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Jahrgang 2015 Nummer 19

Zum 75. Todestag von Dr. Dr. Emil Ehrensberger

Er starb am 8. Mai 1940 in Traunstein

Emil Ehrensberger im Studierzimmer seines Hauses in Traunstein.
Die Ehrensberger-Villa, heute Haus St. Rupertus, liegt in einem großflächigen Park in Traunstein.
Ein Porträt des Ehepaares Pauline und Emil Ehrensberger.
Herr Harald Eckstein zeigt interessierten Besuchern die Sternwarte und den Refraktor auf dem Dach der Ehrensberger-Villa.
Die zwei Uhren aus der Sammlung von Emil Ehrensberger stehen noch in seiner Villa in Traunstein.

Emil Ehrensberger war Chemiker und Industrieller zu Beginn des 20. Jahrhunderts, begeisterter Beobachter des Sternenhimmels und Sammler außergewöhnlicher Uhren. Seinen Ruhestand verbrachte er in der Rupprechtstraße in Traunstein in der »Ehrensberger-Villa«, wie sie noch heute von vielen genannt wird. Hier konnte er sich in Ruhe seiner Leidenschaft, der Astronomie, widmen. Die Stadt Traunstein verlieh ihm 1919 die Ehrenbürgerwürde. Vor 75 Jahren am 8. Mai 1940 verstarb er.

Geboren wurde Emil Ehrensberger am 25. September 1858 in Babenhausen nahe Günzburg im Unterallgäu. Nach dem Studium in München begann er als junger Chemiker ab 1881 in der Kruppschen Hermannshütte in Neuwied und blieb der Firma Krupp als Metallurg und Direktoriumsmitglied sein ganzes Leben lang verbunden. 1884 wurde er Assistent im Schmelzbau der Gussstahlfabrik und 1899 von Alfred Krupp in den Vorstand der Firma berufen. Sein Bereich waren vor allem die Stahl- und Panzerplattenwalzwerke und er forschte auf dem Gebiet der legierten Stähle. Ehrensberger gilt als der Erfinder des nichtrostenden Stahles V2A und der Legierungen für Panzerplatten und weittragende Kanonenrohre. Im Nachruf für den 1940 Verstorbenen heißt es unter anderem: »Er erwies sich als einer der damals noch seltenen Eisenhüttenleute, die durch ihren Weitblick das wissenschaftliche Zeitalter der deutschen Eisenindustrie begründen halfen und durch ihre Fähigkeiten in Anwendung wissenschaftlicher Grundlagen und Erkenntnisse in seltenem Maße zur fortschrittlichen Entwicklung der Eisenwerkstoffe und ihrer Anwendung beigetragen haben.« Seine Verdienste kamen damals nicht nur der Firma Krupp zugute sondern der gesamten deutschen Industrie. Im Jahr 1907 ernannte die Technische Hochschule München ihn zum Dr. Ing. E. h. Ein Jahr später schloss sich die Universität Göttingen mit der Ernennung zum Dr. phil. h. c. an. 1913 verlieh ihm der Verein Deutscher Chemiker die Liebig-Gedenkmünze und im Jahre 1917 erhielt er den Titel »Geheimer Baurat«. Im Nachruf heißt es abschließend: »So darf Ehrensberger als das Vorbild eines Mannes gelten, dessen außergewöhnlicher Gestaltungswille sich wie in der deutschen Eisen- und Stahlindustrie so auch bei der deutschen Technik überhaupt auswirkte und dessen Tatkraft, gepaart mit einem vornehmen Charakter, ihn zu einer überragenden Persönlichkeit machte.« Als »großen, schlanken, stattlichen Herrn« beschreibt Hans Hemmetzberger aus Pertenstein den Traunsteiner. Er war als junger Mann bei der Post in Traunstein angestellt und musste ab und zu Express-Lieferungen bei Emil Ehrensberger in der Villa abgeben. »Der Mann war auf Zack, aber auch recht kommod und freundlich«, erinnert sich der 93-Jährige noch heute an ihn.

Neben seinem beruflichen Wirken hatte Emil Ehrensberger zwei Leidenschaften, die er mit großem Eifer verfolgte. Er befasste sich sehr intensiv mit der Beobachtung der Gestirne und ließ sich eigens dafür auf seinem Haus in Traunstein ein Observatorium bauen. Außerdem verfügte er über eine große Uhrensammlung, hauptsächlich alte Räderuhren und Sonnenuhren, die im Studierzimmer in Traunstein ausgestellt waren. Seine Nachkommen haben die Sammlung dem Augustiner Museum Freiburg als Dauerleihgabe zur Verfügung gestellt. Zwei Exemplare stehen noch heute in der Villa in Traunstein. Bei der Grundsteinlegung des Deutschen Museums in München 1905 war Ehrensberger vertreten und bis 1907 Mitglied des Vorstandsrates des Museums.

Die Stadt Traunstein verlieh dem erst im Ruhestand in den Chiemgau gekommenen Mitbürger im Februar 1919 die Ehrenbürger-Würde aufgrund seiner »bewiesenen gemeinnützigen und hochherzigen Gesinnung durch Zuwendung namhafter Wohltätigkeitsspenden, namentlich zur Linderung der Not während der vergangenen, harten Kriegszeit«, wie es im Beschluss dazu heißt.

Emil Ehrensberger hatte neun Kinder und 15 Enkel, er verlebte mit seiner Frau Pauline, einer geborenen Bachofen von Echt, einen schönen Lebensabend in seiner bayerischen Heimat, wo er noch im fortgeschrittenen Alter so manchen Berggipfel erklomm. Er war nämlich nebenbei auch noch begeisterter Bergsteiger und Ehrenmitglied der Sektion Essen des Deutschen Alpenvereins, bei der er Gründungsmitglied und einige Jahre Vorsitzender war.

Die Villa, ein Domizil zum Repräsentieren und Sterngucken

Emil Ehrensberger ließ in den Jahren 1912 bis 1915 vom Architekten Prof. Georg Metzendorf aus Essen eine stattliche Villa mit 25 Zimmern und einer Wohnfläche von 1000 Quadratmetern in einem 45 000 Quadratmeter großen Grundstück planen und bauen. Für seine Aufgaben als Vorstand des Aufsichtsrates bei der Firma Krupp brauchte er ein Haus zum Repräsentieren und um seine Gäste angemessen unterzubringen. Außerdem lebten zur Zeit seines Umzuges nach Traunstein noch vier der insgesamt neun Kinder bei den Eltern. Nach dem Tod des Hausbesitzers und nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Villa zunächst von der US-Armee beschlagnahmt. 1955 kaufte die Erzdiözese das Anwesen von der Familie Ehrensberger und errichtete darin ein Exerzitienhaus und Altersheim. Zur Jahrtausendwende befand sich in dem Haus über einige Jahre ein Wohnheim für Schwestern vom Hl. Kreuz. Dank der Kirche, die die Villa weitgehend in ihrem ursprünglichen Zustand belassen und restauriert hat, konnten die Räumlichkeiten sowie auch einige Gemälde und Einrichtungsgegenstände des früheren Besitzers erhalten werden. Im weitläufigen und imposanten Treppenhaus der Villa hängen noch originale Gemälde, auf denen Ehrensbergers Liebe zu den Bergen zum Ausdruck kommt. Mehrere Renovierungsphasen waren in den letzten Jahrzehnten nötig, ein Wohntrakt für 50 Gäste wurde angebaut und die Sternwarte auf dem Dach 2002 von Grund auf renoviert. 1,5 Millionen Goldmark soll der Bau der Villa gekostet haben, für 350 000 Mark kaufte das Ordinariat sie später.

Für Emil Ehrensberger war die Lage seines neuen Zuhauses damals ideal, weil er zum einen nicht weit in die Berge hatte und außerdem nahe der Eisenbahnlinie Salzburg-München wohnte, um mit der Bahn immer wieder bequem zu Terminen bei Krupp nach Essen reisen zu können. Gleich von Anfang an plante der Bauherr auf dem Dach seines neuen Domizils, das sein Altersruhesitz werden sollte, eine Sternwarte mit ein. Die Astronomie war schon seit Langem sein Hobby und er errichtete die Plattform, die auf 640 Metern Meereshöhe nicht nur einen Blick zum Sternenhimmel gewährt, sondern auch auf die Kulisse der nördlichen Alpenkette in einer Länge von 150 Kilometern. Heute befindet sich in der »Ehrensberger-Villa« das Bildungs- und Exerzitienhaus St. Rupert der Erzdiözese München und Freising (www.sanktrupert. de). Die Jugendstilvilla mit herrlichem Blick über die Stadt Traunstein und in die Berge hinein bietet den passenden Rahmen für Kurse, Tagungen, Einkehrtage und mehr.

Eine Liebhaber-Sternwarte

»Im Jahre 1908 hatte ich begonnen, mich mit astronomischen Beobachtungen zu beschäftigen und mir in meinem damaligen Wohnsitz Essen eine kleine Sternwarte eingerichtet«, schrieb Emil Ehrensberger einst in einer Abhandlung zu seiner Sternwarte auf der Villa in Traunstein. In Essen stand damals auf einer nach Süden gelegenen Terrasse im ersten Stock seines Wohnhauses ein Zeissscher Refraktor von 164 Zentimeter Brennweite. Als er sich mit dem Gedanken trug, sich ins Privatleben zurückzuziehen und eine Villa in Traunstein zu errichten, beschloss er, beim Bau von vornherein die Anlage einer größeren Sternwarte zu berücksichtigen. Nach seiner Pensionierung 1917 konnte er Villa und Sternwarte noch 23 Jahre lang nutzen.

Die Sternwarte ist mit einem parallaktisch montierten Refraktor (Linsenfernrohr) bestückt, der 1913 von der Weltfirma Carl Zeiss in Jena gebaut wurde. Das Gerät besitzt ein sogenanntes B-Objektiv, das aus drei Silikatlinsen von je 175 mm Durchmesser und einer Brennweite von 261 cm besteht. »Es gibt wahrscheinlich nur dieses eine Gerät in der Größe«, vermutet Harald Eckstein, der sich zusammen mit Reinhard Hinterreiter und Christian Wagner seit 2008 ehrenamtlich um die Sternwarte kümmert. Die Sternwarte wurde fast drei Jahrzehnte lang durch den Traunsteiner Hobby-Astronom Dipl. Ing. Apotheker Reinhold Bendel ehrenamtlich betreut. Auf seine Initiative hin wurde auch die von ihm entdeckte Fehljustierung der Fernrohrlinsen im Herbst 2007 durch eine Spezialfirma korrigiert. Aus gesundheitlichen Gründen musste Reinhold Bendel die Betreuung der Sternwarte 2007 aufgeben. Seine Nachfolger waren Dr. med. Karl Horst Eberle, Seebruck, und Augenoptiker Harald Eckstein, Traunstein.

Emil Ehrensberger selber hat den Kuppelbau auf seinem Haus detailliert beschrieben: »Der Mauerkranz des Kuppelraumes hat eine Höhe von zwei Metern, die freie Spaltdurchsicht beginnt in 2,4 Metern und der Achsendurchschnittspunkt des Refraktors liegt in 2,45 Metern Höhe über dem Fußboden. Unter dem Kuppelraum befindet sich ein ovales Zimmer von sieben auf fünf Meter, in dessen Mitte das Fundament des Fernrohres durchgeht.« Dieses Fundament ist nach seinen Angaben eine hohle Säule aus Eisenbeton von 1,2 Metern Durchmesser, in deren obere Aussparung sich das Uhrwerksgewicht einsenkt. Zur Stärkung der Kuppel gehen zwei Tragmauern aus Eisenbeton von 25 Zentimetern Stärke, in den unteren Stockwerken auf 38 Zentimeter verstärkt, bis in den Keller des Hauses. Die drehbare Kuppel ist aus Holz konstruiert und mit Kupfer bedeckt, sie läuft auf sechs gehärteten Stahlkugeln von 50 Millimeter Durchmesser. Ebenso wie der einen Meter breite Parallelspalt ist sie von Hand leicht zu bedienen.

Harald Eckstein weist auf das Besondere an der Sternwarte hin: »Ein dreilinsiges Objektiv wie hier ist einmalig. Standard war damals zweilinsig. Dieses Objektiv zu bauen, war enorm teuer und heute kann das kaum jemand mehr so schleifen wie damals.« Die Firma Zeiss habe hier eine Monopolstellung gehabt und es dürfte zu der Zeit, als die Sternwarte gebaut wurde, eine kleine Sensation gewesen sein.

Einmal im Monat gibt es eine kostenlose Führung auf der Sternwarte. Bei schlechtem Wetter wird das historische Instrumentarium gezeigt. In sternenklaren Nächten öffnet sich die Kuppel und die Besucher werden mittels des großen Teleskopes in die Schätze des Sternenhimmels eingeführt. Die ehrenamtlich betreuten Führungen dauern eineinhalb bis zwei Stunden, gegen einen Unkostenbeitrag von 40 Euro können Gruppen die Sternwarte ebenfalls besichtigen. Die monatlichen Termine der Führungen sind unter www.sternwarte-traunstein. de zu finden.

Seltene Uhren gesammelt

Neben seinem großen Hobby Astronomie galt das Interesse von Emil Ehrensberger auch der Zeitmessung und alten Uhren. Er hatte seine rund 130 Objekte umfassende Uhren-Sammlung seit Ende des 19. Jahrhunderts kontinuierlich aufgebaut und begeisterte sich vor allem für Reiseund Taschensonnenuhren des 16. bis 18. Jahrhunderts, historische Fernrohre, Erd- und Himmelsgloben sowie Räderuhren des 15. bis 17. Jahrhunderts. In seinem Haus in Traunstein verwahrte er die Uhren im ovalen Studierzimmer, das den Aufgang zum Observatorium auf dem Dach seiner Jugendstilvilla einfasste. »Uhren aus vier Jahrhunderten« heißt die Sammlung Ehrensberger, die seit einigen Jahren im Augustinermuseum Freiburg zu bewundern ist. Zwei seiner Uhren stehen jedoch noch im Haus St. Rupert in Traunstein. Sie waren für die Steuerung des Fernrohres in der Sternwarte zuständig und miteinander verknüpft. Die »Haupt-Uhr« steht im Keller der Villa, wo sie immer einer gleichmäßigen Temperatur ausgesetzt ist. Das Perpendikel der Uhr schwingt im Vakuum unter einer Glashülle und erreicht damit eine sehr hohe Gleichmäßigkeit und Ganggenauigkeit. Außerdem ist diese untere Uhr fest mit der Wand verschraubt, um gegen eventuelle Erschütterungen gesichert zu sein. Die »Neben-Uhr« steht nach wie vor im Studierzimmer direkt unterhalb der Sternwarte. Sie wurde 1913 eingebaut und stammt aus der »Fabrik mathematischer Instrumente Clemens Riefler«.


Mia Pix

 

19/2015