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Jahrgang 2016 Nummer 22

Wöchentlicher Anschlag

Hilfe für die Abgebrannten von Donaustauf

Panorama von Donaustauf und der Walhalla im Umland von Regensburg, um 1920. (Stadtarchiv Traunstein, Postkartensammlung)
»Einladung zu einem von hiesigen Musikfreunden zu Gunsten der Abgebrannten in Donaustauf veranstalteten großen Concert«, 1880 (Plakat Nr. 940); lila mit schwarzer Schrift, Druck: A. Miller, Traunstein; 27 mal 42,5 cm, stark beschädigt.

Wenn »Dilettanten« für »Abgebrannte« aufspielen, könnte, legt man den gebräuchlichen Jargon unserer Tage zu Grunde, dahinter eine wenig seriöse Veranstaltung zum allgemeinen Gaudium eines mehr oder weniger alkoholisierten Publikums vermutet werden. Die genaue Lektüre des Traunsteiner Wochenblattes vom 3. Juni 1880 aber verbietet diesen leichtfertigen Gedanken, bevor man ihn ausgesprochen hat: »Zum Besten der Abgebrannten von Donaustauf fand, wie bereits gemeldet, am Fronleichnamstag auf Prantls Terrasse(1) ein von Dilettanten(2) gegebenes Wohlthätigkeitskoncert statt. Obwohl Traunstein unter den Städten Bayerns hinsichtlich der Bevölkerungszahl den 55. Rang einnimmt, so ist [es] immerhin erfreulich, konstatiren zu können, ein Orchester von 42 Personen zu besitzen. Der Eifer, welcher sich schon bei der Probe für den edlen Zweck entwickelte, ließ musikalischen Genuß und, nachdem die schönsten Räume ausgewählt, zahlreichen Besuch voraussehen, zumal Traunstein stets in erster Reihe mitzuzählen [ist], wenn es sich [darum] handelt, Wohlthätigkeit zu üben. Die Mühe[n] und Opfer, welche die Veranstalter unter Leitung des jugendlichen und bescheidenen Virtuosen Herrn Simon aufwendeten, blieb[en] nicht unbelohnt; [...]. Der gebotene Genuß wird uns noch lange in Erinnerung bleiben.«(3)

Tatsächlich ist mit diesen Zeilen und dem hier präsentierten Konzertplakat eine menschliche Katastrophe verbunden, die landesweit großes Aufsehen erregte. Was war geschehen? Ein Blick in die hervorragend gestaltete Homepage der Feuerwehr des Marktes Donaustauf beantwortet diese Frage.

»Es kam der 4. März 1880, der schwärzeste Tag in der Geschichte Donaustaufs. Die Glocken riefen zum Donnerstagsamt, ein orkanartiger Sturm tobte. Pfarrer Kohlhaupt begann das Amt; eben sang er das Evangelium, da ruft jemand in die Kirche: Brenna duads! Im Nu stürmten die Leute hinaus. Sie wussten, wie gefährlich ein Brand gerade bei diesem Wetter werden konnte. Man muss bedenken, dass die Häuser damals mit Schindeln gedeckt waren! In der Schöpperl-Brauerei (frühere Bahnhofs-Gaststätte) waren Funken in die im Hof liegenden Strohhaufen geflogen und hatten den Brand entfacht. Der Sturm trug das Feuer in die angrenzenden Häuser der Hauptstraße, in den Oberen Markt und erfasste auch das Taxis-Schloss. Der Wind zerstreute die brennenden Schindeln der Dächer; wo sie niederfielen, zündeten sie weiter. So brannte es überall zugleich. Man wusste nicht, wo man zuerst helfen sollte. Es war vergebens! Alles – auch das Schloss – brannte ab. Selbst die schon auf Wagen geladene Habe fing Feuer und viele konnten nichts als das nackte Leben in Sicherheit bringen. Über 700 Feuerwehrmänner kämpften mit 34 Löschmaschinen-Handpumpen einen ohnmächtigen Kampf. Von den in der Windrichtung gelegenen Gebäuden konnten nur sehr wenige gerettet werden: Pfarrkirche mit Klösterl, Pfarrhof und Nebengebäude, Schulhaus, Kloster, der östliche Teil der fürstlichen Stallungen und das Gasthaus Walhalla (jetzt Rathaus). Der furchtbare Brand legte 100 Wohnhäuser und 51 Nebengebäude in Schutt und Asche. 650 Menschen wurden obdachlos, der Schaden betrug über 800 000 Mark.«(4)

Eine Welle des Mitgefühls erfasste Bayern. Sie war auch in Traunstein zu spüren, vielleicht sogar mehr, als in vielen anderen Orten, waren doch keine drei Jahrzehnte vergangen, seit man selbst ein vergleichbares Unglück erleben musste. In der Nacht vom 25. auf den 26. April 1851 hatte ein verheerendes Feuer das frühneuzeitliche Stadtbild nahezu vollständig zerstört. 90 Häuser und 30 Ökonomiegebäude waren den Flammen zum Opfer gefallen.(5) Die Erinnerung daran war in den Köpfen allgegenwärtig: »Gestern, Montag, den 26. April, am Jahrestag des großen Brandes (1851) in hiesiger Stadt, wurde der für die Wohlthäter gestiftete Gottesdienst um 8 Uhr abgehalten, dem beide Collegien [des Stadtrates] und eine Menge Andächtige beiwohnten. Nur der [...] noch als Ruine dastehende Kirchthurm(6) gibt Kunde von dem schrecklichen Unglücke, daß uns vor 29 Jahren betroffen, alle übrigen äußerlichen Schmerzen hat die Zeit geheilt.«(7)

Es galt nun, die Hilfsbereitschaft der Bevölkerung in geordnete Bahnen zu lenken. Dass sie vorhanden war, daran besteht kein Zweifel. Denn auch die Traunsteiner hatten damals eine überwältigende Unterstützung aus nah und fern erfahren, die ihnen den Wiederaufbau ihrer zerstörten Häuser und der gesamten Stadt einen Neuanfang ermöglicht hatte. Das Traunsteiner Wochenblatt, das ausführlich über den fürchterlichen Brand berichtete, nahm sich zusammen mit dem Stadtmagistrat dieser verdienstvollen Aufgabe an.

»Händeringend stehen die Bewohner im Freien und schauen starren Blickes in den rauchenden Schutthaufen an der Stätte ihrer Häuser.«(8) Mit diesem dramatischen Bild vor Augen veröffentlichte das Blatt am 14. März auf seiner Titelseite einen eindringlichen Aufruf des Hilfskomitees in Donaustauf, vertreten durch den dortigen Bezirksamtmann [= Landrat] Robert Schmid. Eine Haussammlung wurde als erste Maßnahme angekündigt; sie brachte 343 Mark 69 Pfennig.(9) »Ebenso ist die Redaktion des Wochenblattes bereit, Geldbeträge und Naturalien entgegenzunehmen und an das Hilfs- Komitè abzuliefern.« Die Generaldirektion der königlichen Verkehrsanstalten hatte eine porto- und frachtfreie Beförderung zugesichert.(10)

»Wir bitten um Gaben für die Abgebrannten von Donaustauf.«(11) Diesem Ansuchen wurde in den kommenden Wochen lebhaft Folge geleistet. »[...] der Redaktion [wurden] zur Absendung übergeben: Von der Gemeinde Chieming 75 Mark 60 Pfennige, von der Freiwilligen Feuerwehr Chieming, durch eine Theatervorstellung erzielt, 11 Mark, von den Gemeinden Hart 17, Seebruck 20, Matzing 16,40 und Traunwalchen 33,24 Mark, wofür wir den edlen Wohlthätern herzlich danken.«(12) Zahlreiche ähnlich lautende Erfolgsmeldungen finden sich bis zum 1. Juni, als eine Spende der Feuerwehr Surberg in Höhe von 16,75 Mark den Schlussstrich zog. Etwas mehr als 1500 Mark konnten am Ende als stolzes Ergebnis verkündet werden.(13) »Der Wohlthätigkeitssinn unserer Einwohnerschaft ist Gottlob, trotz so vielfacher Anforderungen und ungeachtet der dermaligen ungünstigen Zeitläufte, nicht im Erschlaffen.«(14)

Beigetragen dazu hatten auch unser plakatiertes Konzert und die Theatergesellschaft »Räuber«,(15) die am 17. März das Stück »Drei Tage aus dem Leben eines Spielers« zum Besten gab. Sach- und Naturalspenden (»Liebesgaben «) wurden mit einer Ausnahme – zehn Säcke Korn von der Gemeinde Nußdorf(16) – nicht aufgeführt. Insgesamt kann das Traunsteiner Gesamtergebnis nicht exakt beziffert werden, da jegliche Aktenüberlieferung fehlt und der Verfasser sich bei seiner Recherche allein auf die Bekanntgaben der Zeitung stützen konnte. Etwa 2500 Mark lassen sich hochrechnen und gereichen der Stadt und ihrem Umland, aus dem Reit im Winkl mit 100 Mark herausragt, durchaus zur Ehre.

»Es ist, als wenn sich Eisstoß [zu allem Überfluss herrschte starke Kälte], Wind und Feuer verschworen hätten, Donaustauf im Jahre 1880 aus der Liste der Ortschaften zu verwischen.«(17) Dass diese düstere Prognose nicht eintrat, dazu hat vor 136 Jahren auch Traunstein seinen Teil beigetragen. Donaustauf mit seinem schon 1494 verbürgten Marktrecht, seiner bekannten Klinik und seinem einmaligen Wahrzeichen, der 1830 bis 1842 auf Veranlassung Ludwig I. erbauten Walhalla, ist nach wie auf der Landkarte zu finden – sehr zur Freude seiner heute 4000 Einwohner.


Franz Haselbeck


Anmerkungen:
(1) Der Prantl-Bräu war ein Vorgänger der heutigen Brauerei Schnitzlbaumer.
(2) Hier nicht abwertend, sondern im Sinne von »Liebhabern« oder »begabten Amateuren« zu verstehen.
(3) Traunsteiner Wochenblatt vom 3. 6. 1880. Das ursprünglich für den 23. Mai angekündigte Konzert war wegen der schlechten Witterung um vier Tage verschoben worden; vgl. Traunsteiner Wochenblatt vom 25. 5. 1880.
(4) http://www.feuerwehrdonaustauf.de/index.php/verein/vereinchronik/grosser-brand-1880.
(5) Franz Haselbeck: »Traunstein, das schöne Traunstein liegt in Asche!« Der Stadtbrand von 1851 in Augenzeugenberichten, Publikationen und Dokumenten, in: Chiemgau-Blätter Nr. 16 und 17 vom 21. und 28. 4. 2001. Zur Traunsteiner Brandgeschichte generell siehe Haselbeck: Weilen die Brief verbrunnen sind. Die Entstehungsgeschichte des »legendären Stadtbrandes« von 1371, in: Jahrbuch des Historischen Vereins für den Chiemgau zu Traunstein 14, 2002, S. 204-225.
(6) Mit ihm wird sich diese Serie am 2. Juli in Nr. 27 der Chiemgau-Blätter näher befassen.
(7) Traunsteiner Wochenblatt vom 27. 4. 1880.
(8) Traunsteiner Wochenblatt v. 9. 3. 1880; weitere Berichte am 7. und 11. 3. 1880.
(9) Traunsteiner Wochenblatt vom 21. 3. 1880.
(10) Traunsteiner Wochenblatt vom 25. 3. 1880.
(11) Traunsteiner Wochenblatt vom 16. 3. 1880.
(12) Traunsteiner Wochenblatt vom 25. 4. 1880.
(13) Traunsteiner Wochenblatt vom 23. 5. 1880.
(14) Traunsteiner Wochenblatt vom 16. 5. 1880.
(15) Vgl. Stadtarchiv Traunstein, A 134/3-65: Gesellschaft »Räuber«, später (ab 1881) »Frohsinn«, zu Unterhaltung und Theaterspiel 1879-1881.
(16) Traunsteiner Wochenblatt vom 4. 5. 1880.
(17) Traunsteiner Wochenblatt vom 21. 3. 1880.

 

22/2016