Jahrgang 2001 Nummer 40

Zeidler, Lebzelter und Imker in vergangener Zeit

Ein Beitrag zum 100jährigen Bestehen des Bienenzuchtvereins Traunstein

Der Kupferstich von 1783 zeigt »Zeidler« bei der Arbeit.

Der Kupferstich von 1783 zeigt »Zeidler« bei der Arbeit.
Es läßt sich schwer sagen, seit wann sich der Mensch mit den Bienen näher beschäftigte. Die Bienenwohnungen, die Werkzeuge der Imker und auch die Bienenprodukte hinterlassen keine dauerhaften Spuren, die sich später verwerten ließen.

Über die frühesten Anfänge der Bienenhaltung in unserer Gegend läßt sich eigentlich nur spekulieren. (Ägypter und Griechen betrieben nachweislich schon eine hochentwickelte Hausbienenzucht, die über die Jahrhunderte allerdings wieder verloren ging).

Die Imkerei der Frühzeit war vielmehr die Suche nach Bienenvölkern mit gefahrvoller Plünderung der Bienenprodukte. Die erbeuteten Waben konnten ausgepreßt werden. Der Honig wurde verzehrt oder zu Met weiter verarbeitet. Met war das berauschende Getränk der Kelten und Germanen.

Vor gut 2000 Jahren begann eine stärkere Besiedelung unserer Gegend. Römer ließen sich hier nieder, sie bevorzugten den Chiemgau. Bedaium, das heutige Seebruck, wurde gegründet. Das Straßendorf hatte um 200 nach Christus eine Länge von mehr als einen Kilometer mit einer bereits großen Anzahl von gemauerten Häusern.

Man weiß, daß die Römer bereits ausgezeichnete Bienenzucht betrieben. Sie verstanden die Haus- und Wanderbienenzucht und stellten aus Holz Bienenwohnungen her. Diese Kästen waren eine Elle breit und zwei Ellen hoch. Der Römer Columella schrieb bereits ein ausführliches Bienenbuch. Darin hieß es beispielsweise: »In Stöcken, in denen zu viel leerer Raum ist, bricht gerne die Faulbrut aus, denn wenn die Bienen außerhalb des Stockes vom Regen überrascht werden und wenn beim Ausflug die Waben nicht genügend besetzt gehalten werden, können die ledigen Zellen zuerst in Fäulnis übergehen.«

Sicherlich betrieben einige Bewohner jenes Bedaiums eine intensive Hausbienenzucht, denn Honig war das einzige Süßmittel für Speisen, Getränke und Backwaren und Wachs der einzige Rohstoff für die Kerzenherstellung.

Mit dem Niedergang des römischen Reiches verschwand auch der Chiemseestützpunkt. Mancher Römer blieb und vermischte sich mit der ursprünglichen keltisch- germanischen Bevölkerung. Dennoch dürfte im Verlauf der nächsten Jahrhunderte das römische Wissen über die Hausbienenzucht verloren gegangen sein.

Die Zeidler

Die erste schriftlich nachweislich historische Nachricht über die Waldbienenzucht, einer Zeidlerei aus unserer näheren Umgebung, betrifft Grabenstätt.

Im Jahre 959 bestätigte der Kaiser den Besitzwechsel des Herrschaftsguts Grabenstätt am Chiemsee, Besitzer Graf Hartwich, an die Kaniker zu Salzburg. (Mon.boi 280, S.184) In dieser Schenkungsurkunde wird die Zeidelweide erwähnt (cidaliriis, vectigalibus - Waldbienenzucht), selbstverständlich wurden bei damaligem Besitzwechsel quasi auch die Leibeigenen mit übergeben.

Alte Orts- und Hofnamen geben häufig Aufschluß über Handwerk oder örtliche Verhältnisse sowie der Gründungszeit wieder. Der Weiler Zeiering bei Grabenstätt überliefert uns durch die Endung »ing« eindeutig das Alter (Entstand zwischen den Jahren 800-950 nach Christus). Die Vorsilbe verrät uns die Tätigkeit der damaligen »Inwohner« des Anwesens, es dürften Zeidler gewesen sein.

Auch beispielsweise die Inwohner des Zeilhuber Anwesens bei Garching waren ursprünglich Zeidler. (Fritz Demmel, Geschichte Garching)

Ein weiterer schriftlicher Nachweis existiert seit Anfang des 15. Jahrhunderts. Eine Waldbienenzucht bei Teisendorf wurde an das Kloster Salzburg vermacht.

Ferner heißt es im Tagebuch der Äbtissin Maria Magdalena Haidenbucherin von Frauenchiemsee (1609-1650) auf Seite 208. 1648 flüchtete der Abt von Schäflarn mit einigen Konventualen und dem gesamten Viehbestand vor den Schweden auf die Fraueninsel. Sie wurden von der Äbtissin aufgenommen und verköstigt. Als Rarität wurde unter anderem Honig erwähnt, den der Abt zu bezahlen hatte.

Das Vorkommen der Zeidelweide war in erster Linie an das Vorhandensein von ausgedehnten Nadelholzgebieten gebunden. Die Hauptgebiete der Zeidlerei waren Gebiete im Fichtelgebirge, Böhmen und im Reichswald um Nürnberg - Gebiete die teilweise von Slaven mitbewohnt wurden. Diese Slaven waren bekannt für ihre Waldbienenzucht, sie führten ihre Tribute an die deutschen Könige in Form von Honigprodukten ab. Die Slaven hatten nicht nur einen wesentlichen Einfluß, sie prägten sogar die Entwicklung der damaligen Zeidlerei.

Während des 30jährigen Krieges kam es zum Zusammenbruch der Bienenzucht. Das damalige Wissen ging verloren. Erst Kurfürst Maximilian III (1744-1777) förderte in Bayern wieder die Bienenzucht. Er beauftragte Gottlieb Schirach, Schriftsteller und Pastor aus Bautzen, um die Herausgabe eines Buches mit dem Titel »der bayerische Bienenvater«. In diesem Buch schildert Schirach die damalige Zeidlerei folgendermaßen: »Sie hauen sich ihre Stöcke in verschiedene Arten von Bäume als Eichen, Linden, mehrmals Kiefern. Sie halten kein regelmäßiges Maß im Aushauen, sondern machen sie in verschiedener Größe. Es gibt in dem Land Leute, welche wohl 500 dergleichen Bienenstöcke haben. Etliche besitzen mehr als 1000 und bekommen davon den größten Vorteil. Die Versorgung dieser wilden Bienen verrichten die unter ihnen befindlichen Armen, welche fast davon leben und gehörige Instrumente dazu haben. Sie pflegen solche im Herbst und Frühling mit allem Fleiß zu reinigen und zu unterkehren. Die meisten Bienenwirte mieten keine Arbeiter dazu, sondern verrichten diese Arbeit aus Liebe zu den Bienen selber. Wer dergleichen Arbeit nicht gesehen hat, dem scheint sie unglaublich zu sein, wenn er den Menschen die entsetzliche Höhe hinaufsteigen sieht, der nicht an den Ästen des Baumes, sondern durch die Hilfe eines ledernen Seils, welches er über einen Ast wirft und sodann mit den Händen anfaßt und also die ausgehauenen Stufen in die Höhe steigt und alsdann seine Arbeit mit Bequemlichkeit verrichtet.«

Kaum zu glauben, wurde in Zeiering oder Zeilhub wirklich so geimkert? Oder betrieb man hier schon eine fortschrittliche Hausbienenzucht? Möglicherweise imkerte man mit Klotzbeuten, abgesägten und ausgehöhlten Baumstämmen. Den Bienenkorb gibt es nachweislich im Nürnberger Raum erst seit 1400.

Die Kloster Höglwörth, Baumburg und Seeon betrieben bestimmt eine intensive Bienenwirtschaft. In Seeon wurden 1989 bei größeren Umbau- und Renovierungsarbeiten uralte Bücher entdeckt. Diese Bücher behandelten das Adelichen Land- und Feld Lebens, so der Titel, gedruckt im Jahr 1687. Die Bücher beschrieben unter anderem die Wartung und das Abrichten der Pferde, sowie die Fischwirtschaft, oder Wald- und Feldgeflügelzucht.

Der Inhalt des zehnten Buches behandelt sehr ausführlich die damalige Bienenwirtschaft. In 66 Kapiteln wird die Imkerei beschrieben. So zum Beispiel Beiträge mit folgenden Titel:

Von den Raub-Bienen
Von den Threnen/oder
Threnen-Bienen (Drohnen)
Vom Bienenkönig und was vom
König in der Artznen zu gebrauchen
Bienen auf hohen Bäumen
ohne Leiter zu fassen
Wachs zu färben und Spanisches Wachs zu machen
Vom Meethsieden

Imker und Lebzelter

Mitte des letzten Jahrtausends endete die Zeidlerei. Diese schlecht zu kontrollierende Bienenhaltung hatte ausgedient. Die damalige Bienenweide (überwiegend Wald) verringerte sich durch den enormen Holzbedarf der Sudpfannen in den Salinen und die Urbarmachung des Landes rapide. Die Zeidlerei wandelte sich zur kontrollierten Bienenhaltung in eigens gefertigten Beuten und Strohkörben. Diese Beuten ermöglichten ein leichteres und ertragreicheres Ernten. Neben den Mönchen begannen nun auch die Bauern verstärkt mit dieser viel zweckmäßigeren Bienenhaltung, der Hausbienenzucht unserer heutigen Imkerei.

Aus dem Jahr 1606 liegt im Traunsteiner Stadtarchiv eine Inventarliste des Weinwirts und Handelsmann Hans Schützinger vom Schrannenplatz auf. Dieser Wirt und Metsieder hatte bei Bauern in der Umgebung ein oder mehrere Impn eingestellt.

Bauernschmied aus Siegsdorf 1 Imp
Valentin Walch in der Inzell 1 Imp
Georg Kressenberger von
Seiboltsdorf 3 Imp
Fritz von Hallabruck 2 Imp
Töbl auf dem Rumgraben 1 Imp
Mayr daselbst 1 Imp
Martin Neulinger 1 Imp
Adam Prien auf dem Scharam 1 Imp
Baumgartner daselbst 1 Imp
Christoph Gwierer 1 Imp
Hans Hochreiter 1 Imp
Abrahem von Geiselbrechting 1 Imp
Tof Aufleger von Traunstein 1 Imp

Die Bauern mußten die Bienenprodukte besser vermarkten. Die Zunft und das Gewerbe der Lebzelter entwickelte sich. Diese Hausierer bereisten regelmäßig die Bauern und kauften Honig und Wachs auf. Viele Lebzelter besaßen eigene Imp’n (Bienenstöcke) die sie bei den Bauern gegen geringes Entgelt einstellten. Die Lebzelter hatten Sonderrechte, sie durften Met sieden und damit Weinwirtshäuser versorgen – hauptsächlich Gasthäuser denen das Hausrecht zum Metsieden nicht zugesprochen wurde (Bier war bis Mitte des 17. Jahrhunderts kaum erhältlich). Das Met sieden war damals wohl ein lukratives Geschäft, außerdem hatte der Lebzelter das Recht, Lebkuchen (Lebzelten) zu backen und Kerzen zu gießen oder zu ziehen. Im eigenen Laden konnten dann Lebkuchen und Kerzen veräußert werden. Einige Lebzelter besaßen sogar ein zusätzliches Schankrecht, was die Freundschaft zu den Wirten nicht gerade förderte.

Die Traunsteiner Lebzelter

Um 1615 siedelte sich der erste nachweisliche Lebzelter in Traunstein an. Nach anfänglichen Schwierigkeiten mit den damaligen Wirten, Behörden und Stadträten gelang es dem Münchner Andreas Hoeger, durch eine geschickt eingefädelte Hochzeit mit einer Traunsteiner Bürgerstochter, das Recht auf eine Lebzelterei zu erhalten. An der Sonnenseite des Schrannenplatzes kaufte Hoeger das Anwesen des Tuchscherers Georg Sturm. (verm. heutige Marienapotheke)

50 Pfund Honig, ein Eimer Met, etliche Stücke Wachs und eine mit Lebzelten im Wert von 8,5 Gulden gefüllte Truhe bildeten die damalige Grundlage des gewerblichen Einkommens des Traunsteiner Lebzelters. So spärlich sich dies für unsere heutige Zeit liest, die Familie konnte davon gut auskommen, zumindest erweckte die damalige Inventarliste über den Hausstand der Hoegers diesen Eindruck.

Nach dem frühen Tode von Hoeger heiratete Ursula, die Witwe, 1633 den Lebzelter Rieder aus Burghausen. Rieder führte die Lebzelterei weiter, er brachte die Kunst des Wachsziehens nach Traunstein. Das Wachszieher-, Lebzelter- und Metsiederhandwerk etablierte sich und gewann zusehends an Bedeutung. Mittlerweile hatte ein zweiter Lebzelter, nämlich der Traunsteiner Martin Sailer, eine Lebzelterei gegründet.

Verbrechen und Todschlag unter Lebzeltern!

Weihnachten 1644 ereignete sich beim Traunsteiner Wirt Kaspar Keller ein folgenschwerer Streit. Zwei Lebzeltergesellen und ein Schmiedknecht zechten bis weit über die Sperrstunde hinaus. Letztlich gerieten sie dermaßen über die zu begleichende Zeche in Streit, so daß in einer wüsten Schlägerei der Lebzeltergeselle Hans Gentschl gar eintleibt wurde. Der Wirt bedauerte dies als laidigen Fahl, der Ausgang der Verhandlung vor dem Malefizgericht ist uns leider nicht bekannt.

Der Wettbewerb unter den Lebzeltern verschärfte sich zusehens. Rieder, mittlerweilen ein angesehener Traunsteiner Ratsbürger, investierte enorme Summen in seine Lebzelterei und Schenke. Die Schulden wuchsen, über Jahre hinweg hatte er seine Honig-Lieferanten nicht oder nur teilweise bezahlt. Bei dem Bergener Wirt Wolf Angerer stand er mit 21 Pfund Honig in der Kreide, das Pfund zu 7 Kronen (R.P. 1667 fol 131). Die gesamte Honigschuld von 2 fl 27 kr hatte einen fiktiven – vergleichbaren Wert von 6 Spanferkeln.

1672, fünf Jahre später schuldete Rieder einem Klagenfurter Honighändler die ungeheure Summe von 517 Gulden (Wertvergleich: 517 Gulden hatten in etwa den Vergleichswert von 10 zugerittenen Reitpferden oder 18 Kälberkühen mit Kalb). Der Rat der Stadt Traunstein stellte nach der Klage den Lebzelter unter Arrest. Rieder sollte bei der Pfändungsstrafe die Schuld innerhalb 14 Tage abgelten, was ihm allerdings unmöglich war. Daraufhin machte die resolute Gattin und Geschäftsfrau dem Traunsteiner Rat heftige Szenen. Zum Beispiel: Burgermeister und Rath seye gesinnneth, sye und ihre Khünder an Betlstab zebringen. Ursula, die Lebzelterins-Gattin setzte alles daran ihren Mann frei zukämpfen. Erst nach dem mehrere Traunsteiner Bürger und auch die Kirche dem angesehenen Ratsbürger finanziell zur Seite standen, konnte er das schlimmste für sich, seine Familie und sein Geschäft verhindern. (R.P. 1672 fol. 5)

In den darauffolgenden Jahrhunderten wurde es ruhig um die Zunft der Lebzelter. Mit dem braunen Bier trat der Siegeszug der Brauer ein, das Parafin verdrängte das Wachs und zum Süßen wurde Zucker verwendet. Die Bauern vermarkteten ihren Honig zusehens in eigener Regie. Die ersten Versammlungen fanden statt. Der Wandel vom Bienenhalter zum Bienenzüchter und Imker erfolgte.

1838 erschien in Moosburg das erste Monatsblatt für Imker. Kurze Zeit später druckte man in Eichstätt die erste Bienenzeitung. Die ersten Vereine entstanden und organisierten sich im oberbayerischen Kreisbienenzuchtverein (1878). Die Bienenwirschaft wurde rationalisiert und zusehens verfeinert.

Neben dem Berchtesgadener Stock (ein breitwabiger Etagenständer) war für unsere Vorfahren der Traunsteiner Korb der Inbegriff des Imkerns.

1901 wurde der Traunsteiner Bienenzuchtverein gegründet. Der Apotheker Karl Langenmaier übernahm die Vorstandschaft und prägte maßgeblich den Verein.



40/2001