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Jahrgang 2016 Nummer 31

Wöchentlicher Anschlag

Zwischenbilanz und Korrekturen

Die Bekanntmachung der Militärregierung vom 23. Mai 1945 vor und nach ihrer Restaurierung.
»Im Namen Seiner Majestät des Königs von Bayern (Die Handhabung der Policei auf öffentlichen Straßen betreffend)«, 1846 (Plakat Nr. 1111); beige mit schwarzer Schrift, dreispaltig, Herausgeber: Königliche Regierung von Oberbayern, Kammer des Innern; 45 x 59 cm, leicht beschädigt; rückseitig, (Anschlag-)Spuren von Siegellack.
»Einladung zu einem ganz freien Scheiben- Schießen mit Bürschstutzen mit Gucker«, 1853 (Plakat Nr. 692); weiß mit schwarzer Schrift, Druck: M. Zugschwert, Reichenhall; 41 x 51 cm.
»Einladung zu dem am 23. September 1860 und den darauffolgenden Tagen zu Traunstein stattfindenden landwirthschaftlichen Bezirks-Feste«, 1860 (Plakat Nr. 693); beige mit roter, schwarzer und blauer Schrift, Druck: Anton Miller, Traunstein, 41,5 x 58 cm.

Was wünscht sich ein Autor? Nun, er wünscht sich vor allem eines: Dass seine Artikel von möglichst vielen Interessierten wahrgenommen werden. Und er wünscht sich Kritik, möglichst positive, und vielleicht noch das ein oder andere Feedback zu einer bestimmten Problematik, die er angesprochen hat. Wenn also ein Leser im Stadtarchiv anruft, sich, weil selbst von dort stammend, begeistert über den Beitrag zur »Alpinen Bayerischen Skimeisterschaft in Schleching 1950« zeigt(1) und unverzüglich einige Fotos von Skistars der damaligen Zeit sowie komplette Tabellen ihrer zahlreichen Erfolge digital zur Verfügung stellt, ist das schon sehr erfreulich. Wenn eine Leserin anmerkt, die Datierung des Fotos vom Volksfest in Haslach 1909(2) könne, obwohl auf dem Original zweifelsfrei vermerkt, nicht stimmen, das Bild des Ruhpoldinger Festwagens zeige ihren Großvater und der war damals mit Sicherheit noch nicht so alt, dann wirft dies Fragen auf, deren Beantwortung spannend zu werden verspricht. Und wenn schließlich jemand erzählt, er wohne in einem der alten Häuser, die um 1900 auf den Rosnerschen Baugründen entstanden sind und finde den kleinen Aufsatz sehr unterhaltsam, dann weiß man, dass man mit der Auswahl seiner Themen zumindest nicht ganz falsch gelegen hat. Warum man diese Parzellen damals unter dem Slogan »Traunstein – Bayerisches Graz«(3) vermarktet hatte, darauf konnte sich auch dieser Mitbürger keinen rechten Reim machen.

Falls aber ein Heimatfreund, durch die Lektüre der »Wöchentlichen Anschläge« ermutigt, den Weg in das Stadtarchiv findet, dort dem Archivar ein Plakat präsentiert und dabei verlauten lässt, er würde es ihm gerne als Schenkung dauerhaft überlassen, dann ist das ein absolutes »Highlight«, das eine entsprechende Würdigung verdient. Ein großer Dank geht daher an den Traunsteiner Günther Perktold, der vor einigen Wochen genau das getan hat. Den Anschlag vom 23. Mai 1945 hat Herr Perktold vor etwa 60 Jahren als junger Verwaltungslehrling von einer Tafel im Eingangsbereich des alten Landratsamtes an der Maxstraße abgenommen. Gut ein Jahrzehnt hatte das Plakat dort überdauert und war immer wieder überklebt worden. Der Landrat teilte darin auf Befehl der Militärregierung der Bevölkerung unmissverständlich mit, dass unrecht mäßig angeeignetes Heeres- oder Privatgut unverzüglich bei den Behörden zu melden sei und darüber hinaus »auf Plünderung die Todesstrafe« stehe; der Text wurde in deutscher und englischer Sprache verfasst. Immer schon an der Stadtgeschichte interessiert, hat Perktold das alte Stück Papier nicht einfach achtlos weggeworfen, sondern behutsam verpackt und seither bei sich zu Hause verwahrt.

Nun war das Plakat natürlich in einem denkbar schlechten Zustand. Aber Papier ist nicht nur geduldig, es lässt sich auch hervorragend restaurieren, mit teilweise unvorstellbar guten Ergebnissen. Das Stadtarchiv beauftragte damit die Münchner Buchwerkstatt Schiedeck, mit der es schon mehrfach und stets zur vollsten Zufriedenheit zusammengearbeitet hat. Und das Ergebnis kann sich auch dieses Mal sehen lassen. Am 17. Juni ist die »Bekanntmachung (Notice)« wieder nach Traunstein zurückgekehrt, nicht »wie neu«, das ist nicht Sinn und Zweck einer solchen Maßnahme, sondern fachgerecht überarbeitet und für die Zukunft konserviert. »Befund: Plakat auf sehr dünnem, holzhaltigem Plakatpapier in 8 größeren und einigen kleineren Teilstücken an den Knicken gebrochen, viele Fehlstellen, verschmutzt, eingerissen, gestaucht, verknickt, verbräunt. Klebstreifenreste von weißem Papier auf Rückseite. Behandlung: 1. Oberfläche trocken reinigen (radieren mit Trockenradierer) und Klebstreifenreste auf Rückseite entfernen (feucht). 2. Aufziehen der Teile passgenau auf 120g/qm f-color Papier, rehbraun (pH-Wert neutral, außerordentlich alterungsbeständig und lichtecht) mit Weizenstärkekleister aus eigener Herstellung. 3. Trocknen, glätten und pressen.« Soweit (in Auszügen) der Bericht der Restauratorin und Firmeninhaberin Andrea Fellinger.

Dass eine solch diffizile Arbeit nicht für Gotteslohn zu haben ist, sollte sich von selbst verstehen. In diesem Fall betrugen die Kosten 273,70 Euro. Der damit verbundene historische Gewinn freilich steht zu dieser Summe in keinem Verhältnis, er soll, ja muss eine solche Investition immer wert sein. Das Objekt wird in Bälde, zusammen mit einigen weiteren Neuzugängen bzw. Funden in Archivakten, der Plakatsammlung des Stadtarchivs (und dort natürlich dem Selekt »Historische Plakate«) beigeordnet und entsprechend verzeichnet. Anschließend steht es, wie auch alle anderen Dokumente des Stadtarchivs, der Forschung zur Verfügung oder kann bei Ausstellungen gezeigt werden, zum Nutzen der Allgemeinheit. Der nochmalige aufrichtige Dank hierfür gebührt, und hier wiederholt sich der Verfasser gerne, Herrn Günther Perktold.

Wer arbeitet, macht Fehler, der Müßiggänger bleibt in aller Regel von solchem Missgeschick verschont. Diese Binsenweisheit ist so alt wie die Menschheit. Obwohl auch der Müßiggang durchaus nicht zu verachten ist, hat sich der Autor doch (meistens) der Arbeit verschrieben, und so sind auch ihm schon einige historische Irrtümer im Rahmen dieser Serie unterlaufen, die er gerne mit einem »mea culpa« eingestehen und korrigieren möchte.

So hat er an verschiedenen Stellen behauptet, das älteste Plakat der städtischen Sammlung wäre das »Programm zu dem landwirthschaftlichen Bezirksfeste in Tittmoning«, datiert auf den 1. September 1858.(4) Die wiederholte und genauere Durchsicht des Bestandes in den vergangenen Monaten aber ließ erkennen, dass einige Exemplare schon früher ihren Dienst an den Litfasssäulen verrichtet hatten.(5) Und die Ehre, das älteste zu sein, gebührt einer Bekanntmachung »Im Nahmen Seiner Majestät, des Königs von Bayern, die Handhabung der Policei auf öffentlichen Straßen betreffend «, vom 24. Februar 1846. Wobei »Policei« [von griechisch politeía = Bürgerrecht, Staatsverwaltung] hier nicht die Gesetzeshüter bezeichnet, sondern im Sinne von öffentlicher Sicherheit und Ordnung zu verstehen ist.

»Die vielfach vorkommenden Beschwerden wegen Uebertretung der Strassen-Policei-Vorschriften veranlassen die unterfertigte Stelle, dieselben in nachstehender Zusammenstellung den Behörden und Unterthanen zur Nachachtung in Erinnerung zu bringen: § 1: Die Ausbesserung der Straßen und des Kies-Pflasters, der Brücken und Durchlässe, Straßen-Gräben und so anders in den Städten, Dörfern und Märkten, soweit sie den Gemeinden obliegt, hat stets rechtzeitig zu geschehen. Die Weg- und Brücken- Gelder oder die dafür zu beziehende Entschädigung sind vorzüglich und, wo es nöthig ist, ausschließlich dafür zu verwenden. […]«

Auch bei der Dokumentation zum Traunsteiner Volksfest sind zwei Ungenauigkeiten zu berichtigen.(6) »Rund fünfzig Jahre sind es her, daß in unserer herrlichen Bergstadt das weit und breit bekannte Volksfest zum ersten Male gefeiert wurde. Dies teilte das Traunsteiner Wochenblatt am 17. September 1901 seinen Lesern mit. Tatsächlich verwahrt das Stadtarchiv eine Rechnung über Einnahmen und Ausgaben des landwirthschaftlichen Fest- Schießens zu Traunstein […]. Ansonsten wissen wir über den Festverlauf nichts.« Falsch, oder zumindest nicht ganz korrekt, denn die damals nicht beachtete Einladung zu genau diesem Festschießen ist in der Plakatsammlung vorhanden. Wenn Sie auch nichts über das Fest an sich verlauten lässt, kann man ihr doch weitere interessante Details zum »ganz freien Scheiben-Schießen mit Bürschstutzen [Bürsch = Pirsch] mit Gucker« entnehmen. Und in der Reihe der in Traunstein veranstalteten frühen Landwirtschaftsfeste – 1853, 1872, 1880, 1890 und 1901 – bemerkt man erstaunt das Fehlen der 1860er Jahre, das dem ansonsten ca. zehnjährigen Turnus entgegensteht. Der Leser ahnt es schon: Es hat ein weiteres stattgefunden, vom 23. bis zum 25. September 1860, mit Umzug und Feuerwerk, Hunde- und Pferderennen. Und dieser Fehler ist besonders ärgerlich, hätte man doch dieses Volksfest mit der plakativen Einladung des »Fest-Comites« wunderbar dokumentieren können.

Wenn nun dem einen oder anderen weitere Ungereimtheiten aufgefallen sind oder aber in Zukunft auffallen werden, dann hat der Autor die ehrliche Bitte, ihm diese jederzeit mitzuteilen, sei es persönlich, telefonisch oder per E-Mail (Stadtarchiv Traunstein, Tel. 65-250, franz.haselbeck@stadt-traunstein.de). Auch wenn er, wie gesagt, das Lob bevorzugt, ist ihm doch jederzeit bewusst, dass seine Beiträge niemals frei von Fehlern sein können und er die historische Wahrheit nicht für sich allein gepachtet hat. Und etwas besseres, als dass man sich mit seinen Abhandlungen kritisch auseinandersetzt, kann einem Historiker
nicht passieren. Denn davon lebt die
Forschung, und nur so entstehen neue
Erkenntnisse.


Franz Haselbeck

 

Anmerkungen:
(1) Vgl. Nr. 6 der Serie »Wöchentlicher Anschlag«, in: Chiemgau-Blätter v. 6.2.2016.
(2) Vgl. Nr. 19, in: Chiemgau-Blätter v. 7.5.2016.
(3) Vgl. Nr. 3, in: Chiemgau-Blätter v. 16.1.2016.
(4) Vgl. Nr. 1 u. 19, in: Chiemgau-Blätter v. 2.1. bzw. 7.5.2016. Das besagte Plakat ist unter Nr. 631 verzeichnet.
(5) Vor 1858 gedruckt wurden auch die Plakate: Nr. 692 »Einladung zu einem ganz freien Scheiben-Schießen« (1853), weiter unten behandelt; Nr. 1654 »Bekanntmachung [zur Abwendung der] epidemischen Brechruhr« (1854), in Beitrag 38 thematisiert; Nr. 1712 »Programm zur dritten Jahresfeier des unter dem Protektorate seiner Majestät des Königs Maximilian II. bestehenden Bürgerbundes zur allerseligsten Schutzpatronin Bayerns an der Mariensäule in München« (1857).
(6) Vgl. Nr. 19 u. 20, in: Chiemgau-Blätter v. 7. u. 14.5.2016.

 

31/2016