Jahrgang 2006 Nummer 41

»A gscheiter Kirta dauert bis zum Irta ...«

Bis 1866 wurde in Bayern Kirchweih noch gefeiert, wie es gefallen ist

Vergnügte Heimkehr von einem oberbayerischen Kirchweihfest. Herbstliches Schönwetter umhüllt das Land mit mildem Sonnenschein. D

Vergnügte Heimkehr von einem oberbayerischen Kirchweihfest. Herbstliches Schönwetter umhüllt das Land mit mildem Sonnenschein. Der Blick über den idyllischen Waldweg zeigt das Dorf mit der Kirche. Dirndl und Burschen tragen die Tracht des 19. Jahrhunderts. (Ölgemälde von Lorenzo Quaglio aus dem Jahre 1838)
Am dritten Sonntag im Oktober wird Kirchweih gefeiert, »Allerweltskirchweih«, wie dieser Tag vom Volksmund auch betitelt wird. Denn längst nicht überall ist dieser Tag im Herbst auch der Jahrestag der Weihe des jeweiligen Gotteshauses. Praktisch-pragmatische Gründe haben diesen Feiertag hervorgebracht. Bis 1866 wurde in Bayern in Städten und Dörfern Kirchweih noch gefeiert, wie es gefallen ist: jedes Jahr am Datum der Weihe, in der Regel am Sonntag vor- oder nachher. Und eben nicht nur am Sonntag, sondern auch schon mal bis Mittwoch. Nichts anderes meint die altbayerische Redensart vom Kirta: »A gscheiter Kirta dauert bis zum Irta – und es kunnt se schicka, a dirnmal bis zum Migga.«

Und da die Bevölkerung auch die Kirchweihfeste der Nachbarorte mitgefeiert hat, ist das der Obrigkeit dann zuviel geworden: die Dorfkirchweih wurde abgeschafft, bisweilen gar verboten. Dafür gab es noch die zentral angeordnete, einheitliche Feier am dritten Sonntag im Oktober. Theologische Gründe für diesen Kahlschlag in der Feiertagskultur im 19. Jahrhundert gibt es keine.

Paradoxerweise ist es heute die Vielzahl der Feste und Veranstaltungen im Lauf eines Jahres, die den Kirchweihtag vielerorts zur Pflichtübung degradiert haben. Denn es gibt ja auch noch das Pfarrfest im Sommer, den Pfarrball und -ausflug, das Feuerwehr- und Dorffest, Tage der offenen Tür, private und berufliche Gartenfeste. Dazu kommt, dass die Freude über ein eigenes Gebäude der Selbstverständlichkeit eben darüber gewichen und von Renovierungs- und Finanzierungssorgen getrübt ist. Selbst dort, wo Kirchweihbrauchtum lebendig ist, ist längst nicht immer klar, ob über schwungvoll aufbereitete Traditionen hinaus auch die Tatsache gefeiert wird, dass die Kirche Raum und Ort in unserer Gesellschaft hat.

Und dennoch: wenn die rot-weiße Fahne an diesem Tag von allen Kirchtürmen flattert, ist ein schöner Feiertag im Lauf des Kirchenjahres gekommen. Die Fahne übrigens wird »Zachäus-Fahne« genannt, in Erinnerung an den Zöllner Zachäus, der, wie im Festevangelium verkündet, extra auf einen Baum gestiegen war, um den vorübergehenden Jesus zu sehen. Ihm hat das besondere Interesse Jesu gegolten.



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