weather-image
-2°
Jahrgang 2016 Nummer 41

Wöchentlicher Anschlag

Die tollkühnen Männer in ihren fliegenden Kisten

»Großer Flugtag in Traunstein«, 1932 (Plakat Nr. 5705); grün mit schwarzer Schrift, Druck: A. Miller & Sohn, Traunstein; 24,5 x 17 cm (Flugblatt-Format), leicht beschädigt.
Seinen ersten Segelflug am 2. Oktober 1932 kommentierte Brandweiner mit einem Gedicht: »Lernest Du an der Maschine – Wie sie Dir zum Fliegen diene – Sei es eine alte Tante – Die schon Tutanchamon kannte – Oder eine neue fixe – Kleine Blechkonservenbüchse – Nimm sie ruhig aus dem Stall – Bruch machst Du in jedem Fall.«
Der Flugtag am 9. Oktober 1932 wurde an der Wasserburger Straße am »Flugplatz Haid«, dem späteren Kasernengelände und heutigen Gewerbepark, abgehalten. Im Hintergrund das Prinz-Ludwig-Heim, das 1972 dem Schulzentrum weichen musste.
Heinrich Brandweiner mit der Staffel der Südwestdeutschen Sportflieger-Vereinigung. Neben der unbekannten Dame (von links) die Kunstflieger Heinrich Moog und Albert Diedrichs (mit Kamera), Chefpilot Ludwig Maier und Flugzeugführer Georg Heueck.
Bürgermeister Georg Vonficht (im Vordergrund 2. v. links) im Gespräch mit Chefpiloten Ludwig Maier (rechts). Nach ihm wurde die Südwestdeutsche Sportflieger-Vereinigung auch gerne als »Flugzirkus Maier« bezeichnet.
Fallschirmspringer Georg Resch bei seiner gefeierten Rückkehr, gefahren von Heinrich Brandweiner.

Richt’ge Männer wie wir und der richtige Wind, – Das macht Spaß Dilljabapp in der Luft Dilljamdaum. – Richt’ge Männer wie wir und ein reizendes Kind, – Das macht Spaß Dilljabapp in der Luft Dilljamdaum. – Komm und steig bei mir ein, – nichts ist so schön, wie ein Flieger zu sein. – Nur wer wagt der gewinnt, – Richt’ge Männer wie wir so im richtigen Wind.

Soweit die – in der deutschen Version vom Botho-Lucas-Chor gesungene – Titelmelodie zum Film »Die tollkühnen Männer in ihren fliegenden Kisten« (Original: Those Magnificent Men in Their Flying Machines or How I Flew from London to Paris in 25 Hours 11 Minutes); ein Ohrwurm, den viele ältere, Pardon, reifere Leser immer noch problemlos anstimmen könnten. Die wunderbare Komödie des britischen Regisseurs Ken Annakin ist für Filmliebhaber ein Muss. Der Herausgeber einer englischen Zeitung will im Jahr 1910 den Beweis für die englische Überlegenheit auch in der Luft durch einen Wettflug nach Frankreich erbringen. 10 000 Dollar winken demjenigen, der als erster den Ärmelkanal überquert. Das lukrative Angebot lockt Piloten aus der ganzen Welt nach London. Doch nur wenige der abenteuerlichen Drahtgestelle heben überhaupt vom Boden ab. Statt auf dem Siegerpodest landet die Mehrheit in Heuschobern, Misthaufen und Sickergruben. So scheidet auch der fliegende Kavallerist Oberst von Holstein (Gert Fröbe) frühzeitig aus. Seine Dialoge mit Hauptmann Rumpelstoß (Karl-Michael Vogler), der eigentlich, obwohl zuvor noch nie geflogen, als Pilot ausersehen ist, von Durchfall geplagt jedoch seinem Vorgesetzten das Steuer überlassen muss, genießen unter Cineasten Kultstatus. Oberst von Holstein: »Es gibt nichts, was ein preußischer Offizier nicht kann!« Hauptmann Rumpelstoß: »Wie soll ich denn fliegen lernen?« – Darauf der Oberst: »Ganz einfach: Lesen Sie die Dienstvorschrift, und dann fliegen Sie!« Oberst von Holstein: (in der Bedienungsanleitung lesend): »Nummer 1: Hinsetzen!«

Und in Traunstein? Gab es auch hier tollkühne Männer, die den Traum vom Fliegen nicht nur hegten, sondern verwirklichen wollten? Ja, die gab es tatsächlich. Auf ihre Spur führt uns die Sonderausgabe zum 100-jährigen Jubiläum des Traunsteiner Wochenblatts vom 1. Juli 1955. Liest man den Bericht, drängt sich der Eindruck förmlich auf, dass es bei ihnen ebenfalls ziemlich »filmreif« zugegangen ist. Unter der Rubrik »Traunsteins große Sporttradition – Ernstes und Heiteres« schrieb Hans Ficker, einer der Beteiligten: »Es war in der sogenannten Faßhalle hinter dem Höllbräukeller, wo der erste Doppeldecker und später der erste Eindecker gebaut wurden. Damals witzelte man, daß Sepp Binder einen Zudecker erfunden hat, weil er den Flieger immer zudecken mußte, damit ihn sein Vater [der Höllbräu Josef Binder; Anm. d. Verf.] nicht sah. Deshalb wurde auch später die Flughalle nach Seiboldsdorf verlegt. Kurz vor Ostern 1911 sollte der erste Start erfolgen. Max Binder glaubte schon, sich den Georgiritt von oben ansehen zu können. Aber außer einigen kleinen Hopsern bot der Eindecker nichts. Er war jedenfalls nicht in die Höhe zu bringen.«

Das war sehr wahrscheinlich gut so, ansonsten wäre für Traunsteins jugendliche Helden aus Spaß womöglich blutiger Ernst geworden. Die Pioniere der damaligen Zeit legten ihr Augenmerk generell bevorzugt auf den Start und nicht so sehr auf eine unfallfreie Landung. Das seinen Dienst verweigernde Fluggerät hat einen Hoffnungsträger der bürgerlichen Gesellschaft vor einer großen Dummheit mit unabsehbaren Folgen bewahrt. So gesehen ist die Tatsache, dass die Höllbräu-Söhne und ihre Freunde nicht nur einige spöttische Bemerkungen ob ihres gescheiterten, »hochfliegenden« Projekts zu ertragen, sondern auch finanziell einiges in den Sand gesetzt hatten, weitaus weniger schmerzlich. Und ein gereifter Josef Binder hielt sich später zumindest als Segelflieger am Hochberg für den seinerzeitigen Fehlstart schadlos.

Kommen wir jetzt zu dem Traunsteiner, dem es gelang, spektakuläre Flugtage nach Traunstein zu holen. Zu den tollkühnen Männern der ersten Stunde kann man ihn zwar nicht mehr rechnen; dafür ist er zu spät geboren, vielleicht zu seinem Glück, denn so blieben ihm die oft unkalkulierbaren Risiken der Anfangsjahre erspart. Flugzeuge und Piloten hatten sich rasant weiterentwickelt. Dennoch war ihr Auftauchen in der Provinz nach wie vor keinesfalls alltäglich, sondern eine viel beachtete Attraktion. Die Rede ist von Heinrich Brandweiner, geboren am 8. September 1905 als Sohn des Kaufmanns Heinrich Brandweiner und seiner Ehefrau Frieda. Zwei Jahre zuvor, am 1. August 1903, hatte sein Vater von Caspar Kerscher das »Colonial-Material-Farbwaren-, Tabak- und Cigarrengeschäft en gros & en detail« in der Ludwigstraße erworben. Der Status als Kaufmannssohn schien es dem jungen Heinrich zu ermöglichen, sich weniger seinem beruflichen Werdegang, dafür umso mehr den schönen, interessanten Seiten des Lebens zuzuwenden. Für ihn waren dies das Bergsteigen, der Motorsport und das Fliegen.

Das jedenfalls geht aus mehreren Fotoalben hervor, die seine inzwischen im hessischen Bischofsheim beheimatete Tochter Hannelore Stempfle dem Stadtarchiv freundlicherweise zur Auswertung überlassen hat. Ihren allzu früh am 10. September 1953 verstorbenen Vater, er war gerade einmal 48 Jahre alt, der sich in seinen letzten Lebensjahren nach dem II. Weltkrieg auch als Präsident der Faschingsgesellschaft »Trunarria« ein gesellschaftliches Denkmal setzte, charakterisiert sie liebevoll als »Hansdampf in allen Gassen«. Wohl wahr, möchte man sagen, wenn man seinen fotografischen Nachlass genauer in Augenschein nimmt. Er gibt uns die Möglichkeit, Brandweiners Leidenschaft für den Flugsport näher zu beleuchten.

Demnach unternahm Heinrich Brandweiner 1932 ausgedehnte Reisen zu zahlreichen Flugveranstaltungen in Deutschland, Österreich und den Niederlanden. Zugleich erlernte er sowohl das Segel- wie auch das Motorfliegen. »In der Miene Trotz und Stolz – Die Hände am Propellerholz«; so unterschrieb er ein unmittelbar nach dem Erwerb der Fluglizenz von ihm aufgenommenes Porträt. Sein Vorbild, ja sein Idol war dabei ohne Zweifel Ernst Udet. Ihm eiferte er nach oder versuchte es zumindest. Und betrachtet man die Aufnahmen von ihm genauer, dann gab er sich auch ähnlich lässig. »Gemordet von Adolf Hitler« vermerkte er in einem seiner Alben auf einem Porträt des über die Maßen populären Flugakrobaten. Eine mutige Aussage, die den Hintergrund von Udets tragischem Tod schonungslos offen legt, Brandweiner aber, wäre sie ans Licht der Öffentlichkeit gelangt, in größte Schwierigkeiten gebracht hätte. Salopp gesagt: Sie hätte ihm wohl den Kopf gekostet!

Udet war es auch, dessen Auftritt beim Stadtjubiläum 1926 die Begeisterung für Flugshows in weiten Teilen der Traunsteiner Bevölkerung entfacht hatte.(1) In kurzer Folge fanden nur am 9. und 30. Oktober sowie am 6. November 1932 drei weitere Flugtage statt. Der erste war auch der größte. Werfen wir daher einen längeren Blick in das Traunsteiner Wochenblatt vom 10. Oktober 1932 und lassen dazu die Bilder auf uns wirken:

»Tausende von Menschen strömten zum 'Flugplatz Haid' hinaus. Im Gespräch mit den Piloten, die ja von oben die riesige Menge überblicken konnten, konnte man die Schätzungen der Flieger über die Besucher erfahren. Nach ihrer Ansicht dürften es 7 - 8000 Menschen gewesen sein, eine Zuschauerzahl, wie sie Traunstein wohl selten erlebt hatte. Der gestrige Flugtag war daher ein voller Erfolg. Und die Piloten – so sagten sie – waren von dieser Tatsache auch begeistert. Den Veranstaltern (Südwestdeutsche Sportflieger-Vereinigung Gießen und die Segelfliegervereinigung Traunstein) ist die Genugtuung zu vergönnen, daß der Flugsport im Volke das Interesse findet, das sie ja durch solche Veranstaltungen zu erwecken suchen. Wir Traunsteiner erinnern uns zurück an das Volksfest, wo Udet ebenfalls vor Tausenden von Menschen seine Kunst zeigen konnte. Dies alles ist ein Beweis, daß Traunstein auch für diese Sportart das größte Interesse hat.

Eröffnet wurde das Programm durch eine kurze Begrüßungsrede des Chefpiloten Ludwig Maier und dann durch die Eröffnungsparade. Allseitige Bewunderung erregte die rote Flugmaschine […] der berühmten Kunstfliegerin Thea Rasche. Einen imposanten Eindruck rief der Luftschleppzug – Motorflugzeug mit Segelflugzeug – hervor. Die Maschine kam aus Bad Reichenhall und über dem Flugplatz löste sich das Segelflugzeug, das in eleganten Kurven 10 Minuten über der Zuschauermenge kreiste. Majestätisch waren die Kreise in der Luft. Grandios war die Landung. Neben den hervorragenden Leistungen der Flieger Ludwig Maier und Albert Dietrich ist besonders die von Heinrich Moog viel bejubelt und bewundert worden. Die Rückenflug-Vorführungen, Loopings, Rollings, Turns, Figuren in Rückenlage usw. erregten allseits Erstaunen und Beifall. Wir können auf unsere deutschen Flieger wirklich stolz sein. Der Geschicklichkeits-Wettbewerb (Ballonjagd) war leider schon durch das trübe, etwas regnerische und böige Wetter beeinflusst worden. Die Höhen-Musik (Musiker Klauser, Traunstein) stand ebenfalls unter dieser miesen Wetterstimmung. Bei den böigen Winden war, wie die Piloten erklärten, ein längeres Abstellen des Motors nicht möglich, sodaß wir von der Musik nur stückweise Laute hören konnten.

Die Sensation des Flugtages bildete der Fallschirmabsprung des Fallschirmpiloten Resch (Würzburg), Inhaber des früheren Höhenrekords aus 5200 Metern. Mit etwas zweifelnder Miene, ob bei diesen Böen ein Fallschirm-Absprung möglich ist, machte sich Resch zum Flug bereit. Wo’s mi hintreibt, dös tat mi jetzt schon interessieren, rief er den von ihm Abschied nehmenden noch zu. Und dann stieg das Flugzeug auf und wand sich hoch. Unter atemloser Spannung beobachtete man, wie Resch aus dem Flugzeug stieg und dann – ein Aufatmen ging durch die Masse – entfaltete sich der Fallschirm. Mit schnellem Flug trieb ihn der Wind nach Nord-Osten. Chefpilot Maier verfolgte den Hinabschwebenden, der auf einer Wiese neben der Traun glatt landete. Mit stürmischem Beifall wurde der Zurückgekehrte gefeiert. Allen, die an diesem Flugtag teilnehmen konnten, ist diese Veranstaltung ein Beweis dafür, daß Deutschlands Flugkunst auf der Höhe ist und daß der Flugsport die Unterstützung aller Bevölkerungskreise verdient. Denn: Fliegen tut Not!«

In der Tat, Fliegen tut Not, wer möchte dies in unserer modernen Gesellschaft anzweifeln? Damit soll es jetzt aber sein Bewenden haben, obwohl es noch viel über die Anfänge des Fliegens in Traunstein zu erzählen gäbe. Wen dies interessiert und wer das 2012 erschienene Buch »Über Traunstein« noch nicht kennt, dem legt es sein Verfasser gerne ans Herz. Man kann es lesen, und man kann es auch immer noch kaufen und mit ihm nicht nur die Entwicklung der Luftfahrt, sondern vor allem auch die Entwicklung Traunstein »von oben« innerhalb von einhundert Jahren nachvollziehen.(2) Tollkühne Männer wird man darin noch einige finden.


Franz Haselbeck


Anmerkungen:
(1) Siehe Beitrag in Nr. 37 dieser Serie v. 10.9.2016.
(2) Franz Haselbeck, Über Traunstein. Luftaufnahmen aus den Jahren 1913 bis 2012, Traunstein 2012. Diesem Buch ist der vorliegende Beitrag (leicht überarbeitet) entnommen.

 

41/2016