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Jahrgang 2016 Nummer 38

Wöchentlicher Anschlag

Choleraepidemie in Traunstein

In der Schaumburgergasse brach im August 1854 die Cholera aus, Postkarte um 1900.
»Bekanntmachung [zur Abwendung der] epidemischen Brechruhr (Cholera)«, 1854 (Plakat Nr. 1654); hellelfenbein mit schwarzer Schrift, Druck: M. Zugschwert, Reichenhall; 42 mal 32 cm, Rand schief beschnitten, ansonsten sehr guter Erhaltungszustand.
Anweisung zur Desinfektion der Abortanlagen. (Original Stadtarchiv Traunstein, A VI 3/9)
Der Albertistock wurde im November 1854 von der ansteckenden Infektionskrankheit heimgesucht. (Fotografie, um 1890)

Die Katastrophe des Jahres 1851 war gerade einmal drei Jahre her, da traf Traunstein erneut ein schwerer Schicksalsschlag. Die in Teilen Süddeutschlands, vor allem in München, grassierende Cholera suchte auch die Mauern unserer brandzerstörten Stadt heim. 71 Menschen fielen ihr im August und September 1854 zum Opfer.(1) Im Gegensatz zum Drama von 1851, das gemeinhin als das einschneidenste Ereignis der Stadtgeschichte gilt, ist das Auftreten dieser Epidemie eine bislang kaum beachtete, historische Randnotiz. Zu Unrecht, denn man sollte eines bedenken: Das Feuer, so infernalisch es auch war, forderte keine Opfer unter den Bewohnern und Hilfskräften; lediglich materielle und kulturelle Schäden waren in großem Ausmaß zu beklagen. Der tödliche Brechdurchfall aber tötete binnen kürzester Zeit drei Prozent der Einwohnerschaft. Zur Einordnung: 117 starben bei der Pest 1635/36, etwa acht Prozent der damaligen Bürger und Inwohner(2); der strategische Bombenangriff der Alliierten auf den Bahnhof vom 18. April 1945 brachte 100 Zivilisten, weniger als einem Prozent der bei Kriegsende hier Wohnenden, den Tod.

Das Jahr 1854 verdient somit durchaus Beachtung, zumindest mehr, als ihm die Heimatkunde bislang geschenkt hat. Doch seit einigen Jahren ist auch diese bedauerliche Lücke der Stadtgeschichtsschreibung geschlossen. Dies ist der Journalistin und Heimatforscherin Susanne Mittermaier aus der Nachbarstadt Traunreut zu verdanken, deren Engagement sich nicht nur an ihren zahlreichen, thematisch breit gefächerten Aufsätzen, sondern auch am Amt der Schriftführerin des »Historischen Vereins für den Chiemgau zu Traunstein« ablesen lässt. Mittermaier hat sich mit dem Münchner Professor Max von Pettenkofer (1818-1901) näher befasst, dem Vater der modernen Hygieneforschung. Und in dessen Werk »Untersuchungen und Beobachtungen über die Verbreitung der Cholera nebst Betrachtungen über Maßregeln, derselben Einhalt zu thun« (München, 1855) hat ausgerechnet Traunstein als Beispiel für die Bekämpfung der Epidemie von 1854 Eingang gefunden. Lassen wir in den folgenden Absätzen die verdienstvolle Autorin selbst ausführlich zu Wort kommen.(3)

Auch in Traunstein soll ein Reisender aus München die Cholera eingeschleppt haben. Wie die »Bayerische Landbötin« berichtet, hätten sich am 27. August anlässlich des Jahrmarkts die »ersten Spuren« gezeigt: »Ein israelitischer Handelsmann, der den Markt bezogen hatte, fiel in Folge des Genusses von kalten Knoblauchwürsten als erstes Opfer. Seitdem hat die Seuche schon mehr als 30 Personen hinweggerafft«, ist in der Zeitung zu lesen. Umgekehrt wird die Seuche aber auch aus Traunstein »hinausgeschleppt«, wie der folgende Fall im »Hauptbericht über die Cholera-Epidemie von 1854 im Königreiche Bayern« von Aloys Martin zeigt:

»Die Ersterkrankte in Rosenheim besuchte einige Tage vorher im Leichenhause zu Traunstein ihren dort an Cholera verstorbenen Bruder und nahm sich angeblich von der Leiche eine Haarlocke, so daß es höchst wahrscheinlich ist, daß sie von dorther die Krankheit überkommen haben könnte, obwohl hierzu auch ihre leichtfertige Lebensweise, vorausgegangene Diätfehler, Herumziehen bei Nacht und Nebel mit leichter Kleidung […] Veranlassung gegeben haben könnten, nachdem sie erst am 5. Tage nach ihrer Heimkehr von Traunstein befallen wurde.« Diese wenigen Sätze sind ein Sinnbild für die Hilflosigkeit der Ärzte der damaligen Zeit, die zwar eine Reihe von Vermutungen über das Wesen der Cholera auf Lager haben; mit wissenschaftlich fundierten Fakten kann aber zu dem Zeitpunkt noch kein Mediziner aufwarten.

Besagten jüdischen Kaufmann hält Pettenkofer jedoch nicht für den »Sündenbock«, der die Cholera nach Traunstein eingeschleppt hatte. Der Handlungsreisende sei am 24. August eingetroffen und fünf Tage später hier verstorben. In dieser Zeit seien aber in der Schrödlgasse bzw. Schaumburgerstraße schon mehrere Personen an Cholera erkrankt, bei denen der Händler nicht als Infektionsherd in Frage käme. Pettenkofers Aufmerksamkeit gilt dann auch den ersten Todesfällen in der Schrödlgasse: einem pensionierten Soldaten – »ein Schnapstrinker« – und einem wohlhabenden Metzger. Der Münchner Arzt macht sich vor allem Gedanken über die »streng lokale Begrenzung« der Cholerafälle auf eben diese Gasse. »Die Krankheit griff den Haupttheil der Stadt, welcher seit etwa fünf Jahren, wo er fast gänzlich abgebrannt war, neu aufgebaut ist, durchaus nicht an«, notiert der Professor und versucht, mit Hilfe einer grafischen Darstellung den Weg, den die Seuche in Traunstein genommen hat, nachzuvollziehen. Unterstützt wird er dabei vom hiesigen Landgerichtsarzt Dr. Josef Hell (1795-1865), einem der heutigen Ehrenbürger der Stadt Traunstein.

Pettenkofer ist der festen Überzeugung, dass die Beschaffenheit des Bodens eine, wenn nicht die zentrale Rolle spielt. Er glaubt, genügend Beweise zu haben, dass die Bewohner von Orten bzw. einzelnen Häusern, die auf festem, steinigen Grund errichtet sind, weniger Gefahr laufen, sich mit Cholera zu infizieren als Bewohner, deren Behausungen Geröll und Sand als Untergrund aufweisen. Die Lage der Häuser, in denen in Traunstein die Seuche vorgekommen sei, entspräche genau dieser Einschätzung: Während die Kernstadt auf Fels gebaut und frei von Cholerafällen geblieben sei, beginne in der Schrödlgasse der lockere Untergrund. Und passend dazu sei auch hier die Seuche ausgebrochen! Pettenkofer wird zeitlebens, auch gegen alle Widerstände und neuen Erkenntnisse, an dieser Theorie festhalten, die durchaus etwas für sich hat, nur dass in seiner Argumentation Ursache und Wirkung einfach umgekehrt werden. Nicht der lockere Untergrund ist entscheidend für eine erhöhte Ansteckungsgefahr; vielmehr findet sich hier, im Gegensatz zu felsigem Grund, eine entsprechende Auffangfläche für Fäkalien und Abwässer, deren Verunreinigung mit Cholerabakterien, wie man heute weiß, die Hauptübertragungsquelle für diese gefürchtete Krankheit bilden. Pettenkofer erkennt nicht, dass die Bakterien bereits im krankmachenden Zustand in Fäkalien vorhanden sind und nicht erst eine Reaktion im Erdreich stattfinden muss, damit die Erreger virulent werden.

Soweit Mittermaier; ihre unbedingt lesenswerte Arbeit kann unschwer über die informative Homepage des Traunsteiner Tagblatts aufgerufen werden.(4) Mit ihr gewinnt auch die in diesem Fall äußerst dürftige Überlieferung, die dem Stadtarchiv vorliegt, enorm an Wert. Gerade einmal zwei Blätter sind es, die im Akt »Gesundheitswesen allgemein 1801-1875« zu finden sind.(5)

Das eine ist unser Plakat, datiert auf den 18. September 1854. In dieser »Bekanntmachung zur Abwendung der epidemischen Brechruhr (Cholera)«, die Landrichter Maximilian Spitzer und Bürgermeister Ignaz Sollinger gemeinsam unterzeichnet haben, finden sich lediglich allgemeine Verhaltensmaßregeln, bürokratische Vorgaben und Anordnungen, die das Leben der Bevölkerung erleichtern sollten: »II. Es besteht eine Suppen- Anstalt mit der Einrichtung, daß in den Wirthshäusern des Joseph Haller, Lamplwirths, des Franz Eder, Bothenwirths und des Joseph Plank, Sammetswirths, täglich gute kräftige, mit Reis, Gries, Haberkorn, Gerste oder Sago [granulierter Stärke] eingekochte Fleischsuppe um den Preis von drei Kreuzer per bayerischer Halb-Maß abgeholt werden kann und an die Armen gegen eine beim Magistrat zu entnehmende Marke unentgeltlich verabreicht wird. Diese Suppe erhalten Gesunde um 11 - 12 Uhr mittags und die Kranken zu jeder Stunde. III. Familienväter, welche durch Unwohlseyn ihres Verdienstes beraubt sind, erhalten Unterstützungen von der Armenpflege. IV. In der hiesigen Apotheke wird jede ärztliche Ordination [Verordnung] vorläufig ohne Rücksicht auf Zahlungsleistung ausgeführt. V. In das hiesige Spital wird jeder Erkrankte gegen Entgelt von 36 Kreuzer, die Armen werden unentgeltlich aufgenommen.«

Dagegen nennt die undatierte »Anweisung für die hiesigen Abortanlagen […] zu deren Desinfection« exakt die Vorkehrungen, die Pettenkofer nach seinem persönlichen Eintreffen in Traunstein am 4. November getroffen bzw. angeordnet hat, nachdem die Epidemie in der Stadt eigentlich schon zum Erliegen gekommen war. Dazu noch einmal Susanne Mittermaier.

Plötzlich treten jedoch in der Saline in der Au mehrere neue Fälle auf. Der Seuchenherd wird in einem der Häuser der Salinenarbeiter lokalisiert, dem sogenannten Albertistock, der heute noch rechter Hand an der Einfahrt zum Karl-Theodor-Platz steht. 1854 leben hier dicht gedrängt 94 Personen auf 19 kleine Wohnungen verteilt. Pettenkofer attestiert dem Albertistock »von all den kasernenartigen Unterkünften in der Au die ungünstigste, feuchteste Lage«. Grund für die Feuchtigkeit sei ein Bach, der den Untergrund des Hauses durchströme. Als er von diesen neuen Cholerafällen hört, trifft der Professor umgehend Maßnahmen: Um ein Übergreifen auf die Nachbarhäuser zu verhindern, ordnet er eine vollständige Desinfektion der Wohnungen an mit einem besonderen Augenmerk auf alle Stellen, »welche Excrementen-Stoffe aufzufangen imstande sind«.

Die Wohnblöcke in der Au verfügen über keine Abtritte, die Bewohner müssen sich deshalb mit Nachtstühlen behelfen, deren Inhalte anschließend in jenen Bach gekippt werden, der durch den Albertistock fließt. Zwei Tage lang werden alle »mobilen Klos« des Wohnblocks mit brennendem Schwefel desinfiziert, alle Abtritte und Aborte sowie der Boden rund um die Nachtstühle mit Eisenvitriollösung, einer Schwefelverbindung, gespült und gereinigt. Pettenkofer, der hiesige Gerichtsarzt Dr. Hell und der Salineninspektor Albert von Schenk kontrollieren im Anschluss Wohnung für Wohnung, um etwaige Schlampereien aufzudecken. Pettenkofers Maßnahmen erweisen sich als erfolgreich, die Cholera breitet sich nicht weiter aus. Von den acht im Albertistock erkrankten Personen sterben vier Kinder sowie zwei ältere Damen, zwei Infizierte überleben. Am 15. November 1854 wird die Epidemie in Traunstein offiziell für beendet erklärt.

Wie bereits erwähnt, versagte Max von Pettenkofer dem Fortschritt auf dem Gebiet der Hygieneforschung seine Anerkennung. Beharrlich und unbelehrbar vertrat er stets die Ansicht, Umweltbedingungen seien von erheblich größerer Bedeutung für die Entstehung einer Krankheit als die bloße Anwesenheit von Krankheitskeimen. Auch nach Robert Kochs Entdeckung des Cholera-Erregers hielt er daran fest. Er ging dabei sogar so weit, 1892 eine Kultur von Cholera-Bakterien zu schlucken; glücklicherweise erkrankte er bei diesem riskanten Selbstversuch nicht, ebenso wenig wie einige seiner Schüler, die es ihm gleichtaten.(6)

Dennoch: Seine Verdienste als Begründer der Hygiene, Wegbereiter der Umweltmedizin, experimenteller Feldforscher, Chemiker und Ernährungsphysiologe waren bahnbrechend; sie waren und sind weltweit anerkannt. Die heute in der Epidemiologie übliche Ortsbesichtigung und ausgiebige statistische Erfassung und Auswertung des Seuchengeschehens wurde von ihm eingeführt. Genau diese an der Praxis orientierte Vorgehensweise hatte Traunstein 1854 vor Schlimmerem bewahrt. Zahlreich waren die Auszeichnungen und Ehrungen, die Pettenkofers Weg begleiteten, der schon 1847, im Alter von nur 29 Jahren, zum Professor für medizinische Chemie an die Ludwig- Maximilians-Universität berufen worden war. Am 24. Januar 1900 wurde er in den preußischen Orden Pour le Mérite für Wissenschaft und Künste aufgenommen. Die Ehrenbürgerwürde der Landeshauptstadt war ihm schon 1872 verliehen worden. 1890 bis 1899 war er Präsident der Bayerischen Akademie der Wissenschaften. Das Max von Pettenkofer-Institut an der Münchner Universität erinnert noch heute an den großen Gelehrten, dessen Leben tragisch endete. Er erschoss sich am 10. Februar 1901 im Alter von 82 Jahren in seiner Hofapotheker-Wohnung in der Münchner Residenz. Vermutlich hatte er unter dem Nachlassen seiner intellektuellen Fähigkeiten gelitten und sich vor geistiger Umnachtung gefürchtet. Außerdem war es ihm immer schwerer gefallen, die Augen davor zu verschließen, dass er sein Lebenswerk auf falschen Grundannahmen aufgebaut hatte.(7)


Franz Haselbeck


Anmerkungen:
(1) Laut Anton Kasenbacher, Traunstein. Chronik einer Stadt in Wort und Bild, Grabenstätt 1986, S. 25. Zusammen mit den Toten der Gemeinde Au und einigen Opfern aus Nachbardörfern führt die offizielle Statistik 81 Verstorbene zum Ende der Epidemie am 15. November 1854.
(2) Albert Rosenegger, Als die »laidige Sucht der Pest« grassierte. Die Pestzeiten in der Stadt Traunstein während des Dreißigjährigen Krieges, in: Jahrbuch des Historischen Vereins 3/1991, S. 25-63.
(3) Susanne Mittermaier, Pettenkofer stoppt Cholera in Traunstein, in: Chiemgau-Blätter Nr. 4 v. 28. 1. 2012, S. 1-4.
(4) http://www.traunsteiner-tagblatt.de/zeitung/chiemgau-blaetter.html.
(5) Stadtarchiv Traunstein, Akten 1409-1870, A VI 3/9.
(6) Dieses überraschende Ergebnis lässt sich dadurch erklären, dass eine Vielzahl der Infizierten keinerlei Symptome zeigen. Sie tragen die Keime in sich und scheiden sie auch aus, erkranken selbst aber nicht.
(7) Vgl. http://www.dieterwunderlich.de/Max_Pettenkofer.htm.

 

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