weather-image
12°
Jahrgang 2016 Nummer 28

Wöchentlicher Anschlag

»Sammelt Brennesseln, wenn ihr Kleidung und Faden wollt!«

»Aus 100 kg Bucheckern werden 15 kg Öl und 70 kg Ölkuchen gewonnen«, um 1918 (Plakat Nr. 1668); altrosa mit schwarzer Sütterlinschrift, rechts Zeichnung eines Bucheckernzweigs, im Titel eingefügt 3 Bilder: Sack, Ölflasche, Ölkuchen; 42 x 32 cm.
»Sammelt Brennesseln, die deutsche Baumwolle!«, 1918 (Plakat Nr. 1666); weiße Schrift auf schwarzem Hintergrund, Motiv weiß, blau, grün und schwarz, Druck: Dr. C. Wolf u. Sohn, München; 60 x 90 cm, leicht beschädigt.
»Sammelt Brennessel!«, 1918 (Plakat Nr. 1667); beige mit schwarzer, grüner und blauer Schrift, Motiv grün, blau, ocker beige und schwarz, Druck: O. Consée, München; 40 x 60 cm.

»Der Jahreswechsel 1916/17 markiert eine deutliche Wende des Ersten Weltkrieges. Die Auseinandersetzung der Waffen fand endgültig ihre Ergänzung im Kampf um Nahrungsmittel. Die englische Seeblockade zeigte ihre Wirkungen. Als Exportland war das deutsche Reich auf den Welthandel angewiesen, auf den Austausch von Industriewaren, den Import von Rohstoffen und ebenso die Einfuhr von Nahrungsmitteln, die zu etwa einem Fünftel aus dem Ausland bezogen wurden. Der Großrachl-Bauer Georg Sichler aus Grassau erinnerte sich: Während die ersten zwei Jahre des Krieges noch erträglicher gewesen [waren], da die Ernährung des ganzen Volkes mit Vorräten gestreckt werden konnte, so wurde die zweite Hälfte dieses Weltringens zur kaum vorstellbaren Notzeit. Einschränkungen aller Art überall, hauptsächlich bei den Nahrungsmitteln, doch auch bei Bekleidung, Schuhwerk und sonstigen Artikeln des täglichen Bedarfs. Erklärbar, da die Erzeugung durch den Kriegseinfluss im Verlaufe von Jahren ständig zurückgegangen [war], der Verbrauch jedoch in erster Linie zur Deckung des übergroßen Heeresbedarfs verwendet werden musste. [...] Längst hatten auch die Behörden erkannt, dass das Sammeln von Naturprodukten zahlreiche Mangelerscheinungen vermindern konnte.«(1) Bürokratisch organisierte Sammelstellen starteten entsprechende Aufrufe und kümmerten sich um die Verwertung.

Gesammelt wurde alles, was man als Nahrungsergänzung oder Ersatzstoff verwenden konnte, an erster Stelle Schwammerl und alle Arten von Waldbeeren, aber auch Obstkerne und Bucheckern: »Jedermann kann sich Speiseöl verschaffen und Geld verdienen, wenn er Bucheckern sammelt, was bei der heurigen Mast ohne Mühe möglich ist. Für jedes Kilogramm Bucheckern, das an einer öffentlichen Sammelstelle abgeliefert wird, erhält der Sammler sofort 1,40 Mark Sammellohn, außerdem hat der Sammler ohne Anrechnung auf die Fettration für jedes abgelieferte Kilogramm Bucheckern Anspruch auf eine Anweisung zum Bezug von 60 Gramm Speiseöl gegen Bezahlung von etwa 95 Pfennig, das von den Verteilungsstellen der Sammelbezirke ausgegeben wird. [...] Bucheckern sind nicht beschlagnahmt. Jedermann darf sammeln.«(2)

Eicheln und Kastanien ersetzten Futtermittel wie Roggen und Gerste und fanden, ebenso wie getrocknete Löwenzahnwurzeln, in der Kaffee-Ersatz- Industrie Verwendung; Kastanienmehl konnte zudem in der Seifenfabrikation eingesetzt werden. Rauchern boten findige Händler Tabak aus getrockneten Buchenblättern an, der zwar schlecht schmeckte, aber von den gezwungenermaßen Nikotinentwöhnten schmerzlich vermisst wurde und daher heiß begehrt war. »Bei Gerner(3) gibt es heute Blätterrauchtabak. Bereits früh 8 Uhr stehen schon die Leute vor dem Laden, der um halb zehn Uhr geöffnet wird, an. Gegen 10 Uhr wird der Andrang so groß, dass der Laden geschlossen werden musste und vier Mann Polizei Ordnung schaffen mussten. Nach Verlauf von einer halben Stunde ging dann der Verkauf wieder weiter. Doch bald war der Vorrat zu Ende und viele Hunderte mussten(4)

Auch auf dem Bekleidungssektor sah es alles andere als rosig aus: »So gab es 1918 in Deutschland wohl kaum einen Zivilisten, der noch eine ungeflickte Baumwollhose besaß. Ein Kleidungsstück aus Baumwolle war in der zweiten Kriegshälfte auf legalem Weg praktisch nicht zu erwerben, nachdem der Rohstoff nicht mehr importiert werden konnte.«(5) Aber Not macht seit jeher erfinderisch. Die Textilindustrie stellte die Produktion um und fertigte fortan Kleidung unter anderem aus Papiergarnen und – Brennnesselfasern.

»Nach dem Kriegseintritt Amerikas war Deutschland von der Zufuhr von Baumwolle abgeschnitten. Als Ersatzstoff wurden nun wild wachsende Brennnesseln gesammelt und zugleich der landwirtschaftliche Anbau von Brennnesseln gefördert, um mit ihren Fasern den nötigen Rohstoff für die Kleiderindustrie liefern zu können. Die amtlichen Aufforderungen zum Sammeln waren immer auch verbunden mit einem eindringlichen Appell an den Patriotismus der Bevölkerung. Regierungsrat Adolf Ufer suchte als Vorstand des Bezirksamtes Lehrer und Pfarrer einzubinden in die Mobilisierung aller Schüler und Pfarrmitglieder: Es darf hiernach gehofft werden, dass sich in jeder einzelnen Pfarrei oder Gemeinde vaterländisch gesinnte Männer finden, welche jetzt schon die erforderlichen Vorbereitungen treffen, um im kommenden Sommer zielbewusst an die Nesselsammlung heranzugehen und damit unserer Wirtschaft einen einheimischen Faserstoff zu liefern, der auch nach dem Kriege unsere Abhängigkeit von fremder Zufuhr wieder etwas verringert.«(6)

So exotisch diese Idee auf den ersten Blick anmutet, neu war sie beileibe nicht. Schon in den 20er Jahren des 18. Jahrhunderts gab es in Deutschland erste Versuche, die Brennnessel kommerziell als Faserpflanze zu nutzen. Bei der Suche nach den Ursprüngen geht es noch viel weiter zurück in die Vergangenheit, genauer gesagt bis in die Bronzezeit, wie neuere Untersuchungen belegen. Dänische Forscher fanden in einem etwa 2800 Jahre alten Grab einen aus Brennnesseln gewobenen Stoff, in den man die Überreste des Toten gehüllt hatte.(7) Aktuell ist die Brennnesselfaser im boomenden Sektor der Bio-Mode durchaus en voque, wie man mit Hilfe einer Google-Recherche im Internet unschwer feststellen kann.(8) Bei der Massentauglichkeit allerdings können Probleme nicht verleugnet werden. Doch wer weiß, vielleicht wird die Vision der alternativen Designerszene irgendwann einmal Realität und »Brennnesselkleidung« gehört wieder zum Alltag, wie es im I. Weltkrieg der Fall war.

»Sollen bleiben unverbunden – Unserer tapfern Krieger Wunden? – Soll es weiter fehl’n an Leinen – für die Kleinsten unserer Kleinen? – Soll uns in ärgste Not zu bringen – Unseren Feinden je gelingen? – Nimmer mehr – Was Beine hat, wird rennen – Und trotz Jucken und trotz Brennen – Sammeln von der heim’schen Nessel Berge!«(9) Mit dieser etwas schrägen Lyrik forderte ein österreichisches Plakat die Bewohner der Alpenrepublik auf, die unangenehme Seite der Brennnessel hintan zu stellen. Insgesamt aber war die Kampagne professionell angelegt und motivierte die Heimatfront, ihren Dienst fürs Vaterland zu leisten. Es verwundert daher nicht, dass man für die beiden gezeigten Beispiele, die in Traunstein zum Aushang kamen, renommierte Künstler beauftragt hatte. Das sammelnde Mädchen – mit dem handschriftlichen Vermerk »Abgenommen am 2. Mai 1919« – ist ein Werk von Josef Nikolaus Geis (1892 - 1952), eines in München tätigen Illustrators und Grafikers. Geis malte für die Fliegenden Blätter, später für die Kunst- und Literaturzeitschrift Jugend, und schuf für die SPD eindrucksvolle Plakate gegen den Nationalsozialismus.(10) Die aus einer weißen Rolle mit schwarzem Faden wachsende, unten mit einem weiß-blauen Band zu einem Kranz gebundene Brennnessel, im Hintergrund von den bayerischen Rauten begleitet, gestaltete Fritz Wolffhügel (1879 - 1952), ebenfalls ein Münchner Kunstmaler.(11) Beide Plakate wurden in die Internetpräsentation der Library of Congress, Washington, aufgenommen.(12)


Franz Haselbeck


Anmerkungen:
(1) Gerd Evers: »Ein eisiger, ein grausiger Gesell, dieser Krieg«. Stadt und Bezirk Traunstein im I. Weltkrieg, Ising 2015, S. 115 u. 121. Die in diesem Buch zitierten »Aufzeichnungen eines Alten Berg- und Almbauern«, verfasst von Georg Sichler, stellte dankenswerter Weise dessen Enkel Georg Sichler zur Verfügung.
(2) Auszug aus dem Text des abgebildeten Plakat.
(3) M. A. Gerner, Kolonialwaren- und Branntweinhandlung in der Schaumburgerstraße 9 u. 11, gegründet 1896, 1903 übernommen von Oskar Gerner.
(4) Zitiert aus: Stadtarchiv Traunstein, Nachlass Büttner, Heft 27/2. Ein Viertelpfund dieses »Tabaks« kostete zwei Mark.
(5) Lebendiges Museum Online (LEMO); https://www.dhm.de/lemo/kapitel/ersterweltkrieg/alltagsleben/ersatzprodukte.html.
(6) Evers, wie Anm. 1, S. 122. Adolf Ufer, am 16. November 1863 in Landau/Pfalz geboren, am 13. April 1939 in Traunstein gestorben, 1910 - 1929 Vorstand des Bezirksamtes Traunstein (= Landrat), Ehrenbürger in allen Gemeinden des Bezirksamtes (= Landkreis).
(7) Bronzezeit-Menschen webten Stoffe aus Brennesseln. 2800 Jahre altes Grabtuch wirft neues Licht auf prähistorische Textilherstellung; http://www.scinexx.de/wissen-aktuell-15182-2012-10-01.html.
(8) Siehe z. B. http://www.focus.de/fotos/natuerliche-alternative-die-modedesignerin-gesine-jost-stellt-kleidung-aus-brennnessel-fasern-her_id_4409446.html.
(9) http://media.iwm.org.uk/iwm/media-Lib//147/media-147029/large.jpg.
(10) Vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Josef_Nikolaus_Geis.
(11) Vgl. Stadtportal München; http://stadt-muenchen.net/personen/d_personen.php?id=779.
(12) http://www.loc.gov/pictures/item/2004665876/ bzw. http://www.loc.gov/item/2004666104/.

 

28/2016