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Jahrgang 2016 Nummer 42

Wöchentlicher Anschlag

Wohltätigkeitskonzert des Amerikanischen Symphonie-Orchesters der VII. Armee

»Seventh Army Symphony«, Wohltätigkeitskonzert im Katholischen Vereinshaus), 1953 (Plakat Nr. 613); grau mit weißem Rand, weiße und rote Schrift, in der Mitte Zeichnung (Pferdekopf, rechts Burg, zu der ein Weg aus Noten führt); 41 x 57 cm, entnommen aus Akt A 312/2.
Der Dirigent James A. Dixon (1928 - 2007). (Foto im Stadtarchiv Traunstein, A 312/2).
Das Symphonieorchester der 7. US-Armee, 1953. (Foto im Stadtarchiv Traunstein, A 312/2).

Es ist ein grafisch überaus interessant gestaltetes Plakat, das wir hier betrachten. Ein stilisierter Pferdekopf, dahinter ein (Noten-)Blatt, von dem ein geschwungener, mit Musikzeichen gesäumter Weg hinauf zu einer Burg führt. Der Kopf erinnert stark an eine »Schnecke«(1) – so bezeichnet man den Abschluss am Hals der Streichinstrumente –, die Mähne an deren Wirbel zum Stimmen der Saiten; eine nahe liegende Assoziation, gilt doch gerade die Violine als Stütze eines jeden Orchesters. Ganz allgemein kann man ein Pferd, denkt man an seine edlen Gangarten, sicher mit Rhythmus und Takt in Verbindung bringen, während die Burg das geradezu klassische Symbol der Wehrhaftigkeit ist. In der Tat warben die »special services« (zu Deutsch: Sonderdienstleistungen), die Unterhaltungsabteilung des amerikanischen Militärs, mit diesem Anschlag für eine »wehrhafte Musiktruppe«; das Symphonieorchester der 7. US-Armee, das am 10. Oktober 1953, einem Samstag, im Saal des katholischen Vereinshauses gastierte. Es war ein famoser Auftritt, der nur leider kaum jemanden interessierte.

Das war das ernüchternde Resümee eines spürbar enttäuschten Berichterstatters. Man darf seinen Worten Glauben schenken. Professor Hans Depser, geboren am 5. April 1890 in München, war ein bedeutender Tenor. Nach dem Musik- und Gesangsstudium in seiner Vaterstadt ging er 1921 an die dortige Staatsoper. Schon bald übertrug man ihm große Partien, etwa den Fenton im »Falstaff« von Verdi oder den Lenski im »Eugen Onegin«. Später wirkte er in Basel, Bremen, Brünn, Graz, Hamburg, Salzburg, Wien und Zürich. 1952 setzte er sich in Traunstein »zur Ruhe, wo er als Gesangslehrer unvergessen ist. Bis in die letzten Jahre erfreute er vor allem in der Heimatpresse die Leser mit seinen ebenso humor- wie geistvollen Gedichten« – und mit fundierten Kritiken musikalischer Veranstaltungen. Hans Depser, »ehemaliger Kammersänger und Professor der Staatsakademie Wien«, verstarb hier am 10. September 1974. »Ein kunsterfülltes Dasein ging [damit] zu Ende«.(2) Nachfolgend sei sein Artikel in voller Länge wiedergegeben.(3)

»Das Orchester konzertiert kostenlos. Der Reinerlös dieser Veranstaltung fließt caritativen Verbänden zu.« So stand es klar und deutlich in der Voranzeige dieses Konzertes am vergangenen Samstag. Ganz abgesehen davon, daß es für Traunstein wohl einmalig bleiben wird, ein derart großes und erlesenes Symphonieorchester in seinen Mauern hören zu können, wäre es Anstandspflicht gewesen, den Gästen, die ein Land repräsentieren, dem wir heute, man könnte sagen, unser Leben verdanken, wenigstens nach außen hin Interesse entgegenzubringen. Wir sind überzeugt, wären Boogie-Woogie oder Ähnliches Inhalt des Programms gewesen, der Saal hätte die Besucher wohl kaum gefaßt.

Als das Konzert begann und wir uns durch einen Blick über die vielen leeren Stuhlreihen von dem mangelhaften Besuch überzeugt hatten, schämten wir uns den Gästen gegenüber aufrichtig und es waren auch unsere Gedanken, die Herr Oberbürgermeister [Josef] Kößl später in seiner Ansprache zum Ausdruck brachte. 'Es ist höchst bedauerlich, daß wir den hochherzigen Künstlern kein volles Haus als Dank für Mühe und Opferwillen bieten konnten.' Wir sind sicher, daß es manchem unserer Leser leid tun wird, nicht Zeuge des überwältigenden Erfolges dieses prachtvollen Orchesters und seines jungen, eleganten und schneidigen Dirigenten gewesen zu sein; denn es war eine Sensation, die uns hier geboten wurde.

Vorweg sei gleich betont, daß es endlich einmal homogene Jugend war, die das Podium füllte. James A. Dixon am Pult erinnerte stark an Hans Knappertsbusch in seinen jungen Jahren in Haltung, Sparsamkeit der Geste und Energie, mit der er Steigerungen in überdimensionaler Wucht herausholte. [Hans Knappertsbusch (1888 - 1965), Leiter der Bayerischen Staatsoper 1922 bis 1935, Wagner-Dirigent von internationalem Format, debütierte 1929 bei den Salzburger Festspielen und dirigierte ab 1937 bis zu seinem Tod viele Male die Wiener Philharmoniker; 1951 wurde er zur Wiedereröffnung der Bayreuther Festspiele engagiert und trat dort bis 1964 auf; Anm. d. Verf.]. An die Uniform dachte man weder bei ihm noch bei seinen Mitgliedern, die sämtliche im Zivilberuf Musiker sind und eigens zur Zusammenstellung dieses Symphonie-Orchesters von berufenen prominenten Persönlichkeiten einzeln ausgesucht worden waren. Man konnte also ein Orchester von Solisten betrachten; demgemäß war auch seine Leistung.

Sofort ins Auge fallend waren die unwahrscheinliche Strich-Disziplin der Geiger und Bratschen (wie man sie bei den Wiener Philharmonikern nicht vorbildlicher sehen kann) und die Präzision des Einsatzes. Auffallend die Güte der Instrumente, die im piano so recht ihre Qualität erwiesen. Er hat sie aber auch am 'Bandl', seine Leute, dieser schlanke, energische Junge mit seinen klar abgezirkelten, zwingenden Gesten. Er führt keinen Stab, und wenn sich seine Hände zur Faust ballen, dann stürzt es wie eine Lawine in den Saal, fortissimi, die sich an den Satzschlüssen zur Apotheose [Verherrlichung] erheben.

Das Programm hatte sich James A. Dixon raffiniert ausgesucht. Lauter Werke voller Gegensätze, interessanter Instrumentierung und steigerungsfähiger Entwicklung, die fast regelmäßig in heroischen Fanfarenstößen und aufwühlenden Klangmonstren schlossen. Dabei dirigierte er auswendig und betreute liebevoll jede einzelne Gruppe seines Orchesters. Es war ein Genuß, diesem Gestalter moderner Dynamik zuzusehen; schade, daß dabei sein Gesichtsausdruck nicht wahrgenommen werden konnte.

Als Erstes hörte man: Ouvertüre und Allegro von [Francois] Couperin und [Darius] Milhaud, ganz im Geiste Bachs, mit fugierten Themen voll sattem Streichermelos [Melos = Melodie], dann eine Suite aus dem Ballett 'The Incredible Flutist' von Walter Piston. Dunkle Broadway-Nachtstimmung, Harlekinade, groteske Tanzrhythmen, wechselnd mit schwelgerischen Lyrismen – ein Werk voll mitreißender Stimmungseffekte. Der zweite Satz für Orchester von Samuel Barber, eine symphonische Dichtung polyphoner Prägung als Nächstes; interessant der Pizzikatosatz, ein Meisterstück der Streicher in seiner wirkungsvollen Differenziertheit. Der sinnliche Glanz in der Instrumentalisierung ließ Erinnerungen an Richard Strauß wach werden; auch hier Schlußapotheose von atemberaubender Wucht. Damit schloß der moderne Teil des Programms. Es folgte nun aus Bizets Carmen 'Habanera' und 'Sequedilla', gesungen von Sarah Hoff, einer charmanten Repräsentantin des echten Altfaches. Starker Applaus lohnte ihre Darbietung.

Nach der Pause kam Tschaikowskis Symphonie Nr. 5, mit deren Wiedergabe die Gäste ihren Leistungen die Krone aufsetzten. Diese echt russische Komposition ergreift in der tiefen Trauer, macht Erschauern bei den punktierten Schicksalsepochen, peitscht auf in den Reiterattacken und reißt mit im Triumphmarsch des letzten Satzes. Wie ein Orkan brauste der Beifall der Wenigen auf, von denen jeder für drei applaudierte, und entschädigte Dirigenten und Orchester durch ehrliche Begeisterung für den mangelnden Besuch. Eine Paraphrase [ausschmückende Version] des ungarischen Defiliermarsches mußte als Dreingabe gegeben werden. Traunsteins Bevölkerung hat sich selbst um ein einmaliges Erlebnis gebracht.«

Man muss Professor Depser zustimmen, wenn man einen näheren Blick auf das Ensemble wirft. Die »7th Army Symphony« bestand von 1952 bis 1962 und trat nicht nur in zahlreichen Städten Deutschlands auf, sondern tourte auch durch andere europäische Länder, etwa Italien, Frankreich, Griechenland, Holland und Luxemburg. Das erste öffentliche Konzert fand am 5. Juli 1952 in Göppingen statt. Am 11. März 1962 gab die »Symphony« in Köln ihre Abschlussvorstellung. Wenig später, mit Wirkung vom 31. März, wurde sie aufgelöst.(4) »Die Zusammensetzung des Orchesters erfolgte nach außerordentlich kritischen Prüfungen der einzelnen Kandidaten.« Die offizielle Pressemitteilung sprach von einem »eye-catching assortment« – einer aufsehenerregenden Zusammenstellung.(5)

Gleiches galt für die Dirigenten, ausnahmslos erstklassig ausgebildete Profis, die am Anfang einer großen Karriere standen, als sie zur Armee einberufen wurden. Corporal James A. Dixon, geboren am 26. April 1928 in Esterville, Iowa, war der zweite in ihrer Reihe, »einer der vielversprechendsten und talentiertesten, jungen amerikanischen Dirigenten, der vor vielen amerikanischen Musikkritikern bestanden hat«.(6) An der Universität Iowa hatte er 1952 seine Prüfung abgelegt. Er war der erste Student, dem man die Leitung des dortigen Symphonieorchesters anvertraute (the first student ever to be rendered the honors). Sein Lehrmeister und Freund, der berühmte griechische Dirigent, Pianist und Komponist Dimitri Mitropoulos, mit dem er 1950 eine Konzertreise nach Italien unternommen hatte, begleitete ihn bei seinen Auftritten als Klaviersolist. Mitropoulos (1896 - 1960) war unter anderem von 1951 bis 1957 Musikdirektor der New Yorker Philharmoniker, wo er von Leonard Bernstein abgelöst wurde.

Dixon dirigierte die Seventh Army Symphony von August 1953 bis Juni 1954. Anschließend kehrte er an die University of Iowa zurück, wo er den Großteil seines beruflichen Lebens verbrachte. 1960 avancierte er dort zum Direktor sämtlicher Orchester. 1997 zog er sich, mit zahlreichen Preisen und Auszeichnungen geehrt, als weithin anerkannter und geschätzter Musikprofessor in den Ruhestand zurück. In seiner Zeit führte er mehr als 30 Studenten (coducting students) in die hohe Kunst des Dirigierens ein und stand selbst bei etwa 40 Welt-Uraufführungen auf der Bühne. James Dixon starb am 3. April 2007 in Iowa City.

Das Symphonie-Orchester der VII. Armee »verbreitete mit der Sprache der Musik eine Botschaft des Friedens und der Freundschaft in einem großen Teil der Welt« (brought a message of peace and of friendship through the language of music to a large part of the world)(7). Worte des am 4. März 1928 in Mannheim geborenen Samuel Adler, Mitbegründer und erster Dirigent dieser beeindruckenden Formation. Auch Traunstein hatte 1953 das Privileg, zu diesem großen Teil der Welt zu gehören. Dass nur wenige dieses wunderbare Konzert besuchten, war damals und ist aus heutiger Sicht immer noch schade. Der Bedeutung dieses Ereignisses aber tut das mangelnde Interesse keinen Abbruch. Dass uns ein hochrangiges, von edlem Geist beseeltes Orchester seine Aufwartung machte, ist und bleibt ein interessantes, wenn auch kaum bekanntes Detail der städtischen Nachkriegsgeschichte.


Franz Haselbeck


Anmerkungen:
(1) In der fernöstlichen Musik gibt es ein reales Vorbild für diese Darstellung. Die Matouqin (»Pferdekopfgeige«), ein Streichinstrument, das als Symbol des mongolischen Volkes gilt, wird am oberen Ende von einem geschnitzten Pferdekopf abgerundet. Ihr einzigartiger Klang wurde in die Liste des Immateriellen Weltkulturerbes der UNESCO aufgenommen. Vgl. Wu Promotion; http://www.chinamusic.eu/de/chinesische-musik/das-chinesische-orchester/bowed-strings/ (10.07.2016).
(2) Vgl. Bayerisches Musiker-Lexikon Online (BMLO); http://bmlo.de/d0667 (10.07.2016) und OPERISSIMO; http://hosting.operissimo.com/triboni/exec?method=com.operissimo.artist.web-Display&id=ffcyoieagxaaaaabbbns&xsl=webDisplay&searchStr= (10.07.2016). Dazu Traunsteiner Wochenblatt v. 12.9.1974 (Nachruf u. Todesanzeige) sowie Melde- und Personenstandsunterlagen im Stadtarchiv Traunstein.
(3) »Amerikanische Symphoniker spielten in Traunstein«, in: Traunsteiner Wochenblatt v. 13.10.1953, S. 5.
(4) 7th Army Symphony: Chronology; http://7aso.org/htmldocs/ascronsp.html
(10.07.2016). Siehe auch: John Caranina, Uncle Sam’s Orchestra: Memories of the Seventh Army Symphony, Rochester 1998 (Print on Demand).
(5) Stadtarchiv Traunstein, Unterlagen über das Wohltätigkeitskonzert 1953, in: A 312/2, Konzertveranstaltungen 1949-1968.
(6) 7th Army Symphony: Biographies; http://7aso.org/htmldocs/asbiospd.html#dd (11.07.2016). Nachruf siehe QCOnline.com: Obituaries (Dixon); http://globegazette.com/news/local/obituaries/published-saturday-april/article_2f3fc027-5f1d-57fb-9f6c-d61d2859b8a4.html (11.07.2016).
(7) 7th Army Symphony; http://7aso.org/index.html (11.07.2016).

 

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