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Jahrgang 2016 Nummer 53

Wöchentlicher Anschlag

Viel Glück zum neuen Jahr!

»Frohe Botschaft! Fördert durch Mitarbeit das Werk der Aufklärung und Volksbildung«, 1919 (Plakat Nr. 114); beige mit schwarzer Schrift und Zeichnung, Druck: Dr. C. Wolf u. Sohn, München, Herausgeber: Zentrale für Aufklärung und Volksbildung, München; 40 x 58 cm, leicht beschädigt (Verfärbung).
»Arbeite unfallsicher!«, ca. 1928; beige mit farbiger Zeichnung, Schrift rot, Herausgeber: Unfallverhütungsbild GmbH, Berlin (im Auftrag des Verbandes der deutschen Berufsgenossenschaften); 42 x 59,5 cm, oben links eingedruckt »Bestell-Nr. 275«.
Neujahrspostkarte von Klemens Thomas, München 1910, gedruckt bei Ed. Leopoldseder, Traunstein. (Sammlung Fritz Klauser, Traunstein)

Was für Weihnachten galt, muss auch für Silvester bzw. Neujahr konstatiert werden. Ein historisches Plakat, das einen der beiden Tage ankündigt oder sich auch nur im weiteren Sinn mit ihm befasst, sucht man im Bestand des Stadtarchivs leider vergeblich. Um seine guten Wünsche auch bildlich ausdrücken zu können, behilft sich der Verfasser daher mit einer reizvollen Postkarte des leider allzu früh verstorbenen Münchner Künstlers und Architekten Klemens Thomas(1) aus dem Jahr 1910: Ein Nachtwächter mit Lampe und Hellebarde bläst, auf einer Anhöhe über der verschneiten Stadt Traunstein stehend, das neue Jahr an.

Allerdings können im (leider) abschließenden Beitrag dieser Serie dennoch zwei Anschläge näher beleuchtet werden, deren Darstellungen etwas ausstrahlen, das jeden in ein neues Jahr begleiten sollte: Zuversicht! Oberflächlich betrachtet könnte man sie durchaus mit der Propaganda der Nationalsozialisten in Zusammenhang bringen, die sich solcher und ähnlicher Motive oft bediente. Die weiteren Ausführungen aber werden zeigen, dass man mit dieser Einschätzung falsch liegt. Und das ist auch gut so, denn Demagogie, Lügen und Hetze wären schlechte Begleiter auf unserem gemeinsamen Weg in eine hoffentlich gute Zukunft.

Das erste Blatt wurde bereits 2003 bei der Plakatausstellung »Öffentlicher Anschlag« gezeigt. Judith Bader, die Leiterin der Städtischen Galerie, mit der das Stadtarchiv damals diese Ausstellung konzipierte, beschrieb es wie folgt: Eine heroische, männliche Gestalt hält in der einen Hand einen Kelch, aus dem Licht entströmt. Mit der anderen bekämpft dieser, auf antike Vorbilder anspielende Titan eine dreiköpfige Schlange, die sich um seinen Körper gewunden hat. Dargestellt ist der Kampf für Aufklärung und Bildung. Die Gegner sind Dummheit, Unwissenheit und Voreingenommenheit, die durch das Symbol der dreiköpfigen Schlange dargestellt werden; Bildung und Aufklärung sind in dem Licht bringenden Kelch versinnbildlicht. Die in der Gestaltung an den Symbolismus von Max Klinger(2) erinnernde Bildsprache vereinigt auf klassizistische Weise eine Fülle von Zeichen und Attributen verschiedenster Herkunft. Die athletische Figur greift in der Körperhaltung (Stand- und Spielbein) antike Vorbilder auf; Prometheus, der den Menschen das Feuer bringende Held, aber auch die Figur des Parsifal der - in der zur Entstehungszeit des Plakates sehr populären - Oper Richard Wagners. »Frohe Botschaft« entstammt ursprünglich dem christlichen Vokabular und bezeichnet die Geburt Jesu’. Anklänge an den Jugendstil, vor allem in der runden Gestaltung des Konturstriches [Umrisslinie], sind nicht zu übersehen.(3)

Wer aber war für diese interessante Mixtur verantwortlich? Die »Zentrale für Aufklärung und Volksbildung« ruft derzeit auch bei der überregionalen historischen Forschung noch eine gewisse Ratlosigkeit hervor.(4) Fakt ist, dass sie 1919 im Gefolge der Revolution während der kurzen Phase der Räterepublik entstanden ist. Zur näheren Einordnung kam (kurz vor Redaktionsschluss) der berühmte Kommissar Zufall zu Hilfe. Im Nachlass des Traunsteiner Heimatforscher Josef »Sepp« Köstler (1886 - 1944) spürte er die erste Nummer der Zeitschrift »Freie Bahn« auf, dem »Aufklärungs- und Antragsblatt« eben dieser etwas rätselhaften Institution.(5) Und im Geleitwort schafft Schriftleiter Fritz Gerathewohl(6) Klarheit:

»Gewaltige Aufgaben gilt es für uns zu lösen. Ein Neues drängt nach seiner Vollendung und soll von uns verwirklicht werden. Aber nur dann, wenn alle Volksgenossen im Dienste der Gesamtheit für das Wohl des Ganzen arbeiten, wird es uns gelingen, aus einer zertrümmerten Welt ein neues Vaterland zu schaffen, das allen lebendigen Kräften im Staate die Möglichkeit zur freien Entfaltung bietet. Ein wirksames Mitarbeiten der Masse des Volkes an dem Ausbau und der Vertiefung des Neuen ist aber nur dann möglich, wenn das Volk die gegenwärtigen Verhältnisse kennt und sich der Forderungen der Zeit bewußt wird. Es bedarf einer gründlichen, sachlichen Aufklärung, die sich fern hält von jeder parteipolitischen Einseitigkeit. Die politischen Ereignisse und Ziele der Gegenwart müssen dem Volke in objektiven Berichten bekanntgegeben werden. Es muß unterrichtet sein über die wirtschaftliche Gestaltung Deutschlands und der Welt sowie über die Kulturströmungen unserer Zeit. Der Zentrale für Aufklärung und Volksbildung (Z.f.A.) ist es Aufgabe und Ziel, allen Volksgenossen das notwendige Wissen zu vermitteln. Sie ist hervorgegangen aus der Beratungsstelle für die Truppen und hat als solche einem großen Teile der Bevölkerung schon seit den Novembertagen des vorigen Jahres mit Rat und Tat zu Seite stehen können. [...] Die Zeitschrift soll in alle Volkskreise eindringen, soll Wissen verbreiten und zu eigenem Denken anregen.«

Aufgeklärte, selbstständig denkende Menschen sollten fortan den politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Weg der Gesellschaft bestimmen. So wollten es die »linken Überzeugungstäter«. Viele von ihnen bezahlten ihre Ideale mit langen Haftstrafen, Folter und Tod. Gleichwohl arbeiteten in dieser Zeit des Umbruchs namhafte Autoren, Komponisten und Künstler »in der Zentrale für Aufklärung und Volksbildung [sowie] in den Ausschüssen für Kultur, Presse und Hochschulwesen mit«.(7)

Zu ihnen zählte auch Bernhard A. Böhmer, geboren 1892 in Ahlen, ein deutscher Bildhauer und Maler, der das vorliegende (und, nebenbei bemerkt, heute überaus seltene) Plakat grafisch gestaltete. Böhmer war eine ambivalente, schwer fassbare, ja fast schon bizarre Persönlichkeit. Im Alter von zehn Jahren galt er als »Wunderkind der Malerei«, studierte folgerichtig Kunst, konnte aber selbst keine nennenswerte Erfolge feiern. Bedeutung erlangte er als Assistent, begeisterter Verehrer und Freund des Bildhauers, Schriftstellers und Zeichners Ernst Barlach (1870 - 1938). Nach dessen Tod wurde er sein Nachlassverwalter. Er versuchte, Barlachs als »entartet« beschlagnahmte Kunst zu retten und kämpfte gegen dessen Diskriminierung durch die Nazis. Dessen ungeachtet wurde er, neben Hildebrand Gurlitt, Ferdinand Möller und Karl Buchholz, der vierte offizielle Kunsthändler Hitlers. Seine geschickte Verkaufsstrategie machte ihn zum Millionär. Parteimitglied und in der Reichskammer der Bildenden Künste war er nie, dafür gut befreundet mit Rolf Hetsch(8), der im Propagandaministerium für die »Verwertung« beschlagnahmter Kunst zuständig war. Aus Angst vor den herannahenden Russen nahm sich Bernhard Böhmer gemeinsam mit seiner zweiten Frau Hella am 2. Mai 1945 das Leben. Zurück blieben der Sohn Peter (1932 - 2007), 1795 beschlagnahmte Kunstwerke und Ernst Barlachs Atelier, das die Russen zur Autowerkstatt umfunktionierten.(9) Erst 2008 wurde seine bis dahin kaum bekannte Tätigkeit für das NS-Regime umfassend und wissenschaftlich aufgearbeitet.(10)

Auch das zweite Plakat verleitet dazu, es voreilig in »die braune Ecke« zu stellen. Ein junger, blonder, kräftiger Arbeiter vor rauchenden Fabrikschloten, dazu die strahlende Sonne; all das nahm das Dritte Reich nur allzu gerne für sich in Anspruch. An den Sozialismus, den »Arbeiter- und Bauernstaat«, könnte man ebenso denken, wo mit einem vergleichbaren Menschenbild geworben wurde - wäre da nicht das Gesicht: lächelnd, weich, gepflegt, ja fast schon ein wenig feminin wirkend. Für solch »schöne Männer« hatten weder die Rechten noch die Linken Verwendung; Schönheit und Extremismus, gleich, von welcher Seite, passen einfach nicht zusammen. Auf Filmplakaten dagegen findet man sie häufig.

Tatsächlich war der signierende Künstler [Julius] Kupfer-Sachs(11) in den 20er Jahren ein in der Filmbranche beliebter, viel beschäftigter Gebrauchsgrafiker. Fast alle seine bis heute erhaltenen Arbeiten entstanden im Auftrag der UFA (Universum Film AG). Charakteristisch sind seine Personendarstellungen, die er von allen seinen Kollegen am meisten ausstattete. Dabei legte er eine besonders starke Betonung auf die Gesichtsformen. Die Figuren dienen auf seinen Plakaten als Blickfang. Seine Stärke war das expressive, realistische Zeichnen, das er handwerklich perfekt beherrschte.(12) In unserem Beispiel war Kupfer-Sachs einmal nicht für den Film tätig. Auftraggeber für dieses Blatt, wie auch für zwei weitere, ähnlich geartete, die dem Stadtarchiv vorliegen,(13) war der »Verband der Deutschen Berufsgenossenschaften« im Rahmen einer umfangreichen Serie zur Arbeitssicherheit. Und dieser Hintergrund passt auch sehr schön in den für diesen Beitrag gewählten Rahmen. Denn Sicherheit und Unfallfreiheit sind zwei unverzichtbare Voraussetzungen dafür, dass ein neues Jahr auch ein gutes wird.

In diesem Sinne wünsche ich allen Leserinnen und Lesern, die den »Wöchentlichen Anschlägen« über 53 Folgen die Treue gehalten, sie des Öfteren oder zumindest das eine oder andere Mal verfolgt haben, ein gutes und gesundes neues Jahr. Zugleich möchte ich mich bei Ihnen allen herzlich für das Interesse, die Anregungen und die positiven Rückmeldungen bedanken.(14) Bleiben Sie der Heimatforschung auch weiterhin gewogen - es lohnt sich.


Franz Haselbeck


Anmerkungen:
(1) Franz Haselbeck, Ein vergessener Künstler: Das grafische Werk des Münchner Architekten Klemens Thomas (1884-1914) – Bemerkenswerte Zeugnisse der Traunsteiner Stadtgeschichte an der Schwelle zum Ersten Weltkrieg, in: Oberbayerisches Archiv 139/2015, S. 146-221.
(2) Max Klinger (1857-1920), deutscher Maler, Radierer, Bilderhauer und Medailleur. Vgl. LeMO (Lebendiges Museum Online): Max Klinger, URI: <https://www.dhm.de/lemo/biografie/maxklinger> (14. 9. 2016).
(3) 2003 verfügte das Stadtarchiv noch nicht über den aktuellen, deutlich umfangreicheren bzw. aussagekräftigeren Plakatbestand. Die Präsentation wurde daher hauptsächlich mit Leihgaben des Bayerischen Hauptstaatsarchivs sowie des Stadtarchivs Passau bestückt. An dieser Stelle möchte der Verfasser auch die Gelegenheit nutzen, um die unverzichtbare Mitarbeit von Frau Judith Bader bei vielen der 2016 vorgestellten »Wöchentlichen Anschläge« hervorzuheben.
(4) Dr. Bernhard Grau, stellvertretender Leiter der Generaldirektion der Staatlichen Archive Bayerns, zu dessen Forschungsschwerpunkten die Bereiche Revolution und Räterepublik gehören, ist »bisher noch nicht auf diese Zentrale gestoßen« (frdl. Auskunft mit E-Mail v. 6. 9. 2016; vielen Dank für die kollegiale und unbürokratische Hilfe). Eine kurze Recherche von ihm bestätigte die Vermutung des Verfassers, dass es sich »um eine Initiative der Räte« gehandelt haben muss.
(5) Freie Bahn. Aufklärungs- und Antragsblatt der Zentrale für Aufklärung und Volksbildung in München - Wochenschrift für alle Volkskreise, 1. Jg. Nr. 1 v. 1. 4. 1919, in: Stadtarchiv Traunstein, NL Köstler, III 3 i.
(6) Fritz Gerathewohl (1896-1956), Mitbegründer der DDP in Bayern, ab 1930 Lektor für Sprechkunde und Rhetorik an der Universität München, Verfasser zahlreicher »sprechkundlicher Übungsbücher« und »psychologisch-rhetorischer Anleitungen«, 1933 in die SA eingetreten, galt dort als wenig engagiert und politisch unzuverlässig und wurde 1938 ausgeschlossen, 1940 u. 1942 von der Gauleitung mit Redeverbot belegt, zählte bei Kriegsende zu den entschlossenen Gegnern der Nationalsozialisten. Nach 1945 leitete er den Redner-Dienst der CSU, zu dem etwa 330 politische Redner gehörten. Vgl. Thomas Schlemmer, Aufbruch, Krise und Erneuerung. (= Quellen und Darstellungen zur Zeitgeschichte 41), München 1998, S. 38 und Klaus-Dietmar Henke und Hans Woller (Hrsg.), Lehrjahre der CSU, Stuttgart 1984, S. 62.
(7) Wilhelm Lukas Kristl: Ernst Toller in der Revolution 1918/19. Ein Beitrag zur Geschichte der Bayerischen Räterepublik, S. 207; URI: <http://library.fes.de/gmh/main/pdf-files/gmh/1969/1969-04-a-205.pdf> (14. 9. 2016).
(8) Rolf Hetsch (* 30. Juni 1903 in Berlin-Charlottenburg, † 26. Dezember 1946 im Speziallager Nr. 3, Berlin-Hohenschönhausen), deutscher Jurist, Kunsthistoriker und nationalsozialistischer Kulturfunktionär im Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda.
(9) Uta Baier, Schutzengel im Auftrag der Nazis; URI: <https://www.freitag.de/autoren/der-freitag/schutzengel-im-auftragder-nazis> (14. 9. 2016).
(10) Meike Hoffmann: Ein Händler »entarteter« Kunst. Bernhard A. Böhmer und sein Nachlass (= Schriften der Forschungsstelle »Entartete Kunst« Bd. 3), Berlin 2008.
(11) Leider konnten zu ihm keinerlei biografische Daten ermittelt werden; auch die nachfolgend zitierte Arbeit nennt diese nicht.
(12) Carina Hein, Deutsche Filmplakate der 20er Jahre, S. 11-12; URI: <http://www.filmposter-archiv.de/download/Carina-Hein-Deutsche-Filmplakate--der-20er-Jahre-2012.pdf> (14. 9. 2016).
(13) Plakat Nr. 1405 »Das ist Selbstmord« (offenes Feuer und Benzin) und Nr. 1406 »Bleib weg mit Fett und Öl! Explosionsgefahr!« (Umgang mit Acetylen- und Sauerstoffflaschen).
(14) Der größte Dank geht dabei an meine Frau Helga. Ohne ihre fotografische Erfassung der historischen Plakate hätte es diese Serie niemals gegeben. Als »Belohnung« durfte sie jeden einzelnen Beitrag Korrektur lesen. Auch hier hat sie dem Autor oft wertvolle Hinweise gegeben, die er als Ehemann natürlich (fast) immer berücksichtigte.

 

53/2016