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Jahrgang 2016 Nummer 37

Wöchentlicher Anschlag

Udet fliegt! – Die Schauflüge Udets am 9. September 1926 waren eine Sensation bei der Heimatschau

»Udet«, 1926 (Plakat Nr. 622); gelb mit schwarzem Rand, schwarzes Doppeldeckerflugzeug zwischen Luftballons über einer Schnur mit Wimpeln; 67 x 98 cm, entnommen aus Akt A 320/1-3.
Udet, die Ärmel hochkrempelnd, mit Bürgermeister Dr. Georg Vonficht.
Ernst Udet und seine Flamingo, umgeben von zahlreichen Zuschauern, beim ersten Traunsteiner Flugtag auf der Wartberghöhe.
Der Flugakrobat, die Zigarette lässig im Mundwinkel, nachdem er seine waghalsige Flugschau absolviert hat. (Alle Bilder Stadtarchiv Traunstein, Fotosammlung HP 145)

Die im letzten »Anschlag« thematisierte 800-Jahrfeier war vielleicht das größte Fest, das je in Traunstein stattgefunden hat. Und für das Begleitprogramm hatten sich die Verantwortlichen ein besonderes Ereignis als Glanzpunkt ausgedacht. Erstmals sollte hier ein Flugtag stattfinden! Mit ihm wollte man allen zeigen, dass die auf ihre lange Geschichte stolze Stadt keinesfalls in der Vergangenheit verharrte, sondern erfolgreich den Weg in das moderne Zeitalter eingeschlagen hatte.

Mit dem Mitte der 1920er Jahre einsetzenden, wirtschaftlichen Aufschwung erlangten Flugschauen als spektakuläre Massenunterhaltung eine immense Popularität. Häufig verdingten sich dort ehemalige Kampfflieger des I. Weltkriegs; der bekannteste unter ihnen war zweifellos Ernst Udet, mit 62 Abschüssen der erfolgreichste »Ritter der Lüfte«. Als Oberleutnant der Reserve hatte er 1919 seinen Abschied genommen, von der Bevölkerung als Held verehrt, hochdekoriert mit dem Eisernen Kreuz 1. Klasse und dem Pour le Mérite.(1) In der Folge avancierte er zu einer der schillerndsten Figuren der Weimarer Republik: ein begnadeter Pilot, zeitweise auch Flugzeugbauer, wagemutig, bis über die Grenzen der Vernunft hinaus, vom Glück begünstigt, Lebemann, Trinker und Frauenheld, dabei eher klein und beleibt, mit schütterem Haar, ständig verschuldet (obwohl er Unsummen verdiente), sich selbst bewusst als »alten Haudegen« inszenierend, verhaftet den Idealen einer Elite, die längst der Vergangenheit angehörte, dennoch hoch geachtet im In- und Ausland. Das Aufheben eines Taschentuchs vom Boden mit einem unter der Tragfläche angebrachten Haken war eines seiner Kunststücke, mit denen er auch in den USA die Zuschauer zu Begeisterungsstürmen hinriss. Wer es nicht glauben mag, dem bietet das Internet noch heute zahlreiche bewegte Bilder seines Könnens.(2) »Clown der Lüfte«, so nannten die Amerikaner Udet voller Bewunderung.

Und genau den wollten Bürgermeister Georg Vonficht und seine Räte als Zugpferd für die Heimatschau haben. Und Udet kam! Mit ihm fanden sich am 9. September 1926 über 10 000 Menschen auf der damals noch unbebauten Wartberghöhe ein, die man als Flugplatz auserkoren hatte. Der vor wenigen Jahren verstorbene, verdiente Heimatforscher Alfred Staller, Max-Fürst-Preisträger 2006, hat sich in einem seiner zahlreichen Beiträge für das Jahrbuch des Historischen Vereins dem »Ersten Flugtag in Traunstein« gewidmet. Wer an dessen genauem Ablauf und den Hintergründen interessiert ist – sie hier zu schildern, würde den vorgegebenen Rahmen deutlich sprengen –, dem sei dieser akribisch recherchierte, hervorragende Aufsatz wärmstens empfohlen.(3) Uns lässt ein ausführlicher Blick in die zeitgenössische Presse an diesem sensationellen Auftritt vor (fast auf den Tag genau) 90 Jahren teilhaben. Jedes der zahlreichen Ausrufezeichen unterstreicht die Begeisterung des damaligen Berichterstatters.

»Die Ereignisse auf dem Volksfeste folgen Schlag auf Schlag. Noch ist die Begeisterung nicht verrauscht, die durch den wundervollen Festzug am Mittwoch entfacht wurde, da brachte der gestrige Tag eine neue Sensation, die Schauflüge Udets. Udet! Sein gefeierter Name bedeutet den Rekord der Flugtechnik; an Kühnheit der Leistungen hat er alle Mitbewerber übertroffen. Mit höchsten Erwartungen sah man seinem Erscheinen entgegen; er hat sie nicht bloß erfüllt, sondern weit übertroffen. Um ein Uhr erfolgte die Ankunft des kühnen Luftbezwingers von München her auf leuchtend grauem Doppeldecker. [Udet flog wie stets eine U-12 »Flamingo«, die meistgebaute Maschine seiner von ihm im Oktober 1922 gegründeten Firma »Udet-Flugzeugbau«; Anm. d. Verf.] Mit ein paar flotten Kurven entbot er der Feststadt seinen Gruß. Dann landete er auf dem grünen Rasen der Wartberghöhe, wo die Flüge vor sich gehen sollten. Um zwei Uhr war eine Volksmenge dort versammelt, die nach vielen Tausenden zählte. Udet fliegen zu sehen, wer möchte das versäumen? […]

Schon die erste Nummer zeigt Udet als souveränen Beherrscher der Luft. Wie im Wirbel geht’s aufwärts und abwärts, in schrägem Flug werden die steilsten Kurven genommen; mit ganz senkrecht gestellten Flügeln kommt er angesaust und führt in dieser Haltung die kühnsten Wendungen aus. Dann zeigt er seine Kunst in netten Spielereien. Farbige Ballons steigen auf. Udet fliegt auf sie zu und trifft sie todsicher mit seinem Propeller; zerfetzt fallen sie zur Erde. Weiße Ballons werden hochgelassen, diese fängt er in sausendem Flug ebenso sicher in den Maschen des Netzes, das zwischen den Flugflächen ausgespannt ist. […] Es folgen die Glanznummern […] des Programms, Steilkurven, Loopings, windschiefer Flug, Sturzflüge, Rückenflüge. Ja, wirkliche Rückenflüge! Mit dem Kopf nach unten zieht der Flieger seine tollkühne Bahn. Überhaupt ist zu sagen, daß alle Stellungen und Wendungen, die ein Flugzeug in der Luft einnehmen kann, im Laufe des Programms vorgeführt und durchprobiert wurden.

Noch ein letztes, drastisches Kunststück! Zwei Fesselballons werden hochgelassen; sie sind hoch oben waagrecht durch eine wimpelgeschmückte Leine verbunden. Da vollführt nun das Luftzeug [sic] seine turnerischen Künste. Es nähert sich der Leine, fällt vor derselben in senkrechtem Sturz herab und wieder herauf, geradeso, wie der Turner am Reck; und noch ein zweites und drittes Mal die gleiche Übung, und jedes Mal klappt es! Welcher Wagemut, welche Sicherheit, welches exakte Einsetzen des Gedankens und des Fingerdrucks am Apparat, im rechten Moment, keine Sekunde zu früh, keine zu spät, ist nötig, um so etwas fertig zu bringen! Schließlich erfolgte noch der Abschuß des einen Fesselballons; ein Schuß des Fliegers in sausender Fahrt, und brennend stürzt er zur Erde! Da begreifen wir es, daß der kaltblütige, nie fehlende Jagdflieger sich bei den Franzosen an der Westfront in gebührenden Respekt zu setzen wußte! Eineinhalb Stunden nahm das glänzende Schauspiel in Anspruch; mit atemloser Spannung folgte das Publikum den Vorführungen. Es gab Momente, in denen es einem eiskalt über den Rücken lief. Im Allgemeinen aber hatte man das Gefühl, daß der kühne Flieger sich vollkommen sicher fühlte, daß die Luft sein Element, das Flugzeug förmlich mit ihm verwachsen ist und wie ein Glied des Körpers seinem Gedanken, seinem Willen folgt. So glatt, so exakt wurden alle Übungen gemacht. […] Um fünf Uhr abends verließ Udet Traunstein, um sich zur Abhaltung von Schauflügen nach Budapest zu begeben. Kühner Pilot! Traunsteins herzlichste Wünsche begleiten dich.«(4)

Die Programmpunkte »Luftspiele mit Ballons« und »Loopings um eine zwischen zwei Ballons waagrecht gespannte Wimpelschnur« hatte sich der Flugakrobat als sein geistiges Eigentum gesetzlich schützen lassen.(5) Die Ballons fanden zudem Eingang in die grafische Gestaltung des Anschlags, der für sämtliche seiner Flugschauen warb und nur mit Ort und Zeit der jeweiligen Veranstaltung ergänzt werden musste; ein verblüffend radikal modernes Plakat, das durch extreme formale Reduzierung wirkt. Ein erzählerisches Moment ist vollständig zugunsten formaler Aspekte zurückgedrängt. Außer dem Namen werden keinerlei weitere textliche Informationen gegeben. Beim Betrachter wird ein großes Wissen vorausgesetzt, was die Botschaft des Plakats betrifft. Seine Gestaltung ist durchgängig flächig, Räumlichkeit wird durch auffällige perspektivische Verkürzungen erreicht. Die Komposition ist von Geraden und Diagonalen bestimmt, auf eine naturalistische Wiedergabe wird vollständig verzichtet. Die Kreisformen der Luftballons tragen standardisierte, identische Lichtschimmer. Alle Bildelemente sind von extremer Stereotypie und nach dem Prinzip der Reihung als ornamentales Prinzip konzipiert. Dem entspricht auch die kalkulierte Anzahl der einzelnen Bildelemente: ein Flugzeug, vier Buchstaben bei UDET, acht Luftballons, zwölf Wimpel.(6)

Das tragische Ende Ernst Udets sei an das Ende dieser Betrachtung gestellt. Nach eigenem Bekunden vollkommen unpolitisch, steht er der nationalsozialistischen Machtübernahme gleichgültig gegenüber. Dennoch gibt er dem Werben Hermann Görings nach und wird am 1. Mai 1933 Mitglied der NSDAP. Finanzielle Gründe (»Kommt drauf an, was sie zahlen«) mögen dafür den Ausschlag gegeben haben. Göring verschafft ihm das Geld für den Ankauf zweier sturzflugfähiger »Curtiss Hawk« (Habicht), von denen Udet seit seinen Auftritten in den USA begeistert ist. Im Januar 1936 tritt er in die neu gegründete Luftwaffe ein. Binnen weniger Jahre wird er zum Generaloberst befördert. Am 1. Februar 1939 verleiht ihm Göring den Titel »Generalluftzeugmeister«. Doch Udet ist alles andere als glücklich. Als Chef des Technischen Amtes im Luftfahrtministerium für die Koordination der technischen Entwicklung und der industriellen Produktion der deutschen Luftwaffe zuständig, fühlt er sich dieser Aufgabe kaum gewachsen. Er flüchtet sich in Alkoholexzesse, die seine Gesundheit und Psyche erheblich beeinträchtigen. Von Adolf Hitler – und auch seinem »alten Kameraden« Göring – wird er für die Niederlage bei der Luftschlacht um England und die Unzulänglichkeiten der Luftwaffe im Krieg gegen die Sowjetunion mehrfach angegriffen und persönlich verantwortlich gemacht. Am 17. November 1941 begeht er in Berlin Selbstmord. Das NS-Regime stellt seinen Tod in der Öffentlichkeit als Flugunfall dar und ordnet ein Staatsbegräbnis an.(7)

Carl Zuckmayr, der mit Udet befreundet war, diente dessen Schicksal im Drama »Des Teufels General« als Vorlage für die Titelfigur des »Harras«. Curd Jürgens hat ihn im gleichnamigen, am 23. Februar 1955 uraufgeführten, Film genial verkörpert. Wer ihn gesehen hat, dem sollte ein für allemal klar sein, was geschieht, wenn man einen »Pakt mit dem Teufel« schließt.


Franz Haselbeck

 

Anmerkungen:
(1) Vgl. Arnulf Scriba, Ernst Udet 1896-1914, in: LEMO (Lebendiges Museum Online); https://www.dhm.de/lemo/biografie/ernst-udet.
(2) Das Aufheben eines Taschentuchs zeigt z. B.: https://www.youtube.com/watch?v=pwAZq1nVlZA.
(3) Alfred Staller, Der erste Flugtag in Traunstein. Am 9. September 1926 bestaunten mehr als 10 000 Menschen auf der Wartberghöhe die Flugakrobatik von Ernst Udet, in: Jahrbuch des Historischen Vereins 15/2003, S. 168-180.
(4) Traunsteiner Tagblatt Nr. 208 v. 10.9.1926, S. 6.
(5) Die »Programm-Folge« seiner Flugtage (Beleg in Stadtarchiv Traunstein, A 320/1-3; abgebildet bei Staller, S. 173) führt diese Punkte unter Nr. 3 bzw. 6 in Klammern als »ges. gesch.« auf.
(6) Diese kunsthistorische Einordnung verfasste die Leiterin der Städtischen Galerie, Frau Judith Bader, für die 2003 von Stadtarchiv und Städtischer Galerie gemeinsam konzipierte Ausstellung »Öffentlicher Anschlag. Plakate 1918 - 1945«. Herzlichen Dank dafür.
(7) Vgl. LEMO, wie Anm. 1.

 

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