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Jahrgang 2016 Nummer 39

Wöchentlicher Anschlag

»Eine schauerliche Blutthat« im Kugelhammer

»Die schöne Ungarin« (Theater im Höllbräu-Keller), 1895 (Plakat Nr. 685); beige mit schwarzer Schrift, Druck: A. Miller u. Sohn, Traunstein; 30,5 x 43,5 cm, leicht beschädigt.
Der Kugelhammer während des Hochwassers im August 1896. Hier war im Jahr zuvor eine »schauerliche Blutthat« begangen worden. (Stadtarchiv Traunstein, Fotosammlung, HF 113,7).

Das heutige Plakat wäre allein wegen der Veranstaltung, die es bewarb, sicher nicht in die Reihe der »Wöchentlichen Anschläge« aufgenommen worden. Denn das Traunsteiner Stadt-Theater, das gegen Ende des 19. Jahrhunderts ein breites Publikum in seinen Bann zog, wurde in dieser Reihe bereits ausführlich thematisiert.(1) Auch eine Wohltätigkeitsveranstaltung wäre, oberflächlich betrachtet, kaum erwähnenswert; denn dass sich die Darsteller sozial engagierten und den Erlös einer »guten Sache« zukommen ließen, kam in den Jahren des »Theaterbooms« immer wieder einmal vor.

Hier aber war der Hintergrund ein ganz besonderer und alles andere als alltäglich; er war ohne jede Übertreibung dramatisch. »Zu obiger Vorstellung, die sicher einen amüsanten Abend verspricht, erlauben wir uns, die sehr geehrte Einwohnerschaft Traunsteins umso mehr einzuladen, als die Einnahme für eine vor Kurzem so schwer betroffene arme Witwe und Mutter bestimmt ist; wir bitten daher, vertrauend auf Ihre so oft bewährte Opferwilligkeit und Nächstenliebe, um gütigen zahlreichen Besuch.« Dieses Ansuchen der »betheiligten Spieler« im Kleingedruckten der öffentlichen Ankündigung wirft Fragen auf. Und der daneben mit Bleistift geschriebene Randvermerk beantwortet sie. Die schöne Ungarin und ihr Ensemble stellten ihr schauspielerisches Können uneigennützig in den Dienst der »Witwe Niggl, der ihr Mann ermordet wurde«!

Die beiden lokalen Zeitungen schilderten, wie damals üblich, das grausame Geschehen ausführlich und in all seinen schrecklichen Einzelheiten. Die »schauerliche Blutthat« hatte sich am Donnerstag, dem 5. September 1895, im Kugelhammer an der Unteren Hammerstraße ereignet, ein Jahr bevor dort, in der ehemaligen Walkmühle und späteren Hammerschmiede, das zweite städtische Elektrizitätswerk (heute Unterwerk I) in Betrieb genommen wurde.

»Der verheirathete, 28-jährige Drechsler und Jagdaufseher [in der Gemeindejagd Surberg] Jakob Niggl hatte bei Begehung des Jagdreviers in verflossener Woche den Hund des Metzgermeisters S. angetroffen und selben erschossen. Hierauf wurde der Stiefsohn des Letzteren, der Metzger Jakob P. […], sonst ein ruhiger Mensch, so erbittert, daß er, als er am Unglückstage in die Werkstätte des Niggl am Kugelhammer kam, um den Beißkorb des Hundes zu holen, seinem Schulkameraden Niggl ohne jeden Wortwechsel mit dem Messer den ganzen Hals bis zur Wirbelsäule durchschnitt. Der Bedauernswerthe, Vater von zwei Kindern, war nach wenigen Augenblicken todt. Ob unmenschliche Rohheit oder geistige Störung dem Thäter das Messer in die Hand drückte, wird die Gerichtsverhandlung klar legen. Bei der Scheußlichkeit der That möchte man schon fast eher zu letzterer Annahme geneigt sein und sind die sehr ehrenwerthen Familienangehörigen desselben gewiß nur zu bedauern, [… die] sich in keineswegs günstigen Lebensverhältnissen befinden.

Der ruhigen, braven und fleißigen Frau, welcher des Glückes Sonne wohl in ihrem Leben noch nicht geschienen hat und an welche nun eine so schwere Prüfung herantrat, helfend und unterstützend an die Seite zu treten, wäre hier von Herzen zu wünschen und gewiß an keine Unwürdige verschwendet. Gott sei Dank gibt es ja noch Leute, welche hiezu in der Lage sind und denen ein mitfühlendes Herz in der Brust schlägt, und diesen seien die von dem grausamen Schicksalsschlage Betroffenen auf das Wärmste empfohlen.«(2)

»Tragen wir dazu bei, daß der fürchterliche Seelenschmerz der Bedauernswürdigen nicht noch durch materielle Sorgen gesteigert wird. Die Redaktion dieses Blattes ist gerne bereit, Geschenke mit großem Dank entgegenzunehmen und hierüber öffentlich Ausweis zu geben.«(3) Allem Anschein nach wurde dieser Aufforderung umgehend Folge geleistet. Dies geht aus der »Danksagung« der tieftrauernden Magdalena Niggl im Namen ihrer zwei unmündigen Kinder und der übrigen Verwandten hervor: »Allen unseren Freunden und Bekannten, welche anläßlich unseres furchtbaren Unglücks […] ihr Beileid durch die zahlreiche Betheiligung bei der Beerdigung und die reiche Blumenspende kundgaben und unseren bitteren Verlust dadurch zu mildern suchten, sprechen wir unseren innigsten Dank aus. Besonders danken wir den hier weilenden Kurgästen des Bades Traunstein, der Familie Dr. Wolf(4) und dem Hauspersonal, welche mir eine ansehnliche Summe übergaben, sowie allen übrigen Wohlthätern für die hochherzige, edle Unterstützung […].«(5)

Spenden von privater Seite waren demnach in durchaus nennenswertem Umfang geflossen.(6) Da wollte sich auch die »von früherer Zeit hier noch im guten Andenken stehende alte Dilettanten-Theatergesellschaft nicht nachstehen. »Dilettant« ist hier nicht im Sinne von »Nichtskönner« zu verstehen; Amateure oder besser noch Liebhaber waren es, keine professionellen Schauspieler, die hier ihre Leidenschaft in den Dienst der Barmherzigkeit stellten. Ihre »Schöne Ungarin, [eine] Gesangsposse in vier Aufzügen«, war schon vor Jahren hier mit großem Beifall aufgenommen« worden.(7) »Am vergangenen Samstag, Sonntag und Montag« (21. bis 23. September) brachten sie das Stück erneut zur Aufführung und »erfreuten sich von Hoch und Nieder eines äußerst zahlreichen Besuches. […] Die sämtlichen Darsteller, Damen und Herren, wetteiferten im Spiele, und so war es kein Wunder, daß über das Gebotene nur eine Stimme des Lobes herrschte. […] Die schönste Auszeichnung aber, das Bewußtsein, eine edle That begangen zu haben, dürften sämtliche Spieler ganz sicher in der Brust tragen.(8) Etwa 300 Mark, überschlägig geschätzt, sollten zusammengekommen sein; zu einer Zeit, als ein Liter Milch 20 Pfennige, die Maß Bier oder ein Kilo Roggenbrot etwa 25 Pfennige und das Pfund Schweinefleisch 1,50 Mark kosteten, eine ansehnliche Summe. Die ärgsten Existenzsorgen waren Magdalena Niggl und ihren beiden Halbwaisen damit vorläufig genommen.

Jakob P. wurde Ende Dezember am Schwurgericht des Landgerichts Traunstein der Prozess gemacht.(9) Die Anklage lautete auf Mord. Als Sachverständiger war unter anderem der Münchner Irrenarzt und Psychiatrieprofessor Hubert von Grashey geladen. Wie sein Schwiegervater Bernhard von Gudden gehörte er zu den Gutachtern, die am 8. Juni 1886 den umstrittenen Befund über die nicht mehr vorhandene Regierungsfähigkeit Ludwigs II. erstattet hatten. Auch im Fall des Jakob P. schien zunächst einiges auf eine »geistige Störung« oder »eine Folge des Wahnsinns« hinzudeuten, wie schon die Lokalpresse gemutmaßt hatte. Der nicht vorbestrafte, 29-jährige P., den sein Stiefvater erzogen hatte, war als Schüler mittelmäßig bis schlecht. »Im Allgemeinen ist er ein ruhiger Mensch, aber leicht zum Jähzorn gereizt, sonst mehr tiefsinnig; er gehörte nicht zu den lustigen Burschen und betheiligte sich nie an Tanz und Spiel.« Der Vater hatte sich 1866, wenige Wochen vor seiner Geburt, erhängt. »Ursache: Geistesstörung in Folge chronischer Gehirnhaut- Entzündung.« Eine Tante hatte sich 1891 im Schliersee ertränkt, »ebenfalls in Geistesstörung«. Trotz dieser familiären Vorbelastungen stellte Grashey »nach sehr eingehendem Vortrag« fest, P. habe »die Tat im zurechnungsfähigen Zustand« begangen. Verminderte oder gar fehlende Schuldfähigkeit schieden damit aus.

Der Angeklagte schilderte nun das entsetzliche Geschehen aus seiner Sicht: In der Rannerschen Wirthschaft [Gasthaus zum Löwen; Ludwigstraße 5], wo er mit seinen Eltern wohnte, habe er an dem Tage noch etwas gearbeitet und ein Glas Bier getrunken und wieder über den Hund nachgedacht, sei verdrießlich geworden und habe geweint. »Ich wollte dann zu dem Ökonomen Knittler wegen einem Kalb und ging fort. Ich hatte vergessen, das Transchiermesser, welches mein [Stief-]Vater kurz vorher gekauft hatte und welches frisch geschliffen wurde, wegzuthun und hatte es bei mir. Ich ging über den Klosterberg nach der Hammerstraße und kam an die Werkstätte des Niggl; als ich ihn sah, verlangte ich den Beißkorb des Hundes, er sagte mir aber, er hätte ihn nicht und machte mir Vorwürfe, daß mein Vater ihn wegen des erschossenen Hundes angezeigt habe, worauf ich sagte, dies sei schon recht.

Niggl ging dann in die Werkstätte, um wegen des Beißkorbs nachzusehen, und ich mit hinein. Da kamen wir in Streit, Niggl stieß mich auf die Brust und packte mich am Halse, wobei er mich in eine Ecke drückte. Ich konnte mir nicht mehr helfen und zog mein Messer. Wie es kam, daß ich ihm den Hals abgeschnitten habe, weiß ich nicht; Niggl wollte nach einem scharf geschliffenen Beil greifen und ich konnte mir nicht mehr anders helfen. Niggl ist dann heraus und zusammengefallen, und ich bin über den Eisenbahndamm gelaufen, an einem Berg gefallen und habe das Messer verloren. Bei der Wirthin Wimmer bin ich eingekehrt, habe ihr gesagt, daß ich den Niggl erstochen habe und verhaftet werde und habe ihr mein Geld gegeben, damit sie es meiner Mutter gibt. Dann bin ich heim, habe es meiner Mutter erzählt und mich auf einen Stuhl gesetzt, dann wurde ich verhaftet.«

Unschwer kann man erkennen: P. heischte Mitleid, er flüchtete sich in Zufälle und Erinnerungslücken. Vor allem aber versuchte er, Notwehr geltend zu machen. Doch seine Aussage widersprach in vielen Punkten den Angaben, die er unmittelbar nach der Tat zu Protokoll gegeben hatte. Auch wurde sie von den beiden Tatzeugen nicht bestätigt. Der Nagelschmiedmeister Körber hatte aus der Werkstatt nur einige Worte gehört, »sonst gar kein Geräusch, und schon nach wenigen Sekunden sei Niggl herausgestürzt [und] habe mit der linken Hand den Hals gehalten«. Die Zimmermannsfrau Oberstaller bestätigte, »wenn in der Werkstätte ein Geraufe stattgefunden hätte, dann hätte man es hören müssen«. Auch hatte P. sein Messer keineswegs verloren, sondern es »auf einer Wiese […] beim Eisenbahndamm tief in den Boden gerammt, augenscheinlich, um das Tatwerkzeug zu entsorgen. Zudem belasteten ihn weitere Zeugen schwer: »Wenn ich wüßte, daß ich nur ein Jahr kriege, würd’ ich den Kerl umbringen und ganz zerreißen.« – »Er hat mir den Hund erschossen, jetzt habe ich ihm die Gurgel abgeschnitten.« – »Mir ist's gleich, ist mein Hund todt, soll der Sauhund auch todt sein, jetzt ist's gleich, ändern kann ich's nimmer.« Bei seiner ersten Einvernahme hatte P. noch behauptet, er »habe es nicht absichtlich gethan und bereue es«. Jetzt aber: kein Bedauern der unfassbaren Tat, kein Wort des Mitleids für den Gleichaltrigen, mit dem er zusammen die Schule besucht hatte, nur blanker Hass. Für Richter und Geschworene musste sich das Bild, das der Angeklagte abgab, immer mehr verdunkeln.

Dr. Josef Leonpacher, Arzt am Krankenhaus, der die Leiche obduziert hatte, bestätigte, dass die Verletzung in jedem Fall tödlich war und jede auch noch so schnelle Hilfe umsonst gewesen wäre. Die Beweislast war erdrückend, und die Aussagen ließen keinen Zweifel offen. Aber war es tatsächlich Mord? Wiederum gab Dr. Grasheys Gutachten den Ausschlag. »In der Erregung, aber ohne Überlegung« war die Tat begangen worden, im Affekt und ohne Vorsatz, so würde es der moderne Jurist wohl formulieren. Jakob P. wurde »des Verbrechens des Todtschlags unter Ausschluß mildernder Umstände schuldig gesprochen und zu zwölf Jahren Zuchthaus und zehn Jahren Ehrenverlust verurtheilt«. Seine »bestialische That [hatte] die ganze Einwohnerschaft in Erregung« versetzt. Es dürfte längere Zeit gedauert haben, bis diese abgeklungen war, zumal der Schuldspruch die breite Masse der bürgerlichen Gesellschaft kaum befriedigt haben dürfte; die hätte sich, davon kann man ausgehen, eine Verurteilung wegen Mordes gewünscht, ohne Wenn und Aber.

Magdalena Niggl hat sich von diesem Schicksalsschlag nie mehr erholt. Drei Kinder hatte die junge Frau, die am 17. Juni 1868 in Moosburg als Tochter des Schäfflermeisters Lorenz Rixner zur Welt gekommen war, innerhalb von nicht einmal zwei Jahren geboren. Das erste, ein Sohn, war kurz nach der Geburt verstorben. Die jüngere der beiden Töchter war gerade einmal vier Monate alt, als ihr der Vater genommen wurde. Eine zweite Ehe, die sie sozial abgesichert hätte, konnte oder wollte die Witwe nicht mehr eingehen. Damit war für sie, nachdem die erste, spontane Hilfsbereitschaft einmal abgeklungen war, als Angehörige der unteren sozialen Schicht ein Leben in Armut unausweichlich. In der Scheibenstraße zog Magdalena ihre Töchter groß. Lange Jahre gewährte ihr dort das Bruderhaus, eine Einrichtung der Armenpflege, Zuflucht. 1925 konnte sie eine städtische Wohnung in der Weckerlestraße beziehen. Doch auch in diesem geordneten Umfeld fand die inzwischen 57-Jährige keinen inneren Frieden mehr. Am 5. Januar 1928 wurde sie in die Psychiatrische Klinik nach München eingewiesen. Magdalena Niggl verstarb am 9. Mai 1937 in der Oberbayerischen Kreis-Heil- und Pflegeanstalt Haar.(10)

Wie der weitere Lebensweg des Täters aussah, nachdem er seine Strafe abgesessen hatte, geht aus den lokalen Quellen nicht hervor. Auch über seine Familie finden sich keine weiteren Angaben. Es ist anzunehmen, dass sie Traunstein nach dem Prozess den Rücken gekehrt hat. Ein Verbleib war den Angehörigen zur damaligen Zeit kaum möglich. Zeitlebens hätte jeder in ihnen nur noch die Eltern, den Bruder, die Schwester eines Mörders gesehen.


Franz Haselbeck

 

Anmerkungen:
(1) Vgl. Nr. 12. v. 19. März 2016.
(2) Traunsteiner Wochenblatt Nr. 108 v. 7.9.1895, S. 2.
(3) Traunsteiner Nachrichten Nr. 108 v. 9.9.1895. In diesem Bericht korrigierte das Blatt in Teilen die erste Meldung in Nr. 107 v. 6.9.1895.
(4) Dr. med. Georg Wolf (1851-1916), praktischer Arzt, hatte 1885 das Kurhaus am Klosterberg erworben. Nach seinem Tod am 3. Mai 1916 wurde es 1917 an die Niederbronner Schwestern verkauft.
(5) Traunsteiner Wochenblatt Nr. 109 v. 10.9.1895, S. 4. Die Todesanzeige war in den Traunsteiner Nachrichten, Nr. 107 v. 6.9.1895, S. 4, veröffentlicht worden.
(6) Auch die von der Redaktion der Traunsteiner Nachrichten initiierte Sammlung brachte kleinere Beträge, wie verschiedene Dankannoncen der Zeitung belegen, etwa in Nr. 111 v. 16.9.1895 (zehn Mark) oder Nr. 112 v. 18.9.1895 (33 Mark).
(7) Traunsteiner Wochenblatt Nr. 112 v. 17.9.1895, S. 2. Das Stück war am 18. März 1893 im Rahmen des »Saison-Theaters« im Höllbräukeller aufgeführt worden; vgl. Plakat Nr. 660.
(8) Traunsteiner Wochenblatt Nr. 116 v. 26.9.1895, S. 2.
(9) Ausführlich geschildert im Traunsteiner Wochenblatt Nr. 154 v. 24.12.1895, S. 2, und in den Traunsteiner Nachrichten Nr. 153 u. 154 v. 23.12.1895, S. 6.
(10) Stadtarchiv Traunstein, Familienbogen.

 

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