Jahrgang 2006 Nummer 3

200 Jahre Pfarrei Reit im Winkl

Der erste Pfarrer Viktor Ponschab – ein bayerischer Patriot – Säkularisation und napoleonische Kriege – Teil II

Bau der neuen Pfarrkirche (1913).

Bau der neuen Pfarrkirche (1913).
Das neue Jahrhundert bringt den Reit im Winklern eine neue Pfarrkirche Bauherr Johann Genghammer - 31 Jahre Pfarrer im Ort. Der gebürtige Unterwössener Johann Genghammer kam mit 34 Jahren am 27. Juli 1901 als Pfarrer nach Reit im Winkl. Vorher war er Stadtpfarrer in Moosburg gewesen. Er wirkte hier bis 1932, lebte danach als frei resignierter Geistlicher bis zu seinem Tode am 3. Juli 1937 im Pürner-Haus und ist auch hier im Ort begraben. Der Gemeindeausschuss verlieh »ihm mit Wirkung vom 24. Juni 1918 anlässlich seines 25-jährigen Priesterjubiläums das Ehrenbürgerrecht.«(13) Pfarrer Genghammer, der sich gut mit den Reit im Winklern verstand und sie in seinen Predigten »meine lieben Pfarrkinder« nannte, war – wie er selbst schreibt – »von Anfang an klar, dass ihn das Los treffen sollte, den Bau der neuen Kirche durchmachen zu müssen«. Es gab auch unendlich viele Querelen, Sitzungen, Fahrten und Schreiben in den 10 Jahren der Vorbereitung bis zum Baubeginn 1911. Schließlich waren die Gemeindebürger bei seinem Amtsantritt noch der Meinung, es genüge, die Kirche auf einer Seite zu erweitern. Und das bei einem bis 1911 angesammelten Betrag von 82 000 Reichsmark des Kirchenbauvereins. Da hatten der Pfarrer als Vorstand und sein Kassier Josef Lehrberger, den er als »unermüdlichen Förderer« sehr lobte, gewiss das Ihre dazu beigetragen. Auf Siege folgten Niederlagen. Die Gemeindeversammlung war ihm übrigens am liebsten. Da konnte er mit seiner Beredsamkeit fast immer überzeugen. Die wohl schlimmste Niederlage, die er erleben musste, war die Sache mit dem Bauplatz. 1905 hatte die Gemeindeversammlung nach seinen Darlegungen geheim abgestimmt und mit 82 Stimmen den von ihm favorisierten Bauplatz beim Kaufmann Pürner bestimmt. Drei Jahre später, 1908, wurde diese Entscheidung umgestoßen und es blieb beim alten Platz zwischen den beiden Wirtshäusern. Das wurmte den Pfarrer gewaltig und er hielt für die Nachwelt fest: »Es war ein harter Schlag für den Pfarrer, und es soll auch ein Zweck dieser Zeilen sein, für alle Zeiten kundzugeben, dass es ganz gegen seinen Willen geschah, wenn die Kirche nun wieder zwischen zwei Gasthäusern hineingebaut wurde.«(14) Mit dieser Entscheidung waren der Bau einer Notkirche und die Verlegung des Hausbaches notwendig geworden. Beides geschah 1910 und 1911, während schon ab 1908 Baumaterial angefahren wurde. Der Abbruch der alten Kirche musste noch einmal »wegen der Sommerfrischler« – auch Max Planck, der berühmte Physiker, der von 1901 bis 1913 hier seinen Sommerurlaub verbrachte, war unter ihnen – auf den Herbst verschoben werden. Gleich nach Ostern wurde die Notkirche gebaut, die der Pfarrer – mit einem Hochgefühl – einweihte und das heilige Messopfer feierte.

Im Innern wurde schon im Sommer herausgeschlagen, was möglich war und pünktlich am 1. September begannen die Abbrucharbeiten. Das Wetter begünstigte in diesem Jahr den Neubau. Noch bis Mitte Dezember konnte gearbeitet werden, zuletzt wurden noch die Stangen für das Baugerüst gesetzt. Mitte April 1912 wurde weitergebaut und schon am 28. April fand die Grundsteinlegung statt, eine imponierende Feier mit viel Geistlichkeit und dem ganzen Dorf, natürlich auch den Vereinen und der Musikkapelle. Beim Weiterbau gab es leider viel Regen und auch Ärger, besonders mit dem Dach. Wegen der Kosten wollten einige Gemeindebürger ein Holzdach, der Pfarrer aber auf keinen Fall. So ließ er schon die verzinkten Eisenschindeln vom Dach der Notkirche auf das Dach der neuen Kirche verlegen, was ihm eine »riesige Nase« von der Regierung und dem Ordinariat eintrug. In diesem Jahr 1912 kam der Winter schon am 10. November und der Schnee blieb liegen. Am 10. Dezember fand das lang erwartete Probeläuten der Glocken statt; als die große Glocke erklang, standen »in manchen Augen Freudentränen«, wie der Pfarrer berichtete. Nur fünf Jahre erfreute das wunderbare Geläute die Reit im Winkler, dann musste es im dritten Kriegsjahr 1917 abgeliefert werden.

Endlich, nach fast einem Jahr weiteren fleißigen Arbeitens fand am 13. Oktober 1913 die Einweihung der neuen Pfarrkirche durch den Münchner Weihbischof Neudecker statt. Nicht alles war bis zu diesem großen Festtag für das ganze Dorf fertig geworden. Der Pfarrer führte genau Buch und schreibt: »Zur Zeit der Kircheinweihung war die innere Einrichtung der Kirche vollständig mit Ausnahme der Kanzel, der Figuren auf dem Hochaltar und der Seitenaltarbilder.(15)

Bei der Einweihungsfeier erklang auch die ebenfalls angeschaffte neue Orgel zum ersten Mal und der
Kirchenchor, verstärkt durch Grassauer Sänger, führte eine »herrliche Messe« auf. Hier wird im übrigen der Kirchenchor zum ersten Mal erwähnt, der seither die Gottesdienste vor allem an der Hochfesten musikalisch hervorragend umrahmte und besonders seit der Stabführung Rektor Hartinger’s (er gehörte dem Kirchenchor von 1926 bis 1977, davon 43 Jahre als dessen Dirigent) an. Manfred Zeus leitet nun schon wieder einige Jahrzehnte den Kirchenchor und führt – wie sein Vorgänger – die Messen der großen Meister auf. Hinzu kamen die Kirchenkonzerte, die auch heute noch bei Fachleuten Anerkennung finden.

Pfarrer Wiesheu – Seelsorger in schwerer Zeit

Als der 1887 geborene Johannes Wiesheu als Nachfolger des Kirchenerbauers von Garching an der Alz als Pfarrer nach Reit im Winkl kam, standen in Deutschland die Zeichen auf Sturm und die Machtübernahme Hitler’s als Reichskanzler am 30. Januar 1933 vor der Türe. Einigen Schutz bot der katholischen Kirche das schon im Juli 1933 in Rom abgeschlossene Reichskonkordat zwischen dem Deutschen Reich und dem Vatikan, das immerhin den Katholiken im Reich u. a. die Freiheit der Religionsausübung zusicherte.

Doch dieser Vertrag war offenbar das Papier nicht wert, auf das er geschrieben war. Die Schikanen gegen kirchliche Einrichtungen nahmen zu und die Verbote katholischer Organisationen ebenfalls. Pfarrer Wiesheu trat mutig für die Bekenntnisschule ein, als sie 1937 abgeschafft wurde und ging auch ins Gefängnis für seine Überzeugung. »Schutzhaft« nannte die Gestapo solche Maßnahmen. Das KZ blieb dem Pfarrer immerhin erspart, der mit einer Amnestie verbundene Anschluss Österreichs 1938 an das Reich rettete ihn gerade noch davor. Als 1941 die Kreuze aus den Schulen entfernt werden sollten, erhielt der Pfarrer, der sich, wie seine Amtsbrüder in den meisten bayerischen Pfarreien, dagegen wehrte, so massive Unterstützung von der Bevölkerung, dass diese kirchenfeindliche Maßnahme unterblieb. Das Kriegsjahr 1942 brachte – wie schon 1917 – die Ablieferung der Kirchenglocken zum Einschmelzen für Kanonen. Dabei gelang es dem Pfarrer mit List, die zweitgrößte vor der Wegnahme zu retten. Acht Jahre später erhielten die Reit im Winkler dank der Spendenfreudigkeit der Bevölkerung ein neues Geläute. Die Kriegsjahre waren nun vorüber und Pfarrer Wiesheu führte als erstes 1947 eine einwöchige Volksmission durch. Der Mut, den der Pfarrer in den zwölf Jahren der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft bewiesen hatte, sollte sich lohnen. Drei junge Reit im Winkler folgten seinem Beispiel und wurden Priester (Pater Ganser 1949 und die Theologiestudenten Korbinian Lehrberger 1951 sowie Karl Harrer 1953 feierten nacheinander Primiz im Ort). Pfarrer Wiesheu war nicht nur ein vielseitiger Gelehrter – anerkannter Geologe und Botaniker – der 1953 das Gletschermühlenfeld am Wimmerkreuz entdeckte – und Bibelwissenschaftler, der ein zweibändiges Werk als Fortbildungsleiter für Religionslehrer schrieb, er war auch sehr musikalisch, leitete im Krieg zeitweilig den Kirchenchor und bildete den 62 Jahre alten seit 1942 als Organisten tätigen Alois Stockklauser an diesem Instrument aus. Auch in der Pfarrei tat sich unter seiner Leitung noch allerhand nach dem Kriege. 1952 wurde der Friedhof erweitert und ein Leichenhaus erbaut, 1957 erhielt die Kirche eine Ölheizung und wurde im Pfarrhaus eine Wohnung ausgebaut, die er ein Jahr später nach seiner Freiresignation bezog. Ein Jahr bevor er 1964 starb, feierte der inzwischen zum Geistlichen Rat ernannte Johannes Wiesheu 1963 in einer großen Feier sein 50-jähriges Priesterjubiläum. Sein Kurskollege und einstiger KZ- Häftling, Weihbischof Dr. Johannes Neuhäusler, hielt ihm die Festpredigt.

Pfarrer Andreas Gruber - Bauherr und hervorragender Prediger

Nur zehn Jahre, von 1958 bis 1968 war Pfarrer Andreas Gruber hier im Ort. Er kam vom Spätberufenenseminar Waldram bei Wolfratshausen, dessen Leiter er jahrelang war. In den zehn Jahren seiner Reit im Winkler Zeit betätigte sich der neue Pfarrer nicht nur als Bauherr und Restaurator, sondern auch als Sammler kaum für möglich gehaltener, hoher Spenden seiner Gemeindebürger und Pfarrkinder und war schließlich ein vorzüglicher Reiseleiter, der seiner Pfarrei auf erlebnisreichen Fahrten die heiligen Stätten der Christenheit in Rom und Jerusalem mit seinem großen Wissen nahe brachte. Für seine Bautätigkeit genügen Stichworte: 1961 entstand in rund einhalbjähriger Bauzeit das Pfarrjugendheim (Kosten rund 133 000 DM); Renovierung bzw. Neugestaltung der Pfarrkirche 1962 (Kosten rund 1850 000 DM – einschließlich einer neuen Orgel, die Spenden der Gemeindebürger betrugen insgesamt ca. 85 000 DM.); rastlos ging es weiter ab 1962 mit dem Bau einer Kirche »Sankt Johann im Gebirg« auf der Winklmoosalm. Ein Streit mit dem Almbauern verzögerte den Baubeginn bis 1964, dann aber entstand auf dem Hausenhügel an der Stelle des Bergkreuzes ein sehr modernes Bauwerk mit Pultdach und gläserner Front, das 95 Sitzplätze und 100 Stehplätze enthielt. Kardinal Döpfner weihte im Sommer 1966 persönlich diese Winklmooskirche ein (der Pfarrei entstanden keine Kosten, die trug das Ordinariat).(16) Was
geschah noch alles in seiner Amtszeit? Kaum angekommen, gestaltete Pfarrer Gruber 1960 einen »Englischen Garten«, eine schöne Parkanlage, mit seinen Schülern aus Waldram im Anschluss an den Friedhof. Im Sommer 1960 firmte in der Reiter Pfarrkirche Weihbischof Dr. Johannes Neuhäusler 286 Firmlinge aus den Pfarreien Reit im Winkl, Ruhpolding und Inzell.

Was Pfarrer Gruber 1960/61 leider abschaffte, war das Heilige Grab. Der seit 1977 hauptamtliche Mesner Georg Beilhack zeigt nun seit einigen Jahren auf dem Dachboden das wieder aufgebaute Heilige Grab in der Osterzeit, ebenso betreut er die schöne Krippe, die er 1985 von Frau Hartinger übernahm, die sie seit 1927 mit großer Liebe gestaltet hatte. Im Friedhof wurde 1964 ein neues Missionskreuz aufgestellt. 1963 war das Jahr eines dreifachen Jubiläums, das mit Weihbischof Dr. Johannes Neuhäusler gefeiert wurde: das 50-jährige Priesterjubiläum des Geistlichen Rates Johannes Wiesheu, die Kirche war ebenfalls 50 Jahre alt geworden und die Einweihung der neu gestalteten Pfarrkirche mit dem zum Volk gewandten Hoch-Altar, wie es das 1963 begonnene 2. Vatikanische Konzil verlangte. Der Weihbischof, Wiesheu’s Kurskollege und einstiger KZ-Häftling, hielt dem Jubilar die Festpredigt, aus der die Kirchenbesucher in der überfüllten Kirche noch einmal erfuhren, welch wissenschaftliche Koryphäe, aber auch, was für einen mutigen, weisen und demütigen Seelsorger sie gehabt hatten. Ein Jahr später, am Josephitag 1964, wurde der 77-jährige Geistliche Rat in die Ewigkeit abberufen.

Pfarrer Gruber feierte mit der ganzen Gemeinde an Ostern 1965 sein 25-jähriges Priesterjubiläum. 1965 wurde auf Anregung des Ortspfarrers von dem Schriftsteller Hans Heyck die Walmkogelhütte erworben und daraus seit 1966 das Jugendberghaus Walmkogel entstanden, das mit 30 Jugendlichen fleißig besetzt ist. Im Jahre 1966 erhielt die Gemeinde dank der Bemühungen ihres Pfarrers eine Pfarrbücherei. 1967 beging die Pfarrgemeinde die Ernennung Andreas Gruber’s mit 52 Jahren zum jüngsten Geistlichen Rat in der Diözese. Kurz vor seinem Weggang aus der Pfarrei fand 1968 die dritte Firmung mit 260 Firmlingen wieder aus den drei Pfarreien Inzell, Ruhpolding und Reit im Winkl statt. Wegen seiner angegriffenen Gesundheit musste Pfarrer Gruber leider schon 1968 die Pfarrei verlassen.

Edmund Bargon führt das Werk seines Vorgängers mit Elan fort

Am 1. November 1968 wurde der Nachfolger, Edmund Bargon, von Berchtesgaden kommend, als neuer Pfarrer von Reit im Winkl eingeführt. Er war 30 Jahre lang – bis 1998 – Seelsorger im Ort und verbringt seither seinen Ruhestand hier. In den 30 Jahren lernte er das Bergvolk schätzen und lieben, schließlich kam er ja auch aus einer gebirgigen Gegend, aus seinem Geburtsort Oberursel im Taunus. Nach seiner Installation ging er sofort an die Arbeit. Er schuf als erstes den Pfarrkindergarten mit Planung, Grundstückserwerb und einer Wohnung, 1971 fertig gestellt. Über 25 Jahre lang leitete diesen Gisela Huber, zur Zufriedenheit der Familien, die ihre Kinder dort in guter Hut wussten, Dann musste der Friedhof erweitert werden und Mitte der 70er Jahre stand eine neuerliche Renovierung der Pfarrkirche an (Kosten 380000 DM). Wenige Jahre später entstand das neue Pfarrzentrum, (Einweihung im Oktober 1980, Kosten rund 800 000 DM). Die dritte Renovierung der Pfarrkirche innerhalb von 30 Jahren führte Pfarrer Bargon 1992/93 durch. Sie war zugleich die teuerste mit 1,1 Millionen DM in der Geschichte der Pfarrei, allerdings auch die beste. Mit ihrer neubarocken Farbgestaltung, dem wunderbaren Marmorboden, der neu intonierten Orgel und zahlreichen anderen Verbesserungen ist die helle, freundliche Pfarrkirche nun ein Juwel geworden und ein schönes Geschenk, das der Pfarrer seiner Pfarrei hinterließ.

Die Neuerungen des 2. Vatikanischen Konzils der 60er Jahre setzte der Seelsorger zügig um. Obwohl er keinen Kaplan mehr erhalten hatte. Glücklicherweise kam Ende 1980 eine Persönlichkeit nach Reit, Professor Dr. Othmar Rink, der Pfarrer Bargon als zweiter Seelsorger zur Seite stand und eine Schriftenreihe ins Leben rief, die die 600-jährige Geschichte der Pfarrei, im ersten Band, den er zusammen mit dem Pfarrchronisten Dr. Ludwig Plank schrieb, vor den Augen der Gemeindebürger lebendig erstehen ließ. Anlässlich des 75-jährigen Bestehens der Pfarrkirche erschien dieser Band 1988.

Schon sein Vorgänger hatte noch 1968 einen Kirchenrat, den Vorläufer des unter Pfarrer Bargon gewählten Pfarrgemeinderates berufen. Auch eine Kirchenverwaltung, bestehend aus 6 Männern und Frauen, die das Stiftungsvermögen des Pfarrwidums und die Gelder für die Restaurierungsarbeiten an der Kirche zu verwalten hat, ist laufend tätig. Hier ist vor allem der Bankfachmann Hans Huber, zu nennen, der diese Tätigkeit über 40 Jahre ausübte und dafür einen päpstlichen Orden vor wenigen Jahren erhielt. Bargon aktivierte auch die Pfarrjugend, die mit 50 Mitgliedern neben der größten, der Frauengemeinschaft mit 300 Mitgliedern, die 1989 ihr 60-jähriges Jubiläum feierte, eine beachtliche Gruppe darstellte. Nicht zu vergessen ist hier die neu erstandene Schola, die unter Leitung des Rektors Helmut Lermer die Jugend- Gottesdienste gestaltete. Und der Kirchenpfleger Hubert Lehrberger, der dieses Amt seit 1965 24 Jahre lang ausübte. Er kümmerte sich um den Zustand der Kirche und legte Pfarrer und Kirchenverwaltung nahe, Restaurationsarbeiten in die Weg zu leiten, wenn es ihm notwendig erschien: Seit den 70er Jahren gab es in der Pfarrei auch Diakone, Katecheten, Pastoralassistenten und Gemeindereferenten. So kam 1980/81 der Katechet Hans-Josef Schmitz hierher, der auch heute noch als Religionslehrer tätig ist. Katecheten, Diakone und Gemeindereferent(innen)en wechselten in kurzen Abständen.

1989 fand auf der Winklmoosalm die erste Motorradweihe statt, bis zu 900 Fahrer kamen aus ganz Deutschland zu dieser Feier. Einen Treffpunkt A, an dem gleich über 100 betagte Mitbürger teilnahmen, richtete er als weitere Neuerung ein. Auch ein Pfarrfest und mehrere andere gesellige Veranstaltungen, so die seit seinem Vorgänger bestehenden, mehrtägigen Pfarrfahrten, an denen die ganze Gemeinde beteiligt war, organisierte er ebenfalls. Herausragend war die 1977 – fast zweihundert Jahre nach der einstigen – wieder ins Leben gerufene Pfarrwallfahrt nach Maria Kirchental, die zusammen mit der seit 250 Jahren bestehenden Wallfahrt nach Klobenstein und Maria Eck, den Kreuzgängen nach Fieberbrunn und den Bittgängen alljährlich im Mai zum kirchlichen Ritual gehören. Der Erzbischof von München und Freising, Friedrich Kardinal Wetter firmte am 6. Mai 1989 in der Pfarrkirche 40 Buben und Mädchen aus Reit im Winkl. Ihr 250-jähriges Jubiläum in der Pfarrei beging 1995 die Bruderschaft der Allerheiligsten Dreifaltigkeit, die auch heute noch bei allen Prozessionen und Umzügen in ihren Kutten mit dem Skapulier geschmückt, das Allerheiligste begleiten. Diese Bruderschaft zählte nach der Gründung im Jahre 1745 über 1000 Mitglieder. Sie war reich und sandte jedes Jahr 300 Gulden nach Rom, die zur Befreiung von Gefangenen in islamischen Ländern verwendet wurden.

Der Priestermangel führte 1997 zu einer interessanten Neuerung: die Einführung von Wortgottesdienstleitern, die sicher von Pfarrer Bargon begrüßt wurde, der ein Jahr zuvor durch dessen plötzlichen Tod seinen Mitseelsorger Professor Rink verloren hatte.

Am 1. Fastensonntag stellte Ordinariatsrat Ludwig Scheiel der Pfarrgemeinde fünf Männer und Frauen vor, die künftig auch ohne Geistliche in Andachten, Gebetsstunden und auch in Eucharistie-ähnlichen sonntäglichen Feiern amtieren und Kommunion austeilen durften. Die Teilnehmer an diesen Wortgottesdiensten erfüllten auch »kirchenrechtlich die Sonntagspflicht«, betonte der Ordinariatsrat. Beauftragt wurden von ihm: Gemeindereferentin Elfriede Göbel, Gisela Huber, Hans Schmitz, Kaspar Speicher und Josef Wolf.

Auch Pfarrer Bargon konnte zwei Primizianten feiern. Die zwei Brüder Wolfgang 1989, der heute bereits Domkapitular ist, und 1998 Christoph, Söhne der rührigen, in der Pfarrei sehr aktiven Familie Huber, schritten am Grünbühel, begleitet von mehreren tausend Gläubigen, zum Primizaltar. Vieles wäre aus seiner 30jährigen Tätigkeit noch zu berichten, nicht zuletzt, dass er in seiner karg bemessenen Freizeit ein begeisterter Jäger war. Dies und dazu seine Geselligkeit sowie seine gerade Art, zu sagen, was er denkt, machten ihn den Reit im Winklern so sympathisch. Deshalb freuten sie sich, als sie hörten, dass er seinen Ruhestand im Ort verbringen wollte. Von Dank wollte er freilich nicht viel wissen, wie er im Herbst 1998, bei seiner Verabschiedung mit einem Bibelwort sagte: »...und wenn ihr alles getan habt, was euch aufgetragen wurde, dann sollt ihr sagen: Wir sind in den Dienst genommen, wir haben unsere Schuldigkeit getan.«(17)

Pfarrer Josef Preis war nur eineinhalb Jahre Seelsorger im Ort

Viel zu früh war der Nachfolger von Edmund Bargon, Pfarrer Josef Preis mit 46 Jahren nach einer Amtszeit von knapp eineinhalb Jahren, von Oktober 1998 bis zum Karfreitag 2000, in die Ewigkeit abberufen worden. Schwer war sein Weg zum Priester gewesen. Auf dem Umweg über die Lehre als Industriekaufmann kam der 1953 in Heimenkirch als erstes von fünf Kindern geborene »Sepp«, wie ihn seine Freunde nannten, zum Einstieg in seine eigentliche Bestimmung, den Priesterberuf. 1972 ging er in das Spätberufenenseminar nach Waldram, um sein Abitur nachzuholen. Das Studium der Philosophie und Theologie folgten in München und Innsbruck. Im Dom zu Freising wurde er mit 30 Jahren, am 25. Juni 1983, zum Priester geweiht Nach der Feier des ersten heiligen Messopfers in seinem Allgäuer Heimatort folgten drei Kaplansjahre in Berchtesgaden, danach zwei Jahre Jugendpfarrer im Landkreis Berchtesgaden. Schließlich wirkte er zehn Jahre als Pfarrer in Prien am Chiemsee, ehe er seine Endstation, die Pfarrei Reit im Winkl übernahm.

Nach den dauernden Aushilfen während des Interregnums bis zur Neubesetzung der Pfarrei empfing die Pfarrgemeinde den Seelsorger mit herzlicher Freude und offenen Armen.

Mit großer Begeisterung und vielen Ideen ging Josef Preis ans Werk und auf die Menschen in der Pfarrei zu. »Geh deinen Weg, schau was du willst und kannst und versuche es umzusetzen.« Man merkte, dass er dieser seiner Devise folgte. Trotzdem war er kein Individualist, sondern einer, der die Gemeinschaft suchte und immer helfen wollte. »Ich will, dass es allen gut geht«, meinte der Idealist und half selbst, so gut er konnte. Im Ort sammelte er sofort so viele Mitarbeiter um sich, wie es nur ging. Und alle ließen sich von seiner Begeisterung anstecken: Gottesdienstleiter für Erwachsene, für Jugendliche und Kinder, für Lektoren, Kommunionhelfer und Ministranten. Letztere waren seine besondere Freude. Er sah ihren Dienst als Hinführung junger Menschen in das Leben der Pfarrgemeinde

Er wusste, Verantwortungsbewusstsein zu wecken und nahm seine ehrenamtlichen Helfer in die Pflicht. Er wusste auch zu fordern, weil »christliches Leben keine Halbheiten duldet«.– Sie verstanden ihn und nahmen ihm besonders im letzten Jahr seiner schweren Erkrankung ungefragt vieles ab. Bis zuletzt feierte er, der Hochmusikalische mit schöner Singstimme, wunderbare Festgottesdienste mit Messen der großen Meister und dem ausgezeichneten Kirchenchor unter der Stabführung von Manfred Zeus, begleitet vom Orchester. Der Pfarrgemeinderatsvorsitzende Kaspar Speicher traf bei der Trauerfeier den Nagel auf den Kopf, wenn er im Namen aller ehrenamtlichen Mitarbeiter im Kirchendienst die Begeisterungsfähigkeit, die von Pfarrer Preis ausging, so würdigte: »Wir durften ihn nur eineinhalb Jahre haben. Aber vom Ministrantendienst bis zum erwachsenen Helfer hat er es geschafft, Ideen und Freude in unsere Gemeinschaft einzubringen. Pfarrer Preis duldete keine Halbheiten. Sein Name in der Tafel am Reit im Winkler Priestergrab wird uns immer an ihn erinnern.«(18)

Fast eineinhalb Jahre war die Pfarrei nach dem Tode von Pfarrer Preis wieder verwaist, hatte aber in dem afrikanischen Priester Ikechukwu Eze einen gut Deutsch sprechenden und sehr lebendigen, jungen und recht musikalischen Geistlichen. Am 23. September 2001, einem Sonntag, führte Dekan Bernhard Lammerding vom Dekanat Traunstein dann den neuen Pfarrer Johann Spiolek in sein Amt ein. Der 1943 in Oberschlesien geborene Priester verbrachte seine Priesterzeit nach der Primiz 1967 in Beuthen bis 1985 in Polen, zuletzt als Pfarrer von Großkarlowitz und übersiedelte dann nach Deutschland, wo er 13 Jahre Pfarrer in Großkarolinenfeld und seit 1998 Pfarrer in Rosenheim, Sankt Hedwig, war. Er hatte sich selbst um die Reit im Winkler Pfarrei beworben, was bei der Einführung vom Pfarrgemeinderatsvorsitzenden Walter Petersen und dem neuen, seit April 2001 amtierenden Kirchenpfleger Klaus Mühlberger anerkennend vermerkt wurde in ihren Begrüßungsreden. Landrat Jakob Strobl und Bürgermeister Franz Klauser hatten zuvor den neuen Pfarrer im schönen Bergdorf herzlich begrüßt und ihm viel Glück für seine Tätigkeit in diesem Ort mit einer aufgeschlossenen Bevölkerung und einem regen Vereinsleben gewünscht. In Konzelebration feierten die sechs anwesenden Geistlichen einen festlichen Gottesdienst, umrahmt vom Kirchenchor und dem Orchester. Sehr beeindruckend war der neue Pfarrer mit seiner Predigt und der klaren Aussage: »Ich komme, um zu dienen«. Und er fuhr fort: »Im Vertrauen auf Gottes Hilfe und auf Ihre Mitarbeit will ich die Arbeit meiner Vorgänger hier fortsetzen«. Noch bis Weihnachten amtierte hier der afrikanische Priester Eze, ganz zur Zufriedenheit der Pfarrgemeinde.

Pfarrer Spiolek verstärkte, wenn dies überhaupt noch möglich war, die sozusagen innerkirchliche Pfarrarbeit und griff dabei auf alle seine Helfer zurück. Das erste war die Aussendung der Sternsinger anfangs Januar 2003: diese Gruppe von rund 20 Buben und Mädchen sammelte unter der Leitung von Religionslehrer Hans-Josef Schmitz bis zu 4700 Euro in den folgenden Jahren für arme Kinder aus Afrika und Asien. Schon an Ostern seines ersten Amtsjahres führte er einen Kinder- und Jugendkreuzzug am Karfreitag ein. Eine weitere Neuerung waren vermehrte Krankenbesuche, Kindergottesdienste und die Familiensonntage, die in den folgenden Jahren regelmäflig fortgeführt wurden. Neu waren auch die Kapellenwanderungen, die ab Juli 2004 durchgeführt wurden. Am 20. Juli wurde im Pfarrkindergarten die Feier des 30jährigen Bestehens begangen. Im Kreise seiner vielen Helfer und Gruppen feierte der Pfarrer am 21. November 2003 seinen 60. Geburtstag.

Kurz zuvor leitete der Dirigent Manfred Zeus ein Kirchenkonzert des Kirchenchores mit Orchester und den einheimischen Solisten Susanne Calabro und Thomas Lehrberger, das von der voll besetzen Kirche begeistert aufgenommen wurde. Im März 2004 fanden vier ökumenische Bibelabende im Pfarrsaal statt unter dem Bibelwort als Motto: »Zorn und Zärtlichkeit«. Im Mai des gleichen Jahres feierte die Frauengemeinschaft ihr 75jähriges Bestehen und die Vorsitzende Annemarie Speicher dankte bei dieser Gelegenheit ihrer Vorgängerin Gusti Höflinger für die Jahrzehnte lange Arbeit an der Spitze der Gemeinschaft.

Da ist in erster Linie zu nennen der »Weltgebetstag der Frauen«, eine ökumenische Veranstaltung, die seit 1978 alljährlich im März durchgeführt wird. Im September 2004 fand unter großer Teilnahme der Bevölkerung die Einweihung der Entfeldener Kapelle »Die sieben Schmerzen Marien’s« statt, die mit Geldern aus dem Entfeldener Dorffest des Vorjahres und unter zweimonatiger Mitarbeit freiwilliger Helfer vom Unterbau bis zum Dach gründlich renoviert wurde; sie birgt kostbare Kunstschätze mit dem barocken Altar und den Fresken aus dem Jahre 1742. Nochmals erwähnt werden sollen die Kirchenglocken. Anlässlich einer Turmbegehung am 14. September 2004 gemeinsam mit Pfarrer Spiolek zeigt sich der Glockensachverständige, Kirchenmusikdirektor Gerald Fischer, höchst angetan von dem herrlichen Ton der Glocken und schreibt einen Monat später: »Ich kann Reit im Winkl zu seinem Geläute nurbeglückwünschen«. Nicht vergessen werden sollten noch zwei Ereignisse. Die Firmung im Juni 2004 für 46 Firmlinge, die der einheimische Domkapitular Wolfgang Huber feierte, und das umfassende Programm, das die Pfarrgemeinde für 20 kroatische Jugendliche eine Woche lang als Vorbereitung auf den Weltjugendtag im August 2005 veranstaltete.(19)

Nicht zuletzt daran ist zu erkennen, wie sich der rührige Pfarrgemeinderat unter seinem Vorsitzenden mit ganzer Kraft einsetzt für die gute Sache und schließlich bleibt auch noch der Pfarrer zu erwähnen, der es versteht, mit Geduld und Sanftmut das Ganze souverän zu leiten.

Dr. Ludwig Plank

Literaturhinweise
13 Der Chronist Hans Höflinger berichtet dies auf Blatt 4 seines Anhanges zur Geschichte
14 Pfarrchronik Bd.1, S.8
15 a.a.O., S.39
16 a. a. O., S.48 ff
17 Der Reit im Winkler, Heimatbuch, 1999, S.337
18 Pfarrchronik Bd.7, S.12.
19 a.a.O:, Bde 8 bis 13 ausgewertet
Verfasser: Pfarrchronist Dr. Ludwig Plank.


Teil 1 in den Chiemgau-Blättern Nr. 2/2006



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