Jahrgang 2002 Nummer 10

1902 war Baubeginn für die Überseer Kirche

Der »Dom im Achental« bekam den höchsten Turm des Chiemgaus

Bescheiden schaute der Turm der alten Überseer Dorfkirche in die Gegend. Ansichtskarten vor 100 Jahren zeigten dazu ganz stolz d

Bescheiden schaute der Turm der alten Überseer Dorfkirche in die Gegend. Ansichtskarten vor 100 Jahren zeigten dazu ganz stolz die neue Eisenbahn, sogar schon seit 1896 zweigleisig.
Die neue Kirche, »neugotisch«, Backsteinziegel, 75 Meter hoch der Kirchturm, nicht mehr zu übersehen im vorderen Achental, eben

Die neue Kirche, »neugotisch«, Backsteinziegel, 75 Meter hoch der Kirchturm, nicht mehr zu übersehen im vorderen Achental, eben der »Dom im Achental!«
Von 1902 bis 1904 stand die »Notkirche« südlich der abgebrochenen Überseer Kirche. Ihre Inneneinrichtung war aus der alten Kirch

Von 1902 bis 1904 stand die »Notkirche« südlich der abgebrochenen Überseer Kirche. Ihre Inneneinrichtung war aus der alten Kirche. Diese »Barackenkirche« kam dann zur Weiterverwendung von Übersee nach Freilassing. Sie diente hier wieder als »Notkirche« bis in die Zwanziger Jahre hinein.
Wer heute mit dem Auto oder Zug von München oder Salzburg hier unsere Gegend durcheilt, wird den Turm Übersees kaum übersehen. Der Turm darf sich »höchster Kirchturm des Chiemgaues« nennen und ist so hoch wie der Chiemsee tief. Freilich war das nicht immer so, kaum seit 100 Jahren. Vorher schaute über die Landschaft zwischen Bergen und Chiemsee nur ein bescheidener Überseer Kirchturm übers Land, allerdings ein typisch bairischer mit einer bei uns üblichen Zwiebelturmhaube. Geht man zurück in die Zeit vor den Eisenbahnbau (1860), wäre auch der nicht aufgefallen, benützte die Postkutsche doch die Route am nördlichen Chiemseeufer an Seebruck vorbei oder gar bei einer Reise München-Salzburg die Straße München, Wasserburg, Altenmarkt, Waging. Die Filzen am südlichen Chiemsee und damit Übersee und seine Dörfer und Weiler lagen weitab vom größeren Verkehr.

Über die bescheidene Kirche gibt die Diözesanbeschreibung von 1874 die Auskunft: »Cons. 1722. Neuitalienischer Stil. Geräumigkeit unzureichend.« Die Tatsache, dass seit 1860 die bisher recht abgelegene Ruralgemeinde plötzlich Eisenbahnstation geworden ist und für Reisende aus weiter Umgebung interessant, ist begreiflich. Der Ort Übersee bekommt unmittelbar bei der Kirche erst seine erste Gastwirtschaft und bald danach schon weitere bei der Bahnstation. Bisher hat es eine Wirtschaft nur in Feldwies gegeben, allerdings sogar eine »Tafernwirtschaft«, falls jemand aus dem Achental oder von Tirol her die Inselklöster besuchen musste. Deshalb soll auch an die lange Zeit hier übliche Redeweise erinnert werden: »In Übersee de Kirch’, in Feldwies de Wirtschaft!« Aber nun begann seit 1860 Übersee aufzublühen, sich zu vergrößern, in der Ruralgemeinde eröffneten Kramer, begannen Handwerker.

Wegen des nun immer nötiger werdenderen Kirchenbaues entdecken wir am 12. März 1893 im »Traunsteiner Wochenblatt« folgende Zeilen: »Nicht nur in Chieming allein, auch in Uebersee wird nun eine neue Pfarrkirche gebaut. Wir hatten das Vergnügen, den meisterhaft gezeichneten Plan von Hrn. Bauamtsassessor von Horstig entworfenen Plan zu bewundern. Der Bau eines größeren Gotteshauses ist für diese zahlreiche Gemeinde ein schreiendes Bedürfnis.«

Unabhängig davon schauen sich die Überseer und ihr Pfarrer in der nahen und weiteren Umgebung und sogar in München um, wie ihre neue Kirche werden soll. Unter anderem reist man dabei zur neuen Kirche in Palling und per Fußwallfahrt bis Altötting. Eine Votiftafel an der Außenwand der Kapelle hat dies bis auf den heutigen Tag festgehalten.

Im Februar 1899 ist es dann so weit, den damals sehr bekannten Münchner Architekten Elsner zu beauftragen, dass Übersee eine fast städtisch wirkende große Kirche im neugotischen Stil bekommen soll: 50 Meter lang, 15 Meter breit, 800 Sitzplätze, 700 Stehplätze. Festgehalten ist auch der Hinweis: Sie dürfte für die Pfarrei Übersee, welche zur Zeit nicht ganz 1500 Seelen zählt, eher zu groß als zu klein projektiert sein oder doch für ewige Zeiten genügen.

Noch nicht einigen konnte man sich im Februar 1899 auf die Platzfrage. Einige wollten einen Abriss der alten Kirche und an der gleichen Stelle den Neubau, andere eine Neue daneben und wieder andere den Bau viel weiter südlich, wo haute das Rathaus steht, damals noch Schulhaus. Auch ein Jahr später geht es noch weiter mit dem Streit der Bauplatzfrage, alte Kirche weg und neue darauf, oder südlicher beim alten Schulgebäude! Zu letzterem Plan sind sogar solche Zeilen zu entdecken: »Fürs erste kommt die Gemeinde am billigsten weg; fürs zweite behält sie den Gottesacker; fürs dritte behält sie die alte, der Gemeinde lieb gewordene Kirche während der Jahre des Kirchenbaues zur Benützung. In Übersee aber will eine rührige Partei die Gemeinde in recht große Kosten stürzen durch die Verlegung des Gottesackers. Was scheren uns die Kosten. Hier steht das Wirtshaus, da das Kaufhaus, dort noch ein Wirtshaus!«

Trotz massiver Einwände kam dann die »neue« Kirche »über die Alte«, wo heute noch westlich das Wirtshaus, südlich das Kaufhaus, dort noch ein Wirtshaus sich befinden. Hingewiesen in der Rückschau soll aber auch auf den Umstand verwiesen werden, dass es mit dem Geld für einen Kirchenneubau in Übersee nicht schlecht stand. 74 000 Goldmark hatte man zusammengespart. Die Kirchenbauvereinsmitglieder zahlten jährlich 1500 in den Baufonds und dann gab es sogar eine Bieraufschlagssteuer. Sie hatte in den zurückliegenden Jahren 600 Mark für einen Kirchenneubau erbracht. Dabei soll allerdings auf den Umstand verwiesen werden, dass eine Mark vor 100 Jahren bedeutend mehr Kaufkraft hatte als heute. Man sprach ja auch damals von der Goldmark. Von Erzählungen her wissen wir vielleicht, dass es vor dem Ersten Weltkrieg sogar das »Goldmarkstück« gegeben hat. Es war so groß wie heute unser noch bekanntes Markstück und hatte einen Wert von damaligen 20 Mark.

Die neue Kirche, im neugotischen Stil fast wie in München-Au, München-Giesing, München-Haidhausen, kam dann, wie wir heute sehen, an die Stelle der »Alten«, der baufälligen und zu kleinen. Das Frühjahr 1902 brachte den Abbruch. Auf einer damaligen Wiese stellte man eine hölzerne Baracke auf und Notaltäre hinein. Hier fanden dann die Gottesdienste während der Bauzeit statt.

Im Herbst 1904 war die neue Kirche fertig: 50 Meter lang, 15 Meter breit, der Kirchturm 75 Meter hoch (seither nicht mehr zu übersehen bei Fahrten zwischen Chiemsee und Gebirge). Und den nicht alltäglichen und bewundernswerten Namen hatte die neue Kirche auch bald bekommen: »Dom im Achental!«

JM



10/2002