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Jahrgang 2008 Nummer 47

»Zeppelinhöhe« bei Grassau

Vor 100 Jahren fand die Benennung statt – 25 Jahre später wurde das Denkmal eingeweiht

Die Idee zur Benennung einer Bergkuppe zu Ehren des Luftschiffpioniers Graf Zeppelin kam den Mitgliedern des Ortsverschönerungsvereins Grassau, als sie die Nachrichten vom tragischen Unfall des Luftschiffs 4 erhielten.

Das Luftschiff sollte für die Armee einen Demonstrationsflug unternehmen, um zu zeigen, dass der Zeppelin für eine 24-Stunden-Fahrt geeignet sei. Das Luftschiff startete am 4. August 1908 um 6.22 Uhr in Friedrichshafen, um Mainz zu erreichen. Um 17.24 Uhr musste es wegen eines kleinen Motorschadens in der Nähe des Rheinkilometers 481 am Kornsand bei Trebur-Gensheim notlanden. Der Motor konnte repariert werden, und das Luftschiff startete gegen 22 Uhr erneut. Auf dem Rückflug musste der Zeppelin schon zwei Stunden später abermals wegen Motorproblemen auf den Feldern bei Echterdingen in der Nähe von Stuttgart zwischenlanden. Hier riss ein aufkommender Sturm das Schiff am 5. August 1908 aus seiner Verankerung. Es strandete in einem Obstbaum, fing Feuer, und nach kürzester Zeit blieben von der stolzen Konstruktion nur noch rauchende Trümmer. Zwei Techniker, die mit der Reparatur der Maschinen beschäftigt waren, konnten sich nur durch einen gewagten Sprung retten.

Dieser Unfall löste eine beispiellose Welle der Hilfsbereitschaft im ganzen Land aus. So kam aus der Volksspende die eindrucksvolle Summe von 6 096 555 Mark zustande, die es dem Grafen ermöglichte, die Luftschiffbau Zeppelin GmbH zu gründen und eine Zeppelin-Stiftung ins Leben zu rufen. Das Zeppelin-Projekt stand damit auch endlich finanziell auf sicherem Boden.

So wurde auch in Grassau Geld gesammelt. Zudem machte man sich Gedanken, wie die Idee des Luftschiffbauers unterstützt werden konnte. Der Dorfverschönerungsverein Grassau schlug dann vor eine dem Ort nahestehende Bergkuppe nach Graf Zeppelin zu benennen, auf dem kurz zuvor der gesamte Waldbestand durch Sturm vernichtet worden war.

1897 bis 1908 war Bäckermeister Jakob Zusann aus Grassau Vorstand des Vereins. Ihm zur Seite standen im Vorstand in den letzten Jahren der Apotheker Raamé, Schneidermeister Noichl, Fotograf Jakob Weidinger und später der Hauptlehrer Mühlbauer.

In relativ kurzer Zeit gelang es, eine Festveranstaltung zu organisieren, von der nachstehender Zeitungsartikel berichtet:

»Grassau im Achental, 31. Aug. (Zeppelinhöhe)

Im hiesigen Ort fand die Anteilnahme an dem Grafen Zeppelin und seinem Werke neben Beteiligung an der Geldspende noch auf andere sinnige Weise Ausdruck. Ein Sturm war es, der dem Zeppelinschen Luftschiffe Verderben brachte, ein Sturm vernichtete auf einem dem Orte nächststehenden Berge an dominierender Stelle den Waldbestand und eben die auf solche Weise gelichtete Höhe soll zum Andenken an den kühnen Segler der Lüfte den Namen »Zeppelinhöhe« führen. Nachdem die nötigen Vorbereitungen getroffen waren, musste wegen der ungünstigen Witterung die Vornahme der festlichen Einweihung wiederholt verschoben werden: aber heute lachte die Sonne. Durch angeschlagene Plakate wurde bekannt gegeben, dass der Festakt stattfinde und bald ertönten von oben herab lustige Weisen. In stattlicher Zahl zog jung und alt, darunter die Sommerfrischler auf die »Zeppelinhöhe«, zu der ein neu angelegter Fußsteig in Serpentinen führt, herrlichen Ausblick gewährend. Zu Füßen liegen im lieblichen Tale der Ache Grassau, Marquartstein und andere Orte: nach Norden schweift der Blick über den Chiemsee weit hinein in das Flachland; gegenüber liegen der Schnappen mit der Schnappenkapelle, Hochgern, Hochlerch. Einen besonders herrlichen Anblick aber gewährten die mit Neuschnee bedeckten Gipfel der Loferer Steinberge, des Fellhorns und des Wilden Kaisers, die im Glanze der Sonnenstrahlen zu uns herüberleuchten. Nachdem der Vorstand des Verschönerungsvereins mit weithin vernehmbarer Stimme von dem Gipfel der Zeppelinhöhe bekannt gegeben hatte, dass der Weiheakt beginne, wurde die in alten Teilen wohlgelungene Festrede gehalten und sodann der Weiheakt vorgenommen. Auf dem Festplatze entstand nun reges Leben und Treiben. Neben Getränken wurden warme und kalte Speisen in reicher Auswahl verabreicht, was umsomehr Anerkennung verdient, als die Herbeischaffung große Mühe verursachte. Dem Tanze wurde gehuldigt und für Belustigungen aller Art war gesorgt; sogar ein Komiker befand sich am Platze, der die Lachmuskeln der Besucher in Bewegung hielt. Bis zum Abend währte dies lustige Treiben. Dann ging es im Zuge den Berg hinunter und unter Vorantritt der Musik in das Dorf hinein, wo die Stimmung noch lange angehalten haben soll. An den Grafen Zeppelin ist ein Bericht über den Verlauf der Feier abgegangen. Diesem Bericht wurde eine auf dem Festplatze gefertigte Gruppenaufnahme beigefügt.«

Nach der Gründung des Verkehrsvereins in Grassau 1924 mit dem Vorsitzenden Josef Wellnhofer kam die Idee auf, auf der Zeppelinhöhe ein Denkmal zu errichten. Dieser Idee widmete sich insbesondere auch der 1928 gewählte Vorstand mit Hans Grobe als Vorsitzendem, seinem Stellvertreter Hans Hilger, dem Schriftführer Jakob Häringer und Kassier Egid Huber.

Dem Vereinsausschuss gehörten zudem an Josef Noichl, Schneider, Grassau, Josef Noichl, Zimmermann, Lindenfeld, Franz Schaaf, Albert Kullmann, Dr. A. Wichera, Karl Dasch, Kucheln.

Auch wenn das ganze Dorf durch die Vorbereitung und die Durchführung der Tausendjahr-Feier mit dem während des ganzen Sommers stattfindenden Aufführungen schon voll gefordert war, gelang es sowohl alle Vorbereitungen für das Denkmal zu schaffen als auch die Festveranstaltung zu organisieren. So wurde mit der Gestaltung des Reliefs am Denkmal der Grassauer Schlosser und Kupferschmied Stefan Kirchleitner beauftragt.

Am 12. August 1933 erschien in den Achentaler Nachrichten der Vorbericht zu der für den 3. September geplanten Veranstaltung.

12. August 1933 Achentaler Nachrichten

25=jähriges Bestehen der Zeppelinhöhe in Grassau (Chiemsee)
Am 3. September wird in Grassau die wohl seltene Feier des 25=jährigen Bestehens der Zeppelinhöhe stattfinden. Grassau, das 1000-jährige Gebirgsdorf im Chiemgau, hat auf dieser Höhe ein Denkmal errichtet, einen Gedenkstein, der Zeugnis davon gibt, dass bereits vor 25 Jahren an der gleichen Stelle die Grassauer die Anteilnahme an dem Grafen Zeppelin und seinem Werk dadurch Ausdruck gaben, dass an dominierender Stelle ein Vorberg der Hochplatte in Zeppelinhöhe getauft wurde.

Ein Sturm war es, der dem Zeppelin’schen Luftschiff in Echterdingen Verderben brachte und ein Sturm vernichtete den Waldbestand auf bezeichneter Berghöhe. Dies veranlasste die Bewohner dieser Ortschaft zum Andenken an den kühnen Segler der Lüfte, diesen Berg am 21. August mit Zeppelinhöhe zu benennen. Wer heute am Zeppelinsgedenkstein steht, wird überrascht sein von einem herrlichen Anblick in das liebliche Tal der Ache. Grassau, Marquartstein und andere Orte, liegen friedlich zerstreut in der »Großen Aue«, nördlich der Blick über den Chiemsee weit hinein in das Flachland; gegenüber Hochgern, Hochlerch, Schnappen. Das neue Denkmal wird außer der Erinnerungsschrift, den Grafen Zeppelin, ein Relief aus Kupfer getrieben, erhalten. Der Verfertiger des Reliefs ist Stefan Kirchleitner, ein einfacher Grassauer Schlosser und Kupferschmied.

Über die Feierlichkeiten selbst werden wir später berichten.

Der Bericht zu den Feierlichkeiten erschien nur zwei Tage nach der gelungenen Veranstaltung am 5. September:

»5. September 1933 Achentaler Nachrichten
Denkmalsenthüllung auf der Zeppelinhöhe
Wie man in diesem Sommer schon gewöhnt ist, machte auch gestern Sonntag der Himmel kein besonders schönes Gesicht. Regen am Vormittag ließ für den Nachmittag nichts Gutes ahnen, doch es heiterte sich ein wenig auf und die Feier konnte oben auf dem herrlichen Platz abgehalten werden. Schon am Samstag war Herr Dr. Pröls aus München angekommen, um als Mit=Ernenner der Zeppelinhöhe auch das 25=jährige Namensjubiläum und die Denkmalsenthüllung mitzufeiern. Trotz etwas kalten und unsichern Wetters hatten sich nun nachmittags 2 Uhr eine ansehnliche Zahl Festteilnehmer auf der Zeppelinhöhe eingefunden, mit ihnen die Musikkapelle Grassau. Von anderer Seite schleppten handfeste Männer das für den Magen Notwendige herbei und die Festesstimmung war gegeben. Pünktlich einhalb 3 Uhr nach einem flotten Marsch begann der feierliche Akt. Herr Egid Huber als einer der Schöpfer des Denkmals leitete den Moment mit einer kurzen Ansprache ein und übergab das Wort Herrn Dr. Pröls. Die folgenden Worte gaben einen Rückblick auf die verflossenen 25 Jahre, auf das segensreiche Wirken des verstorbenen Grafen Zeppelin im Frieden wie im Krieg, beleuchteten die Unkenntnis der damaligen Führer gemachten Fehler, leiteten ein in die neue Zeit und schlossen mit den Worten: Ein Gedenken unseren Gefallenen. Die Musik spielte das Lied vom guten Kameraden. Zum Abschluß forderte Herr Dr. Pröls auf zu einem Heil auf unseren Führer Adolf Hitler, Volk und Vaterland. Nach diesem feierlichen Moment kam aus gleichem Mund der Befehl: »Es falle die Hülle« und vor uns stand das Denkmal, frei auf luftiger Höhe, zu weiterem Schutze dem Verkehrsverein Grassau übergeben.

Zum Schluß dankte Herr Josef Wellnhofer als Miterrichter des Denkmals Allen, die mitgeholfen haben, um dieses Werk errichten zu können. Damit hatte der schöne Festakt geendet. Nun folgte der fröhliche Teil. Flotte Weisen brachte die Musikkapelle Grassau, die weithin über die Bergesgipfel ertönten. Frl. Maria Seibold, unter Zitherbegleitung des Herrn Fritz Seibold, sang in bekannt klingendem Ton frohe Jodler. Mit einer frischen Maß und warme Würstl verging allzu schnell die Zeit. Eine besondere Überraschung bot die Ankunft eines Fliegers mit Herrn Schaaf als Insassen, das unter gegenseitiger Begrüßung mehrmals die Höhe, sowie die Ortschaft Grassau umflog. Lustig flatterten die auf dem Denkmal gehissten Fahnen, bewundernd den schönen Rundblick standen die Festgäste am steilen Abgrund der Höhe und die Sonne leuchtete in die Festefreude hinein.

Nochmals möchte an dieser Stelle unserem Forstamt West (nicht wie letztesmal irrtümlich berichtet worden ist Forstamt Ost) gedankt sein, für die freundliche Überlassung des schönen Plätzchens.

Schwer konnte man sich trennen von dem Ort, der den Sonntag zu einem heiligen Naturfest machte über das sich jeder Teilnehmer herzlich freute. Möge dieses Denkmal viele hundert Jahre herniedersehen in unser Tal und dort immer ein geeinigtes frohes Volk finden.«

Olaf Gruß



47/2008