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Jahrgang 2016 Nummer 24

Zum Stand der Römerstraßenforschung im Chiemgau

Gab es eine Chiemsee-Südstraße? / Teil II

Conrad Peutinger (1465 bis 1547).
Ausschnitt aus der Peutinger Tafel.
Römerstraßen nach Bauer.


Die bisherigen Ergebnisse der archäologischen Straßenforschung für die Region des Achentals sind in mehrfacher Hinsicht unbefriedigend, da sie mehr Fragen aufwerfen, als sie klären können:

➝ Anfangs- und Endpunkte der ursprünglichen Straßen lassen sich aus den historischen Straßenresten nicht erschließen. Es lassen sich deshalb auch keine Aussagen zu den Siedlungen machen, die die ursprünglichen Straßen miteinander verbunden haben.

➝ Andererseits belegt eine Fülle von vor- und frühgeschichtlichen Funden, dass das Achental schon seit der Frühbronzezeit ein wichtiger Handelsweg war.

➝ Wohin aber hat der Handelsweg durchs Achental nach Norden geführt? Bestand ein Anschluss an die großen überregionalen Fernstraßen, wie zum Beispiel an die über Seebruck führende Römerstraße Salzburg-Augsburg? Lief dieser Weg über das freigelegte Straßenstück in der Sossauer Filzen?

Vielleicht bringen wir etwas Licht in diese Fragestellungen, wenn wir uns näher mit einer Theorie befassen, die Johannes Freutsmiedl, ein Straßenbauund Vermessungsingenieur aus Altenmarkt, in jüngster Zeit in die Römerstraßen-Debatte einführte.(1) Er griff Ideen aus dem 19. Jahrhundert wieder auf (insbesondere die angenommene Existenz einer »Chiemsee-Südstraße«, allerdings aus einer völlig neuen Perspektive und mit neuen methodischen Werkzeugen.

Freutsmiedl beschäftigte sich intensiv mit einem antiken Straßenverzeichnis, der sogenannten Peutingertafel (Tabula Peutingeriana).(2) Diese ist nach dem berühmten Augsburger Humanisten, Herausgeber und Sammler alter Schriften Conrad Peutinger (1465 bis 1547) benannt, der sie erworben und für die Nachwelt aufbewahrt hat. Heute liegt sie in der österreichischen Nationalbibliothek. Es handelt sich um eine antike Weltkarte im ungewöhnlichen Format von 6,82 mal 0,34 Metern, die in zwölf Blätter zerschnitten ist (ein Blatt ist verschollen). Sie scheint in den ersten Jahrhunderten nach Christus des Öfteren redigiert und ergänzt sowie im Mittelalter mehrfach kopiert worden zu sein. Dies macht ihre Datierung schwierig.(3)

Die Peutingertafel verzeichnet das gesamte römische Fernstraßennetz, ohne besondere Genauigkeitsansprüche an die Himmelsrichtungen sowie die eingezeichneten Gebirge und Wasserläufe zu stellen. Dies verhindert schon alleine das Format. Am ehesten erinnert die Darstellung an die heute üblichen schematisierten Pläne von Uund S-Bahn-Netzen, wie man sie in öffentlichen Verkehrsmitteln findet.

Es sind nur wenige eindeutig identifizierbare Städte eingetragen, dazwischen jeweils mit Entfernungsangaben Orte, die man heute eher als Stationsnamen denn als real existierende Orte betrachtet. Es kann deshalb nicht verwundern, dass alle bisherigen Versuche, die angegebenen Stationen mit heutigen Ortsnamen in Verbindung zu bringen, unbefriedigend geblieben sind. Man schrieb dies in der Regel fehlender geografischer Kenntnis bei den antiken Autoren oder Fehlern bei späteren Kopisten zu.

Freutsmiedl nahm nun an, dass die Kunst der Geländevermessung bei den Römern bereits hoch entwickelt war(4) und demzufolge auch die Tabula einen hohen Grad an Genauigkeit aufweisen müsse.(5)

Die in der Peutingertafel eingetragene Straße von Salzburg nach Augsburg läuft zunächst von Ost nach West, von Salzburg bis Kempten, knickt scharf nach Nordost bis Kaufbeuren ab und verläuft dann nordnordöstlich bis Augsburg. Die Lage der Zwischenstationen ist in den meisten Fällen unklar und muss rekonstruiert werden. Freutsmiedl stellt nun fest, dass zumindest ein Teil dieser Stationen keine Siedlungen waren, sondern schlicht Vermessungspunkte, die sich an auffallenden topografischen Punkten in der Natur (zum Beispiel Bergvorsprünge, Flussmündungen) orientierten oder an künstlichen Bauten (zum Beispiel Türme). Addiert man die Entfernungsangaben in der Tabula auf, so kommt man zu dem erstaunlichen Ergebnis, dass die Strecke von Salzburg nach Kempten mit 140 Meilen (= 206,4 Kilometer) angegeben wird, was von der »Ideallinie« – also von der Linie, die sich ergibt, wenn man die Zwischenstationen durch die kürzeste Linie verbindet, die das Gelände zulässt – nur um etwa drei Kilometer abweicht.

Die Entfernungsangaben in der Peutingertafel sind demnach nicht die tatsächlichen Wegstrecken, sondern die Entfernungen von Messpunkt zu Messpunkt. Bei unübersichtlichem Gelände müssen natürlich weitere Messpunkte zwischen den Stationen existiert haben, die aber in der Tafel nicht aufgeführt sind.

Geht man davon aus, dass die Fernstraße über Seebruck an der Nordseite des Chiemsees verlief, so können die Entfernungsangaben überhaupt nicht mit der Peutingertafel in Einklang gebracht werden. Diese Strecke wäre erheblich zu weit, bzw. die Entfernungsangaben wären zu gering. Dagegen würde eine Straßenführung südlich des Chiemsees über Bergen, Staudach-Egerndach, Kucheln in Grassau usw. mit verblüffender Genauigkeit zu den Tafeleintragungen passen.

Eine zweite Auffälligkeit besteht darin, dass die Straße über Kempten (Cambodunum) führte, obwohl Augsburg die Hauptstadt Raetiens war. Der für die damalige Zeit völlig unverständliche Umweg von mehr als 100 Kilometern im Vergleich zu einer direkten Verbindung muss eine historische Erklärung finden, insbesondere auch deswegen, weil die Römer, wenn es das Gelände erlaubte, schnurgerade Straßen bauten und stets den kürzesten Weg suchten.(6)

Die neuere Forschung geht davon aus, dass Augsburg ursprünglich nur Garnisonsstadt war und Kempten, das unter Kaiser Vespasian (69 bis 79 nach Christus) erbaut wurde, die zentrale Verwaltungshauptstadt bildete. Die Verlegung des Verwaltungssitzes nach Augsburg soll dann erst unter Trajan (98 bis 117 nach Christus) stattgefunden haben.(7)

Freutsmiedl schloss hieraus, dass die Straße bereits vor Erhebung Augsburgs zur Provinzhauptstadt erbaut worden sein müsse; anders ließe sich nicht erklären, weshalb ihr Ziel zunächst nach Kempten und erst im weiteren Verlauf nach Augsburg gerichtet war. Er datierte die Tafel in ihrer Ursprungsredaktion auf circa 30 nach Christus.(8)

Allerdings gibt es einen gewichtigen Einwand gegen Freutsmiedls Datierung: Das römische Seebruck (Bedaium) wurde nicht – wie noch vor wenigen Jahren angenommen – in der zweiten Hälfte des 1. Jahrhunderts nach Christus ausgebaut, sondern bereits in der ersten Hälfte. Die Seebruck-Spezialisten H. J. Kellner und G. Ulbert sind überzeugt, dass das Fundbild »…eindeutig für den Beginn der Ansiedlung in Seebruck allerspätestens mit Claudius« (Kaiser Claudius, 41 bis 54 nach Christus) spreche.(9) Demnach hätte Bedaium also bereits mehr als fünfzig Jahre als wichtige römische Siedlung und Verkehrsknotenpunkt bestanden, bevor Augsburg Provinzhauptstadt wurde. Da Straßen jedoch Siedlungen stets voranzugehen pflegen, wie Freutsmiedl an anderer Stelle betonte,(10) besteht kein Grund für die Annahme, die archäologisch belegte »Nordtrasse« sei jünger als die durch Funde kaum nachgewiesene »Südtrasse«.

Das Einzige, was die Theorie einer Südstraße noch retten könnte, wäre die Annahme, dass die Nordstraße über Bedaium keine römische Neuschöpfung war, sondern eine vorgeschichtliche Vorläuferin hatte. Derartige Vermutungen wurden bereits im 19. Jahrhundert geäußert, konkrete Belege hierfür gibt es aber nicht.

Das Szenario könnte man sich dann wie folgt vorstellen: Solange Kempten Provinzhauptstadt war, bildete die Chiemsee-Südstraße die wichtigste Verbindung nach Salzburg. Parallel hatten aber schon römische Reisende – vielleicht Kaufleute – die im Norden vorhandene, vorgeschichtliche Straße genutzt, hierbei die strategisch und siedlungsgeografisch günstige Lage des heutigen Seebruck erkannt und sich dort niedergelassen. Erst mit der Erhebung Augsburgs zur Provinzhauptstadt ging man daran, die um 120 Kilometer kürzere Nordverbindung verstärkt zu nutzen und auszubauen. In diesen Zusammenhang würde auch sehr gut das römische Wegstück in der Sossauer Filzen passen, nämlich als Verbindung zwischen Nord- und Südstraße.

Kommen wir nun zu den uns interessierenden Einzelstationen der »Voralpen-Südstraße«: In Artobriga, das bisher in der Nähe von Traunstein oder Erlstätt vermutet wurde, sah Freutsmiedl Neukirchen, was zur Entfernungsangabe in der Peutingertafel passt und nahe an der Ideallinie liegt. Gestützt wird diese Annahme durch die Tatsache, dass in der Gegend Eisenerz abgebaut wurde, das die Römer dringend benötigten, sowie durch den Fund eines Römersteins.(11)

Von Artobriga aus verlief die Straße nach Bedaium, das nach bisheriger Theorie mit Seebruck gleichgesetzt wird. Auf der Südstraße gelangt man, wenn man sich an die Entfernungsangaben hält, über Staudach-Egerndach und Grassau nach Kucheln. Die markant vorspringende Felsnase sowie die noch heute scharfe Straßenbiegung auf dem Weg nach Rottau lassen diesen Ort sehr wohl als Messpunkt geeignet erscheinen. Freutsmiedl identifizierte deshalb Kucheln mit Bedaium. Da aber auch Seebruck unbestreitbar ebenfalls Bedaium genannt wurde, spricht er im Fall von Kucheln von Bedaio 1, im Fall von Seebruck von Bedaio 2. Die Namensgleichheit wird durch die Annahme begründet, dass beim späteren Bau der Nordtrasse alte Namen der Südtrasse einfach übernommen wurden.(12)

Welche Belege führte Freutsmiedl für die Gleichsetzung von Kucheln mit Bedaium an?

➝ Er sah Kucheln als Abzweigungspunkt einer Route nach Süden zum Klobenstein an.

➝ Des Weiteren leitete er den Namen Kuchelns vom Lateinischen cucullus (Kapuze) ab und machte daraus »Kapuzenträger« (cuculle) und »Ort der Bergleute«, also der »Knappen«. Dies wiederum soll auf eine Eisenverhüttungsanlage am Kuchelberg hinweisen, was jedoch – wie er selbst betont – durch keinerlei Fundstücke nachgewiesen ist. Cucullus kann aber auch Kappe oder Gipfel bedeuten, was auf die Form des Kuchelberges zu beziehen wäre. Daneben existieren in der Literatur noch mehrere weitere Namenserklärungen, die auf die spezifische Form des Bergvorsprungs verweisen, oder aber einen zugrunde liegenden Eigennamen annehmen (Gugo).(13) Mit diesen Erklärungsvarianten setzte sich Freutsmiedl aber nicht weiter auseinander.

➝ Die Silbe bed verweist auf eine keltische Gottheit. Es ist jedoch ziemlich unwahrscheinlich, hier eine Verbindung mit dem Ortsnamen Pettendorf herzustellen, wie es Freutsmiedl versuchte.(14) Viel wahrscheinlicher ist die Ableitung aus einem Eigennamen (Peto oder Petto).(15)

➝ Als einzige römische Fundbelege werden die beiden in der Mietenkamer und der Egerndacher Kirche aufgefundenen Römersteine aufgeführt. Zumindest die ursprüngliche Herkunft des Mietenkamer Steines ist fraglich, ansonsten stellt sich der römische Fundniederschlag als äußerst dürftig dar und reicht wohl zu nicht mehr als vagen Spekulationen. Was wir mit Sicherheit für die Vorund Frühgeschichte ausschließen können, ist die Existenz einer befestigten, von schweren Fahrzeugen befahrbaren Straße durch die heutige Grassauer Flur. Ein derartiges Bauwerk wäre jedenfalls im Zuge späterer Baumaßnahmen ans Licht gekommen. Nicht auszuschließen ist dagegen die Möglichkeit, dass die östlich und westlich der Ache existierenden Saumpfade, über die der Verkehr das Achental Richtung Norden bzw. Osten verlassen konnte, nicht auch eine Verbindung zwischen Staudach und Kucheln hatten.

Nach dem Erscheinen von Freutsmiedls Arbeit wurde eine weitere Untersuchung zum selben Thema, aber wiederum mit völlig neuen Ergebnissen zur Routenführung der römischen Fernstraßen herausgegeben. Der Autor, Hans Bauer, hat Freutsmiedls Thesen zwar kurz erwähnt, ist aber auf die Chiemsee-Südstraßentheorie nicht weiter eingegangen.(16)

Bauer verglich die Routenführung in der Peutingertafel mit der in einem anderen antiken Wegeverzeichnis, dem »Itinerarium Antonini« (vollständig: Itinerarium provinciarum Antonini Augusti), das wahrscheinlich am Beginn des 3. Jahrhunderts nach Christus entstanden ist. Er hielt an der Auffassung fest, dass die Römerstraße über Bedaium schon immer über Seebruck lief, kam dann aber zu dem Schluss, dass diese auch schon immer direkt Salzburg mit Augsburg verband und keinen Umweg über Kempten machte. Letzteres werde nur deshalb vorgegaukelt, weil der Zeichner in der Peutingertafel zwei völlig unterschiedliche Römerstraßen miteinander verbunden und dabei verabsäumt habe, den Kreuzungspunkt »Ambrae« (Dachau) einzutragen. In unserem Zusammenhang ergibt sich nur insofern eine Auswirkung, als nach der Theorie Bauers die Römerstraße von Salzburg nach Augsburg nördlich des Chiemsees und nicht – wie von Freutsmiedl postuliert – südlich über Kucheln führte.


Dr. Hans J. Grabmüller


Teil I in den Chiemgau-Blättern Nr. 23 vom 4. 6. 2016, Teil III in den Chiemgau-Blättern Nr. 25 vom 18. 6. 2016


Anmerkungen:
(1) FREUTSMIEDL, J.: Römische Straßen der Tabula Peutingeriana in Noricum und Raetien. Büchenbach 2005.
(2) Ausführliche Beschreibung bei DILKE, O. A. W.: Itineraries and geographical maps, in: HARLEY, J. B.; WOODWARD, D.: The history of cartography. Cartography in prehistoric, ancient and medieval Europe and the Mediterranean. Vol. 1. Chicago 1987, S. 234-257.
(3) WEBER, E.: Tabula Peutingeriana. Poznañ 1998 (= Xenia Posnaniensia: Series altera, Band 4).
(4) Zur Leistungsfähigkeit der römischen Vermessungsingenieure, die in der Armee ausgebildet wurden, siehe auch CZYSZ, W. [u. a.]: Die Römer in Bayern. Hamburg 2005, S. 190-192.
(5) FREUTSMIEDL: Römische Straßen, S. 9-10.
(6) CZYSZ: Die Römer in Bayern, S. 187.
(7) Ebenda, S. 200-207. – Vgl. auch WEBER, G. [Hrsg.]: Cambodunum – Kempten. Erste Hauptstadt der römischen Provinz Raetien. Mainz 2000.
(8) FREUTSMIEDL: Römische Straßen, S. 41, 69.
(9) KELLNER, H.-J.; ULBERT, G.: Das römische Seebruck, in: Bayerische Vorgeschichtsblätter 23 (1958) S. 58.
(10) FREUTSMIEDL: Römische Straßen, S. 11-12.
(11) Ebenda, S. 55-57.
(12) Ebenda, S. 57-62.
(13) Vgl. Teil 3 dieses Beitrags in der nächsten Ausgabe der Chiemgaublätter.
(14) FREUTSMIEDL: Römische Straßen, S. 59-62.
(15) GMELCH, J.: Die Ortsnamen des Bezirksamtes Traunstein, in: Chiemgau-Blätter (1933) Nr. 9.
(16) BAUER, H.: Die römischen Fernstraßen zwischen Iller und Salzach nach dem Itinerarium Antonini und der Tabula Peutingeriana. Neue Forschungsergebnisse zu den Routenführungen. München 2007.

 

24/2016