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Jahrgang 2007 Nummer 52

Zu Neujahr kommt der Erbsenbär

In Mecklenburg ging einst der »Schimmelreiter« um – Von längst vergessenen Silvesterbräuchen

Silvester und die sich daran anschließenden »Rauhnächte« boten den Menschen schon immer Anlass genug, an das Treiben von Dämonen und Gespenstern zu glauben. Mit Lärm, Feuerwerk und Jubelgeschrei versuchte man sie zu verscheuchen oder milde zu stimmen.

Geblieben sind von diesen alten Bräuchen in unserer Zeit nur noch Knallerei und frohe Stimmung am Silvesterabend. Jede Landschaft aber hatte einst ihre besonderen Traditionen, von denen die meisten jetzt bloß in alten Büchern nachzulesen sind.

In Ostpreußen ging einst zum Jahreswechsel der Erbsenbär um, von dem es in einer alten Handschrift heißt, dass es ein »sogenannter Bär ist, welcher am ganzen Körper mit Erbsenstroh umwickelt ist.« Er tummelte sich auf den Straßen, erschreckte Mägde und Knechte und fand sich gar im Dorfkrug zum Tanze ein. Ein Reigen mit dem Erbsenbär versprach Glück im kommenden Jahr.

In manchem Gasthaus kann man auch zum Jahreswechsel einer anderen Gestalt begegnen, dem »Ziegenbock«, ein Kerl mit einem weißen Laken um den Körper und einem Ziegenkopf versehen, von dem ein »drei Fuß langer nasser Lappen herabhängte«. Wer nicht achtsam tanzte, bekam den nassen Lappen ins Gesicht geschleudert.

Bleigießen ist eines der vielen Orakel, die sich aus alter Zeit in unsere hinübergerettet haben. Viele überlieferte Sprüche zeugen davon, dass man einst weit mehr Orakel bemühte, um das Wetter im kommenden Jahr vorauszuschauen oder das Liebesglück zu erforschen.

In Mecklenburg ging einst zu Silvester der »Schimmelreiter« um. Zwei Buben unter einer Decke bildeten das Pferd, der Reiter kam so hoch zu Ross von Haus zu Haus, »um den Weihnachtsbaum anzusehen« und Gaben zu erheischen.

Belohnen ließ man sich vielerorts auch für das Krachmachen. Mit kohlegeschwärzten Gesichtern randalierten Burschen und bekamen deshalb Geldstücke, weil man auf diese Weise hoffte, die bösen Geister zu vertreiben. statt kostspieligen Feuerwerks sorgten Peitschen, Rätschen und Flinten für Lärm.

Gemäß alter Fruchtbarkeitsriten aß man um die Jahreswende Früchte mit vielen Samen: Hirse, Weizen und andere Getreidekörner und Mohn. Auch an Tiere wurde Getreide der letzten Ernte verfüttert; reichen Erntesegen versprach es, wenn man Pferd und Esel genau um Mitternacht mit den Körnern versorgte. Zu den Späßen gehörte auch, dem Nachbarn einen Tannenzweig mit Engelshaar unbemerkt ins Haus zu schmuggeln oder den Kindern zu Silvester den Tannenbaum noch einmal mit Süßigkeiten zu behängen.

Geheimnisumwittert war von alters her der Mistelzweig. Es galt als Zauberei, dass er in den höchsten Baumkronen wächst und scheinbar ohne Nahrung lebt. Mit einem Mistelzweig wurde daher mancherorts »Silvester geschlagen«.

Wie streng die Silvesterbräuche im Berlin des 18. zum 19. Jahrhundert waren, kann man in alten Aufzeichnungen nachlesen: »Wer als Fremder durch die Parkstraßen des westlichen Berlins wandert, muss gewärtig sein, dass ihm aus den Fenstern der vornhemen geheimrätlichen Villa ausgelassene Rufe aus dem Munde sittsamer Töchter entgegentönen« – unvorstellbar, wenn man an den heutigen Silvestertrubel nicht nur in Berlin denkt.

Norbert Thiem



52/2007