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Jahrgang 2016 Nummer 40

Wöchentlicher Anschlag

Der Luitpold- oder Truna-Brunnen am Stadtplatz

»Extra-Züge zum Feste am 15. August«, 1894 (Plakat Nr. 738); beige mit schwarzer Schrift, Druck: A. Miller & Sohn, Traunstein; 33 mal 42 cm.
»Seine Königliche Hoheit Prinz-Regent Luitpold von Bayern«, 1894 (Plakat Nr. 739); blau mit schwarzer Schrift, Druck: A. Miller und Sohn, Traunstein; 43 mal 63 cm, beschädigt (stark eingerissen).
Das Prinzregenten-Denkmal am Bahnhof. (Stadtarchiv Traunstein, PK 36)
Die Enthüllung des Truna-Brunnens am 15. August 1894. (Stadtarchiv Traunstein, Nachlass Jilg)
Der Truna-Brunnen um 1900. (Stadtarchiv Traunstein, PK 764)

Die große Verehrung, die Luitpold, »Seine Königliche Hoheit der Prinzregent«, von seinen Untertanen erfuhr, hat sich bis heute in vielen Köpfen festgesetzt. Als Waidmann und Bergsteiger, in lederner Kniehose, rauer Joppe und abgegriffenem Jägerhut, naturverbunden, unpolitisch und volksnah, schien er förmlich die Inkarnation (ober-)bayerischer Lebensart zu sein, die nach wie vor, ja vielleicht mehr denn je, fröhliche Urständ' feiert. Werbung und Tourismus und die Lederhosen des FC Bayern lassen grüßen.

Doch ist bei allzu großem Lob für Regierende und Mächtige stets Vorsicht geboten. Schon damals wurde der »jagernde«, stets leutselige Regent zum Lieblings- und Leitbild der monarchistischen Propaganda stilisiert; ein Bild, das den Blick auf die tatsächlich vorhandenen Missstände der »guten alten Zeit« trübt. Ohne Zweifel bleibt Luitpolds Persönlichkeit als »Mann des Volkes« untrennbar mit den langen Friedensjahren vor dem Ersten Weltkrieg verbunden. Dennoch, es war beileibe nicht alles »in Ordnung damals«, als die Gendarmerie für Ruhe und das Königliche Amtsgericht für Gerechtigkeit sorgte, obwohl Georg Lohmeier uns das immer wieder glauben machen wollte.

In Traunstein jedenfalls trug man die Ehrerbietung für den Prinzregenten nicht nur im Herzen, man zelebrierte sie auch immer wieder öffentlich, vor allem an den runden Geburtstagen Luitpolds, der am 12. März 1821 in Würzburg das Licht der Welt erblickt hatte. 1891, 1901 und 1911 gab es mehr oder weniger pompöse Feierlichkeiten, bei denen der ganze Ort, Jung und Alt, Männer und Frauen, Honoratioren und einfache Bürger auf den Beinen waren.(1) Und auch im Weichbild der Stadt traf man Bayerns Regenten an mehreren Stellen an. Am 13. Mai 1872 hatte der Veteranen- und Kriegerverein eine Luitpoldeiche gepflanzt, die noch heute im Stadtpark steht. Eugen Rosner, einer der reichsten Bürger der Stadt, hatte am 10. Juli 1900 »in patriotischer Gesinnung« eine Luitpold- Plastik in seinem Park am Kernschloss aufgestellt. Anlass war die Vermählung des Enkels des Prinzregenten, Kronprinz Rupprecht, mit Prinzessin Gabriele von Bayern. »Auf einem monumentalen Steinaufsatz aus carrarischem Marmor befindet sich die Büste […] in Hubertusrittertracht mit der Inschrift Luitpold, Prinzregent von Bayern, aus Bronce, am Steinaufsatz selbst das Reliefporträt der Königlichen Hoheiten Prinz und Prinzessin Rupprecht mit dem Datum der Vermählungsfeier […]. Das Denkmal hat eine Höhe von vier Metern […].« Da es schon wenig später Rosners Ambitionen als Bauherr im Weg stand(2), übereignete er es 1904 der Stadt als unentgeltliche Schenkung mit der einzigen Maßgabe, es an einem geeigneten Ort zu präsentieren. Die Stadtväter wählten dazu den Vorplatz des Bahnhofs. Der Münchner Bildhauer Professor Franz Bernauer, der schon die Arbeiten für Rosner »kunstvoll ausgeführt« hatte, erhielt den Auftrag, die Anlage zu gestalten. Er schuf eine erhöhte, mit zwei Stufen versehene und von zwei Löwen flankierte Terrasse, aus deren Mitte sich der Sockel mit der Halbfigur Luitpolds erhob. Am 12. März 1905, seinen 81. Geburtstag, wurde das neu gestaltete »Prinzregent-Luitpold- Denkmal« der Öffentlichkeit übergeben.(3)

Das größte Projekt »in Sachen Prinzregent« aber hatte man schon zwei Jahrzehnte zuvor verwirklichen können. Es zeigt, dass die Verehrung nicht nur von oben gesteuert, sondern auch von unten (in diesem Fall der hiesigen Kommunalpolitik) durchaus geschickt ausgenutzt wurde. »Der lokale Anlass war die Fertigstellung des Traunsteiner Hochdruck-Wasserleitungsnetzes, von dem man sich erhoffte, der Gefahr von Epidemien aufgrund von Wasserverschmutzungen endgültig Herr zu werden.«(4) Jahrelang schon hatte sich die Stadtgemeinde Traunstein »in eingehend motivierten Gesuchen um gnädigste Zuwendung eines Betrages aus dem vom bayerischen Landtag für Pflege und Förderung der Kunst bewilligten Mitteln« bemüht – und war stets gescheitert.(5) 1891 versuchte man es erneut. Ein »zu errichtende[r] Brunnen am Stadtplatz [sollte] nicht als Nutz- und Schöpfbrunnen Verwendung finden, [… sondern] den Schlußstein einer neuen großen Wasserversorgungsanlage […] bilden.« Soweit ist daran nichts Besonderes, ein Projekt städtischer Infrastruktur, wie so viele andere auch. Doch nun folgte die Pointe, die sich Bürgermeister Joseph Ritter von Seuffert, ein gewitzter und äußerst umtriebiger Franke, und seine Räte ausgedacht hatten: Der Brunnen sollte »nach dem Wunsche der Bürgerschaft, weil unter der Regierungszeit Seiner Königlichen Hoheit des Prinzregenten Luitpold geschaffen, mit Allerhöchster Genehmigung Luitpold-Brunnen genannt werden […], weshalb es gleichfalls wünschenswerth wäre, daß bei der künstlerischen Ausführung bzw. bei dem Entwurfe eines Plans darauf Rücksicht genommen würde, daß entweder die Beziehung auf die Regierungszeit Seiner Königlichen Hoheit überhaupt oder auf den Allerhöchsten 70. Geburtstag durch Inschriften oder Medaillon oder Statuette in irgendwelcher Form zum Ausdruck gebracht wird.«

Der Prinzregent als »Feigenblatt«, Verzeihung, das Bestreben einer ganzen Stadt, den Vielgeliebten zu ehren: Diesen genialen Schachzug vermochten weder die Staatsbehörden noch ihr oberster Dienstherr zu parieren. »Seine Königliche Hoheit […] habe allergnädigst zu genehmigen geruht, daß aus den budgetmäßigen Mitteln […] ein Zuschuß von 16 500 Mark […] gewährt werde.« So lautete die Entscheidung vom 10. April 1891; ihre »nachstehende[n] nähere[n] Modalitäten und Bedingungen« wurden nur allzu gerne erfüllt. An erster Stelle standen hier die Gesamtkosten, die 24 000 Mark nicht überschreiten durften, wovon 8000 Mark die Stadt aufzubringen hatte. »Zur Ausführung ist eine Concurrenz unter den in Bayern lebenden Künstlern zu eröffnen.« Der erste Preisträger sollte den Auftrag bekommen, der Zweitplatzierte konnte sich immerhin noch mit einer Prämie von 500 Mark trösten. Neben der Würdigung Luitpolds sollte das Kunstwerk »nach dem Wunsche des Stadtmagistrats eine Beziehung auf die Geschichte des Chiemgaues, dessen Mittelpunkt Traunstein bildet, oder auf die Bergund Seegegend zur Darstellung bringen«.(6)

Den Wettbewerb um die künstlerische Gestaltung gewannen der in München lebende Bildhauer Jakob Stolz (1867-1932) und der Architekt Emanuel Seidl (1856-1919). Die zu Recht als »Monumentalbrunnen« bezeichnete Anlage war von imposanter Höhe; vom Sockel bis zum Kopf der Brunnenfigur wurden fast sieben Meter gemessen. Der Brunnen hatte ausschließlich repräsentativen Charakter. Dem männlichen Lindl war mit der Truna ein weibliches Pendant gegenübergestellt. Das Wasser floss in verspielten Formen in drei, nach unten hin immer größer werdende, terrassenförmig angeordnete Becken. Seine Führung bot dem Betrachter die unterschiedlichsten optischen und akustischen Wahrnehmungen und spiegelte die in der Natur vorkommende Vielfalt des kühlen Nass wider: Im unteren Bassin eine nahezu glatt und still daliegende Oberfläche, die sich im Wind sanft kräuselte; aus dem zweiten Trog floss, ähnlich einem Gebirgsbach, ein kräftiger Strahl auf einen Felsaufbau aus Nagelfluh, wo er sich als Rinnsal seinen Weg durch das poröse Gestein suchte. Die in der oberen Schale bis zu einer Höhe von einem Meter steigenden Fontänen ergossen sich in elliptischen Bögen in das zweite Becken. Je nach Sonneneinstrahlung boten sie das faszinierende Schauspiel der Regenbogenfarben.

Auch aus größerer Entfernung betrachtet, muss der Brunnen ein imposantes Bauwerk gewesen sein. Jeden von Sankt Oswald her kommenden begrüßte die aus Erz gestaltete, schlanke Figur als Allegorie der Stadt mit einer Körperhaltung, die ihn willkommen hieß. Ihr rechter Arm und eine die offenen Handflächen darbietende Geste verwiesen stolz auf die sie umgebenden Häuserfronten des Stadtplatzes. Ihr zierlicher Kopf war geschmückt mit einem bronzenen Krönlein, »bestehend in runden Stadtmauern mit vier Türmen nach jeder Himmelsrichtung«. Zwei der insgesamt vier kreisförmig der Truna zugeordneten Putti trugen Salzfass und Getreidegaben, Verweise auf den Salz- und Getreidehandel, der Jahrhunderte hindurch das Leben auf dem Schrannenplatz beherrscht hatte. Die anderen beiden zeigten die Embleme des Prinzregenten und des Chiemgaus, »und zwar so, daß an der – der Pfarrkirche zugekehrten – Vorderseite des Brunnens die linksseitige Figur das Relief seiner Königlichen Hoheit des Prinzregenten auf goldenem Grunde trägt, während die rechtsseitige Kindergestalt die Huldigung darbringt«. An der Vorderseite des Postaments war ein »L« mit Krone im Lorbeerkranze angebracht.(7)

Mit Glanz und Gloria wurde der Brunnen am 15. August 1894 eingeweiht. Ein vorgeschalteter »Herrenabend « im Gasthof Hutterer, das unvermeidliche Festschießen und ein Festzug bildeten das Rahmenprogramm. Der Festtag wurde durch Salutschüsse und einen musikalischen Weckruf [»Tagreveille«] eingeleitet. »Um sieben Uhr kamen bereits die ersten Züge, die von Festteilnehmern überfüllt waren; in der Stadt entstand ein derartiges Gewoge und Gedränge, daß es oft längere Zeit unmöglich war, vorwärts zu kommen. Immer wieder kamen neue Vereine mit Fahnen und eigenen Musikkorps angerückt […].« Bürgermeister Seuffert, der schlaue Initiator dieser baulichen Stadtverschönerung, beendete seine Festrede mit folgenden Worten.

»Die Hülle des Denkmals ist gefallen, und unser nächster Festakt sei eine Huldigung für den Allergnädigsten und Allbeliebten Regenten unseres Bayerlandes, dessen Namen der Brunnen trägt. Begeistert werdet Ihr, Männer der Stadt Traunstein und des Chiemgaues, diese Ovation darbringen. Vereinigen Sie Alle, hohe Festgäste, Behörden und Gemeindevertretungen, Erwachsene und Schüler, Fremde und Einwohner der Stadt und des Chiemgaues, sich zu dem von Herzen kommenden Rufe: Seine Königliche Hoheit, Prinzregent Luitpold, des Königreichs Bayern Verweser, der Allerhöchste Gönner unseres schönen Chiemgaues, lebe hoch!«(8) Umgehend übermittelte der Geehrte in einem Telegramm »der treuen Stadt Traunstein wie dem gesamten Chiemgau [seinen] wärmsten Dank«.

Doch damit nicht genug. Luitpold wollte sich scheinbar nicht mit den Informationen aus zweiter Hand begnügen, die ihm sein Hofstaat und die Ministerien hatten zukommen lassen. Er wollte persönlich in Augenschein nehmen, ob die Gelder, zu deren Auszahlung er seinen Segen gegeben hatte, auch gut angelegt waren, und ließ verlautbaren, »in den ersten Tagen des Oktober auf der Reise nach Berchtesgaden in Traunstein an[zu]halten […] und den Luitpoldbrunnen [zu] besichtigen«.(9) Welche Ehre! Jetzt galt es, noch einmal sämtliche organisatorischen Register zu ziehen und alle Hebel in Bewegung zu setzen, um dem hohen Gast am 1. Oktober 1894 einen ihm angemessenen, unvergesslichen Empfang zu bereiten. Es gelang, »trotz denkbar ungünstigster Witterung«.

Um 10 Uhr 40 Minuten fuhr der Extrazug in den prächtig geschmückten Bahnhof ein. Was folgte, war eine, einem minutiösen Programmablauf folgende, knapp zweistündige Huldigung, die der Prinzregent – zivil in »Paletot [ein leicht taillierter, zweireihiger Mantel mit Samtkragen] und Cylinderhut gekleidet« – gewohnt jovial entgegennahm. Wer ein Gefühl für das gesellschaftliche Leben dieser Zeit bekommen möchte, der sollte sich die Muße nehmen und den Bericht des Traunsteiner Wochenblatts in den Räumen des Stadtarchivs oder der Redaktion einmal selbst zu lesen. Er kann hier nicht ausführlich zitiert werden.(10) Nur das Wichtigste sei gesagt. »Juhe! Vor Freud’n schlagt mirs’s Herz, – Weilst b’suacht hast unsa Stadt, – De durch Dei Huld an schöna Brunn’ – Mit’n Namen Luitpold hat.« Mit diesem Reim des Heimatdichters Georg Entmoser (beileibe nicht die einzigen Verse, die er über sich ergehen lassen musste) wurde der Regent vor »seinem Brunnen« begrüßt, »ließ sich daselbst die ausführenden Künstler […] vorstellen und – lobte ihn als sehr schön und kunstvoll gearbeitet und ansehnlich«. Geschafft! Nun konnte man sich beruhigt zurücklehnen und feststellen: »Der 1. Oktober 1894 ist ein Ehrentag für die Stadt Traunstein, der stets in Erinnerung erhalten bleiben wird.«

Heute ist diese Erinnerung weitgehend verblasst und höchstens noch einigen wenigen Heimatforschern gegenwärtig. Und auch der Wunsch, der Luitpoldbrunnen möge »Jahrhunderte der Stadt Traunstein zur Zierde und unseren Nachkommen als Erinnerung an den Regenten«(11) dienen, erfüllte sich nicht. Nur knapp 50 Jahre grüßte Frau Truna auf dem Traunsteiner Marktplatz. »Aus Parteikreisen wurde angeregt, die Figuren auf dem Trunabrunnen und dem Prinzregentdenkmal am Bahnhof der Metallspende zu geben. Beide Denkmäler stehen unter Denkmalschutz. Ihrer Entfernung stehen historische und künstlerische Gründe nicht entgegen.«(12) So steht es in einem Schreiben des Nazi-Bürgermeisters Georg Seufert (den mit seinem Vorvorgänger ein fast gleichlautender Name, ansonsten aber rein gar nichts verbindet). Und so geschah es auch. Prinzregent und Truna wurden ohne Gegenwehr dem Wahnsinn des Zweiten Weltkriegs geopfert. Der Sockel des Brunnens diente kurz als Musikpodium bei Parteiveranstaltungen, die steinernen Reste des Luitpolddenkmals am Bahnhof hat der Bombenangriff vom 18. April 1945 zerstört. Überlebt haben lediglich die beiden Löwen. Sie waren zuvor in private Hände veräußert worden. Eine neue, unsägliche Zeit hat die sichtbaren Erinnerungen an die »gute alte Zeit« getilgt. Lediglich eine Gedenktafel aus Marmor hängt nach wie vor im Traunsteiner Rathaus. Beachtet wird sie dort kaum.


Franz Haselbeck


Anmerkungen:
(1) Stadtarchiv Traunstein, A 006/2, 3 u. 4.
(2) Vgl. Nr. 3 dieser Serie v. 16. 1. 2016.
(3) Siehe Franz Haselbeck, Bahnhofplatz Traunstein und der Prinzregent, in: Chiemgau-Blätter Nr. 25 v. 23. 6. 1990.
(4) Judith Bader, Die Brunnen – Zeichen im Platz, in: Der Traunsteiner Stadtplatz, Rosenheim 1999, S. 124-137, bes. S. 132-135.
(5) Stadtarchiv Traunstein, A 324/-4/3: Errichtung des Luitpold- bzw. Truna-Brunnens auf dem Stadtplatz 1891-1894. Diesem umfangreichen Akt sind, falls nicht anders vermerkt, die weiteren Quellenzitate entnommen.
(6) Traunsteiner Wochenblatt Nr. 46. v. 16. 4. 1891, S. 1.
(7) Die letzten beiden Absätze nach Bader, wie Anm. 4 (gekürzt und leicht überarbeitet).
(8) Traunsteiner Wochenblatt Nr. 99 v. 18. 8. 1894, S. 1-2.
(9) Traunsteiner Wochenblatt Nr. 115 v. 25. 9. 1894, S. 1.
(10) Traunsteiner Wochenblatt Nr. 118 v. 2. 10. 1894, S. 1-2.
(11) Traunsteiner Wochenblatt Nr. 46 v. 16. 4. 1891, S. 1.
(12) Stadtarchiv Traunstein, A 084/3: Metallspende für Rüstung 1940.

 

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