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Jahrgang 2016 Nummer 29

Wöchentlicher Anschlag

90-jähriges Bestehen des Turnvereins Traunstein

»Oberbayerisches Kreisturnfest«, 1954 (Plakat Nr. 2632); beige / türkisgrün, Schrift schwarz, links unten Ansicht des Brothausturms und der Stadtpfarrkirche, oben zwei Fahnen mit (1) den Buchstaben DTB und (2) dem Turnerkreuz, beides in Rot, Druck: Buchdruckerei Leopoldseder, Grafiker: Willi Witt, Traunstein (Entwurf und Linolschnitt); 59 mal 84,5 cm, stark beschädigt.
1959 feierte auch das Jahndenkmal seinen 50. Geburtstag. Es war 1904 vom Turnverein anlässlich seines 40-jährigen Bestehens errichtet worden. (Stadtarchiv Traunstein, Postkartensammlung, PK 458)

Mit Jubiläen, Gründungsjahren oder Erstnennungen hat der Historiker nicht selten seine liebe Müh und Not. Man forscht – meist aus gegebenem Anlass – genauer nach und stellt am Ende fest: So ganz stimmt die Jahreszahl nicht, auf die sich der Jubilar da voller Stolz beruft. Und manches Mal ist die Abweichung zwischen Wunsch und Realität durchaus beachtlich; das »Hundertjährige«, das man groß angekündigt hat und dessen Planungen bereits forsch vorangetrieben wurden, liegt in Wahrheit noch in weiter Ferne oder hätte (die eher seltener vorkommende Variante) schon längst begangen werden müssen. Dass der Überbringer der schlechten Nachricht den in feierlicher Vorfreude schwelgenden Verantwortlichen damit keine große Freude bereitet, versteht sich von selbst. Der Verfasser könnte davon nicht nur ein Liedchen singen.(1) Ein offener, vorbehaltloser Umgang mit den Tatsachen ist die große Ausnahme. Entweder wird die neue Erkenntnis von den Lokalmatadoren ganz einfach ignoriert oder die Kompetenz ihres Urhebers angezweifelt. Gerne genommen wird dabei (falls zutreffend) die vorwurfsvolle Feststellung: »Sie können das ja gar nicht wissen, sie sind ja nicht von hier.« Die Bemerkung, ob etwa der Gesprächspartner vor 100 Jahren schon zugegen war, sollte man sich an dieser Stelle besser verkneifen. Auch die Antwort: »Das stimmt, ich bin kein geborener Traunsteiner, aber ich habe gelernt, Dokumente zu lesen und auszuwerten« zeigt in der Regel wenig Wirkung. Aber, und das ist tröstlich, wir haben es hier nicht mit einer Traunsteiner Besonderheit zu tun. Für alle Archivare an bayerischen Kommunen gehört dieses Phänomen quasi zum Berufsrisiko, mit dem man zu leben hat – ob man will oder nicht.

Beim TV Traunstein gibt es dieses Problem nicht. Der wurde tatsächlich 1864 gegründet, ohne Wenn und Aber. Der Beleg findet sich in einem Rechnungsbuch, dem ältesten Dokument des Vereins. Dort wurden am 2. Juli 1864 9 Gulden 30 Kreuzer eingetragen, »von der Feuerwehr Traunstein's zu Gunsten der Turnerkasse gegeben«.(2) Die Turner und die wenige Jahre zuvor als Reaktion auf den verheerenden Stadtbrand von 1851 ins Leben gerufene Freiwillige Feuerwehr waren in ihren Anfängen eng miteinander verbunden. Um die notwendige körperliche Ertüchtigung zu gewährleisten, hatten sich die Floriansjünger ausdrücklich als »Turnerlöschzug« formiert. »Er war der Keim, aus dem 1864 erstmals der Turnverein Traunstein spross.«(3) Noch 1874 führen die Statuten unter § 1 aus: »Der Zweck des Traunsteiner Turnvereins ist: durch zweckmäßige Übungen die körperliche Kraft und Gewandtheit auf jede mögliche Weise zu befördern, durch gesellige Zusammenkünfte, mit Fernehaltung alles politischen Parteiwesens, ein sittlich edles Zusammenleben zu bewirken und [man beachte] insbesondere aus seiner Mitte tüchtige Steiger für die Feuerwehr heranzubilden.«(4)

Erst nach und nach lockert sich dieses enge Verhältnis. 1901 erlangt der Turnverein mit dem Eintrag in das Vereinsregister des königlichen Amtsgerichts seine Rechtsfähigkeit.(5) Er konzentriert sich nunmehr ausschließlich auf die turnerischen Bestrebungen; aber auch die streng nationalstaatliche Ausrichtung Friedrich Ludwig Jahns (1778 bis 1852), des »Turnvaters«, kommt zum Ausdruck: »Der Zweck des […] Vereins ist, Gelegenheit und Anleitung zu geregelten Turnübungen zu geben, als eines Mittels zur körperlichen und sittlichen Kräftigung, sowie die Pflege deutschen Volksbewußtseins und vaterländischer Gesinnung. Alle politischen und Parteibestrebungen sind ausgeschlossen.« Dass es sich bei den Turnern nicht nur um einen der ältesten Vereine der Stadt, sondern auch um einen im tonangebenden Bürgertum fest verankerten, von seinen Werten und seiner Bestimmung unerschütterlich überzeugten Zusammenschluss Gleichgesinnter handelte, verdeutlicht ein Detail mehr als alles andere: Man gab sich 1901 nicht etwa neue Statuten oder eine gewöhnliche Satzung, nein: Ein »Grundgesetz« regelte die Geschäfte.(6) Und als »Protektor« [Schirmherrn] hatte man immerhin »Seine Durchlaucht Herzog Georg von Leuchtenberg«(7) gewinnen können.

Mit allem Recht beging der Turnverein somit am 17. und 18. Juli 1954 sein 90-jähriges Jubiläum im Rahmen des Oberbayerischen Kreisturnfestes. Die schlimmsten Folgen des 2. Weltkriegs waren überwunden, das Wirtschaftswunder stand in den Startlöchern – und: »Die Welt horcht auf. Deutschland im Endspiel«. So titelten die Traunsteiner Nachrichten am 3. Juli; tags darauf wurde das »Wunder von Bern« Wirklichkeit.(8) Diese positive Grundstimmung gab den Rahmen für ein gigantisches Fest, das der Turnverein seiner Stadt schenkte und das Traunstein durchaus vor ernsthafte Herausforderungen stellte.

»Es steht schon etwas auf dem Spiel für die Stadt und ihre Bürger, kommen doch nicht weniger als 2400 Wetturner und Turnerinnen hierher, dazu etwa 600 weitere Festteilnehmer, ungerechnet jene, die aus dem großen Turnbezirk Traunstein voraussichtlich in Scharen anrücken werden. 140 Vereine entsenden ihre Vertreter […]. Damit Traunstein hier nicht gegen andere Städte zurückstehen muß, wird die Stadtverwaltung ihren Bürgern mit gutem Beispiel vorangehen und für einen Festschmuck Sorge tragen, wie ihn Traunstein in den letzten Jahren noch nicht gesehen hat. […] All diese Anstrengungen […] müssen, so beachtlich sie sind, aber nur Stückwerk bleiben, wenn die Bevölkerung nicht auch selbst tatkräftig mithilft, ihrer Stadt ein festliches Aussehen zu verleihen. […] Es ist nun allgemein bekannt, daß unsere lieben Traunsteiner nicht so leicht aus ihrer Lethargie herauszureißen sind, aber sie sollten sich einmal von unseren Turnern und Sportlern berichten lassen, was diese bei ähnlichen Anlässen an herzlichen Empfängen erlebt haben, wie dort oft ein Haus mit dem anderen wetteiferte, um den schönsten Schmuck zu zeigen […]. Lassen wir uns doch einmal anstecken von der Festfreude unsere Turner, die dem Namen unserer Stadt schon so oft draußen bei den vielen Wettkämpfen Ehre gemacht haben, helfen wir mit, indem wir ein paar Handgriffe mehr als sonst tun und ein wenig mehr Zeit als sonst üblich für diese Sache opfern, denen, die sonst das ganze Jahr über still, bescheiden und für Gotteslohn für die körperliche und seelische Ertüchtigung unserer Jugend wirken, und der Turnerjugend selbst, nun, da sie einmal ans Licht der Öffentlichkeit treten, ein Erlebnis zu bereiten, das sie wirklich ehrlich verdient haben.«(9)

Der mahnende Aufruf zeigte den gewünschten Erfolg. Der Empfang am Bahnhof, die Wettkämpfe an den verschiedenen Sportstätten, der Festabend in der Turnhalle mit den Ehrungen »bewährter Turner«, der Bunte Abend für die Jugend im Katholischen Vereinshaus, der »fast endlose Festzug « vor der feierlichen Schlußkundgebung, alles lief wie am Schnürchen und begeisterte Teilnehmer und Zuschauer gleichermaßen. Und auch das Wetter spielte mit. »Soviel Sympathien wird der Föhn wohl selten genossen haben, wie an diesem Wochenende.« Daher war es »auch eine Ehrenpflicht, daß wir zum Schluß all denen herzlich danken, die es fertig gebracht haben, dieses Fest so schön zu gestalten, angefangen vom Festausschuß bis hinunter zum kleinsten Helfer.«(10)

Es war sicher eine der größten, aber auch nur eine von zahllosen Veranstaltungen, vom ersten Hochbergturnfest 1891 bis hin zum überaus erfolgreichen Traunsteiner Halbmarathon unserer Tage, die der TV mit seinen zahlreichen Abteilungen in seiner mehr als 150 Jahre währenden Geschichte abgehalten hat. Aktuell steht der Verein vor einem Umbruch. Von den beiden eigenen Hallen, der Franz-Eyrich- und der Kurt-Binder- Halle in der Au, erbaut 1921 bzw. 1970, wird man sich trennen. An ihrer Stelle soll ein Salinenpark das städtische Erscheinungsbild aufwerten. Der Turnverein wird seine Zelte in der neu zu erbauenden Halle des Annette- Kolb-Gymnasiums aufschlagen. Es steht außer Zweifel, dass man die Herausforderungen der Zukunft erfolgreich meistern wird. »Der TV Traunstein vermittelt seinen Mitgliedern nicht nur körperliche Fitness, sondern auch soziale Kompetenz.«(11) Zu diesem Schluss muss man kommen, wenn man sieht, mit welchem Elan und welcher Begeisterung das Oberbayerische Kreisturnfest vor über sechs Jahrzehnten, in weitaus schwierigerer Zeit, bewältigt wurde.


Franz Haselbeck


Anmerkungen:
(1) Beispielsweise wurde er für den unter Heranziehung aller bekannten historischen Quellen geführten Nachweis (so die Einschätzung eines unabhängigen Experten), dass der Traunsteiner Stadtbrand von 1371 so nicht haltbar ist, der »Geschichtsfälschung« bezichtigt. Vgl. Franz Haselbeck, Weillen die Brief verbrunnen sind. Die Entstehungsgeschichte des »legendären Stadtbrandes« von 1371, in: Jahrbuch des Historischen Vereins für den Chiemgau zu Traunstein 14/2002, S. 204-218.
(2) Abgebildet auf S. 2 der Festschrift »125 Jahre Turnverein Traunstein« (1989), einzusehen über die sehr schön gestaltete Homepage des TV (http://www.tv-traunstein.de/) unter: Verein – Geschichte (http://www.tv-traunstein.de/verein/geschichte.html).
(3) Festschrift »100 Jahre Turnverein Traunstein« (1964), in: Stadtarchiv Traunstein, A 134/3-92.
(4) »Statuten des Turnvereins Traunstein. Durchgesehen und festgestellt in der ordentlichen General-Versammlung den 5. April 1873«, gedruckt bei A. Miller, 1874, in: Stadtarchiv Traunstein, A 134/3-92.
(5) Nach: Historische und wissenswerte Daten aus der Vereinsgeschichte (http://www.tv-traunstein.de/verein/geschichte.html).
(6) »Grundgesetz des Turnvereins Traunstein«, aufgestellt 1901, 1906 erneuert, in: Stadtarchiv Traunstein, A 134/3-92.
(7) Georg de Beauharnais (1852-1912), 6. Herzog von Leuchtenberg und Fürst Romanowsky, ein Nachfahre von Eugène de Beauharnais, dem Stief- und Adoptivsohn Napoleons, dem sein Schwiegervater König Maximilian I. Joseph von Bayern 1817 diesen Fürstentitel verliehen hatte. 1852 bis 1934 war Kloster Seeon der Familiensitz.
(8) Traunsteiner Nachrichten Nr. 78 v. 3. 7. 1954, S. 9. (9) Wie vor, S. 4.
(10) Traunsteiner Nachrichten Nr. 85 v. 20. 7. 1954, S. 5?6.
(11) 1. Vorsitzender Rudolf Belser in seinem Grußwort in der Festschrift »150 Jahre TV Traunstein« 2014, einzusehen wie Anm. 2.

 

29/2016