weather-image
Jahrgang 2004 Nummer 22

Zeuge der Urzeit: Der Drachenbaum

Den Ureinwohnern der Kanaren galt er als heilig

An Hand der Verzweigungen errechnet man das Alter des Baumes

An Hand der Verzweigungen errechnet man das Alter des Baumes
Neben unseren üblichen Laub- und Nadelbäumen nimmt sich der Drachenbaum wie ein botanischer Dinosaurier aus mit seinem gedrungenen Stamm und der kleinen Krone, die – bei älteren Bäumen – aus zahlreichen Verzweigungen mit schwertförmigen Blättern besteht. Seine ursprüngliche Heimat dürfte Mikronesien gewesen sein; von dort breitete er sich bis Europa aus, wo er allerdings seit etwa zwanzig Millionen Jahren fast ausgestorben ist. Lediglich auf den Kanarischen Inseln und auf Madeira hat er eine ökologische Nische gefunden.

Unter den Wissenschaftlern besteht bis heute Uneinigkeit darüber, ob der einkeimblättrige Drachenbaum (»Drago«) in die Familie der Liliengewächse oder der Agavengewächse einzureihen ist. Für Besucher der Kanarischen Inseln sind Drachenbäume ein vertrauter Anblick, bei Ausflugsfahrten auf Teneriffa oder La Palma werden gerne besonders eindrucksvolle Prachtexemplare aufgesucht und bewundert. Zu ihnen zählt der 18 Meter hohe Drachenbaum von Icod des los Vinos auf Teneriffa. Einheimische geben sein Alter mit eintausend Jahren an, Botaniker schätzen es auf allenfalls vierhundert Jahre. Die Altersbestimmung ist deshalb so schwierig, weil Drachenbäume keine Jahresringe bilden und ähnlich wie die Palme nicht richtig verholzen; ihr Stamm besteht aus einem weitmaschigen, schwammigen Netzgeflecht. Nur anhand seiner Verästelungen lässt sich das Alter der Drachenbäume annähernd schätzen. Diese Verästelungen folgen jedoch nicht einem genauen Turnus, es können zehn und mehr Jahre vergehen, bis sich der Baum zum ersten Mal verzweigt.

Auf Kanarischen Inseln soll es vor der spanischen Eroberung große Wälder mit Drachenbäumen gegeben haben. Den Ureinwohnern, den Guanchen, galt der Drachenbaum als heilig. Unter seinen ausladenden Zweigen fanden Versammlungen statt und wurde Gericht gehalten. Der Baum galt als Symbol der Weisheit und der Fruchtbarkeit. Aus den auf einer langen Endrispe sitzenden weißen Blüten las man ab, wie die künftige Ernte ausfallen würde.

Äußerst geschätzt war bei den Guanchen auch das Harz aus dem Stamm des Baumes, das ähnlich wie Kautschuk abgezapft wurde. Der zunächst farblose Saft färbt sich an der Luft dunkelrot und wird als Drachenblut bezeichnet. Die Guanchen benutzten es zur Heilung von Knochenbrüchen und bei anderen Verletzungen, aber auch zur Mumifizierung der Toten.

Die spanischen Eroberer entdeckten ebenfalls die heilsame Wirkung des harzigen Sekretes. Mit Drachenblut eingefärbte Wurzeln standen im Ruf, Zähne und Zahnfleisch gesund zu halten. Im 19. Jahrhundert wurde das Drachenblut zum Exportschlager als Zusatz für Zahncremes, aber auch als Farbpigment für Firnisse und Farben. Weil das Abzapfen des Harzes zu umständlich war, schlug man gleich reihenweise die Drachenbäume um. Dieser rücksichtslose Kahlschlag hat dazu geführt, dass der Baum vom Aussterben bedroht war. Erst in letzter Zeit hat man sich darauf besonnen, dass alles getan werden muss, um den Erhalt des markanten Charakterbaumes durch gezielte Aufforstung zu sichern und ihn für die Zukunft zu erhalten.

JB



22/2004