Jahrgang 2006 Nummer 2

200 Jahre Pfarrei Reit im Winkl

Der erste Pfarrer Viktor Ponschab – ein bayerischer Patriot – Säkularisation und napoleonische Kriege – Teil I

Reit im Winkl 1860 (gezeichnet von Obermüllner)

Reit im Winkl 1860 (gezeichnet von Obermüllner)
Ein für die katholische Kirche in Bayern schreckliches Ereignis war die Säkularisation (Verweltlichung), ausgelöst durch den so genannten Reichsdeputations-Hauptschluss vom 25. Februar 1803, eine der letzten, vor allem aber schlimmsten Amtshandlungen vor der Auflösung des »Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation.« Dadurch wurde der katholischen Kirche in Bayern der gesamte Besitz weggenommen. Es handelte sich dabei um nicht weniger als über 160 Propsteien, Abteien und Klöster verschiedener Orden in Bayern »Entschädigt« wurde damit der bayerische Kurfürst und ab 1806 König Maximilian I. Joseph für den Verlust seiner pfälzischen Besitzungen, die er an Napoleon abtreten musste.

Ein Freiherr von Aretin, Bayerns berühmter »Bibliothekschlächter« reiste zu den über 100 Klöstern, um den Staat ihm alle wertvoll erscheinenden Handschriften und Inkunabeln (Drucke aus der Zeit vor 1500, deshalb sehr begehrt) zu sichern. Was er nicht als wertvoll erachtete, gab er von der Herrenchiemseer Bibliothek dem Papierfabrikanten Kaut oder verteilte es an die Bevölkerung. So wurde mit den 100 000 Bänden der weltberühmten Pollinger Bibliothek eine schlechte Straße gepflastert.(1)

Nicht wenig trugen zu der allgemeinen Unruhe die kriegerischen Ereignisse bei. Vom 1. bis 3. November 1805 fand eine siegreiche Schlacht der Österreicher am Pass Strub gegen die Franzosen und Bayern statt.(2) Drei Tage lang leisteten die Tiroler Schützen einer zehnfachen Übermacht erbitterten Widerstand und trieben die Bayern bis hinter Schneizlreuth zurück. Wenige Monate später wurde Tirol – aufgrund des Friedens von Pressburg - ab 22. Januar 1806 – bayerisches Staatsgebiet, das es bis 1814 blieb.(3) Im Jahre 1809 brach der Krieg erneut aus und dieses Jahr war ein besonders schlimmes, vom Kriegslärm erfülltes Jahr. Wieder war der Pass Strub heiß umkämpft. Wörgl, Unken, Schlachtorte. Die tapferen Tiroler mussten kapitulieren(4) und ihr Anführer Andreas Hofer wurde gefangen und in Mantua standrechtlich erschossen.

1805 wurde Reit im Winkl zur Pfarrei erhoben

War das vom Kriegslärm erfüllte Jahr 1809 das Jahr Andreas Hofers, so kam in diesem Jahr auch die Stunde des Reit im Winkler Pfarrers, der seit dem 19. Dezember 1805 der erste Pfarrer der an diesem Tage offiziell zur »königlich-bayerischen organisierten« Pfarrei erhoben worden war.(5) Die Urkunde musste also offensichtlich erst um den 1. Januar 1806 ausgestellt worden sein, denn erst ab diesem Zeitpunkt hatte der bayerische Kurfürst sich als König von Bayern titulieren lassen und war Bayern Königreich geworden. Der Staat war nunmehr der Gehalt zahlende Brotherr des Reit im Winkler Seelsorgers. Nicht diese Trennung, sondern schon die zwei Jahre früher erfolgte Säkularisation hatte die Pfarrei unabhängig gemacht von der Jahrhunderte lang bestehenden Verbindung zum Dekanat St. Johann und der Mutterpfarrei Kirchdorf- infolge der Auflösung des Bistums Chiemsee. Pfarrer Ponschab war schon seit 1803 im Ort, deshalb wusste er um die engen Verbindungen der Reit im Winkler und die vielen verwandtschaftlichen Beziehungen mit den Kössenern. Außerdem hatte er jahrelang schon versucht, durch Wort und Schrift die Tiroler von der anständigen »Bayerischen Sach« zu überzeugen. Das war nicht ungefährlich, denn auf die Verteilung von Proklamationen stand eine – »Lebensstrafe« und Ponschab wurde bei Missachtung dieser Anordnung »namentlich« die Festnahme angedroht. Furchtlos aber schmuggelte er weiterhin die »Boarische Zeitung«, wie ein Briefwechsel mit dem tirolerischen Hauptmann Blattl vom Vorposten Schmiedberg bezeugt.(6)

Kanonendonner vom Schmiedberg und Klausenberg empfing die Division Wrede (9 – 10 000 Mann), als sie am 16. Oktober in Reit im Winkl ankam. Pfarrer Ponschab sammelte die Gebirgsschützen des Ortes um sich und bot dem General an, seine Truppe auf Schleichwegen durch »umsichtige und gute Wegbegleitung« durchs Reit im Winkler Tal nach Kössen zu führen. Er bat in dieser Nacht des 16. auf 17. Oktober 1809 den General inständig, Kössen und seine Bevölkerung zu schonen und wies ihn darauf hin, dass die Einwohner beider Orte nie die Waffen gegeneinander erhoben hatten und miteinander verschwistert und verschwägert seien. »Von der Bitte des Priesters sichtlich beeindruckt, gab General Wrede strengste Anweisungen an seine Truppen. Er verbot jegliche Brandschatzung, Plünderung oder Misshandlung der Bevölkerung. Dieser Befehl wurde auch ausnahmslos eingehalten.(7) Der jetzt 38jährige Pfarrer Ponschab, der bis 1813 in Reit im Winkl blieb und dann durch Ämtertausch mit dem dortigen Pfarrer nach Inzell versetzt wurde, erhielt für sein »mutiges Eintreten und seine Unerschrockenheit« nicht nur den Dank der Kössener, sondern 1816 auch die silberne Verdienstmedaille des Königreiches Bayern.

1839 resignierte er aus Gesundheitsgründen blieb aber weiterhin bis zu seinem plötzlichen Tode am 2.Mai 1841 in St. Zeno. Wie beliebt er war, zeigt die überaus große Teilnahme an seinem Begräbnis. In der Chronik von St. Zeno ist über ihn zu lesen: »Er war ein echter Seelsorger und gewaltiger Verkünder des Wortes Gottes, deswegen aber kein Griesgram, sondern ein Freund einer guten Gesellschaft, ebenso der Gastfreundschaft, des Gesangs und der heiteren Laune.«(8)

Liberat Prummer kam durch Ämtertausch als zweiter Pfarrer nach Reit im Winkl. Nach zehnjähriger Seelsorge vertauschte mit 43 Jahren Pfarrer Ponschab plötzlich seine Pfarrei mit Inzell und dem dortigen Pfarrer Ernst Liberat Prummer, ebenfalls ein früherer Kanonikus von Kloster St. Zeno, der allerdings bei seinem Ämtertausch schon 63 Jahre alt war. Er wurde als »gelehrter und eifriger Priester, der die Einsamkeit liebte«, beschrieben und war trotz seines Alters noch 14 Jahre hier tätig. In seine Amtszeit fällt die Renovierung des Pfarrhauses, ein »bedeutender Baufall«, wie es in der Chronik heißt. Der Schulhausneubau beginnt 1826.

Bedeutsame politische Ereignisse waren der Abschluss eines Konkordates mit dem Heiligen Stuhl und 1817 der Erlass eines Religionsediktes, die beide 1818 in die neue bayerische Verfassung aufgenommen wurden. Pfarrer Prummer erlebte auch noch den Thronwechsel in Bayern 1825 und den neuen König Ludwig I. Zwei Jahre später starb er und wurde als erster Pfarrer in Reit im Winkl beerdigt.

Pfarrer Kurz nur kurz hier, aber sehr aktiv

Der Franziskaner aus Oberwittelsbach, Joseph Aaron Kurz, war von Februar 1827 bis Juli 1831 dritter Pfarrer im Ort, aber in seiner kurzen Amtszeit bemerkenswert aktiv. Er führte den von seinem Vorgänger begonnenen Schulhaus-Neubau bis 1829 zu Ende. Im gleichen Jahr erhielten die zwei »größeren Kapellen« am Eck und zu Entfelden einen Kreuzweg. Die Bitte um Ablässe für die beiden Kreuzwege wurde dem Pfarrer auch nach der Neuwahl des Papstes Pius VIII. allerdings abgeschlagen. 1831 legte der Pfarrer einen neuen Friedhof (der alte bestand fort) außerhalb des Dorfes an.

Volksmission unter dem vierten Pfarrer

Der vierte Pfarrer, Kajetan von Rogenhofer, kam 47 jährig von Osterhofen hierher und wirkte bis zu seinem frühen Tode am 4. August 1837 »soviel er nach seinen schwachen Kräften, aber mit gutem Willen vermochte«, wie der Chronist schreibt. So führte er 1834 eine Volksmission durch, die offenbar notwendig geworden war, gab es doch in den Vorjahren einen »Missbrauch« mit »Marienbildern« und gleichzeitig schwelte auch die »Mischehenfrage«, die zu oberhirtlichen Verlautbarungen führte, so eine kirchliche Verkündigung des Erzbischofs von München und Freising. Anzumerken aus seiner Amtszeit ist auch noch die Verlängerung verschiedener Ablässe, die Wahl geistlicher Vertreter für die Versammlung der Stände und von mehreren Legaten, u. a. für die Reparatur der Orgel und den Schularmenfonds. Schon 1835 hatte der Pfarrer »wegen seiner angegriffenen Gesundheit um einen Hilfspriester angesucht, dafür gab es aber keinen Fonds, wurde ihm mitgeteilt.

Anton Dötzkirchner war über 46 Jahre Pfarrer im Ort

Mehr als 46 Jahre wirkte der nächste und fünfte Pfarrer von Reit im Winkl, Anton Dötzkirchner, im Ort. Mit 42 Jahren kam der Kuratbenefiziat von Egertshausen in das abgelegene Dorf, in dem er begraben wurde, als er mit 89 Jahren am 6. August 1884 starb. Die Zeit der Restauration, in der er lebte, war durchaus nicht so ruhig und friedlich, wie man glauben möchte. Nicht zu vergessen ist das 1.Vatikanische Konzil von 1870, das wegen seines Dogmas von der Unfehlbarkeit des Papstes in Glaubensfragen zur Abspaltung der Altkatholiken in Bayern führte. Was wohl auch den Kulturkampf im Deutschen Reich schürte, war die Enzyklika »Quanta cura« von 1864 des Papstes Pius IX. in der er in einem berühmt gewordenen, Syllabus genannten Anhang, 80 Irrlehren des Liberalismus zusammenstellte. Auch in der Pfarrei geschah allerhand während der Amtszeit Dötzkirchners. So erfahren wir 1837 wiederum von einem »Befehl zu Mischehen« und von verschiedenen Weisungen in Einzelfällen, wie 1855 von der Mischehe einer Anna Stoffel und einem Einspruch dagegen. Im gleichen Jahr wird die Blindauer Kapelle gebaut und 1856 eingeweiht.1863 fand auch eine Volksmission statt. Dötzkirchner bittet in diesem Jahr – er ist 68 geworden – um einen Hilfspriester wegen eines »Augenleidens«. Ein besonderes Verdienst hat sich der Pfarrer mit der Anlage eines Familienbuches erworben. Darin sind von allen damals in der Pfarrei registrierten Einwohnern Daten über Herkunft, Trauung, Geburten und Sterbefälle zu finden.1854 wurde die Erlaubnis zum Bau eines neuen Seitenaltares und der Kanzel erteilt. Pfarrer Dötzkirchner hat auch schon an einen Neubau der Pfarrkirche gedacht, wie ein Hinweis in seinen Aufzeichnungen (auf S.3) belegt: »Die Pfarrkirche ist viel zu klein, allein zu einem Neubau fehlt es sowohl an Platz als auch an Geld«. Pfarrer Dötzkirchner erlebte auch die Anfänge des Fremdenverkehrs in Reit im Winkl. Den Auftakt bildete der Besuch des jungen Königs Maximilian II. mit seinem Gefolge und der beiden Dichter Franz von Kobell und Friedrich Bodenstedt auf seiner fünfwöchigen Alpenreise vom Bodensee bis Berchtesgaden am 20./21.Juli 1858.In seinem Bericht schrieb Franz von Kobell darüber: »Bis spät in die Nacht hinein unterhielten uns die liederkundigen Bewohner mit Gesang und Saitenspiel. Es wurde dem König schwer, von Reit im Winkl zu scheiden, wo es Sr. Majestät außerordentlich behagte.«(9) Zwei Jahre später kam der nächste illustre Gast, der Dichter Joseph Viktor von Scheffel. In den 70er Jahren des 19. Jahrhunderts kamen immer mehr prominente Gäste, als einer der ersten der Alpenforscher und Reiseschriftsteller Dr. Eduard Amthor, der durch seine Berichte den Ort zum »Geheimtipp« für viele prominente Sommerfrischler und später auch Ski fahrende Wintergäste machte.

Eines sollte unbedingt noch erwähnt werden: Pfarrer Dötzkirchner war ein begeisterter Sammler von seltenen Steinen und wanderte dazu viel in den heimischen Bergen. Der Chronist vermerkt dazu: »Er verwendete seine Mußestunden namentlich auf Mineralogie und Petrefarkten-Sammlung, wozu der tyrolische Berg Kammerkähr ihm viel Gelegenheit gab«.(10) Seine Sammlung von immerhin 800 Steinen wurde an das Bergamt nach München abgegeben und kam von dort später in die bayerische Staatssammlung für Paläontologie und historische Geologie. Vor der Zerstörung des Gebäudes der Alten Akademie 1944 waren die wesentlichen Teile der Dötzkirchneríschen Sammlung ausgelagert worden und sind so der Nachwelt erhalten geblieben.

Unter Pfarrer Lindemann wird der Kirchenbauverein gegründet

Sechs Jahre lang war in Reit im Winkl ein dauernder Wechsel der Priester. Schließlich übernahm im Januar 1889 Pfarrer Albert Lindemann – allerdings wieder nur für ein Jahr die Pfarrei. Den Anstoß zur Gründung gab bei der Installation des Pfarrers der Dekan Meixner von Haslach, der zugleich 100 Reichsmark als Grundstein für das Vereinsvermögen stiftete. Wenige Wochen danach wurde der – Katholische Kirchenbau-Verein Reit im Winkl« aus der Taufe gehoben. Dem Ausschuss, dem die Leitung des Vereins oblag, gehörten Pfarrer Lindemann als Vorstand, Josef Lehrberger als Kassier, sowie Johann Schlechter und Josef Blaser als Beisitzer an.(11) Der Verein hat immerhin in zwölf Jahren 17 800 Mark gesammelt, was allerdings bei weitem noch nicht für den zehn Jahre später begonnenen Neubau der Kirche reichte.

Der Kuppelturm brennt, die Kirche wird gerettet

Im Jahre 1891 wurde die Kirche nur mit knapper Not von der Kössener Feuerwehr davor bewahrt, ein Raub der Flammen zu werden. Der neue Pfarrer Johann Kühbeck war an diesem 19. Juni 1891 noch kein halbes Jahr im Amt, als der 1720 aufgeführte Kuppelturm abbrannte und das Geläute vernichtet wurde. Er amtierte hier über das Jahrhundert hinweg bis 1901. Zu diesem Zeitpunkt war den Reit im Winklern noch nicht klar, ob sie wirklich eine neue Kirche brauchten und auch der Pfarrer sah offensichtlich noch keine Möglichkeit zum Neubau. Seine zehn Jahre der seelsorgerischen Tätigkeit waren angefüllt mit dem Sammeln von Geldern. Das Bezirksamt Traunstein gab immerhin 700 Mark für den in den Statuten des Vereins so festgehaltenen Zweck: »Da ein Kirchen-Erweiterungsbau in Reit im Winkl ... notwendig erscheint...«.(12) Er übergab also seine vom Verein gesammelten 17 800 Mark seinem Nachfolger im Amt, dem die schwere Aufgabe zufiel, die neue Kirche zu bauen. Ein Ereignis ist aber aus seiner Zeit festzuhalten: Reit im Winkl’s Pfarrkirche erhielt schon im Oktober 1991 ein neues Geläute, wie ein Bericht aus dem Traunsteiner Wochenblatt (vom 5. November 1891) beweist.

Dr. Ludwig Plank


Literaturhinweise
1 Kloster und Domstift Herrenchiemsee,1965, S.16
2 Rund um den Scheibelberg, 2005, S.60 ff
3 Kössen, Unser Heimatbuch, 1991, S.80
4 a.a. O., S.85: »Während Andreas Hofer, von einigen Heißspornen gedrängt, am 1.November noch einmal am Berg Isel das Schlachtenglück versuchen wollte und dabei die schwerste Niederlage erlitt ...«
5 Pfarrchronik Band 1, S.108
6 Rund um den Scheibelberg, 2005, S.55,59
7 Wiedergründungsfest der Gebirgsschützenkompanie Reit im Winkl, 1994, S.30
8 Pfarrchronik,Bd.1, S.108
9 Der Reit im Winkler, Heimatbuch, 1999, S.32
10 Geschichte der Pfarrei Reit im Winkl, 1988, S.90
11 a.a.O., S.92
12 a.a.O., S.95
Verfasser: Pfarrchronist Dr. Ludwig Plank, Weinleiten 6, 83242 Reit im Winkl.



Teil 2 in den Chiemgau-Blättern Nr. 3/2006



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