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Jahrgang 2016 Nummer 23

Wöchentlicher Anschlag

Kommt mit in die Reichswehr

»Die Reichswehr in Bayern«, 1919 (Plakat Nr. 1115); beige mit blauer Schrift, Druck: Max Schmidt und Söhne, München; 22,5 x 29,5 cm, Flugblatt-Format, leicht beschädigt.
»Fernsprecher, Funker, auf zum Grenzschutz Ost«, 1919 (Plakat Nr. 592); grau, Farbgebung blau, schwarz und orange, unten rote und schwarze Schrift, Druck: Selmar Bayer, Berlin; 35 x 48,5 cm, 3 Exemplare.
»Kommt mit in die Reichswehr«, 1919 (Plakat Nr. 591); beige, Farbgebung blau, braun und orange, Druck: Dr. C. Wolf u. Sohn, München; 42 x 54,5 cm.

»Die Ausrufung der Republik in Bayern am 7./8. November 1918 und der kurz danach geschlossene Waffenstillstand beendete für die bayerischen Soldaten einen vierjährigen Kampf, in dem annähernd 200 000 von ihnen gestorben waren. Er war auch der Anfang vom Ende der jahrhundertelangen Tradition der Bayerischen Armee, die im Kaiserreich dank des Reservatrechtes im Gegensatz zu den Armeen der anderen deutschen Staaten bis dato eine weitgehende Selbständigkeit behalten hatte.«(1) Am 6. März 1919 beschloss die am 19. Januar gewählte Weimarer Nationalversammlung, das verfassungsgebende Parlament der Weimarer Republik, in Übereinstimmung mit dem Staatenausschuss (Vertretung der Länder) das Gesetz über die Bildung einer vorläufigen Reichswehr:

»§ 1 Der Reichspräsident wird ermächtigt, das bestehende Heer aufzulösen und eine vorläufige Reichswehr zu bilden, die bis zur Schaffung der neuen, reichsgesetzlich zu ordnenden Wehrmacht die Reichsgrenzen schützt, den Anordnungen der Reichsregierung Geltung verschafft und die Ruhe und Ordnung im Innern aufrechterhält. § 2 Die Reichswehr soll auf demokratischer Grundlage unter Zusammenfassung bereits bestehender Freiwilligenverbände und durch Anwerbung von Freiwilligen gebildet werden. Bereits bestehende Volkswehren und ähnliche Verbände können ihr angegliedert werden. [...]«(2)

420 000 Soldaten dienten auf dieser Grundlage der ersten parlamentarischen Demokratie Deutschlands im Frühjahr 1919. Doch waren nach dem Ersten Weltkrieg die siegreichen Entente-Staaten sich darin einig, das Deutsche Reich als möglichen Ausgangspunkt zukünftiger internationaler Konflikte militärisch zu neutralisieren. Artikel 160 des im Juni 1919 verabschiedeten Versailler Vertrags beschnitt die deutsche Militärmacht erheblich. Das Landheer durfte die Anzahl von 100 000, die Marine von 15 000 Berufssoldaten nicht überschreiten. Luftstreitkräfte, Panzer, schwere Artillerie, U-Boote und Großkampfschiffe waren verboten, ebenso die Produktion und der Besitz von Giftgas. Der Generalstab, Kriegsakademien und Militärschulen mussten aufgelöst werden. Die Weimarer Reichsverfassung und das Wehrgesetz vom 23. März 1921 setzten diese Bedingungen um und beendeten zugleich die Militärhoheit der Länder. Die als »Vorläufige Reichswehr« bezeichneten Streitkräfte erhielten den amtlichen Namen »Reichswehr«. Bayern behielt jedoch, neben Sachsen, Württemberg und Baden, noch für einige Zeit eine gewisse Selbständigkeit; da der Wehrkreis VII das Gebiet des Freistaats (ohne die Pfalz) umfasste, sprach man bei der landsmannschaftlich geschlossenen 7. (bayerischen) Division weiterhin von der »bayerischen Reichswehr«. Erst 1924 war es mit dieser Sonderstellung endgültig vorbei.(3)

Schon wenige Wochen nach Inkrafttreten des eingangs zitierten Gesetzes wurde massiv für die neue Armee der jungen Republik geworben. »Heute Nachmittag kurz vor 12 Uhr umkurvte ein Flieger unsere Stadt und warf massenhaft Aufrufe für die Reichswehr ab. Die lautlos zur Erde niederflatternden Schwärme belustigten die Jugend, die sich mit Eifer dahinter her machte.«(4) Ein handschriftlicher Vermerk des Stadtchronisten Franz Büttner belegt, dass sich ein Exemplar dieses Flugblattes heute im Stadtarchiv befindet: »Von einem Flieger am Mittwoch, 4. Juni 1919, mittags ¾ 12 Uhr über Traunstein abgeworfen.« Der Text(5), umrahmt von weiß-blauen Rauten, bleibt sachlich und argumentativ. Plumpe Parolen oder markige Schlagwörter sucht man vergebens: »Die Reichswehr in Bayern ist aufgebaut auf einer demokratischen Grundlage, sichert ihren Angehörigen gesunde wirtschaftliche Existenzbedingungen, hat keinen Platz für reaktionären Militarismus, sie ist die Stütze der verfassungsmäßigen Regierung, schreibt nicht den Bruderkampf, sondern den Bruderschutz auf ihre Fahnen. Bayern aller Stämme, kommt zur Reichswehr! Die Reichswehr in Bayern ist keine preußische Truppe, sie steht unter dem Befehl der verfassungsmäßigen bayerischen Regierung, sorgt in unserem bayerischen Vaterland für Ruhe und Ordnung! Sie hilft in Not und Gefahr den deutschen Brüdern aller Stämme! Wer Ruhe und Frieden wünscht, der fördere die Reichswehr in Bayern!« Man betonte die bayerische Eigenständigkeit, war aber nach den Schrecknissen und Grausamkeiten des Krieges und der unrühmlichen Rolle, die Armee und Freiwilligenverbände während der Wirren von Revolution und Räterepublik gespielt hatten, spürbar darum bemüht, einen neuen Geist zu wecken.

Ähnlich, aber eine Spur zu beschönigend, ist auch die Bildsprache unseres zweiten Exponates. Es wurde schon bei der 2003 von Stadtarchiv und Städtischer Galerie gemeinsam konzipierten Ausstellung »Öffentlicher Anschlag. Plakate 1918 - 1945« gezeigt. Die damalige Präsentation war hauptsächlich mit Leihgaben des befreundeten Stadtarchivs Passau und des Bayerischen Hauptstaatsarchivs bestückt. Während sich die aktuelle Serie hauptsächlich mit dem historischen Ereignis auseinandersetzt, stand damals die Grafik im Mittelpunkt der Betrachtung. Judith Bader, Leiterin der stets mit außergewöhnlichen Ausstellungen aufwartenden Galerie an der Ludwigstraße, legte in ihrem Begleittext die Strategie der Anwerbung offen: »Der dynamisch ausschreitende Mann wendet sich mit dem Appell, der Reichswehr beizutreten, direkt an den Betrachter. Es wird der Eindruck vermittelt, als handle es sich um einen Spaziergang in schöner Landschaft. Die weich zerfließenden Kreidestriche der Figurenzeichnung und die abstrahierende Vereinfachung der Wolkenformationen und der Gebirgssilhouette vermeiden bewusst jegliche Härte und betonen in euphemistischer Weise den Freizeitcharakter der Wehrmacht.«

H[ans] Schwegerle (Signatur unten rechts), der dieses Motiv 1919 gestaltete, war eigentlich als Bildhauer, vor allem aber als Medailleur bekannt und erfolgreich. Geboren am 2. Mai 1882 in Lübeck als Sohn des Hoffotografen Hermann Schwegerle (1848 - 1921) studierte er ab Mai 1900 als Schüler von Wilhelm von Rümann und Karl Raupp an der Akademie der Bildenden Künste in München. Bereits sein erstes größeres Werk (»Der verlorene Sohn«) wurde 1902 mit der Großen Silbernen Medaille prämiert, der höchsten Auszeichnung für Studierende. 1904 erhielt er auf der Internationalen Ausstellung in Paris einen 1. Preis für Plastik. Dass er auch als Zeichner überdurchschnittlich begabt war, belegt 1906 ein fotografischer Blick in sein Atelier. An den Wänden sieht man neben Skizzen zu Grabdenkmälern Originalzeichnungen, die er für die Zeitschrift »Jugend« entworfen hatte. 1917 avancierte er zum Professor an der Akademie und spezialisierte sich in der Folge mehr und mehr auf den Entwurf von Medaillen; über 600 Arbeiten sind hier dokumentiert, die ab 1933 auch den Medaillenstil des Dritten Reiches prägten. Dennoch geriet Schwegerle in das Visier der Gestapo, da er der Herberge fahrender Gesellen angehörte, einer logenähnlichen Vereinigung, die aus Mitgliedern der »Schlaraffia« bestand und sich seit Anfang 1938 monatlich auf dem Corpshaus des Corps Vitruvia in der Heßstraße traf. Die bei ihren geselligen Abenden erzählten politischen Witze und die geäußerte Kritik, etwa gegen die Novemberpogrome, wurden abgehört und führten zur Verhaftung der Gruppe; das Verfahren wurde 1940 weitgehend eingestellt. 1941 und 1943 war Hans Schwegerle auf den Großen Deutschen Kunstausstellungen im Haus der Deutschen Kunst mit jeweils einer »Führerbüste« vertreten.(6) Er starb am 4. September 1950 in München

Nicht mit der bislang zu beobachtenden »militärischen Charmeoffensive« einher geht das dritte Plakat.(7) Der Soldat, der vor dem Hintergrund zweier Funkmasten und eines Kasernengebäudes mit ausgebreiteten Armen kniet, erinnert in seiner Physiognomie fatal an kommende, unheilvolle Zeiten.(8) Das martialische Erscheinungsbild verwundert wenig, wenn man den »Grenzschutz Ost«, für den man Fernmelder suchte, genauer unter die Lupe nimmt. Die 1918/19 unter dieser Sammelbezeichnung aufgestellten Verbände (Freikorps, Selbstschutz Oberschlesien) sollten bis zur endgültigen Grenzziehung den Schutz der Ostgrenze bzw. der Ostgebiete des Deutschen Reichs übernehmen. Von Anfang an standen sie konkreten Bedrohungen, etwa dem Polnisch-Sowjetischen Krieg (ab Frühjahr 1919), gegenüber. Im Vorfeld der Unterzeichnung des Versailler Friedensvertrages gab es innerhalb der Führung des »Grenzschutzes« Bestrebungen, den Rückzug aus den umstrittenen Gebieten zu verweigern oder sogar die von den Polen eroberten Gebiete zurückzugewinnen, nötigenfalls unter Inkaufnahme einer zeitweiligen Abspaltung der preußischen Ostprovinzen vom Reich. Sowohl die Reichsregierung als auch die Oberste Heeresleitung verweigerten diesen höchst gefährlichen Plänen ihre Zustimmung. Im Zusammenhang mit der Bildung des Übergangsheeres von 200 000 Mann zum 1. Oktober 1919 wurden viele Einheiten offiziell aufgelöst. Zahlreiche frühere Angehörige schlossen sich später den Freikorps im Baltikum an.(9)

Victor Arnaud (1890 - 1958), dessen Signatur neben dem Soldatenstiefel erscheint, war ein Meisterschüler von Lovis Corinth und Martin Brandenburg. Ab 1919 arbeitete er als Kunsterzieher und freischaffender Gebrauchsgrafiker in Berlin. 1920 setzte er sich in einem Selbstportrait ironisch-kritisch mit seinem Berufsstand auseinander. Zwei nackte Frauen, das lüstern-kecke Fräulein Kitsch und die hochnäsige Frau Kunst, springen dem (Werbe-) Künstler auf dem Kopf herum. Zwischen beiden findet ein Dialog statt. Frau Kunst wähnt sich in der Gunst Arnauds: »Mich liebt er.« Worauf das als Prostituierte in hochhackigen Pumps abgebildete Fräulein Kitsch erwidert: »Und mich braucht er!«(10)


Franz Haselbeck


Anmerkungen:
(1) Kai Uwe Tapken: Reichswehr in Bayern, in: Historisches Lexikon Bayerns online (https://www.historisches-lexikonbayerns.de/Lexikon/Reichswehr_in_Bayern).
(2) Reichs-Gesetzblatt 1919, S. 295-296.
(3) Nach: Lebendiges Museum Online (LEMO); https://www.dhm.de/lemo/kapitel/weimarer-republik/innenpolitik/reichswehr.html.
(4) Traunsteiner Wochenblatt v. 4. Juni 1919, S. 3.
(5) Er findet sich wortgleich in Inseraten der Oberbayerischen Landeszeitung (5.6.1919) und des Traunsteiner Wochenblatts (6.6.1919).
(6) https://de.wikipedia.org/wiki/Hans_Schwegerle.
(7) Auch als Ansichtskarte erschienen; vgl. z. B. http://www.ak-ansichtskarten.de/ak/91-Alte-Ansichtskarte/5311-Stadtteil-Treptow/5121682-AK-Berlin-Treptow-Fernsprecher-Funker-auf-zum-Grenzschutz-Ost-Garde-Nachrichten-Bataillon/?&lang=1.
(8) Vgl. »Die Bildsprache der nationalsozialistischen Propaganda« in Nr. 11 dieser Serie.
(9) https://de.wikipedia.org/wiki/Grenzschutz_Ost.
(10) Alexander Schug: Das Ende der Hochkultur, in: Wolfgang Hardtwig (Hg.): Ordnungen in der Krise. Zur politischen Kulturgeschichte Deutschlands 1900- 1933 (= Ordnungssysteme. Studien zur Ideengeschichte der Neuzeit; Bd. 22), München 2007, S. 501-530, bes. S. 517, 518 u. 528.

 

23/2016