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Jahrgang 2004 Nummer 28

Zum 250. Mal das »Verlobte Amt« der Sulzbacher in Inzell

Am 13. Juli, Fest des hl. Heinrich (Namenstag)

Der Seitenaltar des hl. Heinrich

Der Seitenaltar des hl. Heinrich
Die Frauenkirche zu Niederachen-Inzell.

Die Frauenkirche zu Niederachen-Inzell.
Jedes Jahr am 13. Juli, Fest des hl. Heinrich (Namenstag), findet in der Liebfrauenkirche zu Niederachen-Inzell dieses verlobte Amt statt. Schon die ältesten Leute berichten, dass es dieses immer gab, soweit sie zurückdenken können. Ebenso die betagten Personen als sie noch jung waren. Bei der Bestellung des Amtes vor zehn Jahren wollte man wissen, seit wann es gehalten wird. Auf der Suche danach wurden Bücher eingesehen, in denen die Ämter und Messen eingeschrieben sind. Hieraus war zu ersehen, dass dies schon bis 1814 zurück, auch in den Kriegszeiten 1914-1918 und 1939-1945, der Fall war. Bei meiner weiteren Suche im Pfarrarchiv fand sich eine Aufzeichnung aus dem Jahre 1755, wo das Amt schon gehalten wurde. Es könnte möglicherweise noch älter sein. Wie daraus zu ersehen wurde dieses immer am 15. Juli gehalten bis vor zehn Jahren. Nach meinem Hinweis, Heinrich sei am 13. Juli, wurde dies geändert.

Warum verlobten sich die Sulzbacher zum heiligen Heinrich? Ihre Ernte (Getreide) war damals von einer großen Engerlingplage bedroht und in ihrer Not machten sie ein Gelübde zu ihm. Der Engerling, eine große gefräßige Larve, lebt mehrere Jahre im Boden und schädigt die kleinen Wurzeln. Sie sind die Vorstufe des Maikäfers, die meist im Zeitraum von drei Jahren vermehrt auftreten. Es ist heute nicht mehr vorstellbar, in welchen Massen sie vor 50 Jahren noch vorkamen. Ganze Straßenalleen und Laubbäume waren von ihnen kahlgefressen. In ihrer Not wandten sich die Sulzbacher damals in Fürbitte und Gebet an den hl. Heinrich (Kaiser Heinrich II., 1002-1024), der mit seiner Gattin, der hl. Kunigunde, das einzige Kaiserpaar ist, das heilig gesprochen wurde. Der rechte Seitenaltar (vom Kirchenbesucher aus), in der Liebfrauenkirche zu Niederachen, ist ihm geweiht. Er steht in der Mitte in voller kaiserlichen Würde. Rechts von ihm ein Engel mit der vollen Getreidegarbe die andeutet, dass ihr Gebet Erhörung fand. Links davon ein Engel mit Schild und Inschrift, »Beschütze unsere Felder«.

Die erste Erwähnung vom verlobten Amt stammt aus dem Jahre 1755. Auf der Suche, seit wann es den Heinrichaltar gibt, gab mir das Archiv des Erzbistums München und Freising, freundlicherweise folgende Auskunft. »Die Entstehung des Heinrich-Altars lässt sich recht genau eingrenzen. Die Beschreibung der Pfarrei Inzell aus dem Jahre 1816 führt als Patrozinien der Seitenaltäre in Niederachen noch St. Anna und St. Joseph auf. Die Beschreibung vom 28. April 1829 dagegen weist darauf hin, dass die Kirche 1828 »aus ihren gänzlichen Ruin gehoben«, als wohl gründlich renoviert wurde. Patrone der Seitenaltäre sind nunmehr St. Joseph und St. Heinrich. Die heutige Gestaltung des Heinrichaltars dürfte also den Erneuerungsarbeiten von 1828 entstammen. Die Figur des hl. Heinrich ist allerdings deutlich älter; Die Kunsttopographie des Erzbistums München und Freising datiert sie an den Anfang des 18. Jahrhunderts.«

Früher wurde bis in die Bergregionen Getreide angebaut um Mehl zu gewinnen und Brot backen zu können. Die Ernten waren aber durch das Klima hier geringer. Selbst wenn es im Land draußen genügend davon gab um solches kaufen zu können, scheiterte dies an Geldmangel und den Transportmöglichkeiten. Die Straßen und Wege zur damaligen Zeit sind heute kaum mehr vorstellbar. Eine Verbesserung von Warentransporten trat erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhundert ein, als das Eisenbahnnetz allmählich ausgebaut wurde. Im 20. Jahrhunderts waren es dann die Straßen und Wege wie sie auf dem heutigen Stand sind. Durch die Erfindung der Motoren sowie des Autos und dessen Entwicklung zu den heutigen Personen und großen Lastkraftwagen, ist es möglich, fast überall hin benötigte Güter zu bringen. Zum Mahlen des Getreides brauchte man Mühlen die, wo es Wasserläufe gab, immer vorhanden waren. Auch in Inzell sind vier bekannt. Die Kaitl-, Maier-, Kamml- und die Edermühle. Letztere war am längsten in Betrieb, sie mahlte noch bis nach dem Kriege 1945. Die Erfindung des mahlens und der Mühlen ist uralt. Alte ägyptische Wandgemälde zeigen Mörser und Siebe zur Herstellung von Mehl. Die Indianer zu Monterry (Mexico) und die Nubier (Ägypten) zerrieben die Getreidekörner zwischen zwei kleinen, mit der Hand geführten Steinen, die zur Einführung der Mühlsteine geführt haben dürften.

Schon König Mithriades VI., 113-63 vor Christus, von Pontos (Nordosten Kleinasien) besaß eine Wassermühle. Zur Zeit der Belagerung von Rom durch die Ostgoten erfand Belisar (Feldherr des byzantinischen Kaisers Justinian I.) 537 die Schiffmühle, bei der das Wasserrad auf einem Schiff von der Tiberströmung bewegt wurde. Die Wassermühlen verbreiteten sich bald über ganz Europa. Schon im frühen Mittelalter sind bei Schenkungen an Kirchen und Klöster Mühlen genannt (Molendinum). So bei einem Tausch des Salzburger Erzbischofs, um 925 bei Freilassing an der Saalach. Ebenfalls um 1090, als die Gräfin Adelheid von Marquartstein eine Mühle zu Hörpolding an der Traun, an Baumburg schenkte. Als im 19. Jahrundert die Dampfmaschine ihre Anwendung fand, der Kraftstrom zur Verfügung stand und eiserne Walzen statt Mühlsteine verwendet wurden, waren die Voraussetzungen für große Walzmüllereien geschaffen. In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts war dann das große Mühlensterben. Es sind Ausnahmen, wenn sich eine der kleineren bis in die heutige Zeit erhalten konnte, wie die Mühle in St. Johann Gemeinde Siegsdorf.

Den Sulzbachern ist zum 250. Male feiern des »Verlobten Amtes« zu danken für ihre Treue, dass sie auch heute noch an das Gelübde ihrer Vorbesitzer und Ahnen festhalten. Der Sulzbach ist ein Ortsteil von Inzell, der sich südöstlich dem von Niederachen anschließt. Dort befindet sich auch die Liebfrauenkirche an der Schmelzer-Straße beim Friedhof.

SM



28/2004