. Da tauchten bald nach Bonifatius Tod unerwartete kirchenpolitische Schwierigkeiten auf. Der Mitarbeit und Nachfolger auf dem Mainzer Bischofsstuhl, Lul erhob Anspruch auf Fulda-. Auch wurde Sturmi der Parteinahme für die Agilolfinger beschuldigt. Der Frankenherrscher Pippin schickte ihn in das Kloster Jumiéges am Unterlauf der Seine in die Verbannung. (Jumiéges soll auch der Ort der Klosterhaft von Tassilo III., des letzten Bayernherzogs der Agilolfingerdynastie sein). Vor allem das entschiedene Engagement seiner Mönche brachte Sturmi wieder Freiheit und politisches Ansehen zurück. 778 brachen sächsische Stammesverbände in das Fuldaer Gebiet ein. Sturmi organisierte – als für damalige Zeiten alter Mann – die erfolgreiche Verteidigung. Jetzt zeigte sich, daß die Kräfte des alternden Mannes verbraucht waren. Der Kaiser stellte ihm seinen Leibarzt namens Wintar zur Verfügung. Dieser mühte sich vergebens. Sturmi starb am 17. Dezember 779 unter dem Gebet und der Fürbitte seiner Mönche. Beigesetzt wurde er in der von ihm erbauten Salvatorkirche.

Nachleben und Verehrung

Sturmi fand in seinem Neffen und vierten Nachfolger als Abt Eigil einen Biographen, der das Leben des Heiligen präzise und realistisch schildert und somit in einer an schriftlichen Quellen armen Zeit ein wichtiges Dokument liefert. 1139 wurde Sturmi zur Ehre der Altäre erhoben. Seine Verehrung wurde besonders in den bayrischen Benediktinerklöstern und in den Diözesen Würzburg, Paderborn und natürlich Fulda hochgehalten. Heute wird sein Fest am 17. Dezember, seinem Todestag, noch feierlich in der Fuldaer Diözese begangen. Die Diözese München gedenkt seiner am 16. Dezember.

Literaturnachweis:
Bauch A.: Der heilige Sturmi, erster Abt von Fulda.
In Schwaiger Gg. (Hg): Bavaria Sancta. Zeugen christlichen Glaubens in Bayern. Bd. III. Regensburg, 1973, Se. 33-47.
Hausberger K./Hubensteiner B.: Bayerische Kirchengeschichte. München 1985.
Schulze H. K.: Vom Reich der Franken zum Land der Deutschen Merowinger und Karolinger. Berlin 1987.

Christoph Bauer



3/2001