Jahrgang 2001 Nummer 44

Zwei Sterne für den Königssee

Zum 200. Geburtstag von Karl Baedeker, den »Vater« der Reisehandbücher

Karl Baedeker (1801-1859).

Karl Baedeker (1801-1859).
Aus dem mit kleinen Bildern von Sehenswürdigkeiten versehenen Einband der Anfangszeit wurden bald die rot eingebundenen Reisehan

Aus dem mit kleinen Bildern von Sehenswürdigkeiten versehenen Einband der Anfangszeit wurden bald die rot eingebundenen Reisehandbücher mit Goldprägung, die bei Sammlern und Liebhabern auch heute noch begehrt sind.
Neben Landkarten und Stadtplänen enthielten die Reisehandbücher auch Abbildungen von Sehenswürdigkeiten, hier die Festung Ehrenb

Neben Landkarten und Stadtplänen enthielten die Reisehandbücher auch Abbildungen von Sehenswürdigkeiten, hier die Festung Ehrenbreitstein bei Koblenz aus der »Rheinreise«, 1849.
In den Antiquariaten stehen sie noch in den Regalen, die roten Reiseführer, die mit dem Aufkommen von Dampfschiff und Eisenbahn wichtige, ja unentbehrliche Reisebegleiter für die waren, die sich am Anfang touristischer Aktivitäten im 19. Jahrhundert schon eine Reise leisten konnten. Als Reiseführer haben die alten »Reise-Bibeln«, wie sie gern genannt wurden, zwar längst ausgedient, sind aber bei Sammlern und Liebhabern noch immer gesucht und begehrt. Ihr »Vater«, der Buchhändler und Verleger Karl Baedeker, dessen Name weit über die Grenzen Deutschlands hinaus noch heute als Synonym für die Buchgattung Reiseführer steht, erblickte vor 200 Jahren, am 3. November 1801, in Essen das Licht der Welt. In seinen letzten Lebensjahren hatte er gegenüber Freunden bedauert, in seinem Leben nicht mehr bewirkt zu haben. Es war, wie wir wissen, aber ganz anders.

Daß er Reisehandbücher in der Form praktischer Ratgeber zusammenstellen und herausgeben würde, geschah eher zufällig und hing mit der Gründung einer Verlagsbuchhandlung 1827 in Koblenz zusammen. Die Stadt war Zentrum der preußischen Rheinprovinz und entwickelte sich durch die Preußisch-Rheinische Dampfschiffahrt zu einem wichtigen Ort des beginnenden internationalen Fremdenverkehrs. Später hatte Baedeker noch einen Koblenzer Verlag dazugekauft, in dem vorher das Reisehandbuch »Rheinreise von Mainz bis Köln« erschienen war. Dieses Buch wurde zu einem Verkaufsschlager, sodaß bald an eine Neuauflage gedacht wurde. Da der Autor aber inzwischen verstorben war, sah sich Baedeker genötigt, die notwendig gewordene Neuauflage selbst zu bearbeiten.

Hier ging er neue, seinem Naturell entsprechende Wege. Er blieb nicht am Schreibtisch sitzen, sondern erkundete die Rheingegend – und das war seine besondere Leistung – durch »Fußbegehungen«, machte sich Notizen über Wege, »Merkwürdigkeiten, Verkehrsverbindungen, Hotels, Gaststätten, Preise und vieles andere. Er »erwanderte« sich die Landschaften, wurde als Schöpfer dieses Begriffs angesehen und kam damit sogar ins Grimm’sche Wörterbuch.

Sein Buch wurde zu einem begehrten Hilfsmittel, das viele praktische Einzelinformationen für die Reisenden enthielt. Er wollte die Touristen dadurch in die Lage versetzen, ohne die »lästige und kostspielige Bgleitung von Lohnbediensteten« auszukommen. Zu seinen Lebzeiten gab es ab 1835 zehn, stets verbesserte und erweiterte Auflagen der »Rheinreise«, die unter dem Titel »Rheinlande von der Schweizer bis zur Holländischen Grenze« bis 1931 weitergeführt wurde und in 34 Auflagen erschien. Weitere Reiseführer verfaßte er über Belgien und Holland, Deutschland und den Österreichischen Kaiserstaat, die Schweiz und Paris, die im Laufe der Zeit ebenfalls in vielen Neuauflagen herauskamen. Man kann davon ausgehen, daß er das umfangreiche Verlagsprogramm nun nicht mehr allein bearbeiten konnte und auch fremde Hilfe brauchte.

Seine Informationen gingen in alle Richtungen. Er machte genaue Angaben über die Tarife der Droschken, die Abfahrtszeiten der Dampfschiffe, die Eintrittspreise der Museen, warnte vor »zudringlichen Lohndienern«, gab Hinweise auf »öffentliche Belustigungsorte« und informierte natürlich ausführlich über die Sehenswürdigkeiten. Mit besonderer Sorgfalt überprüfte er Hotels und Gasthöfe. Über eine Bierstube schreibt er: »Bier kühl, Speisen gut und nicht teuer.« Gepflegte Häuser wurden lobend hervorgehoben, schlechte auch als solche bezeichnet. So gab er wieder, was ihm ein Wirt gesagt hatte: »Seien Sie unbesorgt, meine Herren, in unserem Hause werden dieselben Bettücher nie an zwei Personen gegeben.« Es war also damals keineswegs üblich, ein frisch bezogenes Bett vorzufinden. Im Vorwort zu seiner Rheinreise ermahnte er als sparsamer Mensch die Leser vor unnötigen Ausgaben: »Wer Teppiche, Goldspiegel und Pendulen, Mahagonystühle, Marmortische und Plüsch-Sofas nicht entbehren kann, möge sich in die großen Gasthöfe begeben und über hohe Preise sich dann nicht beschweren.« Beim Bezahlen im Lokal scheint er keine besonders guten Erfahrungen gemacht zu haben: »Bei der Aufstellung der Rechnung kommen oft Irrtümer vor, besonders beim Addieren. Man lasse sich daher alles einzeln vorsagen und addiere selbst.«

Zur Bewertung der Qualität führte Baedeker nach dem Vorbild eines englischen Verlegers den hier inzwischen überall bekannten Stern als graphisches Symbol ein. Ein Hotel, das mit einem Baedeker-Stern ausgezeichnet wurde, konnte mit Umsatzsteigerungen rechnen – wurde er entzogen, mußten Gewinneinbußen hingenommen werden. Vor allem wurde mit dem Stern aber auf besonders beachtenswerte Bau- und Kunstwerke, landschaftliche Besonderheiten und schöne Aussichtspunkte hingewiesen, so daß die Reisenden gezielt auf das Sehenswerte zugehen konnten. Später wurde für einzigartige Sehenswürdigkeiten, zum Beispiel den Königssee, noch ein zweiter Stern eingeführt.

Schon immer gab es Einwände gegen die Reiseführer mit ihren vorgegebenen Empfehlungen. Der Schriftsteller Ludwig Thoma zum Beispiel mokierte sich über die gläubigen Benutzer der roten Reise-Bibeln mit ihren Kreuzen sehr: »Es ist unglaublich, welchen moralischen Zwang dieser Baedeker mit seinen zwei Kreuzen ausübt. Er nötigt uns, minutenlang vor einem Bilde zu stehen und Mienenspiele zu betreiben. Frau Kommerzi

enrat nimmt ihren Bleistift und streicht im Baedeker das erledigte Pensum durch; sie betrachtet das Gesehene mit frohen Gefühlen.«

Solche und ähnliche Kritik hat den Reiseführern aber nicht geschadet. Im Gegenteil – sie wurden mehr und mehr gekauft. Baedekers Markenzeichen waren Verläßlichkeit und Genauigkeit, die seinen Büchern einen legendären Ruf einbrachten. Sogar von Nicht-Irren-Können war die Rede. In der englischen Übersetzung des Librettos von Jacques Offenbachs Operette »La Vie Parisienne« hieß es jedenfalls: »Kings und governments may err but never Mr. Baedeker.«

Auch Anekdoten gibt es zur Genüge. So wird erzählt, Kaiser Wilhelm I. hätte in seinem Palais Unter den Linden einmal eine wichtige Besprechung unterbrochen und sei ans Fenster getreten. Seine Besucher seien nicht wenig überrascht gewesen, als er ihnen den Grund dafür erklärte: Im Baedeker stünde, daß er um zwölf Uhr immer die Ablösung der Wache beobachte. Und da die Fremden sich auf den Reiseführer verließen, müsse er sich auch zeigen. Eine schöne, aber leider nur erfundene Geschichte. ImBerlin-Baedeke ist darüber jedenfalls nichts vermerkt.

Als Karl Baedeker mit 58 Jahren starb, soll sich dem Trauerzug ein unversehens des Weges daherkommender Reisender angeschlossen haben. Er soll, so jedenfalls schrieb die angesehene Vossische Zeitung, den roten Reiseführer in der Hand getragen haben, der »zum unzertrennlichen Begleiter von Tausenden von Reisenden geworden war«.

Nach seinem Tod entwickelte sich das Unternehmen, das 1872 nach Leipzig verlegt worden war, unter der Leitung seiner Söhne erfolgreich weiter, sodaß die roten Bücher mit der charakteristischen Goldprägung auf dem Vorderdeckel zum Inbegriff des klassischen Reiseführers wurden. Das Verlagsprogramm wurde nach und nach ausgeweitet und umfaßte neben europäischen Ländern auch bald einen Band über Palästina und Syrien sowie über Ägypten. Vom Ersten Weltkrieg an kamen dann natürlich auch auf den Baedeker-Verlag schwere Zeiten zu, die in der totalen Zerstörung des Verlagsgebäudes durch einen Luftangriff im Zweiten Weltkrieg gipfelten.

Heute präsentiert der Verlag mit Sitz in Ostfildern bei Stuttgart eine neue Generation von Reiseführern, die an die Tradition ihres berühmten Gründers anknüpfen, aber den gewandelten Ansprüchen der Menschen unserer Tage Rechnung tragen.

Hans Feist



44/2001