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Jahrgang 2015 Nummer 8

Zar lud Alois Pichler nach St. Petersburg ein

Tüsslinger Theologe wegen Bücherdiebstahls nach Sibirien verbannt – 1874 in Siegsdorf gestorben

Wegen des Bücherdiebstahls wurde Pichler nach Tobolsk verbannt. Aufnahme um 1900.
Zar Alexander II. begnadigte den Theologen 1874 und erlaubte ihm die Rückkehr in die Heimat.
Eine Gedenktafel an der Siegsdorfer Pfarrkirche erinnert an Alois Pichler.

Ein derart dramatisches Drehbuch kann nur das Leben selbst schreiben: Ein Theologe aus Tüssling kommt auf Einladung des Zaren nach St. Petersburg, um dort wissenschaftlich zu forschen. Doch anstatt zu lesen oder zu schreiben klaut Alois Pichler über 4000 Bücher aus der kaiserlichen Bibliothek und wird dafür lebenslang nach Sibirien verbannt. Dabei hat er noch einmal Glück: Nach zwei Jahren wird er auf allerhöchste Fürsprache begnadigt und kann nach Hause zurückkehren. In Siegsdorf will sich der 40-Jährige von seinen Strapazen erholen. Am 2. Juni 1874 kommt er dort an – einen Tag später finden ihn seine Verwandten tot im Bett. Eine Gedenktafel an der dortigen Pfarrkirche erinnert an den unglückseligen Priester.

Alois Pichler kam 1833 als Sohn eines Zimmermanns und einer Hebamme in Tüssling zur Welt. Dank staatlicher Unterstützung kann der Bub das Gymnasium besuchen und anschließend die Münchner Universität, wo er ein Studium der Theologie absolviert. Da er anschließend nicht wie geplant eine feste Stelle als wissenschaftlicher Mitarbeiter bekommt, lässt er sich als Privatdozent nieder und veröffentlicht eine Reihe von Aufsätzen, die sich meist mit der Geschichte der Ost- und Westkirche befassten. Großes Vorbild war ihm dabei sein vormaliger Professor, Ignaz Döllinger, ab 1872 Rektor der Münchner Universität und leidenschaftlicher Vertreter des ökumenischen Gedankens, wofür er 1871 sogar exkommuniziert wurde.

Auch Pichlers Thesen waren der Amtskirche ein Dorn im Auge, was mit ein Grund gewesen sein dürfte, dass es für ihn, im Gegensatz zu seinem Professor, mit der wissenschaftlichen Karriere nicht so recht klappte, wobei Pichlers Persönlichkeit ebenfalls eine Rolle gespielt haben dürfte. So berichten Zeitgenossen, dass er Gesprächspartnern nicht in die Augen schauen konnte und auch sonst durch verschiedene Ticks auffiel: Während des Gehens fuchtelte er zum Beispiel mit seinen Armen in der Luft oder schnalzte unablässig mit den Fingern. Da er von seiner Schriftstellerei nicht leben konnte, hatte Pichler in München schließlich eine Vikarsstelle angenommen, doch davon ließ sich auch mehr schlecht als recht leben, und so kam die Einladung des Zaren 1869 gerade recht. Alexander II. bot Pichler an, seine Studien über die Ost- und Westkirche in der damaligen russischen Hauptstadt fortzuführen, wozu er pro Jahr 3000 Rubel aus der kaiserlichen Kasse bekommen sollte. Der Geistliche nahm dankend an und reiste kurz darauf, zusammen mit seiner Cousine Creszentia Wimmer, die als seine Haushälterin fungierte, nach St. Petersburg. Nachdem er sich eine Wohnung genommen hatte, begann Pichler in der kaiserlichen Bibliothek, die auch viele nicht-russische Werke enthielt – der Tüsslinger selbst sprach kein Russisch – nach brauchbarer Literatur zu suchen. Dabei erhielt er die Erlaubnis, auch die der Öffentlichkeit verschlossenen Abteilungen zu nutzen und daraus Werke zu leihen. Den dortigen Mitarbeitern, unter denen sich etliche deutschsprachige Beamte befanden, fiel der neue Kollege vor allem durch seine merkwürdige Kleidung auf: tagein tagaus trug der Fremde Gummigaloschen und einen langen Paletot, den er selbst in den Räumen der Bücherei nie ablegte. Auffallend war auch, dass er öfters am Tag die Bibliothek verließ, um kurz darauf wiederzukommen. Die Bücher, die er aus den Regalen zog, nahm er nicht, um sie irgendwo in Ruhe zu lesen, sondern blätterte sie immer nur schnell durch. Bald nachdem er begonnen hatte, seine Zeit in der Bibliothek zu verbringen, war das eine oder andere Werk nicht mehr aufzufinden. Doch wie das bei großen Institutionen gerne ist – die kaiserliche Bibliothek umfasste damals über zwei Millionen Bücher –, fühlte sich anfangs niemand zuständig, der Sache nachzugehen. Erst bei der späteren Gerichtsverhandlung gegen Pichler wurde bekannt, dass etliche der Mitarbeiter, unabhängig voneinander, verdächtige Beobachtungen gemacht hatten. Inzwischen schrieb man das Jahr 1870 – und immer noch verschwanden auf scheinbar unerklärliche Weise Bücher; dazu schien sich auch noch jemand an den Karteikästen, in denen die Bestände katalogisiert waren, zu schaffen zu machen.

Als ein Mitarbeiter dem Direktor der Bibliothek, Iwan Deljanow, im Dezember 1870 mitteilte, dass nun auch noch ein mit Silber beschlagenes Buch, das in einer Vitrine aufgehoben wurde, fehlte, erhärtete sich der Verdacht gegen Alois Pichler. Der benahm sich nun auch noch sehr seltsam, indem er sich auffällig in der Nähe der Vitrine herumdrückte, offenbar um mitzubekommen, was der Direktor und seine Mitarbeiter über den Diebstahl beredeten, wobei er sich bald ungefragt ins Gespräch einmischte und behauptete, er habe eine Person beobachtet, die Bücher aus den Schränken sowie Schlüssel aus einer Schublade genommen habe. Anstatt von sich abzulenken, brachte dieser Vorwurf den Direktor nun erst recht dazu, sich über den Bayern zu informieren. Deljanow erfuhr dabei, dass Pichler oft noch sehr spät in die Bibliothek komme, wo er dann, sogar bei fehlendem Licht in den dunklen Wintermonaten, scheinbar planlos durch die Gänge streife. Der Direktor befahl daraufhin, Pichler genauer zu beobachten und vor allem darauf zu achten, ob er nicht Bücher unter seiner Kleidung verstecke. Im März 1871 wurde der Theologe schließlich in flagranti ertappt, nachdem es einem Bibliotheksdiener gelungen war, heimlich hinter Pichler zu treten und ein Buch unter dessen Mantel zu ertasten. Bei einer Durchsuchung von Pichlers Wohnung sollten den Mitarbeitern der Bücherei dann die Augen übergehen: über drei Zimmer verteilt, fanden sich 4372 Bücher aus der kaiserlichen Bibliothek, manche in Regalen, der Großteil aber in Holzkisten verstaut.

Bei etwa einem Viertel der Bücher war die Originalaufschrift auf dem Rücken mit grünen Schildchen überklebt, teilweise auch der Einband entfernt und die kaiserlichen Stempel im Innenteil herausgeschnitten worden.

Wie sich herausstellte, gingen diese Veränderungen auf das Konto von Creszentia Wimmer. Die Haushälterin gab an, dass sie, während ihr Cousin im Frühjahr 1870 wegen eines Konzils nach Rom gereist war, die Bücher mit Zetteln beklebt habe, um sie als Besitz von Pichler zu kennzeichnen. Die Werke, so habe sie geglaubt, stammten aus einem Antiquariat. Um mehr Platz in der Wohnung zu haben, sei sie auf die Idee gekommen, die Bücher in Kisten zu verstauen, die sie gestapelt und anschließend als Küchentisch verwendet habe.

Ihr Cousin sei bei seiner Rückkehr aus Italien aus allen Wolken gefallen, was sie mit den Büchern gemacht habe, die würden doch der kaiserlichen Bibliothek gehören und er habe sie nur entliehen. Die bei der Gerichtsverhandlung im Juni 1871 präsentierten Indizien lassen aber eher den Schluss zu, dass die Haushälterin mit ihren Angaben versuchte, die Schuld auf sich zu schieben, um den Pfarrer zu entlasten.

Pichler selbst war sich keines Vergehens bewusst, wobei er bei seinen Ausreden eine gehörige Portion Phantasie zeigte, denn auf jede Anschuldigung fiel ihm eine andere Ausflucht ein. Auf die Frage, warum er sich die Bücher denn nicht regulär ausgeliehen habe, antwortete der 38-Jährige, er habe sich gar nichts dabei gedacht, schließlich habe er in München auch Bücher einfach so nehmen dürfen, und das gleich aus zwei Bibliotheken, der königlichen und der seines Professors Ignaz Döllinger, wodurch er jeden Monat mehrere hundert Bände mit nach Hause getragen habe. Dass er die ausgeliehenen Werke in ein Registerbuch eintragen und an der entsprechenden Stelle im Regal einen Vermerk hinterlassen müsse, habe ihm niemand gesagt – was sich allerdings als nicht zutreffend erwies. Die Zettel aus den Karteikästen habe er nicht etwa herausgenommen, um den Diebstahl zu verschleiern, sondern weil er dann und wann kein Papier gehabt habe, um sich Notizen zu machen. Auf die Frage, warum er auch vollkommen fachfremde Bücher wie zum Beispiel eine Anleitung für Parfümeure, ein Handbuch für Seidensieder oder eine Abhandlung über die Schneiderkunst entliehen habe, die doch so gar nichts mit seinen theologischen Studien zu tun hätten, entgegnete Pichler lapidar, er könne halt alles brauchen und außerdem kenne er keine Wissenschaft, die nicht in die seine hineinspiele. Tatsächlich dürfte Pichlers systematischer Bücherklau aber weniger aus wissenschaftlichen, denn aus seelischen Gründen erfolgt sein. Auch wenn eine Diagnose in der Rückschau nur mit allergrößter Vorsicht gestellt werden kann, deuten die Verhaltensweisen des Theologen doch arg in Richtung Kleptomanie – nach der heute gebräuchlichen psychologischen Klassifikation unter dem Begriff Impulskontrollstörung geführt. Darunter fallen Zwänge, bei denen die Betroffenen Gegenstände entwenden, wobei es auch die spezielle Unterform der Bibliokleptomanie gibt, das heißt den Zwang, Bücher zu stehlen und zu horten bzw. Bücher zu zerstören. Auch das hatte Pichler mehrfach praktiziert, indem er Bilder oder einzelne Kapitel aus Büchern herausschnitt, wobei er als Entschuldigung angab, er habe nur Werke genommen, die er als unvollständig betrachtet habe. Bei Pichlers Strafprozess vor einem Petersburger Gericht kam das Thema Kleptomanie, das auch im 19. Jahrhundert schon als psychische Erkrankung bekannt war, zwar zur Sprache, wobei ihn sein Verteidiger als »von einer heftigen Leidenschaft« befallen bezeichnete, »der zu widerstehen er sich außer Stande sah und die ihn gezwungen, so zu handeln, wie ein kluger Mensch nicht handeln würde.« Da jedoch eine medizinische Begutachtung des Angeklagten nicht erfolgt war, konnte Pichlers Anwalt nicht auf Unzurechnungsfähigkeit plädieren, worauf das Gericht den Bayern des schweren Diebstahls für schuldig erkannte und ihn lebenslänglich nach Sibirien verbannte. Creszentia Wimmer wurde als Mithelferin zu vier Monaten Arbeitshaus verdonnert.

Die Deportation war im Russland des 19. Jahrhunderts ein beliebtes Strafmittel, das sogar schon für weit leichtere Vergehen, wie zum Beispiel Rauchen auf der Straße, verhängt wurde. Der Zar propagierte die Verbannung hauptsächlich aus geopolitischen Gründen, denn die Zahl der Menschen, die freiwillig in die unwirtlichen, aber an Bodenschätzen reichen Regionen des russischen Reiches ziehen wollten, war zu klein, um das Land wirtschaftlich zu erschließen. Also wurden pro Jahr mehrere zehntausend Verurteilte nach Sibirien geschickt, die damit nicht nur dem Zaren aus dem Weg waren, sondern auch eine Besiedelung gewährleisteten. Alois Pichlers Verbannung nach Tobolsk stellte dabei noch die vergleichsweise mildeste Variante dar. Der Pfarrer musste dort nicht in einem der hygienisch völlig unzureichenden Gefängnissen schmachten oder irgendwo mitten in der Wildnis von Beeren und Pilzen leben, sondern durfte sich im Stadtgebiet frei bewegen. Allerdings musste er zuvor ein halbes Jahr in einem der völlig überfüllten Transportgefängnissen in Moskau schmachten, bis die Straßen nach Sibirien infolge des Winters wieder passierbar waren. Im Sommer 1872 kam Pichler schließlich in Tobolsk an, wo er zum Glück Arbeit als Hauslehrer für deutsche Familien fand und so seinen Lebensunterhalt finanzieren konnte. Die von der russischen Regierung gewährten drei Rubel pro Monat für Exilanten hätten nämlich noch nicht einmal für Grundnahrungsmittel gereicht. Auf Fürsprache des bayerischen Prinzen Leopold bei Zar Alexander II. wurde Pichler 1874, gut zwei Jahre nach seiner Verurteilung begnadigt und erhielt die Erlaubnis, nach Bayern zurückzukehren. Doch der inzwischen 40-Jährige sollte sich über diese unerwartete Freiheit nicht lange freuen: Nur einen Tag, nachdem er bei Verwandten in Siegsdorf angekommen war, bei denen er sich hätte erholen sollen, wurde der Heimkehrer tot im Bett aufgefunden. Auf Anweisung des Siegsdorfer Pfarrers erhielt Alois Pichler ein Begräbnis in allen Ehren sowie eine Gedenktafel an der Mauer der Pfarrkirche, die heute noch dort hängt. Wer die tragische Lebensgeschichte Pichlers nicht kennt, mag sich über das auf der Tafel verewigte Gedicht – von Lope de Vega – wundern. Doch mit der Kenntnis über das tragische Schicksal des gebürtigen Tüsslingers könnten die – hier gekürzten – Zeilen nicht passender sein: »Des Wissens Gier, von allen Seelentrieben; Der unersättliche, hat mich im Dienste, der Wissenschaften und der hohen Künste, so viele Jahre rastlos umgetrieben. Was ist mir nun als Frucht und Lohn geblieben? Statt laut’rer Wahrheit fand ich Hirngespinste. Statt neuen Lichtes trübe Nebeldienste.«


Susanne Mittermaier

 

8/2015