Jahrgang 2006 Nummer 50

Aberglaube in der Advents- und Weihnachtszeit

Die Rauhnächte bringen die längsten und finstersten Nächte des Jahres und die Wintersonnenwende

Was uns heute unverständlich ist: Die Advents- und Weihnachtszeit erlebten die Menschen auf dem Land früher als unheimlich und furchterregend. Es war eine Zeit voller Ängste, denn nach dem Glauben unserer Vorfahren waren die Nächte um die Jahreswende voll von bösen Geistern. Es sind die Rauh- oder Rauchnächte, die »Zwölften« zwischen der Christnacht und der Nacht vor dem Dreikönigstag am 6. Januar. Regional unterschiedlich setzte man den Beginn der Rauhnächte auch auf den Thomastag am 21. Dezember fest.

In den Zwölften

Die Rauhnächte bringen die längsten und finstersten Nächte des Jahres und die Wintersonnenwende. Nach altem Volksglauben treiben in diesen Nächten vielerlei Dämonen ihr Unwesen und sind für Mensch und Tier besonders gefährlich. Der Glaube an die Existenz böser Geister ist uralt. Und daran hat sich bis heute wenig geändert, auch wenn sich die Formen des Aberglaubens gewandelt haben.

Die zwölf Rauhnächte wurden zu Rauchnächten, weil man dem üblen Treiben der bösen Geister durch Ausräuchern Einhalt gebieten wollte. Nach altem Brauch wurden in der Thomas- und Christnacht, in der Silvester- und Dreikönigsnacht die Wohnräume, aber auch die Ställe mit Weihrauch ausgeräuchert. Dieser Brauch, der nach dem Zweiten Weltkrieg etwas in Vergessenheit geraten ist, wird heute wieder gepflegt, sogar in städtischen Familien. Nach der festen Überzeugung unserer Ahnen waren die Zwölften die Zeit, in der die »Wilde Jagd«, das mysteriöse Geisterherr, sowie »Frau Bercht«, auch »Frau Holle« genannt, zu dunkler Nacht durch die Lüfte zogen. Und diese gefürchteten Unholde wollte man, regional recht unterschiedlich, mit viel Lärm und Vermummungen vertreiben.

Orakel in der Thomasnacht

Wie die Luziennacht war die Thomasnacht – bis zur Reform des kirchlichen Namenskalenders nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil das Namensfest des Apostels Thomas am 21. Dezember (jetzt am 3. Juli) – voller Geheimnisse und Rätsel. In dieser längsten Nacht des Jahres trieb eine Schreckgestalt ihr Unwesen. Es war der »bluadige Damerl«, der die Menschen ängstigte. Die Kinder fürchteten sich vor dem »Thama mit’m Hama«, der in der Oberpfalz während der Nacht durch die Straßen und Gassen zog und an Fenster und Türen pochte. Warum gerade der Apostel zum Kinderschreck gemacht wurde, hängt mit dem Termin seines Namensfestes zusammen. Und auch das gehörte zum Thomastag: An diesem Tag wurde die Mettensau geschlachtet, das Schwein, das für die Weihnachtszeit gemästet wurde.
Seit alters her galt die Thomasnacht als Losnacht, in der man einen Blick in die Zukunft tun konnte. Die Kirche kämpfte ziemlich erfolglos gegen diesen Aberglauben. Vor allem die heiratswilligen Mädchen wollten erfahren, ob sich im nächsten Jahr ein Hochzeiter einstellen werde. Und so dachten sie sich mancherlei Techniken aus, um den Schleier über der Zukunft etwas lüften zu können. Besonders beliebt war das Pantoffelwerfen: dabei warfen sich die Mädchen einen Pantoffel über die Schulter. Aus der Richtung, in der die Schuhspitze zeigte, schlossen sie, ob sie im nächsten Jahr vor den Traualtar treten werden.

Eine andere Methode der Zukunftsbefragung war das Bettstatt-Treten. Dabei mussten die Mädchen um Mitternacht folgenden Vers herunterleiern:

»Bettstatt, i tritt di,
heiliger Thomas, i bitt di,
lass mir erscheinene
den Herzallerliebsten meinen.«

Perchtenumzüge

Sehr gefürchtet war auch Frau Percht, die in den zwölf Rauhnächten durch die Gassen schleicht und in die Häuser schaut, ob in den Stuben auch fein gesponnen wird. Die Percht, auch Berchta, ist die süddeutsche Ausprägung der mitteldeutschen Frau Holle: Beide gehörten zum Dämonenheer, traten aber auch als Einzelwesen auf, besonders in Bayern, Österreich und der Schweiz. Sie sollten zudem die Anführerinnen des Heeres der armen Seelen und der ungetauft verstorbenen Kinder sein.

Bei Frau Percht und Frau Holle handelt es sich keineswegs um heidnische Gottheiten aus vorchristlicher germanischer Zeit, sondern um die Personifikation von Sünden und Lastern, der Sündhaftigkeit. Dieser Gedanke begegnet uns auch im Fastnachtbrauchtum in den närrischen Figuren, die der Erlösung bedürfen. Die dämonischen Gestalten haben also eine tiefe religiöse Bedeutung.

Der Glaube an die Percht trieb recht sonderbare Blüten, die uns heute unverständlich sind. So achtete man darauf, dass am Heiligen Abend, dem »Bachltag«, Haus und Hof gesäubert und das Vieh früher als sonst versorgt war, denn bei Dunkelheit vom Brunnen geholtes Wasser galt als schädlich. Weit verbreitet war auch die Vorstellung, dass man der Frau Percht ein Speiseopfer bringen müsse. Deshalb wurde früher ein Kuchen gebacken, der vor die Tür gestellt wurde. Diesen durften sich die Armen des Dorfes abholen. Auf das Fensterbrett stellte man Nudeln und Brote, die für die Seelen der Verstorbenen gedacht waren, ein Gedanke, der uns auch im Allerseelenbrauchtum begegnet.

Die Percht gab den Anstoß zu vielen Bräuchen, die bis heute lebendig sind oder in jüngster Zeit wieder neu gepflegt werden. So ziehen in manchen Orten des Alpenraums junge, furchterregend maskierte Burschen in der Thomas- und Dreikönigsnacht in Gruppen lärmend durch die Straßen und Gassen. Nach altem Brauch wollen sie mit ihren Umzügen böse Geister vertreiben. In Kirchseeon, Penzberg und Bayerbach (in Niederbayern) knüpfte man nach dem Zweiten Weltkrieg an alte Traditionen an. Ein Zentrum des Perchtenlaufes ist das benachbarte Salzburger Land mit Pongau, Pinzgau, Ausseer Land und Salzkammergut.

Von den Bräuchen der zwölf Rauhnächte ist heute nur noch das Ausräuchern am Heiligen Abend und am Dreikönigstag sowie das Bleigießen und das Schießen in der Silvesternacht bekannt. Das weihnachtliche Ausräuchern der Wohnräume und Stallungen mit geweihtem Weihrauch gehört nicht nur auf dem Land zum festen Brauchtum. Mit dem geweihtem Rauch sollen alle bösen Geister, Krankheit und Unglück ferngehalten werden. Hier verbinden sich magisches und christliches Denken. Wie so oft, schwingt auch im Brauchtum der Rauhnächte eine Portion Aberglaube mit. Albert Bichler


Entnommen aus dem Buch »Kommt die Heilige Nacht« von Albert Bichler.



50/2006