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Jahrgang 2016 Nummer 35

Wöchentlicher Anschlag

Die königlich-privilegierten Schützen und ihre Jubiläen

»Programm zum Festzuge am 400-jährigen Jubiläum der Schützengilde zu Traunstein«, 1878 (Plakat Nr. 612); türkis mit schwarzer Schrift, Druck: A. Miller in Traunstein; 43 x 62 cm, leicht beschädigt, weiteres Exemplar, jedoch beige mit schwarzer Schrift, unter Nr. 958.
Festzug zum 400-jährigen Jubiläum der Traunsteiner Schützen 1878. Hartwig Peetz gestaltete die historischen Gruppen nach seinen Vorstellungen von Schützentradition. (Stadtarchiv Traunstein, Historische Fotografien, HF 171)
Festzug zum 400-jährigen Jubiläum der Traunsteiner Schützen 1878. Hartwig Peetz gestaltete die historischen Gruppen nach seinen Vorstellungen von Schützentradition. (Stadtarchiv Traunstein, Historische Fotografien, HF 171)
Die Schießstätte kurz nach ihrer festlichen Einweihung. (Stadtarchiv Traunstein, Postkartensammlung, PK 178)

Dass die königlich-privilegierte Feuerschützengesellschaft Traunstein zu den Vereinen gehört, mit deren Entstehungsgeschichte, wie es der Verfasser in einem der letzten Beiträge umschrieb, der »Historiker nicht selten seine liebe Müh und Not« hat(1), wird auch dem Laien rasch klar, wenn er nur die Homepage des Vereins genauer betrachtet und mit dem heute vorgestellten Plakat vergleicht. »Gegr[ündet] 1311« teilt uns Erstere in ihrer Headline mit, und liefert dazu auch eine scheinbar schlüssige Begründung: »Die Stadtrechte, voran die niedere Gerichtsbarkeit, dann eine umfangreiche Handels- und Gewerbeordnung nebst sonstigen, der Bürgerschaft nützlichen Privilegien, erhielt Traunstein in der sogenannten Handfeste, welche Herzog Otto III. von Niederbayern zugunsten seiner kleineren Städte […] am 5. Juni 1311 zu Landshut erlassen hatte. Demnach beginnt mit dem Jahre 1311 für Traunstein die eigentliche Stadtgeschichte.«(2) Zu einer Stadt aber gehörte neben dem äußeren Merkmal ihrer Befestigung auch die Wehrhaftigkeit ihrer Bürger, also die Schützen, und zwar nur die wirklich alten, »königlichprivilegierten«; sie waren im späten Mittelalter und der frühen Neuzeit Teil der Vaterlandsverteidigung, dazu bestimmt, die Bürger im Gebrauch der Feuerwaffen zu üben. Daher: »Gegründet 1311«. Warum aber wurde dann noch 1878 ein 400-jähriges Jubiläum begangen und am 25. August, wie auf dem Anschlag zu lesen, mit einem prächtigen historischen Festzug groß gefeiert?

Diese Frage stellten sich wohl auch die Stadträte während einer Sitzung im Jahr 1909. »Die kgl. privil. Schützengesellschaft dahier wird im nächsten Jahre das 600-jährige Jubiläum zur Erinnerung an die Entstehung der Schützengilde Traunstein feiern und mit dieser Feier die Eröffnung des neu erbauten Schießhauses sowie eine Ehrung seines Mitgliedes, des Weltmeisterschützen […] Emil Pachmayr verbinden. Anläßlich dieser für das Traunsteiner Schützenwesen so wichtigen historischen Tatsache gedenkt die Schützengesellschaft, vom 29. Mai mit 3. Juni 1910 ein großes Festschießen zu veranstalten. […] Um die Festlichkeit würdig gestalten zu können«, wären 300 Mark aus der »Kommunalkassa« hilfreich und angemessen. Aber, man höre und staune, das Gemeindekollegium lehnte den Antrag ab! Es genehmigte »lediglich zum Festschießen – nicht Jubiläumsschießen – den Betrag von 100 Mark mit der Motivierung, dass die Gesellschaft vor 32 Jahren das 400-jährige Jubiläumsschießen in nachweisbarer Weise abhielt, während [man] von der 600-jährigen Zeitdauer der Gesellschaft nicht überzeugt ist, vielmehr hieran ohne genauen Nachweis nicht zu glauben vermag«.(3)

Das war eine ebenso überraschende wie mutige Entscheidung. Und sie war richtig. Denn die Argumentationskette »Stadtrecht bedeutet Wehrhaftigkeit gleich Schützen« ist zwar ohne jeden Zweifel korrekt. Aber die Behauptung, mit der Ottonischen Handfeste hätten 19 niederbayerische Städte, darunter auch Traunstein (das bis zum Ende der bayerischen Landesteilung 1505 tatsächlich zu Niederbayern gehörte), ihr Stadtrecht erhalten, ist durch die bayerische Geschichtsforschung schon lange widerlegt.(4) Traunstein, so viel ist sicher, wurde erst Jahre später Stadt. Wir wissen nicht, wann genau, eine Gründungsurkunde ist nicht überliefert, wohl aber ein Stadtrecht, datiert auf den 7. Januar 1375, sicher verwahrt in den Beständen des Archivs. Dieses Datum hätten die Feuerschützen getrost für ein Jubiläum verwenden können. Perfekt getroffen aber hatten sie es mit dem 400-jährigen, zumindest fast, sie hatten sich nur um genau sieben Jahre »verspätet«. Am 7. März 1471 nämlich hatte Herzog Ludwig der Reiche in einem Schreiben die Stadt Traunstein angewiesen, wegen der andauernden Kriegsgefahr 150 Mann mit »püchsen und guetten armbrüst« zu bewaffnen und auf Abruf bereit zu halten; ein historisch einwandfreier Beleg, eine Erstnennung, wie man sie sich besser nicht wünschen kann!

Die Schützen waren wichtig, ohne Wenn und Aber, sie sind aus der Geschichte der Stadt Traunstein nicht wegzudenken. Nicht umsonst befahl der bayerische Herzog 1611, »keinen als Bürger aufzunehmen, der nicht im Schießen ausgebildet ist«.(5) Nur mit dem Bezug auf das Jahr 1311 haben sie sich leider in jeder Hinsicht vergaloppiert, und bis hinein in unsere Tage ziehen die Pferde in die falsche Richtung. Aber es galt 1910 halt, ein schönes neues Schützenhaus würdig einzuweihen; 600 (bzw. 599, um genau zu sein) Jahre waren da gerade gut genug.

In seinem Bestreben, sich älter zu machen, ist Traunsteins wehrhaftes Brauchtum zwar ein besonders hartes Kaliber, steht aber keinesfalls allein auf weiter Flur. Das 1926 aufwändig begangene 800-jährige Stadtjubiläum steht, der nächste Beitrag wird es zeigen, auf historisch derart tönernen Füßen, dass schon ein kurzer Blick genügt, um die Statik zum Einsturz zu bringen. Dem zu diesem Anlass von Georg Schierghofer ins Leben gerufenen Schwertertanz gab man problemlos eine Tradition bis zurück in das Jahr 1530, als zum ersten – und einzigen – Mal die Stadtkammerrechnung Ausgaben von einem Gulden vermerkt für »junge Gesellen, so sie den Schwerttanz gehabt«, was auch immer man sich darunter vorzustellen hat. Da fällt das eine Jahr, um das sich die Freiwillige Feuerwehr bei ihrer Gründung wohl auf Grund eines Lesefehlers (1859 statt 1860) vertan hat, kaum ins Gewicht. Mit Jubiläen war man hier schon immer gerne großzügig. Und hatte man ein solches Datum einmal fixiert, erübrigte sich fortan die Frage nach richtig oder falsch. Was zum Hundertjährigen gepasst hat, passt 25 Jahre später auch, logisch, »nachforschn mias ma do nimma«. Hinweise auf eventuelle Ungereimtheiten sind da nicht erwünscht, sie verhallen ungehört, begleitet von bösen Kommentaren des vereinseigenen Stammtisches: »Dös war scho oiwei a so, ja eahm schaug ned o, doa kannt ja a jeda daheakemma.«

Der »Vereinsbayer« feiert einfach gerne, die traditionsbewussten Schützen machen da keine Ausnahme, im Gegenteil, sie schreiten tapfer voran. So war es schon 1878 »die Hauptsache […], daß mit dem Jubiläum ein Fest gefeiert wurde, wie Traunstein nach Berichten von Augenzeugen ein zweites noch nie gesehen hat«. Und daher gilt nach wie vor, was Ossi Wagner im Traunsteiner Wochenblatt als Einleitung seines Berichts zum 650. Jahrestag (der interessanterweise im Frühjahr 1963 begangen wurde, der 675. sollte dann 1986 folgen) geradezu salomonisch ausführte: »Es kommt ja auch bei einer so langen Zeit durchaus nicht darauf an, einen bestimmten Tag – der auch kaum genau als Gründungstag zu datieren sein dürfte – für die Jubiläumsfeier zu wählen, sondern vielmehr darauf, sich nun im friedlichen Wettstreit zu messen, unbeschwerter Schützengeselligkeit zu huldigen und all derer zu gedenken, die vor Jahrhunderten den Grundstein zu so einer nun traditionsreichen Schützengesellschaft legten.«

Eben! Man darf einfach auch stolz sein auf die gesellschaftliche und sportliche Tradition, egal, wie viele Jahrhunderte man sich dabei auf seine Fahnen heftet. Dafür stehen, um nur einige zu nennen, ein Hartwig Peetz (1822-1892), Rentamtmann, Ehrenmitglied der Schützengesellschaft und Ehrenbürger der Stadt Traunstein, der sich um den historischen Teil des Festzuges von 1878 bleibende Verdienste erworben hatte und an den ein Gedenkstein vor der Schießstätte erinnert; ein Josef Straßberger (1805-1897), begnadeter Büchsenmacher und Schütze, dessen Vorstellung beim Oktoberfestschießen 1836 König Ludwig I. mit den Worten »Nehm' er sich doch nächstes Jahr allein gleich alle Preise mit nach Traunstein!« anerkennend kommentierte; und natürlich ein Emil Pachmayr (1882-1962), der seiner herausragenden Karriere 1909 in Hamburg mit dem Titel eines Weltmeisters im Kugelschießen die Krone aufsetzte. Ob er es dabei mit Ludwig Thomas Schützenregeln hielt, die dieser 1910 allen Schützen in der Festzeitung der »Königlichen« mit auf den Weg gab, ist nicht bekannt. Ein »Kapuzinerleben« vor jedem Preisschießen war demnach für den Erfolg unabdingbar, ohne Wein, Weib und Gesang – nur: »Bal'st koan Stern hast, bist vakatzt, – Aba is a Stern dabei, – Na is glei wo einipatzt. – Rauch' und sauf! Laß's abi rinna, – Bal's di mog, na muaßt was g'winna!« In diesem Sinn: Ad multos annos!


Franz Haselbeck


Anmerkungen:
(1) Vgl. Nr. 29 dieser Serie v. 16.7.2016.
(2) http://www.fsg-traunstein.de/vereinsinfos/vereinsgeschichte.
(3) Der vorliegende Beitrag ist eine gekürzte Zusammenfassung von: Franz Haselbeck, Die königlich-privilegierte Feuerschützengesellschaft Traunstein (oder: die Schützen wissen auch Feste zu feiern), in: Hausbuch für den Chiemgau und Rupertiwinkel 2010, Berchtesgaden 2009, S. 115-121. Erarbeitet wurde dieser aus: Stadtarchiv Traunstein, A 134/3-48, kgl.- privilegierte Feuerschützengesellschaft 134/3-48.
(4) Sebastian Hiereth, Die ottonische Handfeste von 1311 und die niederbayerischen Städte und Märkte, in: Zeitschrift für Bayerische Landesgeschichte (ZBLG) 33 (1970), S. 135-154 (auch online abrufbar unter: http://periodika.digitale-sammlungen.de/zblg/seite/zblg33_0155).
(5) Stadtarchiv Traunstein, A IX 18/1.

 

35/2016