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Jahrgang 2016 Nummer 25

Zum Stand der Römerstraßenforschung im Chiemgau

Kucheln als römische Straßenstation? / Teil III

Luftaufnahme von Kucheln.
Schneiderhäusl in Kucheln.

Der Ortsnamenforscher Josef Gmelch führte den Namen Kucheln auf den Personennamen Gugo zurück,(1) während W.-A. Frhr. von Reitzenstein einen Zusammenhang mit kuche oder küche sieht, eine Bezeichnung für Felsabbrüche.(2) Die Lage von Kucheln unterhalb einer steilen Felsnase könnte für letztere Deutung sprechen. Eine dritte Erklärungsalternative ergibt sich aus dem lat. cucullus (= Kapuze), das oft auch im Sinne von Hügel oder Erhebung verwandt wird.

Für die Herleitung vom Personennamen Gugo könnte noch ein anderer Grund sprechen. Es existiert nämlich ein weiterer, heute zu Grassau gehörender Ort, der von einer Person mit offensichtlich demselben Namen abgeleitet wird, nämlich Guxhausen von Gogo (oder Gugo).(3) Die Idee, dass beide Ortsgründungen auf ein und dieselbe Person zurückgehen könnten, hat etwas Bestechendes.

Gegen diese Herleitung scheint aber doch die Frage zu sprechen, wie aus Gugo/Gogo einmal Guxhausen und dann zur selben Zeit Kucheln entstehen kann, Letzteres eine Namensform, die überhaupt nicht in die Vergabesystematik von Ortsnamen in dieser Zeit passt. In den Urkunden ab dem 16. Jahrhundert treten zwar die Namensformen »Guckshausen« und »Guggshausen« auf, immer handelt es sich jedoch um ein anlautendes »G«. Kucheln dagegen hat stets ein anlautendes »K« und wird meist in der Form »Kuchl« geschrieben.

Im Land Salzburg existiert ebenfalls ein Ort mit dem Namen Kuchl, der in römischer und frühbajuwarischer Zeit Cucullis hieß, was nachweislich auf die lateinische Form cucullus zurückgeht. Sollte es sich hier um eine sprachgeschichtliche Parallele handeln, hätte dies weitreichende Folgen für die Frage der Besiedlung des Achentals.

Wenn der Name Kucheln romanischen Ursprungs ist, muss Kucheln auch von Romanen besiedelt gewesen sein. Romanen (lat. romani) waren die nach dem Untergang des Römischen Reiches (480) im Land verbliebenen Siedler, die eine Spätform der lateinischen oder eine Frühform der späteren romanischen Sprachen benutzten. Es ist nun sehr unwahrscheinlich, dass die späteren bajuwarischen Erstsiedler im Achental einem von ihnen gegründeten Ort einen romanischen Namen gegeben hätten. Denkbar ist aber sehr wohl, dass sie den Namen einer bereits bestehenden und von Romanen bewohnten Siedlung übernommen und ihrer Sprache angepasst haben. Im Ergebnis hieße dies erstens, dass in Kucheln Siedlungskontinuität von der Antike bis zur bajuwarischen Landnahme zu konstatieren wäre, und zweitens, dass Kucheln die älteste und einzig nachweisbare Siedlung aus der römischen Zeit im Achental sein könnte. Da die romanischen Siedler beim Rückzug der Römer nach Italien (um 480) zurückgeblieben waren, kann diese Datierung als spätest mögliche Ortsgründung angesetzt werden (terminus ante quem). Kucheln wäre demnach mehr als 1500 Jahre alt.

Die erste schriftliche Erwähnung Kuchelns stammt dagegen erst aus dem Jahr 1554. Hiernach wird ein Schuster zu Kucheln genannt, der ein zweites Mal 1585 in den Urkunden auftaucht. Er kann keinem der bekannten Anwesen zugeordnet werden.(4)

Hinsichtlich seiner grundherrschaftlichen Struktur unterscheidet sich Kucheln ganz entscheidend von den direkt benachbarten Kirchorten Grassau und Rottau. Grassau hatte um 1670 nur ein einziges Anwesen, das dem Landesherrn gehörte, dafür aber 35 Anwesen mit geistlichen Besitzern. Kucheln bestand aus fünf Anwesen, die allesamt dem Herzog gehörten. Rottau wiederum verfügte zwar über acht Herzogsgüter; auf der anderen Seite war aber der geistliche Grundbesitz mit 25 Gütern weit in der Überzahl.(5) Wie kommt es, dass Kucheln, das von kirchlichem Besitz geradezu »eingekreist« war, sich ausschließlich in Herzogsbesitz befand?

Hierzu gibt eine andere Statistik Aufschluss, die den Herzogsbesitz im Landgericht Marquartstein dem in den Nachbar-Landgerichten Traunstein und Trostberg gegenüberstellt: Der Anteil der Eigengüter des Herzogs an der Gesamtheit aller Güter war 1554 in Traunstein 2 Prozent, in Trostberg 15 Prozent und in Marquartstein 39 Prozent.(6) Hauptgrund für den hohen Anteil im Gericht Marquartstein war wohl der Aufkauf der Ortenburgischen, also Adels-Güter, im Achental durch Herzog Heinrich von Niederbayern im Jahr 1259, der hierauf wegen seiner Verwandtschaft mit den Ortenburgern Anspruch erhob und diesen Anspruch auch durchsetzen konnte.(7)

Es existieren leider keine Quellen, die belegen könnten, dass die Kuchelner Güter Bestandteil der Ortenburgischen Besitzschaft waren. Setzt man aber das vermutete hohe Alter des Ortes (oder eines Teils seiner Anwesen) als gegeben voraus, so könnte man folgern, dass zur fraglichen Zeit noch kein geistlicher Grundbesitz in dieser Gegend existiert hat. Dies würde aber immer noch nicht den bestehenden landesherrlichen Besitz erklären.

Neben den Besitzverhältnissen fällt eine zweite Besonderheit auf. Es gibt in Kucheln so gut wie keinen landwirtschaftlichen Betrieb. Schon die Hausnamen lassen vermuten, dass sich hier konzentriert Handwerks- und Dienstleistungsbetriebe befanden, und die Besitzergeschichte bestätigt dies.(8)

• Das Schneiderhäusl (1624 auch Baderhäusl genannt) besaß eine Schneidergerechtsame. Vermutlich hat dort zuvor ein Bader gewohnt. Nachgewiesen ist aber nur eine einzelne Baderin im Jahr 1579. Schneider sind von 1752-1848 nachgewiesen. Die Steuerbeschreibung von 1612 führt eine Kuh auf, später wird kein Vieh mehr verzeichnet.

• Das Sieglgütl besaß 1612 eine Kuh, in der Güterbeschreibung von 1671 ist vermerkt, »er könne bei diesem Häusel kein Vieh halten … an Getreide könne er nichts verkaufen, sondern müsse solches selbst kaufen, ernähre sich mit einer schlechten Kramerei und Branntweinverkauf.« 1691 ist eine Kramergerechtigkeit vermerkt, die 1699 an einen Johann Kaz von Feldwies verpachtet und 1718 zurückgegeben wurde. 1721 wird eine Kramer-, Branntwein- und Brotverkaufsgerechtigkeit angegeben, 1810 zusätzlich eine Schneider- und Webergerechtigkeit.

• Für das »Schustergütl« ist 1671 Ähnliches überliefert: Der Besitzer »habe kein Vieh, er habe auch nichts zu verkaufen, sondern ernähre sich von dem Schneiderhandwerk.« 1697 ist ein Kramer überliefert, von 1718-1832 gab es mehrere Schuster.

• Auch auf dem »Weberhäusl« gab es 1671 kein Vieh, und der Besitzer musste sich vom Handwerk ernähren. Genaueres wird zum ausgeübten Handwerk nicht überliefert.

• Ebenso wird für das »Hafnergütl« 1671 kein Vieh nachgewiesen, jedoch der Hinweis gegeben, der Besitzer ernähre sich vom Hafnerhandwerk.

Zu ergänzen ist noch, dass in Kucheln ein Armenhaus stand, das den Gemeinden Grassau und Rottau gemeinsam gehörte. Wir wissen nicht, wann es erbaut wurde. Die älteste Erwähnung dürfte sein, dass Rosina von Jachensdorf, Schlossherrin von Niedernfels, 1611 durch letztwillige Verfügung dem »Siechenhause zu Kucheln« zwanzig Gulden vermacht habe.(9)

Wie kommt es nun zu dieser Konzentration von Handwerks- und Dienstleistungsberufen in Kucheln? Zunächst könnte man auf die Idee kommen, die Lage, eingeengt zwischen Berg und sumpfiger Moorlandschaft habe Landwirtschaft in nur sehr bescheidenem Umfang ermöglicht, sodass die Anwohner gezwungen waren, sich nach anderen Verdienstmöglichkeiten umzusehen. Ihre mittige Lage zwischen den Siedlungen von Grassau und Rottau könnte das Angebot von Handwerks- und Dienstleistungen begünstigt haben. Diese Erklärung scheitert jedoch daran, dass in geringer Entfernung südlich von Kucheln sehr wohl landwirtschaftliche Flächen vorhanden waren und an der Tatsache, dass das benachbarte Hindling mit ausgeprägter Landwirtschaft noch näher an den Chiemseemooren lag als Kucheln (von Ober- und Untermoosbach gar nicht zu reden). Die Erklärung muss demnach eine andere sein.

Können wir vielleicht eine Verbindungslinie ziehen zu den frühen Zeiten, als Kucheln möglicherweise eine römische Straßenstation war, an der die Pferde gewechselt, die Reisenden versorgt und Reparaturen vorgenommen wurden, entsprechende Dienstleistungen also vonnöten waren? Dieser Gedanke setzt natürlich voraus, dass tatsächlich eine Verbindungsstraße zwischen Staudach und Kucheln existiert hat, die einmal den Verkehr aus Richtung Bergen, sodann auch den von Süden kommenden durch das Achental weitergeleitet hat. Staudach wäre demnach ein Kreuzungspunkt zwischen einer Nord-Süd-Route von der Fernstraße Salzburg-Augsburg nach Tirol sowie einer Ost-West-Verbindung, vielleicht ebenfalls von Salzburg ausgehend über Grassau und Kucheln führend, gewesen. Sollte es sich hier vielleicht um einen Kompromiss zwischen den beiden Römerstraßen-Theorien von Freutsmiedl und Bauer handeln? Es spricht einiges dafür, für einen strengen Beweis reichen die Befunde aber nicht.


Dr. Hans J. Grabmüller


Teil I und Teil II in den Chiemgau-Blättern Nr. 23 vom 4. 6. und Nr. 24 vom 11. 6. 2016


Anmerkungen:
(1) GMELCH, J.: Die Ortsnamen des Bezirksamtes Traunstein, in: Chiemgau-Blätter (1933) Nr. 6.
(2) Gemäß einer mündlichen Auskunft vom 27.11.2007 an Herrn Erich Kamm. – Vgl. auch EBERL, B.: Die bayerischen Ortsnamen als Grundlage der Siedlungsgeschichte. Erster Teil: Ortsnamenbildung und siedlungsgeschichtliche Zusammenhänge. München 21925 (= Bayerische Heimatbücher, Band II), S. 159.
(3) GRABMÜLLER, Hans J.: Die historische Entwicklung. Teil I: Von den Anfängen bis 1803. Grassau 2010 (= Die Geschichte der Marktgemeinde Grassau. Hrsg. von der Marktgemeinde Grassau), S. 349.
(4) BREIT, S.: Häuserbuch von Grassau und Rottau. Grassau 2007 (= Die Geschichte der Marktgemeinde Grassau. Hrsg. von der Marktgemeinde Grassau), S. 58.
(5) Siehe hierzu ausführlich GRABMÜLLER: Die historische Entwicklung, Kapitel 5.3.
(6) Ebenda, Kapitel 5.2.3.
(7) Ebenda, Kapitel 4.3.
(8) Vgl. zum Folgenden BREIT: Häuserbuch, S. 43-45, 46-48, 49-51, 52-54, 56-58
(9) Ausführlich bei GRABMÜLLER, Hans J.: Die historische Entwicklung. Teil II. Von 1803 bis 1945. Grassau 2012 (= Die Geschichte der Marktgemeinde Grassau. Hrsg. von der Marktgemeinde Grassau), S. 95.

 

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