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Jahrgang 2016 Nummer 24

Wöchentlicher Anschlag

Der Tod des Märchenkönigs

»Seine Majestät der König sind gestern Abend in Schloß Berg verschieden«, 1886 (Plakat Nr. 740); beige mit schwarzer Schrift und Trauerrand; 42 mal 33 cm, stark beschädigt und provisorisch restauriert.
Broschüre, erschienen am Tag des Begräbnisses. (Stadtarchiv Traunstein, A 000/6-1)
Postkarte, um 1910. (Stadtarchiv Traunstein, Postkartensammlung)
Dankschreiben Ludwig II. vom 11. Januar 1867 für die Glückwünsche der Stadt Traunstein zu seiner Verlobung mit Herzogin Sophie. Die Verbindung wurde am 7. Oktober 1867 wieder gelöst. (Stadtarchiv Traunstein, A XIII9/5)

»Seine Majestät der König sind gestern Abend in Schloß Berg verschieden. « Diese von Bezirksamtmann [heute: Landrat] Karl Heckenstaller am 14. Juni 1886 im Auftrag des königlichen Regierungs-Präsidiums ausgefertigte Bekanntmachung(1) war, davon ist auszugehen, in sämtlichen Städten und Gemeinden angeschlagen. Die hiesige Bevölkerung las mit ungläubigem Entsetzen. »Dr. v. Gudden machte mit Seiner Majestät einen Spaziergang im Schloß-Parke; als beide nicht länger zurückkehrten, erfolgte Durchsuchung des Parkes und See-Ufers. Beider Leichen wurden im See gefunden. Sofortige Wiederbelebungsversuche erfolglos.«

Die Berichterstattung dominierte drei Wochen lang die in Trauer schwarz umrandeten Titelseiten der beiden Traunsteiner Zeitungen. »Es fehlt uns an Worten, um der tiefen Erschütterung Ausdruck zu geben, in welche diese Kunde uns und wohl alle, die sie vernehmen, versetzt. König Ludwig Otto Friedrich Wilhelm war am 25. August 1845 als der älteste Sohn des Königs Maximilian II. geboren und bestieg nach dem Ableben seines Vaters am 10. März 1864 als 19-jähriger Jüngling den Thron. Die hauptsächlichen Daten seiner Regierung sowie die schmerzlichen Ereignisse der letzten Tage und Wochen sind bekannt.(2) Sein Nachfolger auf dem Thron ist nach der Thronfolge-Ordnung Prinz Otto, geb[oren am] 27. April 1848. Da derselbe aber bekanntlich schon seit Jahren unheilbar krank ist, so dauert die Reichsverwesung unter Prinz Luitpold fort.«(3)

Bürgermeister Joseph Ritter von Seuffert erstattete dem Magistrat und den Gemeindebevollmächtigten der Stadt Traunstein am 15. Juni »über das erfolgte Ableben Seiner Majestät des Königs Ludwig II. von Bayern Vortrag« und bat »die Mitglieder der beiden städtischen Collegien [...], zum Ausdrucke der Trauer sich von den Sitzen zu erheben.«(4) Unverzüglich gaben Telegramme aus München Anweisungen für das öffentliche Leben: »Allenfalls anberaumte Tanzmusiken sind einzustellen.«(5) Die Presse stand unter Beobachtung, nicht nur in München, auch in der Provinz; keineswegs sollten, um Ruhe und Ordnung nicht zu gefährden, Gerüchte und Halbwahrheiten in die Welt gesetzt werden. »Preßpolizei [Zensur] gegen aufreizende Artikel in Benehmen mit Staatsanwaltschaft strengstens zu handhaben. Insbesondere Paragraph 130 [Gefährdung des öffentlichen Friedens] und 131 [Verbreitung erdichteter oder entstellter Tatsachen], dann 110 [Aufforderung zum Ungehorsam] und 111 [Aufforderung zu strafbaren Handlungen] sowie Paragraph 23 des Preßgesetzes ins Auge zu fassen.«(6)

Die Lokalblätter beugten sich zunächst dem Gebot der Stunde. Sie gaben den politischen Fortgang sachlich wieder und verfolgten das gesellschaftliche Drama aufmerksam und mit der erwünschten Anteilnahme: »Die Hofkapelle der Residenz ist schwarz drapiert und an den Wänden befinden sich die Wappenschilder des bayerischen Herrscherhauses. Die Wände der Kapelle sind am Sockel durch exotische Zierpflanzen verkleidet. Inmitten der Kapelle ruht, hoch aufgebahrt, die Leiche des verewigten Monarchen. [...] Die Gesichtszüge seiner Majestät des Königs sind wie die eines sorgenvoll Schlafenden. Die Augen sind fest geschlossen, die Lippen sind zusammengepreßt, und da das Gesicht etwas nach links gewendet ist, tritt der rechte untere Teil des stark behaarten Gesichtes besonders hervor. Auf der Brust des verblichenen Königs ruht auf ausdrücklichen Wunsch Ihrer Majestät, der Kaiserin von Österreich, das von ihr eigenhändig gepflückte und durch eine weiße Atlasschleife zusammengehaltene Jasminbouquet. Brave Leute haben auf dem von König Ludwig II. so oft besuchten Schachen die schönsten Alpenrosen geholt und sie in rührender Liebe und Treue als sinnvollen Abschiedsgruß aus den Bergen dem König an die Bahre legen lassen. Von allen Seiten treffen die wertvollsten Blumengaben ein. Die Beisetzung erfolgt heute, Samstag [19. Juni] Nachmittag 1 Uhr in der Fürstengruft der St.-Michaels-Hofkirche.«(7)

Eine Traunsteiner Abordnung wäre, so hatte man aus München verlauten lassen, in jedem Fall »statthaft«.«(8) Bürgermeister Seuffert, Magistratsrat Progino und der Vorstand des Gemeindekollegiums, Rechtsanwalt Fries nahmen sich dieser Aufgabe an und legten einen Kranz mit Schleife nieder. Vor Ort hatte das Stadtpfarramt vom 17. Juni bis zum 7. Juli mehrere Seelengottesdienste angesetzt. »Zu allen diesen Kirchenfeierlichkeiten ist das Erscheinen von Mitgliedern der städtischen Collegien geboten. [...] Die Herren Magistratsräte erscheinen in Frack, schwarzer Cravatte und schwarzen Handschuhen.«(9)

Nachdem aber die sterblichen Überreste des unglücklichen Königs ihre letzte Ruhe gefunden hatten, konnte man ganz andere Töne vernehmen. »Die spärlichen Nachrichten aus den sehr geheim gehaltenen Kommissionsberathungen der Abgeordnetenkammer deuten auf schwere Wetterwolken hin, die sich über den Häuptern der Minister sammeln. Die Patrioten werden und können nachweisen, daß die nach Professor Grashey's Gutachten fast während der gesamten Regierungszeit König Ludwig's zweifellos vorhandene geistige Störung desselben seinen verantwortlichen Räthen, die mit den Kabinettssekretären auf vertrautestem Fuße standen, unmöglich bis zum Mai 1886 unbekannt geblieben ist. [...] Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit ist anzunehmen, daß der König schon im Jahre 1870, als der Krieg mit Frankreich begann, geistig gestört war. Erbliche Anlage und eine anormale Struktur des im Verhältnis zur Größe und zu dem Körpergewicht [...] viel zu kleinen Schädels sind als Entstehungsursachen der Krankheit zu betrachten, welche durch Umstände und Lebensweise begünstigt und gesteigert wurde, obgleich der König mäßig lebte [...].

Trostlos sind die Schilderungen über König Otto's körperliche und geistige Verfassung. Bei verhältnismäßig noch gutem Gedächtnis fehlt es ihm an jeglicher Urtheilskraft, am geistigen Vorstellungsvermögen, an aller Einsicht und Erkenntniß. Mehr und mehr verfinstert sich sein Geist, Heilung, selbst Besserung, ist undenkbar. Die Krankheit beider Brüder bietet sehr ähnliche, wenn auch nicht gleiche pathologische Erscheinungen. Die Züge von Gewaltthätigkeit, abwechselnd mit unbegründeter Furcht, von Verfolgungswahn und Verschlossenheit sind beiden gemeinsam.

Durch die unsauberen Kanäle des Gerüchtes sind in den letzten Monaten Mittheilungen zu den Ohren des Volkes gedrungen, die in ihrer Entsetzlichkeit alles bereits Erwiesene weit überbieten. Wie jetzt mit Bestimmtheit versichert wird, sind aktenmäßige Belege für unsittlichen Handlungen ganz undiskutierbarer Art, womit die geschäftige Fama, zumal in militärischen Kreisen, ihr Unwesen treibt, zur Zeit nicht vorhanden. Diese hoffentlich wahre Kunde müßte man als freudiges Ereignis begrüßen in der freudlosen, jeden Vaterlandsfreund tief schmerzlich niederbeugenden Gegenwart.«(10)

Bekanntermaßen blieben größere Unruhen oder gar ein Staatsstreich aus. Als »des Königreichs Bayern Verweser « leistete Prinzregent Luitpold am 28. Juni seinen Regierungseid. Die Wittelsbacher konnten den Thron, den sie seit 1180 innehatten, noch gut drei Jahrzehnte einnehmen. Der 13. Juni 1886 aber war Ende und Anfang zugleich, denn: Der Herrscher war tot, doch zugleich war der Mythos vom Märchenkönig geboren: »Als Ludwig II. von Bayern vor 130 Jahren starb, galt er bei seinem Volk als verrückter Sonderling. Die Liebe seiner Untertanen gewann er erst posthum.«(11) Diese Feststellung ist nach Auffassung des Autors genau so zutreffend. Denn weder seine politische Lebensleistung noch seine Persönlichkeit vermögen, objektiv betrachtet, den Aufstieg zur Kultfigur auch nur ansatzweise zu rechtfertigen. Bayern hatte sich Preußen gebeugt und mit der Anerkennung Kaiser Wilhelm I. seine Souveränität verloren. Der Staat war infolge der königlichen Bausucht hoch verschuldet. Und als Person und in seinem Erscheinungsbild war Ludwig II. genau das Gegenteil von dem, was sich der Paradebayer unserer Tage gemeinhin unter seinesgleichen vorstellt.

Warum also diese Verehrung? Diese Frage lässt sich nur sehr schwer beantworten. Eine, vielleicht die zentrale Rolle spielt – neben seiner extravaganten Vita und dem baulichen Vermächtnis – sicher das tragische Ende Ludwigs, dessen genauer Hergang nie restlos geklärt werden konnte. Zahlreiche Gerüchte ranken sich um den Tod im Starnberger See, nicht wenige bezweifeln ihn bis heute. »Eine kurze, wahrheitsgetreue Darstellung von Allem, was sich in den Tagen vom 10. bis 19. Juni 1886 in München, Hohenschwangau und Schloß Berg zugetragen hat [wurde] dem königstreuen bayerischen Volke [schon] am Begräbnistage [...] gewidmet.« Für zehn Pfennige war diese Wahrheit als Broschüre zu erwerben. Und bis heute sollten ihr zahlreiche »Wahrheiten« folgen, wurden Bücher über Bücher verfasst, Filme gedreht und Ausstellungen gestaltet; »Götterdämmerung: König Ludwig II. und seine Zeit«, präsentiert vom Haus der Bayerischen Geschichte, zog 2011 auf Herrenchiemsee rund 570 000 Besuchern in ihren Bann! Scharen von Touristen besichtigen Jahr für Jahr die Königsschlösser – »weltbekannt, viel bewundert und aus Bayern nicht wegzudenken«.(12)

Der Mythos ist Realität geworden. Und der Autor denkt gar nicht daran, ihn zu verleugnen, die Forschung um eine weitere These zu bereichern oder den Ludwig-Märchen noch eine Legende hinzuzufügen. Ein Schlusswort sei ihm allerdings erlaubt. »Mia brauch' ma koan Kini, aba scheena waars scho« (Wir brauchen keinen König, aber schöner wäre es schon). Diesen Satz Georg Lohmeiers (1926 bis 2015) darf man getrost vergessen, bevor man ihn ausgesprochen hat. Schöner war diese Zeit, wenn überhaupt, nur für einige ganz wenige, nie und nimmer aber für die breite Masse des Volkes. Aus dem »königlich-bayerischen Amtsgericht«, als Fernsehunterhaltung wunderbar und zeitlos, sollte man eine Erkenntnis für das richtige Leben immer mitnehmen: Nur wenige werden als »Herr (oder Frau) Ökonomierat« geboren.


Franz Haselbeck


Anmerkungen:
(1) Der wortgleiche Text wurde auch in einem Extra-Blatt des Amtsblattes für den Bezirk Traunstein-Trostberg (Nr. 24 v. 14. 6. 1886) veröffentlicht; 1 Exemplar in: Stadtarchiv Traunstein, A 000/6-1.
(2) Ludwig II. war am 8. Juni 1886 auf Betreiben der Regierung durch die Ärzte Bernhard von Gudden, Friedrich Wilhelm Hagen, Hubert von Grashey und Max Hubrich in einem Gutachten aufgrund von Zeugenaussagen und ohne persönliche Untersuchung des Patienten für »seelengestört« und »unheilbar« erklärt und am 9. Juni 1886 entmündigt worden; vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Ludwig_II._(Bayern).
(3) Traunsteiner Wochenblatt vom 15. 6. 1886.
(4) Sitzungsprotokoll des Stadtmagistrats vom 15. 6. 1886.
(5) Telegramm des Regierungspräsidiums (gez. Sigmund Freiherr von Pfeufer) vom 14. 6. 1886, in: Stadtarchiv Traunstein, A 000/6-1.
(6) Telegramm vom 16. 6. 1886, wie vor.
(7) Traunsteiner Wochenblatt vom 19. 6. 1886.
(8) Telegramm vom 16. Juni 1886, wie Anm. 5.
(9) Mitteilung von Bürgermeister Seuffert an die Magistratsräte und Gemeindebevollmächtigten vom 17. 6. 1886, in: Stadtarchiv Traunstein, A 000/6-1.
(10) »Zur Krankheit des Königs Ludwig II.« Bericht des Fränkischen Kuriers, veröffentlicht im Traunsteiner Wochenblatt v. 29. 6. 1886.
(11) Focus online: 130 Todestag von Ludwig II.; http://www.focus.de/wissen/mensch/geschichte/biografien/tid-22518/125-todestag-von-ludwig-ii-der-mythosvom-maerchenkoenig_aid_632826.html.
(12) http://www.bayern.by/koenigschloesser.

 

24/2016