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Jahrgang 2016 Nummer 33

Wöchentlicher Anschlag

Die Traunsteiner Freilicht-Bühne

»Traunsteiner Freilicht-Bühne: D’ Schatzgraber von Benno Rauchenegger«, 1913 (Plakat Nr. 688); beige mit schwarzer Schrift, links in grünen Ornamenten Vignette, Druck: Buchdruckerei Ed[uard] Leopoldseder, Traunstein, Grafiker: [Klemens] Thomas, München; 41 x 34 cm.
Josef Angerer. (Stadtarchiv, Fotosammlung)
Die Freilichtbühne mit Kulissen und elektrischer Beleuchtung, 1914. (Stadtarchiv Traunstein, Postkartensammlung, PK 176)
Klemens Thomas. (Stadtarchiv, Fotosammlung)

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts war Traunstein eine Stadt im Aufbruch. Die Folgen der Brandkatastrophe von 1851 waren überwunden. Der enorm wichtige Anschluss an die Bahnlinie München-Salzburg hatte den Weg in die Zukunft geebnet. Traunstein war damit das Schicksal vieler alter Handelsstädte erspart geblieben, die abseits des neuen Verkehrsmittels in einen wirtschaftlichen und sozialen »Dornröschenschlaf« verfielen. Neue Baugebiete wurden erschlossen, die Stadt »sprengte« ihre mittelalterlichen Mauern und dehnte sich rasant nach Westen aus. Ein architektonisch hochwertiger Jugendstil gab ihr ein neues Gesicht; malerische Villenviertel entstanden. Innerhalb von nur sechs Jahrzehnten hatte sich die Zahl der Einwohner mehr als verdoppelt – von 3300 im Jahr 1840 auf 8300 um 1900.

Viele Maßnahmen zur Verbesserung der Infrastruktur konnten verwirklicht werden, so der Ausbau des Hochdruck-Wasserleitungs- und des Abwasser-Kanalnetzes, ein neuer Waldfriedhof (1908) und das moderne Krankenhaus an der Cuno-Niggl- Straße (1912-1914), um nur einige Beispiele zu nennen. Schulen, Behörden und Gerichte festigten Traunsteins Status als »Zentralort des Chiemgaus«. Der aufkommende Tourismus belebte das Stadtbild, zahlreiche Besucher bevölkerten die Straßen. Das Kurhaus am Klosterberg, das Wildbad in Empfing, das Prinz-Ludwig-Heim an der Wasserburger Straße und das Marienbad an der Sonnenstraße (Ludwig-Thoma-Straße) waren stark frequentiert; die Eröffnung der Wandelhalle an der Haslacher Straße am 7. August 1913 war ein weiterer Meilenstein auf dem Weg zur Kurstadt, den man eingeschlagen hatte.(1)

Auch die Kultur blühte. Der 1889 gegründete »Historische Verein für den Chiemgau zu Traunstein« pflegte engagiert die Heimatkunde und widmete sich dem Stadtmuseum, Theateraufführungen und Konzertveranstaltungen hatten Hochkonjunktur; sie wurden in kaum überschaubarer Zahl angeboten und waren stets gut besucht.(2) In diesem Zusammenhang ist auch die Errichtung einer Freilichtbühne »am Ettendorfer Steinbruch« zu sehen. »Die an Ort und Stelle angestellten akustischen Proben ergaben sehr günstige Resultate. Im Auftrage der um das Zustandekommen dieser Aufführungen (es sind ungefähr 3 während des Sommers in Aussicht genommen) bemühten Vereine stelle ich an den hochlöblichen Stadtmagistrat das ergebenste Ersuchen, auf die Dauer von höchstens 3 Monaten das für Vereinsveranstaltungen bereits geschaffene und vorhandene Podium (als Bühne) dem Unternehmen zu überlassen. […] Außerdem würde zur Instandsetzung des Platzes, zur Beschaffung geeigneter Scenerie usf. [und so fort] um kostenlose Überlassung eines städtischen Zimmermanns auf die Dauer von 8 Arbeitstagen (bei gutem Wetter) gebeten. Für Beschaffung von Baumaterial, Gestühl etc. wurde bereits von privater Seite in entgegenkommendster Weise Zusage gegeben.«(3)

Der Verfasser dieser Zeilen ist ein Mann, dessen Name dem geschichtsbewussten Traunsteiner nach wie vor geläufig ist, verdankt man ihm doch die Stiftung des Heimathauses in der vormaligen Gastwirtschaft »Zum Ziegler« am Stadtplatz: Josef Angerer, geboren am 10. Mai 1882 als Sohn des Zieglerwirts Josef Anton Angerer (1852-1883) und seiner Ehefrau Elisabeth (1858-1936). Er legte damit nicht nur den Grundstein für das heutige Museum, er sicherte der Stadt auch ein bauliches Wahrzeichen von bleibendem Wert.

Angerer, von Beruf Architekt, war ein begnadeter Organisator und Motivator, der Projekte anstieß, immer bemüht, Traunstein zu gestalten und weiterzuentwickeln, und der die erforderlichen Persönlichkeiten und öffentlichen Stellen begeistern, auftretende Konflikte schlichten und gegensätzliche Positionen zusammenführen konnte. »Er entfaltete aus seinem künstlerischen Gesamtempfinden heraus eine derartig umfassende, gemeinnützige Tätigkeit, daß sie ein langes Leben wohl ausgefüllt haben würde. […] Was Angerer bei dem allen an selbstloser Hingabe an die Idee leistete, in welch’ rührender Weise er jede Gelegenheit benützte, um seiner Vaterstadt Liebes zu erweisen, wie er kein Opfer und keine Mühe scheute, wo es nur ging, helfend und rettend beizuspringen, das vermag keine Feder zu schildern. So rührig er war, nie erweckte er den Eindruck des Übergeschäftigen und Selbstherrlichen, nie sprach er von sich, sondern blieb immer voll Anerkennung für die Verdienste anderer, ja, wer sich als Wohltäter Traunsteins erwiesen hatte, der genoß seine unbegrenzte Verehrung.«(4) Tatsächlich ist Angerers Engagement, vor allem für die kulturelle Weiterentwicklung Traunsteins, kaum hoch genug einzuschätzen. Eine tückische Krankheit setzte seinem Leben am 7. November 1918, im Alter von nur 36 Jahren, ein allzu frühes Ende.(5) Er wäre ohne jeden Zweifel zu Höherem berufen gewesen.

Bei der Freilichtbühne jedenfalls rannte er offene Türen ein. Der Magistrat genehmigte sein Gesuch am 25. Juni 1913 ohne Wenn und Aber, »da die beabsichtigten Versuche […] nicht zuletzt auch im Interesse des Fremdenverkehrs liegen«. Die Premiere war allem Anschein nach ein voller Erfolg. Und so konnte Angerer als »ergebenst unterzeichneter bisheriger Leiter der Freilichtbühne Traunstein« am 5. Mai 1914 dem Magistrat berichten, »daß auch für die heurige Saison die Aufführung einer Anzahl gut ausgewählter Volksstücke in Aussicht genommen ist. Um diesen vom Saison- wie auch vom einheimischen Publikum so gerne besuchten Theatervorstellungen auf der Naturbühne noch größere Bedeutung zu sichern, um durch glanzvolle Festaufführungen auch einen gewissen Sonntagszuzug vom Lande wie von unseren Nachbarstädten zu erreichen, haben sich […] die beiden bisher bestehenden Theatervereine Traunsteiner Volkstheater (Thalia) und Theatergesellschaft des Gebirgstrachten-Erhaltungsvereins Trauntal zu einem Verein zusammengeschlossen. Die Regie und künstlerische Leitung übernahm ein […] seit einiger Zeit in Traunsteins Mauern schaffender, wohlbekannter Künstler, Herr Kunstmaler Hans Kaufmann.«(6)

Nur allzu gerne erteilten die Stadtväter am 16. Juli 1914 dem »hiesigen Theaterverein Freilichtbühne […] die ständige Erlaubnis zur Aufführung von Theatervorstellungen während der Sommermonate […] für das heurige Jahr« und unterstützten ihn »durch unentgeltliche Überlassung von ca. 50 Stück Nadelholzbäumchen […], ferner durch kostenlose Abgabe von geeigneten Bauholz- und Bretterabfällen […] zur endgültigen Vollendung und Bepflanzung der Bühnenanlage«. Etwa 20 Darbietungen waren geplant. Und da »es nach den vorjährigen Erfahrungen unmöglich [war], ohne elektrisches Licht Theaterstücke aufzuführen – es wurden Kerzen und Lampen zur Beleuchtung zwar verwendet, doch bei einem Windstoß waren die Lichter erloschen und waren daher sowohl die Zuschauer als auch die Spieler mit einem so schwachen Lichteffekt, der bei einem Theater doch die Hauptsache sein muß, unzufrieden« – legte man auch gleich eine Stromleitung; war doch »eine Kerzenbeleuchtung in der jetzigen Zeit bei einem Theater vollständig veraltet und unmodern«. Und das war gewiss das Letzte, was die aufstrebende Kulturstadt damals sein wollte!

Jedoch, der Ausbruch des I. Weltkriegs setzte der Erfolgsgeschichte ein Ende, noch bevor sie richtig begonnen hatte. Und er beendete auch das Leben des Künstlers, der das Plakat der Freilichtbühne gestaltet hatte. Der Münchner Grafiker und Architekt Klemens Thomas fiel, noch keine dreißig Jahre alt, am 25. September 1914 »im Gefecht bei Cappy, Departement Somme, durch Infanterie-Schuß in den Kopf«.(7) Thomas war ein Studienkollege und enger Freund Angerers. Seine Zeichnungen stechen hervor, sie zeigen eine moderne, völlig andere Bildsprache, als bislang »in der Provinz« üblich. Dass Josef Angerer, nicht nur in diesem Fall, ihn und keinen der alteingesessenen Maler beauftragt hatte, zeigt, welch visionäre Gedanken sein Handeln bestimmten. Es wirft aber auch ein helles Licht auf seinen Charakter. Wie kaum ein anderer verstand er es, mit schwierigen Menschen umzugehen und dabei eigene Befindlichkeiten hintanzustellen. Und schwierig, das war dieser Freund ohne jeden Zweifel. Thomas war von sich und seinen Fähigkeiten gnadenlos überzeugt. Kritikfähigkeit gehörte nicht zu seinen Stärken – ein Künstler eben. Was sich der »liebe Angerer«, so redete er seinen Förderer in zahlreichen Briefen an, da so manches Mal anhören musste, waren schon mehr, als nur klare Worte. Die Diskussion um die Vignette, die unser heutiges Plakat ziert, könnte als Beispiel nicht besser gewählt werden.

»Traunsteiner Volkstheater liegt Skizze bei. Ich bitte dich, an die Gesellschaft meine Grüße auszurichten und gleichzeitig ihnen zu eröffnen, daß ihre Idee, zuerst Schrift, dann Stadtbild, dann Gebirge, dann den Kopf, der wie in einem Kasperltheater hinter der Gebirgskulisse auftaucht, kurz gesagt ein Schmarrn ist (vielleicht drückst du dich etwas feiner aus!) und ich meine Idee, wie auf Skizze ersichtlich, vorschlage. Ich bitte zu erwähnen, daß ich ihre Idee nicht ausführen werde, da ich dabei Gefahr laufe, meinen Ruf als Zeichner zu diskretidiren [sic]. Wenn sie mit meiner Idee nicht einverstanden sind, muß ich den Auftrag ablehnen.«(8) Angerer beschwichtigte den Erzürnten, er vermittelte, und Thomas gestaltete das Motiv, das auch als Reklamemarke gedruckt wurde, so, wie er es wollte: Über der Stadt, im Hintergrund Hochfelln und Hochgern, schwebt Thalia, Beschützerin aller Theaterspielstätten, die Muse der Komödie und des Lustspiels, in der Linken ihre Maske, die Rechte den Schleier haltend, auf Wolken in einem Strahlenkranz.

Der Autor hat sich mit Leben und Werk von Klemens Thomas ausführlich auseinandergesetzt.(9) Jedem, der an der Stadtgeschichte und hier vor allem an der Situation ausgangs der »guten alten Prinzregentenzeit« interessiert ist, sei die Lektüre dieses Aufsatzes dringend ans Herz gelegt. Vielleicht wird er dabei erkennen (und damit dem Verfasser beipflichten), welche Chancen und Entwicklungsmöglichkeiten der Erste Weltkrieg der Stadt Traunstein – und nicht nur ihr – geraubt hat, und wie viele junge, hoffnungsvolle Männer damals ihr Leben geben mussten. In jedem Fall aber wird er einem interessanten Menschen und Künstler und seinen faszinierenden Traunstein-Grafiken begegnen.


Franz Haselbeck


Anmerkungen:
(1) Siehe hierzu Alfred Staller, Als Traunstein eine Kurstadt war, in: Jahrbuch des Historischen Vereins 9/1997, S. 98-123.
(2) Vgl. Nr. 12 dieser Serie v. 19.3.2016 u. Nr. 22 v. 28.5.2016.
(3) Stadtarchiv Traunstein, A 313/3-2: Errichtung einer Freilichtbühne, 1913-1914; daraus auch die weiteren nachfolgenden Zitate.
(4) Ludwig Bolgiano, Josef Angerer - Ein Lebensbild, in: Der Sammler (Unterhaltungs- und Literaturbeilage der München-Augsburger Abendzeitung) 87/1918, Nr. 141.
(5) Hugo Zumpf, Die Geschichte der Angerer, in: Jahrbuch des Historischen Vereins 2/1990, S. 21-41.
(6) Hans Kaufmann, geb. am 21.12.1862 in Hohenschwangau, als freischaffender Maler 1898-1913 in Ruhpolding, seit 1913 in Traunstein ansässig, hier verst. am 12.8.1949. Kaufmann hinterließ ein reichhaltiges Werk und gilt bis heute als »der Maler des Georgiritts«.
(7) Kriegsarchiv München: KrStR 427, Lfd. Nr. 49 (Klemens Thomas).
(8) Brief Thomas an Angerer v. 22.4.1913, in: Stadtarchiv Traunstein, Nachlass Köstler, Sammlung Angerer.
(9) Franz Haselbeck, Ein vergessener Künstler: Das grafische Werk des Münchner Architekten Klemens Thomas (1884-1914) - Bemerkenswerte Zeugnisse der Traunsteiner Stadtgeschichte an der Schwelle zum Ersten Weltkrieg, in: Oberbayerisches Archiv 139/2015, S. 146-221.

 

33/2016