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Jahrgang 2016 Nummer 27

Wöchentlicher Anschlag

Lotterie zum Bau des brandzerstörten Kirchturms von St. Oswald

»Prämien-Collecte zum Ausbau der im Jahre 1851 durch Brand zerstörten katholischen Stadtpfarrkirche in Traunstein «, 1880 (Plakat Nr. 1082); beige mit roter und schwarzer Schrift, in der Mitte Lithographie von St. Oswald, darüber zwei rote Hände, deren Zeigefinger auf »in Traunstein« weisen; Druck: A. Miller u. Sohn, Traunstein; 44 x 60 cm, beschädigt.
Der eingerüstete, weitgehend fertiggestellte Turm mit Firstbaum, 1886. (Stadtarchiv, Fotosammlung, FoS 96)
Kirchturm mit Notdach, im Vordergrund der Florianibrunnen, um 1880. (Heimathaus Traunstein, Fotosammlung)
Plan zur Restaurierung der Stadtpfarrkirche, 1884. (Stadtarchiv, Plansammlung Nr. 217)

»Dem Magistrat ist unterm Gestrigen eine kgl. Regierungs-Entschließung zugegangen, wodurch die [...] Veranstaltung einer Geld-Lotterie für den Regierungsbezirk Oberbayern zur Wiederherstellung des Thurmes und der äusseren Facade der Stadtpfarrkirche St. Oswald dahier genehmigt wurde und ist diese Entschließung vom 23. Juni bereits in der letzten Nummer des Kreisamtsblattes veröffentlicht. Es werden 250 000 Loose, das Loos zu einer Mark, in fortlaufenden Nummern ausgegeben. Auf den Zweck sollten nach Abzug der Gewinnste(1), Steuern und Kosten 105 000 Mark verwendet werden. Es sind 10 533 Gewinnste im Gesamtbetrag von 87 500 Mark ausgesetzt. Der höchste Treffer [ist mit] 20 000 Mark [dotiert ...]. Also Glück auf! Gilt es ja doch, einen frommen und edlen Zweck zu fördern, wobei auch noch die Möglichkeit vorhanden ist, vom Glücke begünstigt, eine schöne Summe zu gewinnen.«(2) Die öffentliche Ziehung war, folgt man dem Text des Plakats, für den 1. Juli 1881 avisiert.(3)

Rückblende: In der Nacht von Freitag, den 25., auf Samstag, den 26. April 1851 war ein großer Teil der Stadt Traunstein ein Raub der Flammen geworden. Hören wir dazu den Bericht eines Zeitzeugen, des in jenen Tagen sich geschäftlich hier aufhaltenden Bortenmachers Adam Karl aus Mühldorf.

»Das Feuer brach aus an der Rosenheimer Straße, in dem Stadel des Stadtschreibers Daxenberger, und brannt[e] die Stallungen und Häuser zu beyden Seiten weg, kam in die Salz-Städl, brannte beyde Obere Tore weg, und brannte auch die ganze Stadt ab, vom Obern Thor bis zum Untern Thor, die Häuser zu beyden Seiten auf dem Haupt-Platz, auch die Stadt-Pfarrkirche, welche näher dem Oberen Thor, aber mitten auf dem Platz stund. Um 3 Uhr morgens schlug die Pfarruhr zum letzten Mal und ein Viertel über drey Uhr fielle der Kuppel-Thurm samt den Glocken in sich selbst zusam hinein. Auch der Untere Thor-Thurm, Jakobs-Thurm genannt, brannte gänzlich aus, so daß niemand mehr durch dieses Thor durchgehen, vielweniger durchfahren darf, und so die Haupt- Straße durch dieß Thor gesperrt ist. Auch hieß es, dieser Thurm muß zusam geschossen werden, weil er zum Abbrechen zu gefährlich ist. Auch unter dem Stadtberg Ende der Mühlbach-Brücke brannten die Häuser rechter Hand gegen der Traun-Brücke alle weg. Außer dem Obern Thore [...] blieben vom Feuer unberührt stehen alle Holz-Städl, der Gottes-Acker et Kirche, die vormallige Kapuziner-Kirche und beyderseitige Gebäude an der Wasserburger Straße. Innerhalb dem aeußern Obern Thor blieb stehen alle linker Hand stehenden Salzstädl bis zum Berg wie auch der Hintertheil der Stadt-Häuser des innern Obern Thors. Innerher dieses Thores blieben das an das Thor angebaute Zieglerwirths- Haus nebst allen angebauten Häusern, die ganze Gaße hinaus bis zum Berg zur Wiesen-Stiege, die beyderseitigen Häuser vom Feuer unberührt stehen. Auf dem Hauptplatz blieben der Stadtpfarrkirche nächst linker Hand 4 große Haus-Stöcke wie auch hinter die 4 Hausstöcke in einem Zwerch-Plätzchen 4 kleine Häuser stehen. Die Häuser in der Wiesen links unter dem Stadtberg wie auch die Aue mit der Saline rechts unter dem Stadtberg blieben unbeschädigt.«(4)

Fast drei Jahrzehnte später waren sämtliche Wunden verheilt – mit einer Ausnahme. Gleich einem Brandmal erinnerte St. Oswald mitten im Herzen der Stadt ihre Bewohner nach wie vor tagtäglich an das Drama und die Schrecken des Jahres 1851. Zwar war das schon 1342 urkundlich erwähnte Gotteshaus »wieder aufgebaut [worden], der Thurm [aber] mußte wegen Mangel an Mitteln zum Teil abgetragen, der Rest mit einem Nothdache versehen werden. Dieser Thurm blieb nebst zwei in Folge des Brandes ebenfalls ruinösen Anbauten bis zum Jahre 1884, in der Gestaltung sie anliegende Photographie zeigt, stehen. Im Jahre 1884 wurde von dem nunmehrigen k[öniglichen] Kreisbauassessor von Horstig(5) in Augsburg ein Plan zur Erbauung eines neuen Thurmes und zur Renovation der Facade [...] vorgelegt, welcher im Style der italienischen Renaissance gehalten war und von der k[öniglichen] Baubehörde genehmigt wurde. Der Kostenvoranschlag hiefür betrug 105 000 Mark.«(6)

»Bereits im 14. Jahrhundert gab es in Holland und Italien lotterieähnliche Glücksspiele. Aus der niederländischen Lotterie entwickelte sich die in ganz Europa bekannte, holländische Lotterie. Aus ihr sind die heutigen Klassenlotterien hervorgegangen. Parallel entwickelten sich in Deutschland und in der Schweiz die Glückshäfen [Hafen = Topf] und Glückstöpfe, meist im Zusammenhang mit großen lokalen Schützenfesten. In beiden Fällen – Lotterie und Glückshafen – wurden zunächst Sachpreise gezogen oder ausgelost. Erst allmählich führten die Veranstalter Geldgewinne ein. Im 16. Jahrhundert hatten sich diese Einrichtungen auf das gesamte deutsche Sprachgebiet ausgeweitet. Schnell wurde erkannt, dass die Begeisterung für dieses Glücksspiel zu bestimmten Zwecken kanalisiert werden konnte. Unterschiedlichste Lotterieformen bildeten sich aus, deren Erlös zunächst sozialen und kirchlichen Projekten und Einrichtungen zugute kamen, wie zum Beispiel sogenannte Brandlotterien, die dem Aufbau abgebrannter Städte dienten, [und] Lotterien zum Bau von Kirchen, Armen- und Zuchthäusern.«(7)

Lotterien gehörten damit zu den wichtigsten Finanzierungsquellen sozialer Aktivitäten. Und genau diese Idee griff man 1879 in Traunstein auf: »Euer Königliche Majestät wollen geruhen, die Bitte allerhuldvollst zu gewähren, welche die allerunterthänigst treugehorsamste Kirchenverwaltung [...] um allergnädigste Erlaubniß zur Vornahme einer Prämien-Lotterie für die volle und würdige Wiederherstellung der im Jahre 1851 durch Brand zerstörten Stadtpfarrkirche [...] zu allerhöchst dero Füßen niederlegt.«(8) Ihre Majestät bzw. die nachgeordneten staatlichen Behörden enttäuschten, wie eingangs aufgeführt, die »in Huld und Gnaden ersterbenden« Bittsteller nicht. Und das Ergebnis konnte sich sehen lassen: 88 772 Mark erwirtschaftete der Verkauf der Lose; hinzu kamen freiwillige Spenden, sodass schließlich »eine disponible Summe von circa 94 000 Mark vorhanden war«. Ganz reichte das für die -gegenüber der Kalkulation leicht gestiegenen – Baukosten nicht. Das Defizit, 25 836 Mark, deckte mit Genehmigung der Regierung von Oberbayern zu einem großen Teil ein freiwilliger Zuschuss aus der Kommunalkasse in Höhe von 16 000 Mark.

Zwei Jahre nach Beginn der Bauarbeiten war das Werk vollbracht. »Der neuaufgebaute Thurm der Stadtpfarrkirche wurde mit dem letzthin erwähnten, herrlichen Kreuze gekrönt. [...] Das schöne Kreuz, welches samt Kugel und Schaft 6 Meter mißt und 8 ½ Zentner wiegt, fertigte vortrefflich aus Kupfer der Kupferschmiedmeister Karl Huber. Die reiche und gute Vergoldung besorgte der Goldschmied Sigmund Stöttner dahier mit großer Mühe und sehr bedeutenden Kosten, die er selber trug. [...] Leider forderte der Thurm auch ein Menschenleben. Der Taglöhner Jakob Richter [...] starb am 12. Juni 1885; ihm gebe Gott die ewige Ruhe. Mögen Blitz und Unwetter über das gesegnete Kreuz hinweggehen, mögen die Bewohner Traunsteins zum Kreuze immer gläubig emporschauen, im Kreuze ihr Heil suchen und in seinem Schatten glücklich und zufrieden sein!«(9)

Nicht ganz glücklich und zufrieden zeigen sich heute die Kunsthistoriker. »Die Portale und die Fenster [der neu errichteten, seitlich angebauten Oratorien] schmücken aufwändige, stark vorgezogene Rahmungen mit Pilaster [Pfeiler] und Verdachung, ganz im Stil des Neubarock. In Diskrepanz dazu erscheint der Turm. Durch die Rustika [Mauerwerk aus Quadersteinen mit grob behauenen Stirnseiten], die sich um ein Geschoß oberhalb des Vorbaus hinaufzieht, sondert er sich von den Anbauten ab. Außerdem ist in sie eine neugotische Rose eingelassen, die schmächtig und überdies deplatziert ist. Der Turm erreicht eine Höhe von 57 Metern, der Aufsatz mit Zwiebel und Laterne zeigt neubarocke Formen. Die Rustika des Turmbereichs soll wohl an das Mittelalter erinnern, die vier kleinen Tabernakel sind Bramantes Entwurf für Neu-St.-Peter in Rom von 1506 entlehnt. Die einachsigen Seitenteile hingegen zeigen Formen wie auf einer barocken Palastfassade. Diese Formenvielfalt, der düstere Charakter und die Monumentalität der Schauseite – auch im Zusammenhang mit der Enge des Platzes davor – verleiten dazu, den Entwurf M. von Horstigs als verfehlt zu bezeichnen. Allerdings plante von Horstig eine Verbindung des Unterbaus mit dem Turm durch eine Mauer, die eingeschwungen von den Ecken bis zum oberen Ende der Turm-Rustika führt. Dies hätte den unerfreulichen Eindruck der breiten Schauseite erheblich gemindert.«(10)

Dennoch bleibt festzuhalten: Die Wunde im Zentrum der aufstrebenden Stadt war nun endlich geschlossen. Und so war der 6. Oktober 1886, als der Turm sein neues Kreuz bekam, ohne jeden Zweifel ein lang ersehnter »Tag der Freude für Traunstein«.(11)


Franz Haselbeck


Anmerkungen:
(1) Noch im 19. Jahrhundert wurden die bei Lotterien, Verlosungen, Festschießen und sonstigen Glücksspielen ausgelobten Preise, aber auch die Erträge aus Aktien, mit »Gewinnst« bezeichnet. »Für eine jede Classe wird eine Anzahl Gewinnste bestimmt, und die Verfertiger der Lotterieplane richten ihre Augenmerk gewöhnlich dahin, in jeder Classe wenigstens einige ansehnliche Gewinnste, nach Proportion der Einlage, heraus zu bringen.« (Johann Georg Krünitz: Encyklopädie [...] der Staats-, Stadt-, Haus- und Landwirthschaft und der Kunstgeschichte, Bd. 81, Berlin 1801, Stichwort Lotterie; siehe auch: Grimm, Deutsches Wörterbuch; http://woerterbuchnetz.de/DWB/?lemma=gewinnst.)
(2) Traunsteiner Wochenblatt v. 29.6.1880, S. 1.
(3) Tatsächlich zog sich die Lotterie, die nach anfänglichen Problemen neu angesetzt und im September 1882 der erfahrenen Agentur A. & B. Schuler, Zweibrücken, übertragen wurde, bis in das Jahr 1883. Nähere Einzelheiten, die in der Kürze dieses Beitrags nicht aufgeführt werden können, sind dem entsprechenden Akt des Stadtarchivs (A 331/2-11/1) zu entnehmen.
(4) Franz Haselbeck: »Traunstein, das schöne Traunstein liegt in Asche!« Der Stadtbrand von 1851 in Augenzeugenberichten, Publikationen und Dokumenten, in: Chiemgau-Blätter Nr. 16 u. 17. v. 21. u. 28.4.2001.
(5) Moritz von Horstig (* 1.10.1851 in Geiselbach/ Unterfranken; † 1.8.1942 in Wiesbaden), kgl. bay. Regierungsbaurat und Architekt. Bekannt ist die nach seinen Plänen errichtete Stadtpfarrkirche St. Peter und Paul in Olching. Als sich von Horstig Anfang des 19. Jhs. in den Trentiner Dolomiten aufhielt, bot er die Pläne des Olchinger Sakralbaus der Kirchengemeinde in Arco an. Daraufhin entstand dort eine »Zwillingskirche« mit dem Namen Sta. Maria Addolorata, die am 22.9.1907 eingeweiht wurde (vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Moritz_von_Horstig).
(6) Schreiben der Stadt an die Regierung v. 23.6.1887, in: Stadtarchiv Traunstein, A 331/2-11/1.
(7) Ulrike Näther: Zur Geschichte des Glücksspiels. Forschungsarbeit an der Universität Hohenheim/Stuttgart, Forschungsstelle Glücksspiel; https://www.uni-hohenheim.de/fileadmin/einrichtungen/gluecksspiel/Forschungsarbeiten/Naether.pdf.
(8) Schreiben der Kirchenverwaltung Traunstein v. 1.5.1879, in: Stadtarchiv Traunstein, A 331/2-11/1.
(9) Traunsteiner Wochenblatt v. 9.10.1886, S. 1.
(10) Herbert Weiermann: Die Stadtpfarrkirche St. Oswald. Eine bau- und kunstgeschichtliche Betrachtung, in: Der Traunsteiner Stadtplatz, Traunstein 1999, S. 106-123, bes. S. 113-115.
(11) Wie Anm. 8.

 

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