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Jahrgang 2016 Nummer 36

Wöchentlicher Anschlag

Das 800-jährige Jubiläum der Stadt Traunstein 1926

»Heimatschau Traunstein«, 1926 (Plakat Nr. 621); oben orange, unten beige mit schwarzer Schrift, in der Mitte in schwarzen und grauen Farbtönen Stadtsilhouette vor Hausbergen, im Vordergrund der Viadukt, davor links Getreidegarbe mit Sense und Rechen, rechts Hammer, Zirkel und Dreieck in Wappenschilden, Druck: Dr. C. Wolf und Sohn, München; 59,5 mal 89 cm, 4 Exemplare, alle (leicht) beschädigt und entnommen aus Akt A 320/1-3.
»Heimatschau Traunstein« (Programm), 1926 (Plakat Nr. 620); beige mit braunem Rand, blaue und braune Schrift, Druck: Traunsteiner Tagblatt; 50 x 65 cm, 5 Exemplare, alle entnommen aus Akt A 320/1-3.
Tausende Zuschauer säumten am 8. September 1926 die Straßen. (Stadtarchiv Traunstein, Fotosammlung)
Der Festwagen der Stadt Traunstein, gestaltet von dem Kunstmaler Hans Kaufmann. (Stadtarchiv Traunstein, Fotosammlung)

Beginnen wir mit den historischen Fakten.(1) Um 790 beschreiben die Notitia Arnonis bzw. Brevis Notitiae die weit verstreuten Stiftungen und Liegenschaften des Erzbistums Salzburg. Genannt werden dort auch Besitzungen »ad Trun«; Traunsteins Nachbarorte Kammer, Surberg und Vachendorf, um nur drei zu nennen, erfahren dort ihre erste Erwähnung. Auch Wehranlagen, sogenannte Burgställe, lassen sich ab dem 10. Jahrhundert in der näheren Umgebung nachweisen, darunter die sagenumwobene Burg Lenzisberg am Hochberg. Traunstein selbst allerdings tritt erst sehr viel später in die Geschichte ein: 1245 führt ein Urbar (Güterverzeichnis) des Klosters Baumburg das »iudicium [und] officium Trauwenstain« auf. Diese erste namentliche Erwähnung als Klostergericht bzw. Klosteramt ist ein Hinweis auf frühe zentralörtliche Funktionen. Sie bedeutet aber keinesfalls, dass Traunstein zu diesem Zeitpunkt bereits eine Stadt war! Dazu musste der damals noch zu Salzburg gehörige Chiemgau erst einmal bayerisch werden, was erst 1275 endgültig besiegelt wird.

Die seit 1180 in Bayern regierenden Wittelsbacher festigen ihre Herrschaft planmäßig und konsequent. Ein Hauptbestandteil ihrer Innenpolitik ist die Anlage von (respektive der Ausbau vorhandener Besiedlung zu) befestigten Städten an militärischen und wirtschaftlichen Brennpunkten. Mehr oder weniger sanfter Zwang, aber auch ökonomische Anreize bewegen die Umwohner, diese Neugründungen zu beziehen. Zuvor meist unfreie Bauern, stattet sie der Landesherr nun mit dem weitaus besseren Status des Bürgerrechts aus; für die höheren sozialen Schichten schafft er die Privilegien des Ratsbürgertums. Die Städte dürfen fortan Zölle erheben und Märkte abhalten, und um die Position des Herzogs zu sichern, werden sie zu Zentralen staatlicher Verwaltung.

Traunstein bietet sich für eine »Wittelsbacher Gründungsstadt« geradezu an. Der Ort nahe der Grenze zu Salzburg liegt auf einer Anhöhe über der Traun, von der er in einem nach Osten ausholenden Bogen umflossen wird, und sichert den Flussübergang der wichtigen Salzhandelsroute von Reichenhall nach München. 1275 verlagert der Landesherr eine bisher im benachbarten Lauter zu zahlende Maut nach »Travnstain«, das schon wenig später, um 1300, als »Stadt« bezeichnet wird, mit Bürgern, Zoll, Salzhandel, drei Mühlen und zwei Toren als Teil der Befestigung. Diese Fortifikation, eine Ringmauer samt Graben, umschließt den weiten, saalartigen Platz entlang der alten Salzstraße. Ein Rat als Organ städtischer Selbstverwaltung lässt sich ab 1314 nachweisen. Die Verleihung der Stadtrechte im Jahr 1375 steht am Ende dieser Entwicklung. Zuvor haben die »Burger unser Stat ze Trawnstain« ihrem Herzog Friedrich noch glaubhaft versichert, dass »ir Brief verbrunnen« sind. Fortan regeln 92 Artikel, zusammengestellt nach dem Vorbild der Stadt Neuötting, Verwaltung, Handel, Gewerbe und Rechtssprechung.(2)

Für Traunsteins weiteres Fortkommen ist dieses Stadtrecht von unschätzbarem Wert. Allerdings war es als persönliches Lehen des Regenten lediglich »verliehen«. Starb der Herrscher, musste sein Nachfolger im Anschluss an die »untertänigste Erbhuldigung« die Rechte erneuern. Letztmals geschah dies 1780. Aber hatte tatsächlich ein Brandunglück vor 1375 ein komplettes Stadtrecht zerstört? Oder handelte es sich bei den ominösen »verbrannten Briefen« lediglich um eine Reihe älterer Einzelprivilegien, die zudem keineswegs alle verbrannt sind, wie das Beispiel der im Original erhaltenen Bestätigung des »alten Rechts« der Salzniederlage durch Herzog Stephan II. von Bayern- Landshut aus dem Jahr 1359 zeigt?(3) Die Antwort bleibt unklar. Die Tatsache, dass in den staatlichen Archiven keine Dublette vorhanden ist, spricht eher gegen eine ältere Urkunde. Traunstein wurde zu Beginn des 14. Jahrhunderts, dies geht aus den Quellen klar und deutlich hervor, als »Stadt« bezeichnet und auch Schritt für Schritt mit den dazugehörigen Rechten ausgestattet.(4) Deren endgültige Zusammenfassung und Kodifikation aber erfolgte erst im Jahr 1375.

Wir haben es also mit drei historischen Ereignissen zu tun: der Erstnennung des Ortes Traunstein 1245, seiner Bezeichnung als Stadt um 1300 und der endgültigen schriftlichen Niederlegung der Stadtrechte 1375. Wie aber passen nun diese drei Jahreszahlen mit dem 1926 aufwändig begangenen, 800-jährigen Jubiläum Traunsteins zusammen? Oder anders ausgedrückt: Welche Bedeutung hat das Jahr 1126 für Traunstein?

Diese berechtigte Frage führt und zu den Herren »de Truna«, die »zu Beginn des 12. Jahrhunderts […] als Schenker und Zeugen in zahlreichen Baumburger und Salzburger Urkunden auf[traten]«.(5) Von ihnen leitete der Münchner Archivar Georg Schrötter in der Jubiläums-Festschrift, wie schon die Heimatforschung vor ihm, »Traunsteins Eintritt in die Geschichte und seine Entwicklung im Mittelalter [ab …]. Das Geschlecht hat wohl seinen Ausgang genommen von einem festen Sitze an dem Flusse Traun, da, wo heute die unmittelbare Stadt Traunstein gelegen ist. […] An keiner Stelle ist überliefert, daß um den Herrensitz eine nennenswerte Ansiedlung bestanden habe, obwohl nicht anzunehmen ist, daß er für sich allein Bestand gehabt habe; denn die Verhältnisse verlangen gebieterisch, daß von dem Augenblicke an, wo der Herrensitz ins Leben trat, auch bäuerliche und gewerbliche Bevölkerung sich niederließ, so daß um die Burg eine in grundherrlichem Abhängigkeitsverhältnis lebende Siedlung sich zu bauen begonnen hatte. Die Geburtsstunde der Burg ist auch die Geburtsstunde des Ortes Traunstein; beide haben um 1120 das geschichtliche Dasein begonnen.«(6)

Um 1120 plus 800 ergibt – mit ein wenig Phantasie – 1926. Daher trat »Traunstein in die Festwoche ein, die es vom 4. bis zum 12. September zu feiern gedenkt. Im Mittelpunkt des Festgedankens steht das Doppeljubiläum der Stadt und des Lindlbrunnens [erbaut 1526; Anm. d. Verf.]; man hätte noch einen dritten Gedenktag anschließen können, nämlich das Gedächtnis daran, daß heuer 50 Jahre verflossen sind, seitdem Traunstein in die Zahl der unmittelbaren Städte aufgenommen wurde.(7) Das bildet eine wichtige Cäsur in der Geschichte der Stadt. Den davon datiert der mächtige, glänzende Aufschwung, den Traunstein in den letzten Jahrzehnten genommen hat«.(8) Und genau darum, um den Aufschwung, ging es vor allem. Traunstein wollte sich in den (viel zu kurzen) Goldenen Zwanzigern einfach einmal von seiner besten Seite zeigen und diese Leistungsschau historisch entsprechend untermauern.

Höhepunkt der Veranstaltungsreihe war sicher der Festzug am 8. September. »Schon lange standen Stadt und Land im Banne des Festzuges. Mit Liebe und Fleiß, mit aller Sorgfalt wurden die Vorbereitungen getroffen, Stadt und Land reichten sich die Hand zu dieser Veranstaltung, um den Chiemgau würdig zu repräsentieren. Ein edler Wettstreit bestand unter den Gemeinden, und Alle haben Ehre eingelegt und volles Lob verdient. Man hatte gewiß mit einer großen Teilnahme des Volkes gerechnet, aber einen solchen Andrang von Festgästen hätte sich wohl Niemand zu hoffen getraut. Der ganze Chiemgau gab sich ein Stelldichein […]. Schon um die Mittagsstunde waren der Stadt- und Maxplatz dicht besetzt. Um zwei Uhr setzte sich der Festzug gegen das Innere der Stadt in Bewegung. Die Spitze bildeten Fanfarenbläser und die muntere Jugend mit Preisfähnchen. Hierauf folgte eine recht nette Gruppe, die die Entwicklung des Fahrrades zur Anschauung brachte. Dann kamen in langer Reihenfolge die 42 Festwagen, die ein so anheimelndes, farbenfrohes Bild boten, daß alle Zuschauer entzückt waren. Immer wieder kam eine neue, nette Idee, eine besondere Überraschung. Es war eine wirkliche Heimatschau […]. Den Schluß bildete eine herrliche Allegorie: Traunsteins Vergangenheit und Zukunft. Namentlich die künstlerische Anordnung und die prächtigen Kostüme brachten diese Gruppe zur schönsten Wirkung. […] Alle Zuschauer waren voll des Lobes. Die mühevolle und liebevolle Vorbereitung hat sich trefflich gelohnt. Die Veranstaltung bedeutet einen Volltreffer für das Volksfest.«(9)

Ansonsten wollen wir uns mit den Einzelheiten dieses fraglos großartigen Jubiläums hier nicht näher befassen. Die Gewerbe- und landwirtschaftliche Ausstellung, die Tierschauen und verschiedenen Sonderausstellungen, begleitet von einem großen Volksfest am Karl-Theodor-Platz, reihen sich ein in den Zyklus der »Landwirtschaftlichen Bezirks- und Volksfeste«, der 1853 in Traunstein seinen Anfang genommen hatte.(10) Wer Genaueres wissen möchte, dem sei die Lektüre von Helmut Kölbls ausgezeichnetem Beitrag im Jahrbuch des Historischen Vereins 1996 oder aber ein Besuch des Stadtarchivs empfohlen.(11)

Wenden wir uns stattdessen abschließend noch einmal dem historischen Hintergrund zu. Anton Kasenbacher fasste ihn in seiner Stadtgeschichte zusammen: »Die Herren von Truna waren salzburgische Lehensträger. Ihr Stammsitz war vermutlich die Veste, die Burg auf dem höchsten Punkt am östlichen Rand der von der Traun umflossenen Landzunge. An den Herrensitz schloss sich westlich eine Burgfreiheit als Ansiedlung an, deren Existenz zwar nicht schriftlich überliefert, aber dennoch kaum zweifelhaft ist.«(12) Dessen ungeachtet galt bis vor wenigen Jahren: »Einen direkten Beweis für den Stammsitz der Herren von Truna […] im heutigen Stadtgebiet von Traunstein gibt es nicht.«(13) Diese Lücke konnte inzwischen geschlossen werden – zumindest fast. 2006 im Bereich der Mittleren Hofgasse nach dem Abriss des alten Stadtbauamts (Hausnummer 11) durchgeführte Grabungen, die der Autor persönlich begleiten durfte, belegen nämlich definitiv: Die dort sicher verortete Herzogsburg, die Veste, hatte eine Vorgängerin. Fundstücke datieren diese Anlage an den Anfang des 12. Jahrhunderts.(14) Dass es sich hierbei um den Stammsitz der »de Truna« handelt, kann man aber nach wie vor nur mutmaßen: »Die Ausgrabung erbrachte hierzu keinen unumstößlichen Beweis, etwa in Form einer Inschrift oder eines Grabsteins.«

Die Nachrichten über die Ministerialen de Truna, die um 1220 beginnen, enden etwa 1242. Nimmt man also das Aussterben des Geschlechts um 1250 an, ginge dies konform mit einem bekannten Phänomen, dem bayerischen Adelssterben zu Beginn des 13. Jahrhunderts, als viele mächtige Dynastien erloschen, die Wittelsbacher anschließend in ihre Nachfolge eintraten, so ihren Besitz mehrten und ihre Macht als Herzöge von Bayern festigen konnten. Genannt seien die Grafen von Bogen sowie die Wasserburger, deren Erbe den Wittelsbachern 1212 bzw. 1245 zufiel. Und was der »großen bayerischen Geschichte« recht ist, könnte ihr auch im Kleinen billig sein. Warum sollte der Landesherr nicht auch in der Provinz die sich ihm bietende Chance ergriffen und sich der Burg eines ausgestorbenen Adelsgeschlechts an beherrschender Stelle bemächtigt haben? 1361 wird die herzogliche Veste erstmals genannt. 1618 erwarb sie Ladislaus Freiherr von Törring. Der Stadtbrand von 1704 schädigte die Gebäude so stark, dass ein Wiederaufbau nicht mehr rentabel war. In den folgenden Jahrzehnten wurde die Ruine abgetragen.

Die Ereigniskette scheint mit dem fehlenden archäologischen Mosaiksteinchen schlüssig. Sie rechtfertigt aber nicht das 1926 gefeierte Stadtjubiläum. Denn wie schreibt Schrötter in seinem fundierten Beitrag? »Die Geburtsstunde der Burg ist auch die Geburtsstunde des Ortes Traunstein.« Des Ortes, nicht aber der Stadt! Zu dieser wurde Traunstein nicht vor 1300, urkundlich ist der Rechtsstatus seit 1375. An diese beiden Jahre könnte man anknüpfen, und wollte man die Erstnennung begehen, so wäre 1245 der Ausgangspunkt. Mitte der 1970er Jahre gab es Überlegungen, 1976 den 850. Geburtstag zu begehen. Sie wurden zum Glück nicht in die Tat umgesetzt. »Für das 12. Jahrhundert ist nur der Name de Truna bezeugt. Diese Tatsache hat wohl den Ausschlag für die 1926 stattgefundene 800-Jahrfeier gegeben. Das Jahr 1926 hat aber keinerlei historische Bedeutung für die Geschichte der Stadt Traunstein.«(15) Damit war – und ist – alles gesagt. Es bleibt nur zu hoffen, dass man in zehn Jahren nicht erneut auf diesen Gedanken verfällt.


Franz Haselbeck


Anmerkungen:
(1) Vgl. hierzu Franz Haselbeck, Herzogsburg, Veste und Pfleggericht Traunstein, in: Jahrbuch des Historischen Vereins 17/2005, S. 58-86.
(2) Stadtarchiv Traunstein, Urkunde Nr. 7 v. 7. Januar 1375.
(3) Stadtarchiv Traunstein, Urkunde Nr. 3 v. 25. Juli 1359.
(4) Irmtraut Heitmeier, Studien zur Siedlungsgeschichte des ehemaligen Landgerichts Traunstein, Teil II: Historisches Ortsnamenbuch, Diss. masch. München 1988. Dieser hervorragenden Arbeit, die als Auszug im Stadtarchiv vorliegt, wurden die historischen Daten zur Frühgeschichte der Stadt Traunstein entnommen.
(5) Richard van Dülmen, Historischer Atlas von Traunstein, München 1970, S. 166.
(6) Georg Schrötter, Traunsteins Eintritt in die Geschichte und seine Entwicklung im Mittelalter, in: Deutsche Illustrierte Rundschau Nr. 7/8 »Zum 800-jährigen Jubiläum Traunsteins«, München 1926, S. 192-198. Dr. Georg Schrötter (1870-1949), Staatsarchivdirektor; Personalakt 1900-1950 im Bayerischen Hauptstaatsarchiv (MK 45447) Nachlass im Staatsarchiv Nürnberg. Schrötters Arbeit entspricht dem wissenschaftlichen Standard der damaligen Zeit.
(7) Vgl. Nr. 14 dieser Serie v. 2. 4. 2016.
(8) Traunsteiner Tagblatt Nr. 204 v. 6. 9. 1926, S. 1.
(9) Traunsteiner Tagblatt Nr. 207 v. 9. 9. 1926, S. 2.
(10) Vgl. Nr. 19 u. 20 dieser Serie v. 7. u. 14. 5. 2016.
(11) Helmut Kölbl, 800-Jahrfeier und Heimatschau der Stadt Traunstein im Jahre 1926, in: Jahrbuch des Historischen Vereins 8/1996, S. 56-73. Das Stadtarchiv verwahrt umfangreiches Aktenmaterial (A 320/1-3) sowie eine Fotoserie sämtlicher Festwägen.
(12) Anton Kasenbacher, Traunstein. Chronik einer Stadt in Wort und Bild, Grabenstätt 1986, S. 3.
(13) Helga Reindel-Schedl, Historischer Atlas von Laufen, München 1989, S. 272-274, v. a. Anm. 1.
(14) Jochen Scherbaum, Ministerialenburg und Herzogsveste. Archäologische Untersuchungen an der Veste Traunstein 2006, in: Jahrbuch des Historischen Vereins 22/2010, S. 7-34.
(15) Schreiben von Hans Habersetzer, Stadtbaumeister, a. D., Ortsheimatpfleger und 1. Vorsitzender des Historischen Vereins, an die Stadt v. 3. 10. 1973, in: Stadtarchiv Traunstein, A 320/1-3a, Geplante 850-Jahrfeier in Traunstein 1973-1974.

 

36/2016