weather-image
-2°
Jahrgang 2016 Nummer 50

Wöchentlicher Anschlag

Weihnachtsfeiern des Katholischen Jugendbundes

Joseph Stelzle (sitzend, 3. von links) mit der Vorstandschaft des Katholischen Jugendbundes im April 1915. (Foto: Stadtarchiv Traunstein, DOK 287)
Das Haus Scheibenstraße 6, vormals der »Weißbräu«, später das erste Traunsteiner Schülerheim, ab 1921 Katholisches Vereinshaus.(Foto: Stadtarchiv Traunstein, A 240/7)
Einladung zum Gründungsfest des Katholischen weiblichen Jugendvereins am 7. Oktober 1923. (Pfarrarchiv St. Oswald, A V 37)
Programm zur Weihnachtsfeier des Katholischen Jugendbundes 1921, die erstmals im Katholischen Vereinshaus stattfand. (Pfarrarchiv St. Oswald, A V 37)
»Weihnachts-Feier«, 1927 (Plakat Nr. 1656); melonengelb mit schwarzer Schrift, Druck: Traunsteiner Tagblatt; 70 mal 49,5 cm.

»Wir erlauben uns, die verehrlichen Schutzmitglieder, Gönner und Eltern zu unserer [...] Weihnachts-Feier zu recht zahlreicher Beteiligung geziemendst einzuladen.«(1) Heute würde man eine solche Einladung natürlich etwas anders formulieren. Und man würde wohl auch andere Gefühle wie vor 100 Jahren wecken. Denn in unseren Tagen ist das Wort »Weihnachtsfeier « nicht mehr ausschließlich positiv besetzt, sondern ruft im Gegenteil bei so manchem Zeitgenossen nur noch ein genervtes Augenrollen hervor: Ned no oane, muaß des sei? Gemma hoit hi, aba g'frein duad's mi fei ned. Adventliche Feiern steigern eher die ausufernde Hektik der modernen Vorweihnachtszeit, als sie für einige Stunden in ruhige Bahnen zu lenken; zumindest empfinden das viele von uns so.

Früher war dies anders. Konsumzwang, Termindruck und mannigfaltige Ablenkungen durch moderne Medien, persönliche Hobbys und ähnlichen »neumodischen Kram« waren unbekannt. Stattdessen war eine Weihnachtsfeier eine willkommene Abwechslung, die den oft harten, arbeitsreichen Alltag aufhellte und auf der man die Aktivitäten eines Vereins entsprechend würdigte. Als Beispiel hierfür wurde der »Katholische Jugendbund Traunstein« gewählt.

Über die Geschichte dieses »Jugendbundes« ist bislang kaum etwas bekannt. Sie kann in diesem Zusammenhang nur kurz gestreift werden in der Hoffnung, dass sich in Zukunft die Heimatforschung ausführlicher mit diesem lohnenden Thema auseinandersetzen wird.(2) Gegründet wurde er am 8. Dezember 1909; am 11. März des darauffolgenden Jahres erfolgte der Eintrag in das Vereinsregister. Treibende Kraft war der damalige Stadtpfarrprediger und spätere Traunsteiner Stadtpfarrer Joseph Stelzle.(3) Er war bei der Jugend überaus beliebt, was unter anderem ein Gedicht belegt, das ihm »seine« Knaben« anlässlich der zwischenzeitlichen Verabschiedung widmeten (Auszug): »Doch wo du gehst aus unserm schönen Städtchen / Nimm unsern Dank für Deine Lieb und Treu, / Für alle frohen Stunden, die du brachtest / In unsern Jugendbund doch stets aufs neu. [...] Was wir an Kummer dir gebracht und Sorgen / Du wirst / wir bitten / alles uns verzeih'n, / Und sahst du auch bis jetzt noch wenig Früchte, / Es wird und muß einmal die Saat gedeih'n.«(4)

Am 6. Dezember 1918 erwarb der Jugendbund von Josef Binder dessen Haus Scheibenstraße 6, den früheren »Weißbräu«, [der seinen Namen nicht dem allseits beliebten Bier, sondern seinem früheren Besitzer Hans Weiß verdankte]; der Kaufpreis betrug 78 000 Mark.(5) Nach seinem Umbau wurde dort am 6. Juni 1921 das katholische Vereinshaus eröffnet. Es wurde fortan auch vom 1853 gegründeten »Katholischen Gesellenverein« (heute Kolpingfamilie) und dem 1923 ins Leben gerufenen »Katholischen weiblichen Jugendverein«(6) für Feiern, Versammlungen und Theateraufführungen genutzt. Das Wirken der katholischen Jugendorganisationen wurde spätestens ab 1934 von den Nationalsozialisten streng überwacht,(7) zunehmend erschwert und letztlich gänzlich unmöglich gemacht. Nach 1945 trat der Jugendbund Traunstein als Verein nicht mehr in Erscheinung.

In den gut zwei Jahrzehnten seines Bestehens aber war er ein unverzichtbarer Bestandteil der damaligen Jugendarbeit, der den Heranwachsenden, soweit sie katholisch waren und dem Glauben nahestanden, einen festen Halt in unruhigen Zeiten bot. Man schätzte und unterstützte ihn, was vor allem bei den, mit großem Aufwand organisierten, Weihnachtsfeiern zum Ausdruck kam. »Die zahlreiche Beteiligung [...] zeigte, daß Traunsteins Bevölkerung der katholischen Jugend ein großes Interesse entgegenbringt. Die braven Jungen haben sich aber auch schon seit Wochen abgemüht, um ihren Gästen zu zeigen, daß es ihnen ernst ist in ihrem Vereine. H[ochwürdiger] H[err] Stadtpfarrer Stelzle benutzte die Gelegenheit, in seiner von ihm gewohnten, herzlichen Art diese beiden Momente herauszugreifen und den lieben Gästen zu danken für die große Anteilnahme, die sie durch ihr zahlreiches Erscheinen [...] bekunden, sowie aber auch den Eifer der wackeren Jungen zu loben. Die hohen Ideale, die wir verfechten, die haben so viele in den Jugendbund getrieben. Und dieser Dienst an der Jugend habe ihn erfreut. Die liebevolle Art, mit welcher man in Traunstein die braven Bürschlein aufgenommen hat, als sie Gaben für ihre Christbaumfeier gesammelt, wäre ihm ein weiterer Grund zur Freude.

Der H. H. Redner schilderte nun, wie die sorgende Hand des Präses [Seelsorger, der als Vorstand und geistlicher Begleiter fungierte] mit beglückender Liebe den Garten des Jugendbundes betreut und ihn wieder groß und stark gemacht. Den guten Geist, der in ihnen lebt, haben sie heute früh gezeigt bei der Generalkommunion. Und diese jungen Bürschlein sollen uns allen Kostbarkeiten sein, und wir sollen in ihnen das heilige Glaubensgut, das das Christkind in ihre Seele gelegt, hegen und pflegen. Und nun ermahnte er die Jungen, sich dieser Liebe und Auszeichnung, die man ihnen heute erwiesen, dankbar und würdig zu zeigen. Sie dürfen lustig sein in jeder Weise, sie sollen sich freuen, aber dabei immer den heiligen Ewigkeitsernst, der nach oben zielt, im Herzen tragen. Ihren Lehrern, Meistern und Eltern sollen sie in feinbesinnlicher Art Freude machen. Die Jugend soll nicht bloß springender Gebirgsbach sein, sondern alles, was groß und heilig ist, soll in ihr Wurzel fassen. Mit der Bitte, sich heute Abend zu freuen an ihrem Weihnachtsfest, schloß der H. H. Redner seine schöne, herzliche, eindrucksvolle Ansprache, die mit Beifall und Dank aufgenommen wurde.«(8)

Im Zentrum einer jeder Weihnachtsfeier stand stets ein Theaterstück. (Auch im normalen Jahreslauf luden die Knaben – und später auch die Mädchen – immer wieder zu Schauspielen ein.) Und was dabei dargeboten wurde, war keinesfalls leichtes Kindertheater oder ein gängiges Krippenspiel. Die Titel lesen sich anspruchsvoll, aus heutiger Sicht vielleicht auch etwas befremdlich: »Der Herrgottsschnitzer«, »Der Meineid in der Christnacht«, »Olinth oder: Der glückliche Waisenknabe«, »Der büßende Brudermörder« oder »Es war einmal Krieg«, um nur einige zu nennen; all das war für die im Mittel Vierzehn- bis Sechzehnjährigen sicher nicht leicht zu bewältigen. Hinter jeder Vorstellung steckte ein großes Maß an Fleiß und Arbeit. Aber – es gelang, zur Zufriedenheit eines aufgeschlossenen Publikums.

»Nun glänzten in dem dreiaktigen Stück Widukind der Sachsenherzog unsere lieben Jungen. Die einfache Schmiedwerkstätte, in der glaubensstarke Menschen wohnen, zeigte als Schmuck ein liebliches Kripplein. Der ergraute Schmiedmeister bot ein treffliches Bild wahren und tiefen Glaubens; sein braves Söhnlein ihm zur Seite. Nun rollte sich im Laufe des Stückes die gänzliche Bekehrung des Herzogs von Sachsen ab. In jugendlichem Trotz huldigte der feurige Widukind dem Götzendienst, und die Christen haben es doch fertiggebracht, ihn dem einzig wahren Gott zuzuführen. Ein prächtiges Spiel boten alle ohne Ausnahme, und ganz besonders fiel die gutgebildete Aussprache der Mitwirkenden auf.«(9)(

Die Weihnachtsfeiern des Katholischen Jugendbundes, dies darf man abschließend getrost feststellen, waren nicht nur ein fester Bestandteil des gesellschaftlichen Lebens in der Zeit von 1909 bis Anfang der 1930er Jahre. Sie waren etwas Besonderes, auf das man sich freute und das man gerne besuchte. »Es mussten sich denn auch viele mit einem Stehplatz begnügen. Aber alle, auch die Letzteren, sind hochbefriedigt von dannen gegangen; denn so etwas hatten sie hier noch nie oder schon lange nicht mehr geschaut.«(10) Vielleicht nehmen wir uns alle ein Beispiel und sehen zumindest nicht jede Weihnachtsfeier, zu deren Besuch wir uns verpflichtet fühlen, als lästiges Muss an. Was wir daraus machen, liegt immer nur an uns selbst. Es gibt sicher Schlimmeres, als sich zurückzulehnen, die Vorführungen anzusehen und anschließend ein wenig mit den Tischnachbarn zu plaudern. Ein wenig innere Einkehr und Zufriedenheit jedenfalls hätte sich das Weihnachtsfest allemal verdient.


Franz Haselbeck


Anmerkungen:
(1) Gedruckte Einladung zur Weihnachtsfeier des Katholischen Jugendbundes Traunstein, 1919; Pfarrarchiv St. Oswald, A V 37: Katholischer Jugendbund 1846-1957.
(2) Für die in diesem Beitrag genannten Daten und Fakten wurde, falls nicht anders vermerkt, der Akt des Pfarrarchivs wie Anm. 1 herangezogen.
(3) Joseph Stelzle, geboren am 4. Juni 1873 in Wirresheim, Lkr. Donau-Ries, ab 1901 Stadtpfarrprediger in Traunstein, 1915 Pfarrer in Siegsdorf, 1921 Rückkehr nach Traunstein als Stadtpfarrer, 1934 von den Nationalsozialisten kurzzeitig in Schutzhaft genommen. Am 1. 11. 1944 resignierte Stelzle von seinem Amt. Er verstarb am 6. Dezember 1947 im Alter von 74 Jahren in Traunstein. Vgl. Moritz Metze: Joseph Stelzle - Ein Leben zwischen Pfarralltag und Schutzhaft. Schülerfacharbeit am Chiemgau-Gymnasium, Traunstein 2008 (Stadtarchiv Traunstein, WA 136).
(4) Zeitungsausschnitt (nicht näher bezeichnet), in: Stadtarchiv Traunstein, DOK 287 .
(5) Josef Binder (1855 - 1931), Höllbräu. Notariatsurkunde vom genannten Datum in Akt wie Anm. 1; demnach trat ausschließlich der »Jugendbund [...], eingetr. Verein mit dem Sitze in Traunstein«, vertreten von seinem Präses, Stadtpfarrkooperator Franz Xaver Pfleger, als Käufer auf. Andere Vereine oder Institutionen werden nicht genannt.
(6) Nach Aktenlage war am 22. 10. 1911 zudem ein »Katholischer Dienstmädchenverein gegründet worden. Sein erster Präses war Chorregent Rudolf Bruckmayer.
(7) Stadtarchiv Traunstein, A 131/4: Überwachung einer Versammlung des katholischen Jugendbundes, 1934.
(8) Traunsteiner Tagblatt Nr. 292 vom 20. 12. 1926, S. 2-3.
(9) Traunsteiner Tagblatt Nr. 291 vom 20. 12. 1927, S. 3.
(10) Traunsteiner Tagblatt Nr. 7 vom 10. 1. 1911, S. 2.

 

50/2016