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Jahrgang 2016 Nummer 52

Wöchentlicher Anschlag

Fröhliche Weihnachten – Erster Traunsteiner Christkindlmarkt 1975

»Weihnachtsausstellung Heimatmuseum Prien«, 1950 (Plakat Nr. 690); beige und orange, oben ein mit Zweigen und Kerzen geschmückter Weihnachtsengel, ein Buch mit dem Zug der Heiligen Drei Könige haltend, begleitet von einem Schaukelpferd und 2 spielenden Kindern, Herausgeber: Heimatmuseum, Grafiker: Markus von Gosen, Druck: Buchdruckerei A. Vogler, alle Prien; 43 mal 61 cm, leicht beschädigt.
Plakat zum ersten Traunsteiner Christkindlmarkt 1975. (Stadtarchiv Traunstein, Plakatsammlung)
Ein Schnappschuss vom Christkindlmarkt 1975. (Stadtarchiv Traunstein, Registraturakt Nr. 761)
Plakat »Der Nikolaus kommt«, 1979. (Stadtarchiv Traunstein, Plakatsammlung)

Leider verzeichnet das Stadtarchiv aktuell in seinem Bestand keinen historischen Anschlag zu einer Traunsteiner Weihnachtsausstellung oder einem anderweitigen, adventlichen Ereignis. Zur Erinnerung: 1945 wurde als Grenzjahr im ersten Beitrag zu dieser Serie genannt, mit etwas Spielraum nach oben, falls es sich um ein außergewöhnliches Blatt handelt.

Ein solches ist das Plakat zur Weihnachtsausstellung 1950 im Heimatmuseum Prien; eine Rarität, die in den Sammlungen der Nachbargemeinde am Chiemsee fehlt.(1) Allerdings führt das von Markus von Gosen(2) gestaltete, weihnachtliche Motiv den Betrachter in die Irre. Denn, der Untertitel weist darauf hin: Vom 3. bis zum 23. Dezember wurde in erster Linie »Alte und Neue angewandte Kunst« gezeigt. Die Präsentation, »die trotz ihrer räumlichen Beschränktheit eine Fülle von wirklich schönen Werken [...] zur Schau stellt[e]«, war in »3 Sektoren [ge]gliedert: 1. Bildende Kunst [...]; 2. Werke der Chiemseegruppe deutscher Autoren; 3. Buchausstellung des Buchhandels, [...] vor allem [...] Kinderbücher und Jugendschriften.« Mit ihr sollte vorrangig »das etwas verborgene Leben dieses wertvollen Museums mehr in das Blickfeld der Öffentlichkeit gerückt« werden. Adventliches Kunsthandwerk suchte man dort, mit Ausnahme eines »messinggetriebenen Weihnachtsengels«, vergeblich.(3)

»Schon gleich beim Eintritt nehmen Kopien von alten gotischen Fresken aus einer schlesischen Dorfkirche sowie die Kopie einer Freske vom nahen Kirchlein in Urschalling den Besucher gefangen. Daneben folgen Bilder von plastischen Werken von Professor [Friedrich] Lommel,(4) die als Beispiele vorbildlicher Grabgestaltung anzusprechen sind. Auch eine sehr gute Aufnahme des Altars der hiesigen evangelischen Kirche, der ja von Herrn Professor Lommel und Herrn [Paul] Roloff(5) gemeinsam gestaltet wurde, fesselt den Blick. Welch wertvolle Kunstschätze unsere Kirchen in naher und weiter Umgebung Priens besitzen, zeigen ausgezeichnete Aufnahmen aus der viel zu wenig bekannten Kirche St. Florian, ferner aus den Kirchen von Prien und Höhenberg. Fräulein Ackers vermittelt einen Einblick in die Arbeit der Glasmalerei. Die daneben ausgestellten Entwürfe zur Neugestaltung des Kriegerdenkmals in der Kapelle finden besondere Beachtung. Für die Heimatvertriebenen werden Aufnahmen von Denkmälern Schlesiens (St. Bernhardin in Breslau), geschaffen von Professor Theodor von Gosen, von besonderem Interesse sein.«(6)

Um dem Heiligen Abend dennoch gerecht zu werden, hat sich der Autor entschlossen, für dieses eine Mal die zeitliche Grenze ein wenig anzuheben, genauer gesagt, um drei Jahrzehnte. (Frei nach Charles Dickens möge »der Geist der Weihnacht« diese Ausnahme rechtfertigen.) Begeben wir uns also zurück in das Jahr 1975, als sich »im Rahmen der innerstädtischen Verkehrsplanung [...] eine grundlegende Änderung der Verkehrsbedeutung des Stadtplatzes ab[zeichnete]. Durch die Fertigstellung der Ortskernumfahrung im Zuge der Neutrassierung der B 304 bzw. B 306 kommt es zu einer wesentlichen Beruhigung des Durchgangsverkehrs [...]. Dies eröffnet die Möglichkeit, den Stadtplatz teilweise oder auch ganz für Ruhezonen und Fußgängerbereiche freizustellen. [...] Die damit in Zusammenhang stehende Entlastung [... erlaubt es], einen Weihnachtsmarkt zu organisieren. Dieser [...] sollte für eine zusätzliche Belebung und eine weitere Bereicherung des innerstädtischen Freizeit- und Unterhaltungsangebots sorgen. Der Markt müsste von verschiedenen – in die Adventszeit passende – Veranstaltungen umrahmt werden.« Unter diesen Voraussetzungen beschloss der Stadtrat am 10. Juli, »daß erstmals in der Adventszeit [...] ein Weihnachtsmarkt unter dem Motto Traunsteiner Christkindlmarkt veranstaltet werden soll«.(7)

Gesagt, getan. Bald schon drängte die Zeit, und spätestens ab Oktober liefen die Vorbereitungen auf Hochtouren. »Es werden nur Waren zugelassen, die in enger Beziehung zum Weihnachtsfest stehen, insbesondere Christbäume, Christbaumschmuck, Spielwaren, Lebkuchen und ähnliche Backwaren sowie Geschenkartikel des heimischen Handwerks und des Kunsthandwerks. Auch für den hungrigen Magen wird gesorgt in Form von Wurstbratereien, Mandel- und Maroni-Ständen und Punschausschank mit Weihnachtsgebäck. Voraussetzung für die Zulassung zu diesem ersten Traunsteiner Weihnachtsmarkt ist der Besitz eines geeigneten Verkaufsstandes.«(8)

Doch war im Vorfeld beileibe nicht alles ganz einfach – ein in solchen Fällen häufig zu beobachtendes Phänomen, wenn Neues geplant wurde, das dem althergebrachten Trott auf die Sprünge helfen sollte. (Die wenigen Ausnahmen bestätigen auch hier nur die Regel.) Bedenken der heimischen Geschäftswelt etwa, die den Verlust von Parkplätzen kritisch sah, mussten zerstreut werden: »Vor allem sollte man [...] an die Kinder denken, denen damit besonders entgegengekommen werden würde. Deshalb sprach sich der Oberbürgermeister auch gegen einen flutenden Straßenverkehr unmittelbar beim Marktgeschehen aus, damit dort die Fußgänger ungefährdet sein können.«(9)

Am 13. Dezember 1975 war es soweit. »Die Stadt Traunstein hat[te] sich alle Mühe gegeben und das Gelände nach jeder Seite hin weihnachtlich geschmückt.«(10) Und es zahlte sich aus. »Wenn das Interesse der Bevölkerung von Stadt und Land am Traunsteiner Christkindlmarkt anhält, wie dies zur Eröffnung am Samstag der Fall gewesen ist, dann brauchen weder die Stadtverwaltung noch die Inhaber von Marktständen befürchten, daß dies der letzte Christkindlmarkt in Traunstein gewesen sein soll. Die Massen an kleinen und großen Marktbesuchern konnten nur grob geschätzt mit vielen Hunderten werden, denn man stand Kopf an Kopf, und die Kinder haben von der Eröffnung des Marktes wohl kaum viel mitbekommen. Attraktion war der große Stollen, den Bäckermeister Georg Kotter vom Taubenmarkt mit seinen Bäckern hergestellt hat; amtlich vermessen ergab sich eine Länge von 20,027 Meter. Damit hat der Traunsteiner Bäckermeister Kotter seinen Mühldorfer Verwandten Hans Kotter um gut eineinhalb Meter Länge geschlagen, nachdem dieser vor etlichen Wochen einen Stollen mit 18 Meter hergestellt hatte. [...]

Doch zuerst hat Oberbürgermeister Rudolf Wamsler nach einleitender Musik der Traunsteiner Turmbläser und dem Lied 'Freuet euch alle', gesungen vom Gemischten Chor des Gesangsvereins Traunstein 1911, auf die vielerlei Vorbereitungen hingewiesen, die erforderlich waren, ehe dieser erste Traunsteiner Christkindlmarkt Wirklichkeit werden sollte. [...] Hoffnung und Skepsis seien sich Wochen hindurch gegenübergestanden; heute könne er erfreut feststellen, daß sich alle Anstrengungen gelohnt haben.«

Dem ist kaum noch etwas hinzuzufügen. Mehr als vierzig Jahre nach seiner Premiere, ist der Christkindlmarkt aus dem städtischen Veranstaltungskalender nicht mehr wegzudenken. Wenn auch die Stimmung nicht immer nur besinnlich, sondern oftmals eher ausgelassen und fröhlich ist, so ist er doch ein Treffpunkt für alle, die der Hektik dieser Tage gerne einmal entfliehen und sich bei einem Glühwein, Punsch, »Wuidaratee« etc. zu einem Plausch mit Gleichgesinnten zusammenfinden wollen. Und Kinder bekommen immer noch leuchtende Augen, wenn sie ihn an der Hand ihrer Eltern das erste Mal besuchen und sich die Nasen an den Scheiben plattdrücken, hinter denen liebevoll aufgebaute Krippen die Weihnachtsgeschichte erzählen und eine wundervolle Modelleisenbahn ihre Kreise durch die winterliche Landschaft zieht. Da kann man auch kleinere Missgriffe wie das Plakat von 1979, auf dem ein amerikanischer Weihnachtsmann den Nikolaus ankündigte, gerne einmal verzeihen. Nur wer nichts macht, macht halt auch nichts falsch. In diesem Sinne: Fröhliche Weihnachten!


Franz Haselbeck


Anmerkungen:
(1) Freundliche Mitteilung von Herrn Karl J. Aß, Kulturbeauftragter des Marktes Prien und Heimatpfleger des Landkreises Rosenheim, vom 31. 8. 2016. Herr Aß stellte dem Autor zudem zwei Zeitungsberichte zu dieser Ausstellung in Kopie zur Verfügung. Herzlichen Dank dafür!
(2) Markus von Gosen (geboren 1913 in Breslau, gestorben 2004 in Prien) schuf Mosaiken, Drucke und Glasmalerei. Sein Vater Theodor (1873-1943) war ein bedeutender deutscher Bildhauer und Medailleur; vgl. Wikipedia: Theodor von Gosen, URI: <https://de.wikipedia.org/wiki/Theodor_von_Gosen> (8. 9. 2016).
(3) »Feierliche Eröffnung der Weihnachtsausstellung«, in: Chiemgau-Zeitung vom 5. 12. 1950.
(4) Friedrich Lommel (1883-1967), deutscher Bildhauer und Medailleur.
(5) Paul Alexander Roloff (*1877 auf Gut Jerchel, Kreis Stendal, † 1951 in Prien), deutscher Maler; vgl. Wikipedia: Paul Roloff, URI: <https://de.wikipedia.org/wiki/Paul_Roloff> (9. 9. 2016).
(6) »Spaziergang durch die Weihnachts- Ausstellung«, in: Chiemgau-Zeitung vom 21. 12. 1950.
(7) Stadtarchiv Traunstein, Registraturakt Nr. 761: Christkindlmarkt 1975-1991.
(8) »1975 erstmals Weihnachtsmarkt«, in: Chiemgau-Zeitung vom 6. 10. 1975.
(9) »Geschäftsleute für Christkindlmarkt«, in: Traunsteiner Wochenblatt vom 23. 10. 1975.
(10) »Auftakt zum Traunsteiner Christkindlmarkt«, in: Traunsteiner Wochenblatt vom 11. 12. 1975.

 

52/2016