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Jahrgang 2016 Nummer 44

Wöchentlicher Anschlag

Traunsteiner Handwerkerwoche im Oktober 1933

»Deine Hand dem Handwerk«, 1933 (Plakat Nr. 6231); beige mit roter Schrift (= Titel), dazwischen Zeichnung zweier sich zum Handschlag begegnenden Hände, Druck: Kunst im Druck GmbH, München; 85 mal 118 cm, leicht beschädigt.
Das Festspiel »Dem Handwerk zur Ehr!« (Alle Bilder aus: Stadtarchiv Traunstein, Büttner-Chronik)
Festwagen der Maschinenbauer.
Festwagen der Schreiner mit dem Spruch: »Die Säge schweigt, der Hobel ruht, wenn Ihr nichts für unser Handwerk tut«.
Abschlusskundgebung am Stadtplatz.

Von Anfang an strebte der NS-Staat danach, mit ausgewählten und machtbefugten Führern dirigistisch seine Ziele durchzusetzen. Das »Gesetz über den vorläufigen Aufbau des deutschen Handwerks« vom 29. November 1933 und das »Gesetz zur Vorbereitung des organischen Aufbaues der deutschen Wirtschaft« vom 27. Februar 1934 waren die Grundlagen einer Gleichschaltung und Umgestaltung im Sinne des NS-Regimes. [...] Jegliche Selbstverwaltung war verschwunden; die »Führer« entschieden von oben nach unten. Wichtige Neuerungen ergaben sich durch konkrete Verordnungen zum erwähnten »Handwerksgesetz«: Die erste Verordnung vom 15. Juni 1934 brachte eine eigene, handwerkliche Ehrengerichtsbarkeit, die gegen politisch unliebsame und jüdische Handwerker angewandt wurde. [...] Alle Strukturveränderungen erwiesen sich immer schärfer als antisemitisch und zunehmend kriegswirtschaftlich orientiert. Gegen die Beseitigung von Juden aus dem Handwerk gab es organisationsseitig keinen Widerstand, sondern eine große Mitwirkungsbereitschaft, die sogar der umfangreichen Gesetzes- und Verordnungstätigkeit der Nationalsozialisten vorauseilte. So wurden unmittelbar nach der Machtübernahme Juden als Lehrlinge nicht in die Lehrlingsstammrollen der Handwerkskammern aufgenommen und zu Gesellen- und Meisterprüfungen nicht zugelassen. Aberwitzige Angst um einen vermeintlich von Juden bedrohten Mittelstand, Konkurrenzneid und Rassenhass fügten sich in vernichtender Gewalt zusammen. Mit großem Eifer beteiligte sich das Handwerk auch in Bayern an mächtig inszenierten Selbstdarstellungen im Sinne des Nationalsozialismus wie der Reichshandwerkerwoche vom 14. bis 22. Oktober 1933 [...].(1)

Wenig verwunderlich fand diese »Selbstdarstellung« auch in Traunstein statt, allerdings nicht vom 15. bis zum 22. Oktober, sondern in der Woche danach. Für die Verschiebung gab es zwei Gründe. Zum einen war für den 22., den Abschlusstag und Höhepunkt dieser Veranstaltung, bereits lange zuvor der jährliche Herbstmarkt angesetzt worden; zum anderen war auch der als Festredner vorgesehene »Schirmherr des Bayerischen Handwerks«, Innenminister und Gauleiter Adolf Wagner (1890 bis 1944), terminlich verhindert. (Der alte NS-Kämpfer und brutale Antisemit sollte letztendlich auch am 29. Oktober keine Zeit für Traunsteins Handwerker finden.)

Im Vorfeld lief die Propagandamaschine der neuen Machthaber auf Hochtouren, zunächst reichsweit und anschließend regional. Die Pressearbeit der Nazis ließ wenig Zweifel daran, was man sich von der Bevölkerung im Allgemeinen und »alle[n] Gewerbevereine[n], Innungen und sonstigen gewerblichen Korporationen« im Besonderen erwartete. Die Zeit, um Teilnahme und Engagement zu bitten, war vorbei. Ein neuer Ton hatte in die Verlautbarungen Einzug gehalten:

»Ebenso aber, wie das Handwerk in seiner Handwerkerwoche sich in geschlossener Einmütigkeit zeigt, kann von der Gesamtheit erwartet werden, daß sie den Kampf des Handwerks um seine Existenz unterstützt und durch Auftragserteilung – auch durch kleinste – dafür sorgt, daß der Wille des Führers wahr werde, die von Arbeitsnot bedrückten und bedrängten Volksgenossen möglichst bald wieder in Arbeit und Brot zu bringen.«(2) – »Von der Bevölkerung Traunsteins und der ganzen Umgebung muß erwartet werden, daß sie engsten Anteil an diesem Abend nimmt durch möglichst starken Besuch, durch Beflaggung, Festschmuck und durch Abnahme von Festzeichen.«(3) – »Alle Handwerker und Gewerbetreibenden [...] in Stadt und Bezirk Traunstein werden daher aufgefordert, an der Werbung ihres Berufsstandes mitzuwirken. Auch die Schaufenster bedürfen während dieser Woche einer besonderen Prägung. [...] Außer großen, schönen Werbeplakaten, welche an sichtbarer Stelle angebracht werden sollen, werden besondere Werbeabzeichen (Anstecknadeln) zur Verteilung gebracht, die von Seiten der NS-Hago [= Handwerks-, Handels- und Gewerbeorganisation] an den ganzen Bezirk geliefert werden und selbe jeder Handwerksmeister und jedes Familienmitglied zu tragen hat. Darüber hinaus muß jede Handwerkerfamilie im Bekannten- und Kundenkreis für den Kauf des Abzeichens werben. Der Teilnahme am Festzug darf sich kein Meister, Geselle oder Lehrling entziehen. Darum: Deine Hand dem Handwerk.«(4)

»Deine Hand dem Handwerk« – immer wieder stößt man auf diese Aufforderung, wenn man in den damaligen Zeitungen blättert. Auch der Text des »großen, schönen Werbeplakats «, unseres heutigen Anschlags, ist auf diesen Leitsatz beschränkt, den die grafische Gestaltung ebenso eindeutig wie geschickt unterstreicht. Zwei Männerhände kurz vor dem Gruß, rechts (vom Betrachter) die kräftige, offene Handfläche des Handwerkers, gerade in das Bild geführt, links leicht von oben herab der Handrücken des Bürgers, unterschieden nur durch die Andeutung der Ärmel von Hemd und Sakko. Der Meister und sein Kunde besiegeln ihre Zusammenarbeit offen und ehrlich: So sah das Handwerk seine Rolle in der Gesellschaft, und so wollten die braunen Machthaber die Schaffenskraft der Hände verankert wissen. Nicht umsonst ist der »deutsche Handschlag« ein gerne genommenes, immer wiederkehrendes Symbol in der Bildsprache der nationalsozialistischen Propaganda.(5)

Als ausführende Künstler signierten diese Darstellung Walter Riemer (Lebensdaten unbekannt), ein in den 1920er Jahren viel beschäftigter Gebrauchsgrafiker, der Reklame, Plakate, Marken, Banknoten und Verpackungen entwarf und von dem auch ein Hindenburg-Plakat zur Reichspräsidentenwahl 1932 nachgewiesen ist,(6) und Johannes Boehland (1903 bis 1964), ein deutscher Maler und Grafiker, der unter anderem den Entwurf der Olympia-Glocke von 1936 schuf.(7)

Der Bericht über den festlichen Abschluss der Traunsteiner Handwerkerwoche am 29. Oktober gibt dem Leser einen tiefen Einblick in die frühe Phase des 3. Reichs, in der die Nazis die ihnen offerierte Macht tatsächlich »ergriffen«. Wo immer es aus ihrer Sicht machbar und notwendig war, zerschlugen sie mit allen ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln die gesellschaftlichen und politischen Strukturen und ordneten sie nach ihren Vorstellungen neu. Führerprinzip und Gleichschaltung waren, wie eingangs erwähnt, das Gebot der Stunde, dem man sich kaum entziehen konnte, wollte man nicht den lebensbedrohenden Weg in den Widerstand beschreiten.

»Traunstein hatte gestern mit dem geplanten Festzug kein Glück. Schneegestöber wie zur tiefsten Winterzeit setzte ein und all die Flaggen und Fähnchen, die vielen schönen Girlanden an den Häuserfronten mußten fast den ganzen Tag über einen Schneeschauer über sich ergehen lassen. So wurde auch der Festzug abgesagt. Trotz alledem kann dem Handwerk Traunsteins das Zeugnis ausgestellt werden, daß es bemüht war, in würdigem Rahmen gleich anderen Städten sein Fest zu begehen. Mit unendlicher Mühe und feinem Handwerksmeister- Geschmack waren die Auslagen geschmückt. Selbst an den ärmlichsten Häusern in der Au waren Hitlerbilder angebracht und mit liebevollem Fleiß das bescheidenste Führerbild von Blumenkränzen und Tannengrün umziert worden. Die ganze Woche über arbeiteten die Meister, Gesellen und Lehrlinge an der Ausgestaltung der Festwägen [...]. Aber das Wetter... Das war die erste Enttäuschung. Die zweite Enttäuschung war ebenso bitter; zu der Festfeier in der Turnhalle konnte Herr Staatsminister Wagner nicht erscheinen, obwohl der Chiemgau sich auf den hohen Besuch sehr gefreut hatte und die Turnhalle einen guten Besuch und reichen Schmuck aufwies.

Das Programm der Kundgebung war gut zusammengestellt und wurde mit Hitlers Lieblingsmarsch, dem Badonviller Marsch, eröffnet. [...]. Malermeister [Ernst] Rappel hielt die Begrüßungsansprache, in der er die Herren Vizepräsident [der Handwerkskammer München] Roß [Roos], 1. Bürgermeister Dr. [Georg] Vonficht, 2. Bürgermeister [Albert] Aichner und die vielen Meister und Gesellen willkommen hieß. Die heutige Kundgebung – so war der Sinn seiner Rede – gebe einen herrlichen Beweis von der Geschlossenheit der Traunsteiner Handwerker.

Das Festspiel 'Dem Handwerk zur Ehr!' [...] war einerseits durch seinen tiefen Sinn, die chiemgauheimatliche Ausstattung und das vorzügliche Spiel aller Mitwirkenden Mittelpunkt des Festaktes. [... Es] führte uns auf den Stadtplatz Traunstein zu einer Meisterehrung, zu einer Einigungsfeier zwischen Arbeiter und Bauer, Meister und Geselle. Die alten Trachten und das Kleid der Arbeit unserer Zeit, verschmolzen mit dem Braunhemd der Hüter der deutschen, neuen Zeit, gaben das überwältigende Bild deutscher Einigkeit und deutscher Treue zum Führer Adolf Hitler. [...]

Mit großem Interesse sah man der Rede des Vizepräsidenten Roß entgegen, der im Wesentlichen ausführte, daß Adolf Hitler alles daran setzt, Deutschland Freiheit, Arbeit und Brot zu geben. In selbstloser Hingabe an das Volk arbeitet und hämmert Hitler an der Wiederaufrichtung des deutschen Hauses. Alles kann nicht auf einmal gemacht werden. Es sei hier nur an die ganz großen Leistungen der letzten Monate erinnert, vor allem an die Senkung der Arbeitslosenziffer, an die Niederringung des Bolschewismus, Rettung der Religion, an das Aufblühen der Kultur usw. Welche Regie rung hätte es zustande gebracht, das ganze Volk für die Sache des Handwerks zu gewinnen? Der Redner erinnerte an die großen Kundgebungen in München, Berlin, Hannover usw., die bewiesen hätten, daß das Handwerk zum neuen Staat und zum Führer Adolf Hitler halte. Wenn das Handwerk einmal etwas erfaßt hat, dann bleibt es dabei. Nun kam der Redner auf den Sinn des 12. November zu sprechen. Er forderte auf, am 12. November die deutsche Pflicht zu erfüllen. Langanhaltender Beifall bekundete diesen Willen des Traunsteiner Handwerks. [...]«(8)

Hitler, Hitler und noch einmal Hitler. Unbedingte Treue zum Führer, die man schon bald beweisen konnte, nein, musste. Für den 12. November hatten die Nazis Reichstagswahlen angesetzt, bei denen nur noch sie selbst über eine Einheitsliste zur Wahl standen. Gleichzeitig sollte das Volk den Austritt Deutschlands aus dem Völkerbund billigen. In diese Kerbe schlug auch Kreisleiter Anton Endrös in seiner abschließenden Rede: »Wir Nationalsozialisten wußten, [...] daß für den Führer außenpolitisch die Stunde kommen muß, und jetzt ist diese Stunde gekommen. Landesverrat wäre es, betonte Dr. Endrös unter stürmischer Zustimmung, wenn einer am 12. November seine Pflicht als Deutscher nicht erfüllen würde. In einiger Geschlossenheit müssen wir hinter unserem Führer Adolf Hitler stehen.« Die neuen Machthaber erwarteten eine überwältigende Bestätigung ihrer Macht, und sie sollten sie erhalten. Wir werden uns im übernächsten Beitrag näher mit diesem Ereignis befassen.

Das Handwerk hatte seinen Dienst getan. Die Nationalsozialisten hatten es in ihrem Sinn und für ihre Zwecke instrumentalisiert – und es hatte sich im eigenen Interesse nur allzu gerne instrumentalisieren lassen, in Traunstein nicht anders wie im gesamten Reich. Das zeigen auch die Bilder des Festzuges, der am 30. Oktober doch noch durchgeführt werden konnte. »[...] der Himmel hatte seine Schönwetterfahnen ausgehängt und die späte Herbstsonne warf ihre Lichter auf die Straßen, die von einer festlich gestimmten Menschenmenge eingesäumt waren. Die Maxstraße war in eine bunte Farbenglut von Fahnen und Wimpeln getaucht. Der Stadtplatz zeigte ein äußerst feierliches Bild, ebenso wetteiferten auch die übrigen Straßen in der Ausschmückung des Straßenbildes. Kein Haus ohne schwarz-weiß-rot und Hakenkreuz.«(9) Gleiches galt für die Festwägen und Gruppen zu Fuß; auch hier war das Hakenkreuz allgegenwärtig. Nach nur einem halben Jahr hatte die Diktatur das Zeichen ihrer grauenvollen, menschenverachtenden Herrschaft in sämtlichen Bereichen des öffentlichen Lebens verankert.


Franz Haselbeck


Anmerkungen:
(1) Rainer S. Elkar, Handwerkskammern (bis 1945), publiziert am 29. 6. 2015; in: Historisches Lexikon Bayerns, URI: <http://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Handwerkskammern (bis 1945)> (25. 7. 2016); gekürzt wiedergegeben.
(2) Traunsteiner Wochenblatt Nr. 236 vom 13. 10. 1933, Seite 1 (»Reichshandwerks-Woche«).
(3) Chiemgau-Bote Nr. 249 vom 27. Oktober 1933, Seite 1.
(4) Traunsteiner Wochenblatt Nr. 236 vom 13. 10. 1933, Seite 4.
(5) Vgl. zum Beispiel das Plakat »Hinein in die Deutsche Arbeitsfront«, thematisiert in Nr. 11 vom 12. 3. 2016.
(6) Deutsches Historisches Museum (DHM), Kunst - Kommerz - Visionen (Ausstellungskatalog), URI: <http://www.dhm.de/archiv/ausstellungen/kunst-kommerz-visionen/werkverzeichnis1.-htm#riemer> (26. 7. 2016).
(7) Wikipedia, Johannes Boehland, URI: <https://de.wikipedia.org/wiki/Johannes_-Boehland> (26. 7. 2016).
(8) Traunsteiner Wochenblatt Nr. 250 vom 30. 10. 1933, Seite 4 (»Ehret das Handwerk!«).
(9) Traunsteiner Wochenblatt Nr. 251 vom 31. 10. 1933, Seite 4 (»Der große Festzug der Handwerker«).

 

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