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Jahrgang 2016 Nummer 34

Wöchentlicher Anschlag

Chiemgauer Heimatwoche und Ludwig-Thoma-Tage

»Chiemgauer Heimatwoche - Ludwig-Thoma-Tage«, 1949 (Plakat Nr. 1995); schwarz mit weißem Rand, grüne und gelbe Schrift, links Zeichnung (Lindl in Grün und Weiß auf Stadtwappen), unten mittig weißes Fenster mit schwarzer Schrift, Druck: Chiemgau-Druck, Traunstein, Grafiker: Hans Schwarz; 43 x 61 cm; 2. Exemplar Nr. 623.
»Programm der Ludwig-Thoma-Tage und der Chiemgau-Heimatwoche«, 1949 (Plakat Nr. 1996); beige mit roter und schwarzer Schrift, Druck: Chiemgau-Druck, Traunstein; 60 x 82 cm, sehr gut erhalten, ; 2. Exemplar Nr. 625.
Ludwig Thomas 81-jährige Schwester Käthe Hübner auf dem Weg zur Enthüllung der Gedenktafel in Seebruck, Hotel »Post«, am 19. August 1949. Am gleichen Tage wurde auch die Traunsteiner Gedenktafel der Öffentlichkeit übergeben. (Stadtarchiv Traunstein, Fotosammlung)
Die festlich geschmückte Lokalbahn vor ihrer Abfahrt nach Ruhpolding. (Stadtarchiv Traunstein, Fotosammlung)

Traunstein, August 1949: Vier Jahre lag das Ende des II. Weltkriegs zurück, dessen äußere Wunden langsam zu verheilen begannen. Ein Jahr zuvor hatte die Währungsreform die Grundlage für das künftige Wirtschaftswunder gelegt. Das Grundgesetz war seit wenigen Wochen in Kraft, man war nunmehr Bürger der Bundesrepublik Deutschland und hatte einige Tage zuvor, am 14. August, zum ersten Mal einen Deutschen Bundestag gewählt. Das Bedürfnis, zur Normalität zurückzukehren, war groß. Und dazu gehörten auch Feste und Feiern, die halfen, den immer noch schwierigen Alltag zu bewältigen und das grausame Geschehen der Kriegsjahre sowie das menschenverachtende Regime der Nazis zu vergessen. Das war der Hintergrund, vor dem vom 18. bis zum 28. August die »Chiemgauer Heimatwoche« zusammen mit den »Ludwig-Thoma-Tagen« stattfanden. »Wenn Traunstein an der Spitze seiner Chiemgau-Heimatwoche die Feier des Dichtes Ludwig Thoma gestellt habe, so sei dies in voller Absicht geschehen, um nach den schweren dunklen Jahren das Zeichen zum neuen Aufstieg zu geben.«(1)

Das Programm offenbart eine kaum zu überblickende Fülle, für jeden war etwas dabei. Es gab Ausstellungen der Kunst, des Handwerks und der Landwirtschaft, einen Festzug und ein Trachtenfest, alles begleitet von einem achttägigen Volksfest am Karl-Theodor- Platz, natürlich mit Bierzelt. Theater, Lesungen, Konzerte, ja sogar eine Operette, ein »Fußballwettspiel«, eine gewerkschaftliche Kundgebung, der Tag der Sudetendeutschen und Schlesier, Schaupflügen, Feldmessen – die Aufzählung ließe sich fortsetzen; der Chiemgau, wie er leibt und lebt. Und: »Jeder kann teilnehmen«. So titelte der Traunsteiner Kurier, die einzige lizenzierte Zeitung in der Region, am Tag des Festbeginns:

»Dementsprechend wäre es grundfalsch zu glauben, daß die Veranstaltungen der Ludwig-Thoma-Tage nur einem kleinen Kreis eingeladener Gäste vorbehalten bleiben sollen. Sowohl die Fahrt nach Seebruck, wo eine Gedenktafel am Gasthaus Post(2) an den Dichter erinnern soll, wie auch die Fahrt des Extrazuges auf Ludwig Thomas Lokalbahn nach Ruhpolding, die viel Spaß verspricht, stehen allen frei, die nur mögen. Auch die Mittagessen, die in Seebruck (am Freitag) und in Ruhpolding (am Samstag) vorgesehen sind, sind keinesfalls auf einen kleinen Kreis begrenzt. Für alle Veranstaltungen der festlichen Tage in Traunstein findet ein Vorverkauf im Reisebüro in der Bahnhofstraße statt. Mit der billigen Eintrittskarte zum Preis von einer D-Mark können sämtliche Ausstellungen besucht werden. Auch alle anderen Preise sind so niedrig, daß der Besuch aller Veranstaltungen jedermann möglich gemacht werden kann. Dabei wird besonders die Handwerker-Ausstellung reges Interesse finden, die von nicht weniger als 80 Ausstellern beschickt worden ist. Aber nicht nur an die Erwachsenen ist gedacht. Auch die Kinder werden auf ihre Weise in Traunstein Festtage feiern können. Sie werden ja wohl sowieso einen großen Teil der Besucher des Volksfestes stellen (auf die hübsche Max- und Moritz-Ausstellung hatten wir schon hingewiesen), für sie wird aber am Dienstag ein eigenes Kinderfest veranstaltet, zu dem die Aufstellung in der Hofgasse vor dem Hofbräuhaus um 15 Uhr beginnt. Hier kann sich jedes Kind seinen Roller oder Reifen oder was sonst seinem Herzen wichtig erscheint, mitbringen.«(3)

»Von der Serenadenmusik zur Rinderschau«; Thoma hätte an diesem bunten Treiben seine helle Freude gehabt. Der am 26. August 1921 im Alter von nur 54 Jahren verstorbene Schriftsteller war vor allem durch seine realsatirischen Schilderungen des bayerischen Alltags überaus populär geworden. Allein schon der Umstand, dass die in bester Absicht an seinem ehemaligen Wohnhaus in der Höllgasse angebrachte Gedenktafel seinen Aufenthalt in unserer Stadt falsch datiert; »1892 - 1895« kann man darauf lesen, wobei er tatsächlich von September 1890 bis Januar 1893 an den verschiedenen Traunsteiner Behörden und Gerichten als Rechtspraktikant tätig war.(4) Dieser Fauxpas hätte ihn mit geradezu tödlicher Sicherheit ermuntert, zu seiner spitzen Feder zu greifen und die ihm dargebrachte Ehrerbietung zu kommentieren, voller Humor, aber mit spöttischen Seitenhieben gewürzt, versteht sich.

Wie Ludwig Thoma im Volk gesehen wurde (und immer noch wird) und wie er sich selbst auch gerne sah, zeigt treffend sein »letztes Plädoyer.«(5) Der Staatsschauspieler Friedrich Ulmer, geboren am 27. März 1877 in München, eine bekannte Größe des reichhaltigen Traunsteiner Kulturlebens der unmittelbaren Nachkriegszeit und am 26. April 1952 hier verstorben, hat uns diese Anekdote überliefert. Ulmer war mit Thoma persönlich befreundet und hatte wie dieser ursprünglich zunächst Jura studiert und als Rechtsanwalt gearbeitet.

»Meine Geschichte spielt um die Jahrhundertwende herum […], als im Deutschen Reiche das allgemeine bürgerliche Gesetzbuch eingeführt worden war. Auch die Ehe sollte nun die letzten Fesseln kanonischer Gebundenheit abstreifen und ihre Helligkeit aus der weltlichen Sanktionierung durch ein einheitliches Familienrecht ableiten. In dieser Zeit also war es gewesen, daß ich beruflich mit Ludwig Thoma vor einem Zivilsenat des königlich-bayerischen Oberlandesgerichtes in München zusammentraf, wo wir eine Ehescheidungssache in der Berufungsinstanz zu verhandeln hatten. Sein letztes anwaltschaftliches Auftreten kreuzte sich mit meinem ersten. Wie beneidete ich im Stillen den glücklichen Mann, der die Schiffe seiner bürgerlichen Existenz hinter sich verbannt und den Weg ins Freie gefunden hatte, während ich als Gefangener eines ungeliebten Berufes noch im Finstern herumtappte.

Wir waren übereingekommen, den ganzen leidigen Ehestreit schiedlichfriedlich aus der Welt zu schaffen und auf anständige Weise zu scheiden, was nicht mehr zusammenpaßte. In diesem Sinne wollten wir vor dem hohen Senat plädieren. Der Präsident des Senats, um den sich die Komödie drehen sollte, war ein Richter, der sich in Fachkreisen großer Anerkennung erfreute. Er war Jude gewesen […]. Vor kurzer Zeit erst hatte er jedoch seinen Glauben gewechselt und war katholisch geworden. Ihm unterbreiteten wir unser Prozeßvorhaben und begründeten es mit den einschlägigen materiellen und prozessualen Bestimmungen des neuen Rechtes. Der Präsident hörte uns aufmerksam an, rückte sich auf seinem Sessel zurecht und gab uns zu verstehen, daß er innere Bedenken habe, unserem Antrage stattzugeben. Er finde dahinter etwas – und hier klopfte er bei jedem Worte mit seinem großen Bleistift auf den Tisch – er finde etwas wie eine Verletzung des sakralen Charakters der Ehe, der ihr gleich der latenten Wärme auch heute noch unsichtbar innewohne. Nach seinem Worte wurde es still im Saal. Nun erhob sich Ludwig Thoma, klappte die Aktendeckel zusammen, zog seine fein geschnittenen Brauen hoch und entgegnete dem Eiferer: O mei, Herr Senatspräsident, wenn’s amal so lang katholisch sind, wie wir, nacher finden’s nix mehr dahinter. Der hohe Richter hatte Humor genug, sich durch diese Argumentation geschlagen zu geben und willfahrte mit einer anheimgebenden Geste unseren Wünschen.«

Thoma bemühte sich in seinen Werken darum, die herrschende Scheinmoral bloßzustellen. Auch unsere Stadt bekam in seinen »Erinnerungen« (1919) sein Fett weg: »Klein und eng war es in Traunstein und von einer Gemütlichkeit, die einen jungen Mann verleiten konnte, hier sein Genüge zu finden und auf Kämpfe zu verzichten. Es ist altbayrische Art, sich im Winkel wohl zu fühlen, und aus Freude an bescheidener Geselligkeit hat schon mancher, um den es schad war, Resignation geschöpft.«(6) Schwäche und Dummheit des spießbürgerlichen Milieus prangerte er ebenso an wie das chauvinistische und großmäulige Preußentum mit seinem Pickelhauben- Militarismus. Er stieß sich am Provinzialismus und der klerikalen Politik seiner Zeit im Königreich Bayern, was sich beispielhaft in »Jozef Filsers Briefwexel« niederschlägt. Als brillant werden die Erzählungen und Einakter aus dem bäuerlichen und kleinstädtischen Lebenskreis in Oberbayern angesehen.(7)

Aber: »[…] der vor allem wegen seines hintersinnigen Humors vielgelobte bayerische Volksdichter zeigte sich nach dem Ersten Weltkrieg als Nationalkonservativer schärfster Ausprägung, der mit erschreckenden antisemitischen Parolen und antisozialistischer Polemik die demokratischen Kräfte der Weimarer Republik diffamierte.«(8) Seine im Grundsatz politisch linksliberale Haltung hatte sich radikal geändert. Im Juli 1917 schrieb Thoma sich als Mitglied bei der Deutschen Vaterlandspartei ein, die für einen kompromisslosen Siegfrieden eintrat. Die sich abzeichnende Kriegsniederlage im November 1918 konnte er nicht verkraften. Verbittert zog er sich in sein Haus »Auf der Tuften« am Tegernsee zurück. Dort verfasste er für den Miesbacher Anzeiger in den letzten 14 Monaten seines Lebens 167 größtenteils anonyme, meist antisemitische Hetzartikel, vor allem gegen die Regierung in Berlin und die Sozialdemokratie.

Man kann kaum anders, als Inhalt und Wortlaut dieser Artikel als widerlich zu bezeichnen. Einen Tiefpunkt erreichte Thoma, als er am 8. April 1921 den feigen Mord, den Anton Graf von Arco auf Valley 1919 an Bayerns Ministerpräsident Kurt Eisner begangen hatte,(9) eine »Hinrichtung« nennt. Wörtlich heißt es in diesem Pamphlet: »In Berlin erscheint die Weltbühne, die der Jacobsohn herausgibt, und die in jeder Nummer nachträglich noch den Widerstand Deutschlands gegen die Welt ins Lächerliche zu ziehen sucht. Daß der Bursche ungeohrfeigt in Berlin herumgehen darf, ist ein Beweis für den Mangel an Zivilmut, der an der Spree unheilbar zu sein scheint. In München haben wir doch mit der Hinrichtung des Eisner […] den Nachweis geliefert, daß es uns nicht an Temperament fehlt. […] Immerhin waren das nur Vorspiele zu größeren Kuren, die wir uns gelobt haben für den Fall, daß sich die Beschnittenen bei uns noch einmal mausig machen. Dann geht’s aus dem Vollen.«(10)

Die Stadt München hat 1990 die Verleihung der zu seinen Ehren seit 1967 jährlich vergebenen Ludwig-Thoma-Medaille eingestellt.(11) Dennoch erinnert im täglichen Leben noch vieles an den bayerischen Literaten, nicht nur in der Landeshauptstadt, wo seine Büste die Ruhmeshalle ziert, sondern in ganz Bayern, wo fast ein jeder seine »Lausbubengeschichten« und die »Heilige Nacht« kennt und schätzt. In Traunstein halten eine Straße sowie eine Schule sein Andenken wach.

Es wäre sicher voreilig, seine Lebensleistung allein an seinen letzten beiden Jahren zu messen, in denen eine tiefe Verbitterung und am Ende eine unheilbare Krankheit an ihm zehrten. Man kann durchaus dem Literaturwissenschaftler und Thoma-Experten Ludwig Gajek, (inzwischen emeritierter) Professor an der Universität Regensburg, beipflichten, der bei seinen Forschungen auch die im Stadtarchiv Traunstein verwahrten Unterlagen umfassend berücksichtigt hat.(12) »Im Jahre 1989 stürzte Ludwig Thoma vom Postament eines bayerischen Nationaldichters. Seine Beiträge zum Miesbacher Anzeiger erschienen – als Teil der kommentierten Neuausgabe des Piper-Verlags. So wurde ein Bereich in Thomas journalistischem Werk aufgedeckt, der zwar lange bekannt gewesen war, aber nun als dunkle Wolke sich über den Autor und das ganze Werk senkte. […] So problematisch Thomas Journalismus seiner letzten zwei Lebensjahre ist – die gleichzeitige literarische Produktion gehört zu seinen gültigen Leistungen. Darin wie auch in seiner gesamten vorausgehenden Dichtung findet sich nichts, was einem manifesten Antisemitismus zuzurechnen wäre.«(13) Dennoch, das letzte Wort über Ludwig Thoma hat die Wissenschaft hier noch nicht gesprochen.


Franz Haselbeck


Anmerkungen:
(1) Karl Krazer, Vorsitzender der Kur- und Verkehrsvereins, bei der Enthüllung der Gedenktafel für Ludwig Thoma am Haus Höllgasse 4 in Traunstein am 19.8.1949; Traunsteiner Kurier Nr. 97 v. 20.8.1949, S. 5.
(2) Thomas Mutter Katharina hatte von 1883 bis 1895 in Traunstein den Gasthof »Zur Post« (heute Kaufhaus Unterforsthuber) gepachtet, bevor sie die »Post« in Seebruck übernahm.
(3) Traunsteiner Kurier Nr. 96 v. 18.8.1949, S. 6.
(4) Richard Lemp, Ludwig Thoma. Bilder, Dokumente, Materialien zu Leben und Werk, München 1984, S. 16.
(5) Traunsteiner Kurier Nr. 96 v. 18.8.1949, S. 4.
(6) Abgedruckt in: Anton Kasenbacher, Traunstein. Chronik einer Stadt in Wort und Bild, Grabenstätt 1986, S. 307-308; auch abrufbar unter: https://books.google.de/books?isbn=3843076421.
(7) Vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Ludwig_Thoma.
(8) Emma Mages, Miesbacher Anzeiger, in: Historisches Lexikon Bayerns online (https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Miesbacher_Anzeiger).
(9) Vgl. Nr. 9 dieser Serie v. 27.2.2016.
(10) Otto Gritschneder, Angeklagter Ludwig Thoma, München 1992, S. 137-138.
(11) Daniel Draˇsˇcek u. Dietz-Rüdiger Moser, Schon Korfiz Holm fand Ludwig Thoma »krachledern«, in: Literatur in Bayern 21/1990, S. 2-14; als PDF abrufbar unter: http://epub.uni-regensburg.de/26782/.
(12) Stadtarchiv Traunstein, Benutzerakt (BA) Nr. 80 (Ludwig Thoma).
(13) Bernhard Gajek, Ludwig Thoma (1867-1921): Philosemitismus – Antisemitismus. Ein Beitrag zur Diskussion, in: Jahrbuch der Freunde der Monacensia e.V., München 2012, S. 132-165 (abrufbar unter: http://epub.uni-regensburg.de/view/people/Gajek=3ABernhard=3A=3A.html).

 

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