Jahrgang 2005 Nummer 2

150 Jahre städtischer Kindergarten in Traunstein

19 Knaben und 18 Mädchen zogen in das ehemalige Kapuzinerkloster ein – Teil I

Der neue Kindergarten mit den Skulpturen Angerer des Jüngeren

Der neue Kindergarten mit den Skulpturen Angerer des Jüngeren
Gedenktafel für die Spender Foerster und Dr. Müser. Sie befindet sich im Eingangsbereich des städtischen Kindergartens

Gedenktafel für die Spender Foerster und Dr. Müser. Sie befindet sich im Eingangsbereich des städtischen Kindergartens
Der als Baustadel genutzte Rest des Salzstadels. Auszug aus einer Stadtansicht von 1856.

Der als Baustadel genutzte Rest des Salzstadels. Auszug aus einer Stadtansicht von 1856.
Am 15.1.1855 wurde der erste Kindergarten in Traunstein eröffnet. Nach einem feierlichen Gottesdienst zogen 19 Knaben und 18 Mädchen in die neu errichtete sogenannte Kleinkinderbewahranstalt im ehemaligen Kapuzinerkloster ein – der Beginn für eine 150-jährige erfolgreiche Kleinkinderbetreuung in unserer Stadt, die bis vor wenigen Jahrzehnten durch Ordensschwestern geleitet wurde.

Die wachsende Verarmung breiter Bevölkerungsschichten und die sich in der Frühindustrialisierung des 19. Jahrhunderts abzeichnende Proletarisierung zwangen auch Frauen und Mädchen zum Lohnerwerb, mit der Folge, dass sie für ihre Kinder keine Zeit mehr hatten und dadurch deren Verwahrlosung drohte. Ein Mittel dagegen zeigte 1826 Joseph Wertheimers Handbuch »Über die frühzeitige Erziehung der Kinder und die englischen Kleinkinderschulen oder Bemerkungen über die Wichtigkeit, die kleinen Kinder der Armen im Alter von anderthalb bis sieben Jahren zu erziehen« auf.

In der »gebildeten Welt« wurde darauf hin vermehrt über die Notwendigkeit von Kleinkinderbewahranstalten diskutiert. Diese sollten einerseits die Kinder beaufsichtigen und dadurch vor körperlicher und sittlicher Verwahrlosung schützen, andererseits die Tugenden der »proletarischen Sittlichkeit« wie Gehorsam, Fleiß, Arbeitsamkeit, Religiosität, Reinlichkeit und Pünktlichkeit vermitteln. Gleichzeitig konnte die Erwerbstätigkeit der Frauen und Mütter das Gesamtfamilieneinkommen erhöhen und somit wurde der wachsenden Unzufriedenheit wegen zunehmender Armut entgegengewirkt.

Entwicklung des Kindergartenwesens

Der rasche Ausbau dieser Anstalten in Bayern ist wesentlich auf das Wohlwollen König Ludwig I. von Bayern zurückzuführen. Er gab am 4.8.1833 seine Zustimmung und machte auch seine Vorstellung dazu deutlich :

»Die Sache finde ich gut, nur soll in dieser Schule noch gar kein Unterricht, sondern bloß Erziehung zur Frömmigkeit, zur Reinlichkeit etc. sein, auch keine Arbeit, sondern jugendlicher Frohsinn...« Näheres zur Errichtung und Beaufsichtigung von Kleinkinderbewahranstalten regelte ein Gesetz von 1839, sozusagen ein erstes bayerisches Kindergartengesetz. Diese Anstalten bedurften der »obrigkeitlichen Bewilligung«. Die Kinder sollten nicht überfordert werden, »die freie und naturgemäße Entwicklung des kindlichen Gemüthes durch steife Förmlichkeit nicht gehemmt, der jugendliche Frohsinn« durch schulmäßigen Unterricht »nicht verkümmert« werden. Auch sollten Verwöhnung und Verweichlichung vermieden und die Kinder der meist armen Eltern für einen »Stand« erzogen werden, welcher »Lust und Liebe zu anstrengender Arbeit und möglichste Beschränkung seiner Bedürfnisse.... zu seinem äußern Lebensglücke nöthig hat«. Lesen, Schreiben, Rechnen war untersagt, jedoch das Kennenlernen von Buchstaben und Zahlen als Vorübung für die Schulen zulässig.

Erster Kindergarten im Klostergebäude, 1855 - 1874

Um die Geschichte des ersten Kindergartens in Traunstein nachvollziehen zu können, ist ein Rückblick in die Zeit vor dem Stadtbrand 1851 erforderlich.

Im Frühjahr 1851 hatte der Magistrat von der Regierung die Überreste des säkularisierten Kapuzinerklosters an der heutigen Ludwigstraße für 6000 Gulden erworben. Der ganze Komplex bestand aus Kirche, Konventstock, dem größtenteils niedergerissenen Refektorium, Hofraum und einem Teil des Klostergartens.

Da der verheerende Brand vom 26.4.1851 große Teile der Stadt vernichtete, darunter auch das Landgerichtsgebäude am Stadtplatz, musste diese Behörde ausgelagert werden und fand vorübergehende Unterkunft im ehemaligen Refektoriumsbereich des Klosters. Am 22.2.1852 rief das Staatsministerium des Innern sämtliche kgl. Regierungen dazu auf, nicht bloß in den Städten, sondern auch auf dem Land Kleinkinderbewahranstalten einzurichten und zu fördern, sofern ein Bedürfnis dazu bestehe.

Die Stadt sah die Möglichkeit dazu im Klostergebäude, das zu dieser Zeit noch vom Landgericht bis voraussichtlich Ende 1854 in Benutzung war. In den Sitzungen vom 15.9. und 20.10.1854 fasste der Stadtmagistrat den Beschluss, in Anbetracht des »löblichen Zweckes« und der »Notwendigkeit der Einführung einer Kleinkinderbewahranstalt« das Erdgeschoß im Refektoriumstrakt entsprechend umzubauen und zu unterhalten.

Als Aufseherin für die neue Kleinkinderbewahranstalt wurde Fräulein Rosina Ruder aus Augsburg verpflichtet. Zum Monatslohn von 10 Gulden erhielt sie unentgeltliche Wohnung im damals noch 2-stöckigen Kapuzinerstock , die von der Kommunalkasse mit einem Aufwand von 25 Gulden hergerichtet wurde. Unterstützung erhielt sie durch die Magd Theres Wichtl. Diese erhielt monatlich 4 Fl, 20 »als Entschädigung für Kost und Lohn«.

Die Kleinkinderbewahranstalt selbst war ebenerdig in einem einzigen Raum des Refektoriumsstockes eingerichtet. 300 Gulden hatte die Kommunalkasse für den Umbau eingeplant. Dieser Refektoriumstrakt verlief parallel zum Kapuzinerstock, war ebenfalls zweistöckig, aber zu dieser Zeit nur etwa halb so lang wie dieser; der Rest war nach der Säkularisation abgebrochen worden. Zwischen den beiden Flügeln befand sich ein kleiner Hof oder Garten.

In der St. Oswaldkirche fand am 15.1.1855, dem Eröffnungstag, ein stiller Gottesdienst statt bevor die 19 Knaben und 18 Mädchen im Alter zwischen 2 und 6 Jahren die Einrichtung bezogen. Bereits im September hatte sich die Kinderzahl auf 22 Knaben und 25 Mädchen erhöht. Die erhaltenen Kassenbücher geben uns Einblick in die spärliche Zimmereinrichtung. Platz fanden die Kinder auf alten Bänken, gespielt wurde auf alten Tischen, dazu einige Wandschränke, 1 Wanduhr, 1 Schlafstätte mit Woll- und Daunendecke, 2 Vorhänge, etwas Essbesteck. In den ersten Wochen nach Eröffnung erledigte Frau Ruder noch kleinere Anschaffungen: »ein Korb voll Stöckelchen zum Spielen« – 3 Kr, »ein Schwamm um die Kinder zu reinigen« – 6 Kr., 2 Nachtgeschirre – 6 Kr. und 1 Zimmer-Glocke – 39 Kr. Fichten- und Eichenholz diente zur Beheizung des Raumes. Schon nach den ersten Monaten wies die Finanzsituation Ende 1855 eine Vermögenssumme von 161,31 fl aus.

Finanzierung des ersten Kindergartens

Mit städtischen Mitteln war die Errichtung einer Kleinkinderbewahranstalt im ehem. Kloster bis zum Betrag von 300 fl möglich. Und auch für den zukünftigen Unterhalt hatte die »Communalcassa« aufzukommen »so schwierig auch die Verhältnisse dermal sind, und so schwer es auch den Communalfinanzen fällt, für die Anstalt wesentliches zu tun«. Alle weiteren Ausgaben, einschließlich der Personalkosten sollten auf andere Weise unter Einbeziehung aller Einwohnerklassen gedeckt werden. Dass dies möglich war, erscheint uns heute unglaublich. Zurückzuführen ist dies auf die soziale Verantwortung der wohlhabenden gegenüber der ärmeren Bevölkerungsschicht, die früher stärker ausgeprägt war.

Folgende Einnahmequellen standen im Gründungsjahr 1855 zur Verfügung:
Ein milder Beitrag von seiten des staatl. Johanniszweigvereins dahier von 100 fl
Der Ertrag der Gebühren für pro Neujahr 1855 abgegebene Gratulationsenthebungskarten 51 fl 54 Kr
Die wöchentlichen Gebühren zu 6 Kr, 4 Kr und 2 Kr per Kind für die Benützung der Anstalt
Der Ertrag des in 2 hiesigen Jahrmärkten zu Gunsten der Kleinkinderbewahranstalt aufgestellten sog. Glückshafens bisher zusammen mit 59 Kr

Beitrag aus der Districtskasse 25 fl jährlich.

Übernahme durch die Englischen Fräulein im Oktober 1857

Als Stadtpfarrer Schmidt im Jahr 1852 seinen Dienst in Traunstein antrat, bemühte er sich ebenso wie die Stadt schon bald um die Errichtung einer eigenen Mädchenschule, an der ein Frauenorden unterrichten sollte.

Nach mehreren Fehlschlägen zeigte sich der Orden der Englischen Fräulein dazu bereit. Der Magistrat verpflichtete sich 1856, das Kapuzinerkloster für Schwesternwohnung und Schulräume herrichten zu lassen, ebenso die Kirche. Mit einem Aufwand von 7.000 Gulden entstand im Sommer 1857 ein geräumiges Schulhaus durch An- und Ausbau des Refektoriumstockes und ein Wohnteil für den Orden im Konventstock.

Am 22.10.1857 erfolgte die Übergabe sowohl der Schule als auch der Kleinkinderbewahranstalt an die Engl. Fräulein. Frau Oberin Ignazia Knötzinger und 3 weitere Lehrerinnen, die Leiterin der Kleinkinderbewahranstalt, 2 Laienschwestern - insgesamt 7 Personen - waren für die beiden Einrichtungen tätig. Auch unter Leitung des Ordens wurde die Anstalt von einer Aufseherin (Ordensschwester) und einer (weltlichen) Magd geführt. Nur kurze Zeit war Eleonore Röhrle zuständig, ihr folgte Frl. Kordula Vogl für 1 Jahr bis mit Barbara Seitz vom Kloster St. Zeno eine Aufseherin für längere Zeit bleiben sollte.

In diesen Jahren nahm der bauliche Unterhalt und die Ausstattung der Anstalt einen größeren Teil der Ausgaben in Anspruch. Schon bald wurden Farben »zum Hausfärben« angeschafft, die Wände durch Maler Holzmayer mit Ölfarbe verschönert und von Maler Sollinger der Fußboden gestrichen. Für eine freundliche Innenraumgestaltung sorgte 1870 Maler Sutor. 11 Tische und 24 Bänke, dazu 1 Bettstatt strich er mit heller und dunkelgelber Ölfarbe, die Abtritttür erhielt einen silbergrauen Rahmen mit gelbbraunen Innenflächen. Im ehemaligen Klostergarten stand für die Kinder ein kleines eingezäuntes Außengelände zur Verfügung. Die winterliche Reinigung des Anstaltshofes übernahm der Taglöhner Rieperdinger. Dafür erhielt er im Jahr 1871 4 fl 24 kr ausgezahlt. 1865 errichtete Julius Enderlein in Traunstein sein privates Gaswerk. Im folgenden Jahr wurden die Leitungen verlegt und am 22.11.1865 erhellte erstmals Gaslicht die Stadt (Schrannenplatz, Maxplatz, Gaststätten und auch Privatwohnungen). Frau Oberin muss dieser neuen Technik gegenüber sehr aufgeschlossen gewesen sein, denn nur wenige Jahre später ließ sie in der Kleinkinderbewahranstalt diese moderne Beleuchtung installieren.

Wie es um die gesundheitlichen Verhältnisse bestellt war, lässt der Visitationsbericht des kgl. Kreisschulreferenten vom 9.11.1871 deutlich werden. »Üble Gerüche von Abtritten« drangen über den Korridor ein, was durch eine wöchentliche Desinfektion mit Eisenvitriol und luftdichtes Schließen der Abtrittgruben verhindert werden sollte. Daneben war der Raum feucht und schlecht belüftet. Abhilfe sollte im oberen Flügel der Fenster ein Luftrohr bringen, durch das »frische Luft von Außen einströmen kann«. Die Feuchtigkeit war darauf zurückzuführen, dass die einzige freie Seite der Häuser an der Sonnenseite mit Spalierbäumen, welche die Fenster fast vollständig bedecken, besetzt ist. Deshalb müssten die Bäume beschnitten werden. Wegen der Feuchtigkeit sollte der Boden um ca. 1 Schuh höhergelegt werden und frischer Kies oder Steinkohleschutt eingezogen werden.

Sehr gut entwickelten sich die Einnahmen aus den Neujahrskarten , wie überhaupt der Vermögensstand ständig anwuchs (1861: 1184fl 11 kr 2 Pf, 1871: 3442 fl 27 kr). So konnte man sich am 6.2.1865 die hohe Ausgabe von 30 fl für den Ankauf einer Weihnachtskrippe von Sattlermeister Franz Fürst leisten. Ebenso stieg auch die Zahl der die Anstalt besuchenden Kinder.

Vorgeschichte zum Bau von 1874

Mit der wachsenden Einwohnerzahl nahm auch die Zahl der Kinder für die Volksschule und den Kindergarten zu. Beide Einrichtungen benötigten mehr Raum. Dadurch bestand für die Kleinkinderbewahranstalt im Schulhaus keine Unterbringungsmöglichkeit mehr. Ihr Zimmer wurde als Lehrerzimmer benötigt. Nachdem die Idee eines Grundtausches mit dem benachbarten Badbesitzer Pauer nicht zu verwirklichen war, sollte ein Teil des städtischen Baustadels für die Kinderbetreuung umgebaut werden, die Pflege und Beaufsichtigung der Kleinen aber weiterhin bei den dann räumlich etwas getrennten Engl. Fräulein verbleiben.

1873 hatte die Stadt den Grundbesitz der Eheleute Salvenauer für 3.000 Gulden (Barzahlung) erworben. Dieses Grundstück mit 0,667 Tagwerk Grund lag westlich des Baustadels, begrenzt durch die Klostergasse und enthielt das Wohnhaus mit Stallung und Hofraum, das Hausgärtl, die Hammerleite und den Gerichtsschreibergarten.

Im September 1873 hatte der städt. Bauamtsaktuar Strobl die Pläne für den Umbau des städtischen Baustadels in die neuen Kleinkinderbewahranstalt fertiggestellt.

Bürgermeister Wispauer beantragte am 8.1.1874 beim kgl. Bezirksamt die Baugenehmigung und bat dabei um möglichst schnelle Erledigung da »durch die rasche Inangriffnahme dieses Baues sowohl die billigere Bauausführung, als auch insbesondere die Habhaftigung vieler z. Z. arbeitsloser Einwohner beabsichtigt« sei. Nachdem der Bezirksgerichtsarzt aus sanitätspolizeilicher Hinsicht keine Einwendungen gegen den Bau hatte, erfolgte am 21.01.1874 die Baugenehmigung durch das kgl. Bezirksamt Traunstein.

Der städtische Baustadel

Hinter der »Maxschule« (heute durch Raiffeisenbank am Maxplatz ersetzt) erstreckte sich der städtische Baustadel auf einer Länge von 68 m in Richtung Klosterberg. Er war einstöckig, hatte ein mit Legschindeln gedecktes Dach und fensterlose Giebelseiten. Dieses immer noch beachtliche Gebäude war der Rest des beim Stadtbrand 1851 teilweise zerstörten Salzstadels, der für die Stadt große wirtschaftliche Bedeutung hatte. Ursprünglich befand sich der Salzstadel außerhalb der Stadtmauer, wobei der dazwischen liegende Teil als »Saumarkt« bezeichnet wurde.

Mit dem Bau der Knabenschule am Maxplatz 1864 konnte dieser nun abgelegene Teil des Platzes nur durch die schmale Durchfahrt im Schulgebäude erreicht werden. Eine Anbindung zur Klostergasse gab es nicht. Diese völlige Unzugänglichkeit war im Dezember 1868 Grund für den Antrag, hinter dem Ökonomiegebäude des Weinwirts Schwarzenbeck eine Durchfahrt bis zur Klostergasse zu schaffen. Die Feuergefährlichkeit des alten Stadels verbunden mit der schlechten Erreichbarkeit des Platzes ließen die Angst vor einer neuerlichen Brandkatastrophe »nicht nur für die angrenzenden sondern auch für einen großen Teil der übrigen Stadt« wieder aufleben. Am 14.3.1872 genehmigte der Stadtmagistrat den Durchbruch des Baustadels »behufs Gewinnung einer Ausfahrt in die Klostergasse...«. Da der Baustadel zum Teil als städtisches Baumagazin diente, andererseits aber auch von den Bürgern pachtweise genutzt werden konnte, erhielten die Pächter am 27.6. und 28.6.1873 die Bitte, den Stadel wegen des anstehenden Umbaues bis spätestens 30.8.1873 zu räumen. Mitte Februar 1874 begann dann tatsächlich der Neubau der Kleinkinderbewahranstalt

Salzstadel

Herzog Albrechts V gab am 5.6.1567 den Auftrag zur Erbauung eines großen Salzstadels »nach der Visier« des herzogl. Baumeisters. Hintergrund dabei war, dass um diese Zeit die Salzerzeugung noch in privater Hand lag. Herzog Albrecht wollte die Zentralisation von Salzerzeugung und Salzhandel und damit gleichzeitig eine ergiebige Geldquelle für den Staat erschließen. So ist auch verständlich, dass sich der Rat der Stadt mit einer langen Bittschrift vergeblich um Rücknahme des Ansuchens bemühte. Begründet u. a. damit, »dass kain Platz noch Ort zu ainem solchen Salzstadl vorhanden, dass die Stat vil zu klein und eng ist, sie mussten ain Kirchen, deren zwo darin sind (gemeint sind St. Oswald und St. Georg am Stadtplatz), abbrechen«. Sollte der Stadel aber außerhalb der Stadt entstehen, müssten sie Gründe erwerben, wozu kein Geld vorhanden. Der Herzog blieb jedoch bei seiner Anordnung.

Der Salzstadel entstand vor dem oberen Tor (Brodhausturm), also außerhalb der Stadtmauer. Mit einer Länge von 408 Fuß und einer Breite von 40 Fuß (130 x 12,8 m) lag er wie ein riesiger Riegel vor der Stadt vom heutigen Kindergarten bis zur Apothekerstiege; gegliedert durch ein abschließbares Tor unter einem bewohnten Turm. In diesem wohnte der herzogl. Salzfertiger in seiner Wohnung mit 4 Zimmern und Küche, im Erdgeschoß befanden sich die Diensträume von Salzfertiger und Salzgegenschreiber.

Für den Bau bewilligte der Herzog 100 Stämme Holz aus dem Eschenforst und Holzschindeln aus dem Miesenbach. Doch die hölzerne Dachdeckung hätte zu einem Mangel an Kufholz geführt, so änderte der Herzog seine Anordnung dahingehend, dass außer dem was bereits »unnder Dach gebracht worden ist«, alles mit »Ziegln« gedeckt werden muss. Diese sollten von den Wasserburger Bauern mitgebracht werden, wenn sie das Salz in Traunstein holten.

Nach Vollendung des Bauwerks 1568 wurde eine Marmortafel mit dem herzog. Wappen, dem Stadtwappen und dem Salzfass angebracht. Sie ist noch heute am Heimathaus zu sehen. Für den Bau musste die Stadt 5000 Gulden aufbringen. Dazu die Kosten für die weitere Unterhaltung. Als Gegenleistung erhielt sie die Einnahmen aus dem »Scheibenpfennig«.

Nach dem Stadtbrand 1704 musste der Salzstadel schnell wieder aufgebaut werden, die Stadt stellte dazu Bauholz aus den Salzamtswaldungen »Oeschen« zur Verfügung. 1772 wurde er um 60 Meter nach Norden verlängert. Beim letzten Stadtbrand kam das Torgebäude und der westliche Teil des Salzstadels zu Schaden, der östliche Teil in Richtung Kindergarten blieb erhalten. Gut erkennbar ist das auf einer anonymen Bleistiftzeichnung des Jahres 1852.

Die Ruinen des südlichen Teiles wurden abgetragen, der nördliche Teil jedoch blieb bestehen und diente der Stadt Traunstein als Baumagazin. Als 1874 die Adaptierung des nunmehrigen Baustadels zum Kindergarten erfolgte, hatte man also den ursprünglichen Salzstadel umgebaut. Nach dem Brand 1704 war er wohl auf den alten Grundmauern wiedererrichtet worden, da im Grundrissplan von 1874 eine Gebäudebreite von 12,9 m angegeben ist, was fast identisch ist mit den 40 Fuß (12,8 m) des ersten Baues. Demnach befand sich der Kindergarten fast 130 Jahre lang in einem der ältesten Salinengebäude Traunsteins.

Neubau 1874

Für den Kindergartenbau war die Adaptur des nördlichen Teils des Baustadels mit einer Länge von 25,60 m vorgesehen. Eine angrenzende 7 m breite Durchfahrt sollte das gesamte Gebäude in zwei Teile trennen, wobei der südliche Teil (Richtung Maxplatz) weiterhin seinem bisherigen Zweck als Baumagazin erhalten blieb. Die Dachstuhlneigung konnte beibehalten werden, lediglich eine Deckung aus franz. Schiefer (460,10 qm) wurde aufgebracht, wobei sicher Brandschutzüberlegungen eine große Rolle spielten. Dem oft strengen Winter wurden 53,5 laufende Meter Schneefanggitter und 50 Stück Schneefanghacken gerecht.

Auch die Längsseiten blieben stehen, ergänzt um die erforderlichen Durchbrüche für Fenster und Türen. Das waren allein 11 Fenster mit Föhrenholzrahmen an der Ostseite; dazu auf der Gartenseite weitere 8 Fenster. Im Inneren grenzten Ziegelmauern die einzelnen 3,50 m hohen Zimmer ab. Über eine Stiege mit 17 Staffen gelangte man in den Dachraum.

An der Westseite zum Garten hin entstand über die volle Hauslänge ein mit Hesseloher Platten gepflasterter 3,65 m breiter überdachter Vorplatz, von dem 4 Türen mit Oberlicht in die Zimmer führten. Der eigentliche Hauseingang befand sich an der Südseite und führte in den Gang. Im alten Obstgarten konnte durch Anlage von Spazierwegen, Blumen-, Gebüsch- und Baumgruppen ein angenehmer Aufenthaltsort für die Kinder gestaltet werden, südlich abgegrenzt durch eine Mauer. Für die ganze Maßnahme rechnete Strobl mit Gesamtkosten in Höhe von 6.825 Gulden. Am Bau beteiligt waren nahezu ausnahmslos Handwerker aus Traunstein wie Carl Kettenberger (Spengler), Friedrich Sutor (Maler), Benno Werkmeister (Glaser), Simon Gnad (Maurer) und Franz Haberlander (Schreiner). Ebenso wie vor dem Bau mussten auch vor Inbetriebnahme des Gebäudes die gesundheitlichen Verhältnisse geprüft werden. Dieser Aufgabe kam der kgl. Bezirksgerichtsarzt Dr. Urban nach: »Die neugebaute Kleinkinderbewahranstalt dahier ist gut situiert, vollkommen ausgetrocknet, freundliche Räumlichkeiten entsprechen bezüglich ihrer Größe der Zahl der aufgenommenen Kinder, lassen bei gehöriger Ventilation die notwendige Beleuchtung und Erwärmung zu und entspricht dieses Gebäude allen Anforderungen der Sanität, es steht demnach der Eröffnung und Benützung der Kleinkinderbewahranstalt in sanitätspolizeilicher Hinsicht kein Hindernis entgegen«.

Die neue Kleinkinderbewahranstalt bestand aus einem Empfangszimmer, einem Speisezimmer für die Kinder, großem »Salon«, Schlafzimmer für die ganz Kleinen, Küche, Speise, Toiletten und eine gedeckte Vorhalle. Doch den Großteil der Grundfläche nahmen die beiden Kindersäle, getrennt für Mädchen und Knaben, ein. Unmittelbar vor dem Haus lag ein großer Garten, dessen alter Baumbestand durch Versetzen von Sträuchern und Pflanzen von Ziersträuchern ergänzt wurde. Auch 12 Blumentöpfe sorgten für einen erfreulichen Anblick.

Inneneinrichtung

Für die 175 Kinder stand nun eine nahezu vollständig neu erbaute Einrichtung zur Verfügung, die entsprechend modern eingerichtet war. Allein das Mobiliar hatte jetzt einen Wert von 587,35 fl., das 20-fache im Vergleich mit 1861 ( 25,6 fl). Knaben und Mädchen konnten sich getrennt in den beiden je ca. 70 qm großen Sälen aufhalten. Zum Kochen stand die Küche zur Verfügung. Hafnermeister Bernhard Münch aus Traunstein hatte dazu einen Kochherd mit Wandverkleidung von weißen Kacheln geliefert. Im Kaufhaus der Gebr. Wassermann wurde die weitere Kücheneinrichtung erworben, die zugehörigen Küchengeräte bei Kettenberger. Den ganz Kleinen stand ein Schlafraum für die Mittagspause zur Verfügung. Vermutlich zum Abdunkeln dieses Zimmers waren die »Rolleaux«, die Tapezierer Schabmayer verkauft hatte. Für die Raumheizung standen 5 Regulieröfen bereit; 2 braunglasierte Öfen hatte ebenfalls Hafnermeister Münch geliefert, 3 weitere die Gebr. Wassermann. Zum Heizen wurde nun erstmals neben Holz auch Torf verwendet.

Beschäftigung und Betreuung der Kinder

Für die Kinder standen mehrere Schiefertafeln zur Verfügung (5,48 fl); weiters dienten Bauhölzer, verschiedene Spiele, Zeichnen, Gedächtnisübungen, Singen, Turnen, Beten sowie das Spielen im sehr geräumigen , schön gelegenen Anstaltsgarten der Beschäftigung. Erstmalig mit Bezug des Neubaues gibt es einen Hinweis auf die Fröbelschen Spiele; sie hatte der Schöpfer der ersten Kindergärten, Friedrich Fröbel entwickelt. Abweichend von den zu Beginn des 19. Jahrhunderts üblichen unterrichtsähnlichen Kleinkinderbewahranstalten wollte er in seinen familiennahen Einrichtungen die eigenständige Auseinandersetzung des Kindes mit einfachen Spielmaterialien fördern. Wichtige Spielmittel waren für ihn Ball (regenbogenfarbige Wollbällchen), Kugel, Würfel, (zerlegbar in Viertel, Achtel usw), Stäbchen oder flächenartige Materialien wie Quadrate, Dreiecke. Diese damals exklusiven Spielmaterialien mussten extra in München gekauft werden (für 8 fl 37).

Wie zeitgemäß die Einrichtung damals war, lässt sich dem Traunsteiner Wochenblatt vom 13.9.187 entnehmen: »Wohl schwerlich wird zur Zeit im Kreis Oberbayern eine Anstalt zu finden sein, welche dem Zweck zu dienen hat, Kinder vermögender und unvermögender Eltern vom zweiten bis fünften Lebensjahr zur allgemeinen und geistigen Vorbildung aufzunehmen – die in Bezug auf örtliche Lage, Licht, Ventilation, sowie Benutzung eines geräumigen Obstgartens mit breiten Wegen und Turnplätzen – so sehr allen billigen Anforderungen der Zeit entspricht, als gerade der neue Kindergarten.« Bischof Ignatius von Senestrey von Regensburg hatte nach Besichtigung des Neubaues erklärt, dass er in seinem Bistum keine vergleichbare Anstalt habe.

Einweihungsfeier am 28.9.1874
Am 28.9.1874 erfolgte die feierliche Einweihung: »Am Einweihungstag früh um 9 Uhr bewegte sich ein Zug der Kinder, angeführt von den Engl. Fräulein und begleitet von Beamten der beiden städt. Collegien von der alten zur neuen Kleinkinderbewahranstalt. Die Mädchen fast sämtliche weiß gekleidet und mit Kränzen geschmückt, die Knaben mit Fähnchen bestückt. Im Saal des neuen Gebäudes sangen die Kleinen ein Lied, dann folgten die üblichen Ansprachen von Rechtsrat Gerstorfer, Dekan Kalb und Bezirksamtmann Heckenstaller. Abschließend gab es am Nachmittag für die Kinder ein kleines Festessen.

Für die Einweihungsfeierlichkeiten werden in den städtischen Rechnungsbelegen folgende Ausgaben vermerkt:
Kücheln von Maria Huber 7,15 fl
Brod von Bäcker Haßlberger 2 fl
Gläser von Kajetan Arnold 2,18 fl
Zucker von Gerner 6,38 fl
Cafe von Rappolt 5,24 fl

Der gesamte Neubau wurde mit einem Kostenaufwand von 10.544,51 fl errichtet, und von der Stadtgemeinde schenkungsweise der Kleinkinderbewahranstalt übergeben. Diese wiederum konnte ihn in der Jahresrechnung 1875 mit einem Wert von 12.300 fl angegeben, dazu kam Mobiliar im Wert von 587,35 fl.

WS


Teil 2 in den Chiemgau-Blättern Nr. 3/2005



2/2005