Jahrgang 2005 Nummer 51

300 Jahre Sendlinger Mordweihnacht

Über 1000 Bauern wurden niedergemetzelt

Wenn die bayerischen Gebirgsschützen am Alpenrand aufmarschieren, ist kein neuer Krieg zu befürchten. Ihre Karabiner haben keine scharfe Munition, mit den Waffen schießen sie lediglich Salut für verdiente Mitglieder oder Honoratioren des öffentlichen Lebens. Die Touristen zücken die Kameras, denn das farbenfrohe Bild der Männer im Rauschebart und in der Montur, wie die Gebirgsschützen ihre Uniformen nennen, wollen sie festhalten. Die Gebirgsschützen gehören zu Bayern wie das Bier und die Blasmusik.

In diesem Jahr gedachten 8000 Aktive von Bad Reichenhall bis Oberammergau des schwärzesten Kapitels ihrer Geschichte: In der Sendlinger Mordweihnacht wurden mehr als 1000 Bürger und Bauern beim Kampf gegen die kaiserlich-österreichische Besatzungsmacht regelrecht niedergemetzelt. Unter dem Motto »Lieber bairisch sterben als kaiserlich verderben« hatten sie sich zuvor gegen die immer schlimmer werdenden Repressalien der Besatzungstruppen zur Wehr gesetzt. Nach der Schlacht von Höchstädt am 13. August 1704 war das Kurfürstentum Bayern unter kaiserliche Verwaltung gekommen. Hohe Abgaben und Steuern waren die Folge, die kriegstauglichen jungen Männer des Landes wurden für die kaiserlichen Regimenter abgeworben.

Im Herbst 1705 regte sich in der Oberpfalz und in Niederbayern erster Widerstand. Im Oktober wurde die »Kurbayrische Landesdefension Unterlands« gegründet, die in kürzester Zeit die Innfestungen Burghausen, Braunau und Schärding einnahm. So reifte der Plan, auch die Hauptstadt München anzugreifen und die verhassten »Kaiserlichen« ganz aus dem Land zu vertreiben. Am 18. Dezember kam in Tölz die »Kurbayrische Landesdefension Oberlands« hinzu. Es sammelte sich eine bäuerliche Streitmacht von etwa 3000 Mann, nur dürftig bewaffnet und kaum ausgebildet. Nicht einmal ein Drittel hatte Gewehre, den meisten genügten Sense oder Dreschflegel als Waffe, die ganze »Streitmacht« verfügte über sechs kleine Geschütze.

Am Mittag des 24. Dezember 1705 traten sie dennoch den Marsch auf München an. Der Unterländer Defension versperrte ein kaiserliches Corps den Weg. Nach mehreren Scharmützeln, so die Überlieferung des grausigen Geschehens, waren die Oberländer Aufständischen im Münchner Stadtteil Sendling - damals ein Bauerndorf - völlig eingeschlossen. Ihr Kommandant Matthias Mayer erklärte unter Einsatz seines Lebens zwar dem Befehlshaber der Kaiserlichen die Kapitulation.

Als die Bauern sich aber auf einem Feld sammelten, stürzte die gegnerische Kavallerie am Morgen des 25. Dezember auf sie zu. Nur wenige überlebten das Gemetzel. Am Ende hatten über 1000 Oberlandler ihr Leben gelassen, 700 Verwundete kamen in Gefangenschaft. Der Sendlinger Mordweihnacht folgte am 8. Januar 1706 das noch schlimmere Massaker an den Bürgern und Bauern der Unterländer Defension. Bei Aidenbach starben mehrere tausend Aufständische.

Seitdem gedenken die Gebirgsschützen alljährlich am 24. Dezember am Oberländer Denkmal in Waakirchen (Landkreis Miesbach) ihrer gefallenen Krieger. Im Jubiläumsjahr 2005 gab es eine ganze Reihe von Veranstaltungen. Den Anfang machte am 23. April Bad Tölz. Nach einer Kranzniederlegung am Kriegerdenkmal im Kurhaus nahm Ministerpräsident Edmund Stoiber (CSU) an einem Festakt teil. Die bayerischen Regierungschefs sind seit langem eine Art Schutzherr der Gebirgsschützen. Stoiber selbst gehört der Kompanie im heimischen Wolfratshausen an und darf als Ehrenleutnant sogar einen Säbel tragen. Wohl fühlt sich der CSU-Chef in dieser Montur freilich nicht. Es ist Jahre her, seit man ihn das letzte mal darin gesehen hat.

PW



51/2005