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Jahrgang 2016 Nummer 23

Zum Stand der Römerstraßenforschung im Chiemgau

Römerstraßen südlich des Chiemsees / Teil I

Freigelegter Bohlenweg in Rottau.
Lage des Sossauer Bohlenweges.
Lage des Rottauer Bohlenweges.

Den heute noch archäologisch nachweisbaren vor- und frühgeschichtlichen Verkehrswegen sieht man es nicht mehr an, welche Pionierleistungen ihr Bau erfordert hat und welche wirtschaftliche und militärische Bedeutung sie für ihre Erbauer dargestellt haben. Dies gilt eingeschränkt für die bronzezeitlichen, noch weitgehend unbefestigten Wege oder Pfade, auf denen Lasttiere das wertvolle Metall transportierten, ebenso wie für die Straßen der Römer, deren Konstruktion aus mächtigem Holzbohlen-Unterbau und dicker Kiesaufschüttung(1) allerdings erheblich höhere Ansprüche an Haltbarkeit und Belastbarkeit verraten. W. Czysz und E. Keller schreiben in ihrem Büchlein über Seebruck: »Von leistungsstarken Straßen hing nicht nur die Mobilität und Schlagkraft des Heeres, sondern auch das reibungslose Funktionieren des staatlichen Transport- und Kuriersystems, die Wirksamkeit der Verwaltung und nicht zuletzt das Florieren von Handel und Wirtschaft ab.«(2)

Schon seit Langem bekannt und bereits in antiken Wegeverzeichnissen und Karten nachgewiesen ist eine Fernverkehrsstraße der Römer nördlich des Chiemsees, die von Salzburg (Iuvavum) über Seebruck (Bedaium) nach Augsburg (Augusta Vindelicum) führte.(3) Es spricht einiges dafür, dass Seebruck auf dieser Strecke einen wichtigen Knotenpunkt darstellte und dass von hier aus weitere Straßen nach Norden über den Inn und nach Süden entlang der Tiroler Ache über den Pass Thurn Richtung Felbertauern und Italien führten.(4) Einer anderen Theorie folgend, war nicht Seebruck Abzweigstelle für eine Straße durch das Achental, sondern Pons Aeni, das u. a. südlich von Prien vermutet wurde.(5)

Da die Römerstraßen oft bereits bestehenden Verkehrswegen aus weit früherer Zeit folgten und da der Wegebau im Mittelalter ebenfalls streckenweise auf bestehenden Routen aufbaute, ist es heute sehr schwierig, eindeutige Zuordnungen zwischen Straßen, Entstehungszeit und den Erbauern vorzunehmen. Die Tatsache beispielsweise, dass Seebruck heute als Knotenpunkt im Wegenetz erscheint, bedeutet nicht automatisch, dass dieses Netz so in römischer oder gar in der Bronzezeit in dieser Form bestanden hat. Es ist durchaus möglich, dass einzelne »Teilstrecken« aus völlig unterschiedlichen Zeiten stammen.

Bereits 1854 entdeckte der Grabenstätter Pfarrer Dr. Mathias Aloys Vogel ein Stück einer offensichtlich historischen Straße in der Sossauer Filzen östlich von Übersee und südlich von Grabenstätt(6), das er kurzerhand als »Römerstraßensegment« deklarierte:

»Dieser Tage erhielt ich Kunde, dass sich im Winklermoore Spuren von einer alten Straße vorfinden, über deren Befahrung selbst den ältesten Männern der Gegend nichts erinnerlich ist. Sie zeige sich, hieß es, an den beiden Ufern (Gestätten) des vor 10 Jahren geradlinig gestochnen Rothgraben-Kanals etwa einen Schuh tief unter dem aufgeschwemmten Boden … [Hier] geht eine mehr als einen Werkschuh mächtige Schichte sehr compacten Kieses zu Tage. Unter dieser Kiesschicht wird … ein an drei Fuß hoher Unterbau aus Holz sichtbar … Dieser Unterbau ist bei weitem solider construirt, als die gewöhnlichen Substructionen unserer Hauptstraßen. Insoweit er sichtbar ist, liegen 3 Querlagen von Eichenstämmen übereinander. Diese sind durch etwas dünnere Längenlagen von Erlen-, Birken- und Fichtenstämmen voneinander getrennt … Diese Unterbauhölzer sind sämmtlich entweder verfault, oder in einem Zustand, der den Uebergang zur Versteinerung bildet.«(7)

In einem zweiten Aufsatz berichtet Vogel von weiteren Entdeckungen kurzer Wegstücke, die sich ohne größere Probleme zu einem durchgehenden Straßenzug Richtung Erlstätt ergänzen ließen, sodass eine Anbindung an die Route Salzburg-Augsburg durchaus möglich schien. Die Frage nach der südlichen Fortführung des Sossauer Straßenstücks ließ sich jedoch nicht so ohne Weiteres beantworten. Vogel verblieb deshalb weitgehend im Spekulativen, als er auf der mehr als dürftigen Fundsituation ein ganzes Netz von Haupt- und Nebenstraßen im Chiemgau zur Römerzeit postulierte.(8)

Der Traunsteiner Studienprofessor August Meier überprüfte 1910 die Überreste der Sossauer Straßensegmente sowie die von Vogel daraus gezogenen Schlüsse.(9) Er fand die Fundsituation vor Ort in fast unverändertem Zustand, obgleich seit der Entdeckung über ein halbes Jahrhundert vergangen war. Meier kam schließlich zu demselben Ergebnis wie Vogel vor ihm, was die nordöstliche Fortsetzung Richtung Erlstätt betraf. Auch er nahm an, dass sie letztlich auf die Fernverbindungsstraße Salzburg-Augsburg treffen müsse, die Fortführung der Trasse in entgegengesetzter Richtung blieb jedoch seiner Auffassung nach pure Spekulation; vielleicht verlief sie durch das Achental, vielleicht aber auch durch das Priental oder nach Westen über den Inn, um sich dann mit der Chiemsee-Nordroute zu vereinigen.

Laut Aussage von C. Soika habe »kürzlich« (um 1980) noch einmal eine Grabung an der südöstlichen Fortführung des Bohlenweges stattgefunden, die allerdings auf keine Holzbohlen gestoßen sei, sondern lediglich auf eine Schicht aufgeschütteten Kieses. Soika präferiert eine Verbindung dieser Straße mit dem Achental.(10)

Es spricht zwar einiges dafür, das Sossauer Straßenstück in die Römerzeit zu datieren, insbesondere wegen des Bohlenaufbaus mit Kiesschüttung. Da aber bisher keine C14-Untersuchungen des Holzes unternommen wurden, fehlen auch die Beweise. Es lässt sich ja nicht ausschließen, dass es sich auch um ein bajuwarisches oder mittelalterliches Bauwerk handeln könnte und dass der Bohlenaufbau schlicht wegen des an dieser Stelle wenig tragfähigen Untergrundes angelegt wurde. Die Tatsache, dass auch Straßensegmente ohne Bohlenunterbau gefunden wurden, könnte eine nichtrömische Datierung sogar noch bestärken.

Letztlich müssen wir aber bei kritischer Betrachtung zugeben: Wir wissen nicht, wann das Sossauer Straßenstück erbaut wurde und wer seine Erbauer waren.

Anders sieht es bei der zweiten, früher irrtümlich als Römerweg deklarierten frühzeitlichen Straße aus. Im Jahr 1916 fand man beim Torfstechen östlich von Bernau in der Rottauer Filzen in zwei Metern Tiefe einen alten Holzbohlenweg, der allerdings wesentlich primitiver ausgeführt war als sein Sossauer Gegenstück und der auch keine Kiesaufschüttung besaß. Nach dem Ersten Weltkrieg wurden weitere Stücke des Bohlenweges gefunden. Er beginnt nördlich der Bahn und weist in Richtung Prien. Südlich der Bahn ließ er sich durch Torfstiche und Bohrungen auf einer Strecke von 1800 Meter bis hin zum Saliter Bach (heute Neumühler Bach) lückenlos nachweisen. Mit Ausnahme einiger weniger, durch Torfstich zerstörter Teilstücke liegt er unter einer 100 - 150 Zentimeter mächtigen Torfschicht.(11)

Paul Reinecke, der diesen Bohlenweg im Jahr 1916 untersuchte, glaubte ihn mit dem Römerweg bei Sossau in Verbindung bringen zu können. Er entwickelte eine zusammenhängende, aber etwas gewagte Theorie zur Chiemsee-Südstraße, die an die geschilderten Erklärungsversuche aus dem 19. Jahrhundert anschließt.(12)

Im Zusammenhang mit den regelmäßigen Hochwasserkatastrophen sahen die Überseer Heimatforscher Max und Adelheid Brunner die Existenz und spätere Auflassung der Südstraße: »So finden wir im Chiemgau … eine Römerstraße doppelt. Ungezweifelt ist der südliche Zug der ältere … Die Auflassung dieser Straße ist leicht erklärlich, wenn man bedenkt, welche verheerenden Wirkungen die Wildwasser jener Zeit ausübten und diese unpassierbar machten.«(13)

Zwischenzeitlich ist jedoch nachgewiesen, dass Seebruck und damit auch die nördliche Römerstraße bereits aus der ersten Hälfte des 1. Jahrhunderts nach Christus stammen müssen, was für einen früheren südlichen römischen Straßenbau keine Zeit mehr lässt.(14) Diese Tatsache und die Ergebnisse einer umfangreichen archäologischen und paläobotanischen Untersuchung (Holz- und Pollenanalyse) haben Reineckes Datierung ins Wanken gebracht.

Nachdem in den fünfziger Jahren Zweifel an der römischen Herkunft des Bohlenweges laut geworden waren, wurden 1958 und 1965 Holzproben zur Altersbestimmung mittels der Radio-Karbon-Datierung (C14-Datierung) entnommen und Torfprofile für eine pollenanalytische Bearbeitung aus dem Moor geschnitten. Im März 1967 wurde dann der Bohlenweg auf einer Länge von 50 Metern und einer Breite von 6 Metern freigelegt. Die Grabung befand sich circa 280 Meter östlich der Fahrstraße Rottau-Eichet.(15)

Als Unterbau hatte man in Wegrichtung verlegtes Stangenholz verwendet, als Lauffläche dicht aneinandergelegtes Rundholz oder gespaltene Bohlen quer darüber. Wegen der unterschiedlichen Holzquerschnitte ergab sich eine sehr ungleiche, holprige Oberfläche. Insbesondere ist festzuhalten, dass der Weg für die Befahrung mit schweren Wagen ungeeignet war. Es fanden sich auch tatsächlich keinerlei Spuren, die darauf hingewiesen hätten, dass er jemals befahren wurde. Offensichtlich diente er nur als Fußgängerweg. Die Untersuchung des Holzes mittels C14-Messungen ermöglichte eine ungefähre Datierung des Straßenbaus auf circa 1100 bis 600 vor Christus.(16) Damit war eine Einstufung als »Römerstraße« ausgeschlossen; vielmehr muss dieser Weg der späten Urnenfelderzeit oder der beginnenden Hallstattzeit zugeordnet werden. Die Wahrscheinlichkeit, dass er mit dem Sossauer Wegstück zusammenhängen könnte, ist deshalb – auch wenn eine saubere Datierung des Letzteren fehlt – sehr gering.

Völlig ungeklärt ist die Frage, welches Ziel der Weg in der Rottauer Filzen hatte. Aus derzeitiger Sicht führte er ins damals nahezu unzugängliche Moor, aber nicht mehr aus diesem heraus. Als Endpunkt hatte schon Reinecke den heute stark verlandeten kleinen Egelsee in der Kendlmühlfilzn vermutet.(17) Hieraus erwachsene Spekulationen, es könne sich bei diesem See um eine Opferstätte mitten im Moor handeln, wie sie für Norddeutschland und Dänemark in einzelnen Fällen nachgewiesen worden sind, werden sich wohl nicht so schnell belegen lassen.(18)


Dr. Hans J. Grabmüller


Teil II und Teil III in den Chiemgau-Blättern Nr. 24 vom 11. 6. 2016 und Nr. 25 vom 18. 6. 2016


Anmerkungen:
(1) Zur Konstruktion der Römerstraßen siehe insbesondere LANG, A. [u. a.]: Eine frührömische Holz-Kies-Straße im Eschenloher Moos. Ein Vorbericht der Grabung 1996, in: WALDE, E. [Hrsg.]: Via Claudia. Neue Forschungen. Innsbruck, Telfs 1998, S. 315-325.
(2) CZYSZ, W.; KELLER, E.: Bedaium – Seebruck zur Römerzeit. Seebruck 1978, S. 10.
(3) Auch die Namensform »Augusta Vindelicorum« ist gebräuchlich. – Neuere Untersuchungen zur Römerstraße bei FREUTSMIEDL, J.: Römische Straßen der Tabula Peutingeriana in Noricum und Raetien. Büchenbach 2005, sowie BAUER, H.: Die römische Fernstraße Salzburg- Augsburg nach dem Itinerarium Antonini und der Tabula Peutingeriana. Neuere Forschungsergebnisse zur Routenführung. Ein Beitrag zur Römerstraßenforschung in Bayern, in: Oberbayerisches Archiv 130 (2006), S. 67-102. (4) CSYSZ/KELLER: Bedaium, S. 13.
(5) KLEBEL, E.: Die Siedlungsgeschichte nach der Landnahme durch die Bajuwaren, in: Heimatbuch des Landkreises Traunstein. Hrsg. von P. TÖPFNER. Teil I. Historischer Teil. Trostberg 1963, S. 55-67.
(6) HOFMANN, K.: Beiträge zur Chiemgauer Heimatgeschichte. Traunstein 1949, S. 105.
(7) VOGEL, M. A.: Nachricht über ein Römerstraßensegment bei Grabenstätt, in: Oberbayerisches Archiv 15 (1855), S. 29-36.
(8) DERS.: Nachricht über die östliche Fortsetzung des Römer-Straßensegments bei Grabenstätt, in: ebenda, S. 137-154.
(9) Vgl. MEIER, A.: Der Chiemgau in römischer Zeit. Traunstein 1912, S. 66-67.
(10) SOIKA, C.: Funde aus der Römerzeit von Erlstätt, Grabenstätt und Holzhausen. Hrsg. von A. MULTERER. Grabenstätt 1982, S. 59.
(11) Ausführlicher Bericht von H. SCHMEIDL in: Heimatbuch der Gemeinde Bernau am Chiemsee. Hrsg. vom Bernauer Heimatkreis. Bernau am Chiemsee 1991, S. 28-30. – Einige Originalbohlen können heute in einer Nachbildung des Fundes im sog. Torfbahnhof, der sich am nördlichen Rand der Kendlmühlfilzn befindet, besichtigt werden.
(12) REINECKE, P.: Neues aus der Frühzeit des Chiemgaues, in: DERS.: Kleine Schriften zur vor- und frühgeschichtlichen Topographie Bayerns. Kallmüntz 1962, S. 25-27.
(13) BRUNNER, M.; BRUNNER, A.: Übersee am Chiemsee. Seine Geschichte. Band 1. Übersee 1964, S. 9.
(14) KELLNER, H.-J.; ULBERT, G.: Das römische Seebruck, in: Bayerische Vorgeschichtsblätter 23 (1958), S. 58.
(15) Heimatbuch der Gemeinde Bernau am Chiemsee. Hrsg. vom Bernauer Heimatkreis. Bernau am Chiemsee 1991, S. 28.
(16) SCHMEIDL, H.; KOSSACK, G.: Archäologische und paläobotanische Untersuchungen an der »Römerstraße« in der Rottauer Filzen, in: Jahresberichte der bayerischen Bodendenkmalpflege Band 8/9. München 1971, S. 19, 23.
(17) REINECKE: Neues aus der Frühzeit, S. 26.
(18) SCHMEIDL/KOSSACK: Archäologische und paläobotanische Untersuchungen, S. 35-36.

 

23/2016